{"id":1589,"date":"2015-05-12T10:27:52","date_gmt":"2015-05-12T08:27:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1589"},"modified":"2015-05-12T11:40:17","modified_gmt":"2015-05-12T09:40:17","slug":"kita-streik-draesner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/05\/12\/kita-streik-draesner\/","title":{"rendered":"\u00dcber den Tellerchenrand schauen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kinderg\u00e4rten sehen harmlos aus. Tats\u00e4chlich sind sie Extremgebiete, in denen die Zukunft unserer Gesellschaft geformt wird. Ohne Gro\u00dfz\u00fcgigkeit werden wir diese zerst\u00f6ren.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1595\" aria-describedby=\"caption-attachment-1595\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/05\/@@raw2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1595 size-full\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/05\/@@raw2.jpg\" alt=\"@@raw\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/05\/@@raw2.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/05\/@@raw2-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1595\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Kindergartenstreik? Meine polnische Freundin l\u00e4chelt. Als sie noch in den 1980ern in Warschau P\u00e4dagogik studierte, zeigte man ihr eine einfache M\u00f6glichkeit, Stress zu reduzieren. Beim ersten Praktikum wurde sie eingeweiht: Setz die Kleinen liebevoll zum Essen in den Gang, mach die Fenster an beiden Enden auf. Am n\u00e4chsten Tag liegt dann die H\u00e4lfte der Kinder krank zuhaus im Bett. Das h\u00e4lt f\u00fcr den Rest der Woche, mindestens.<\/p>\n<p>Auch eine Weise, mit \u00dcberlastung umzugehen, denke ich. Wie viel lieber ist mir ein Streik. Mein Kind hat die Kindergartenzeit hinter sich, daf\u00fcr bekamen wir den Berliner Schulstreik vor ein paar Wochen zu f\u00fchlen. An Kindergartenstreiktage und die Planungsn\u00f6te, die sie ausl\u00f6sen, erinnere ich mich mit Schrecken.<!--more--><\/p>\n<p>Dennoch: die Mehrheit der Eltern unterst\u00fctzt das Anliegen der Erzieherinnen und der wenigen (zu wenigen) Erzieher. Die Eltern haben gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Sie wissen, wie anstrengend es ist, eine Gruppe kleiner Kinder zu betreuen \u2013 und das schon, wenn man sie &#8222;nur&#8220; machen l\u00e4sst, was sie wollen. Und sie ahnen wenigstens, m\u00f6chte man hoffen, was auf dem Spiel steht.<\/p>\n<p>Es geht mir nicht darum, noch einmal das mit Entwicklungsangeboten vollgestopfte, totalversorgte und gepuschte, an die Violine geklebte, in die Yogastunde und das Chinesisch-Training f\u00fcr Dreij\u00e4hrige gesteckte Kind zu beschreiben. Nicht darum, helikopternde Abgabe-Eltern in den Blick zu fassen, denen ich \u00fcbrigens, obwohl ich im Prenzlauer Berg lebe, wo sie massenhaft zu Hause sein m\u00fcssten, noch nie begegnet bin. Die Eltern, die ich kenne, arbeiten. Die meisten von ihnen arbeiten viel. Sie sind darauf angewiesen, ihre Kinder tags\u00fcber in gute H\u00e4nde zu geben. An einen Ort unter Menschen, bei denen das Kind sich idealerweise nicht nur wohlf\u00fchlt, sondern auch noch erzogen wird.<\/p>\n<p><strong>Wie der Kilimandscharo<\/strong><\/p>\n<p>Kinderg\u00e4rten sehen harmlos aus: Krabbelboden, Spielzeugwelt. Es stinkt manchmal ein wenig, ist im \u00dcbrigen zwergig, bunt. Dieses Aussehen t\u00e4uscht dar\u00fcber hinweg, dass, wer das T\u00fcrchen von der Stra\u00dfenseite her \u00f6ffnet, Extremgebiet betritt. Extrem wie der Kilimandscharo. Mindestens. Ein Extremgebiet der Menschenformung. Die man idealerweise Bildung nennt.<\/p>\n<p>Ich schrieb oben, Eltern ahnten hoffentlich, was passiert. Dieses &#8222;ahnen&#8220; bezeichnet keinen Mangel oder gar Vorwurf; es ist das Beste, was man bekommen kann. Was wissen wir \u00fcber das Erleben und die Verarbeitung des Erlebten in den ersten Kindesjahren? Wenig. Dass Prozesse ablaufen, sieht man. Dass sie nicht linear verlaufen, erf\u00e4hrt man. Dass das Ergebnis nie wirklich kalkulierbar ist, erf\u00e4hrt man wiederholt. Wie wo etwas verkn\u00fcpft wird, wie das Gehirn w\u00e4chst und sich mit ihm F\u00fchlen, Sehen, H\u00f6ren und Imaginieren ver\u00e4ndern, wie das Ichsagen entsteht, nehmen wir von au\u00dfen wahr. Naturgem\u00e4\u00df erinnern wir uns nicht daran. Vorsprachlichkeit. Vorbewusstheit. Verschiedenste Phasen der Identit\u00e4tsbildung. Geh\u00f6re ich zu den Jungen oder den M\u00e4dchen? Was bedeutet das? Wer ist mein Freund? Und \u2013 wer bin ich?<\/p>\n<p>Kinderg\u00e4rten sind alles andere als neutrale R\u00e4ume. Wenn man ErzieherInnen m\u00f6chte, die dar\u00fcber nachdenken, was sie tun \u2013 wie sich etwa in ihrem Raum und auch durch ihr Verhalten Geschlechterklischees, wie Rollenmodelle vermitteln \u2013, wenn man sich Betreuungspersonal w\u00fcnscht, das alteingefahrene Wege des &#8222;das machen wir so&#8220; reflektiert und verbessert, wenn man sich f\u00fcr das eigene Kind Erwachsene als Gegen\u00fcber vorstellt, die sich fortbilden, die Aufmerksamkeit aufbringen, weil sie ausgeruht sind, die der besonderen Situation eines einzelnen Kindes nachhorchen und nachgehen k\u00f6nnen, die verschiedenste Ausfl\u00fcge planen, Spielformen wechseln, p\u00e4dagogische Literatur lesen, untereinander als Team gut kommunizieren, mit der K\u00fcche und dem Garten, mit Festen und Sportm\u00f6glichkeiten umgehen, auf vern\u00fcnftige Ern\u00e4hrung achten, die Sozialexperimente der Kleinen zulassen <em>und<\/em> moderieren, ohne den notwendigen Freiraum zu nehmen, die Regeln vermitteln und deren Einhaltung durchsetzen, dabei liebevoll und zugewandt bleiben, zudem Rotz aufwischen, aufs Klo begleiten, den Mittagsschlaf einleiten, \u00c4ngste beruhigen, aufgesch\u00fcrfte Knie versorgen, sich beklettern und \u00e4rgern lassen, wenn \u2013 dann beschreibt man die Quadratur des Kreises. Dann wei\u00df man, was &#8222;Extremgebiet&#8220; hei\u00dft. Und denkt gern dar\u00fcber nach, den Stundensatz zu erh\u00f6hen.<\/p>\n<p><strong>Einheit aus Herz-Seele-Verstand<\/strong><\/p>\n<p>Zum einen als Antwort auf die Herausforderungen und tats\u00e4chlichen Belastungen des Berufs. Zum anderen, und darum m\u00f6chte ich den Streikgedanken erweitern, im Blick auf die T\u00e4tigkeitsbeschreibung. Wie viele Stunden sind im Arbeitsalltag, innerhalb der regul\u00e4ren Arbeitszeit, vorgesehen f\u00fcr Weiterbildung, Teamkommunikation, Strategiegespr\u00e4che und die Neuentwicklung von Projekten? Gibt es ausreichend Ruhe- und Erfindungszeiten?<\/p>\n<p>Hier zahlt Gro\u00dfz\u00fcgigkeit sich aus.<\/p>\n<p>Extremgebiet, Kilimandscharo. Der Anspruch auf einen Kindergartenplatz ist richtig. Wir m\u00fcssen ihn uns nur wirklich leisten wollen. Dass wir das nicht nur als Eltern, sondern als Gesamtgesellschaft tun sollten, weil es sich finanziell lohnt, scheint nicht ausreichend deutlich zu sein.<\/p>\n<p>F\u00fchren wir uns noch einmal vor Augen, worum es geht. Die fr\u00fchkindliche Lebensphase formt einen Menschen f\u00fcr immer. Alles wirkt sich aus, auch ein Nicht-Umfeld. Geformt wird das Gem\u00fct. Der Begriff ist nahezu unbrauchbar, ich wei\u00df: doppelt besch\u00e4digt durch biedermeierlichen \u00dcbergebrauch und politisch-ideologischen Missbrauch. Aber das Konzept &#8218;Gem\u00fct&#8216; ist wichtig. Es fehlt. In der zweiten Silbe klingt das mittelhochdeutsche Wort &#8222;muot&#8220; wieder. In unserem &#8218;Mut&#8216; hat es \u00fcberlebt, aber im Mittelalter bedeutete es sehr viel mehr. Es fasste den Menschen als Einheit aus Herz-Seele-Verstand. Ich verstehe Gem\u00fct als etwas dem englischen &#8218;mind&#8216;-\u00c4hnliches: Psyche und Denken, Seelisches und Emotionales in einem.<\/p>\n<p><strong>Fehlendes Zukunftskonzept des Neoliberalismus<\/strong><\/p>\n<p>Bei Kindern sind all diese Gr\u00f6\u00dfen noch viel unscheidbarer als beim Erwachsenen. Sie alle werden geformt. Wir wissen heute, dass auch unsere Gef\u00fchle nicht naturgegeben entstehen, sondern nur als Bereitschaften bzw. F\u00e4higkeiten in uns angelegt sind. Wir l\u00e4cheln, weil wir angel\u00e4chelt wurden. Wir lernen in unseren ersten Lebensjahren, was Freude ist, was Schmerz, was Wut, was Zuneigung. Wie lernen \u00fcberall. Im Elternhaus, auf der Stra\u00dfe, und ganz bestimmt dort, wo wir spielen und mit Gleichaltrigen zusammen sind. Vier oder sechs oder gar acht Stunden unseres kurzen Tages. Extremgebiet!<\/p>\n<p>Seinen Verh\u00e4ltnissen werden neoliberalistische Kostenreduzierungsans\u00e4tze nicht gerecht. Sie haben kein hinreichendes Zukunftskonzept. Keines, das \u00fcber den Tellerchenrand reichte.<\/p>\n<p>In Kinderg\u00e4rten wird Zukunft geformt. Die Auswirkungen von Unterlassungen und Fehlentwicklungen werden sich in 20 Jahren zeigen, in 40. Auf dem Arbeitsmarkt ebenso wie etwa im Gesundheitswesen.<\/p>\n<p>Meine Freundin \u00fcbrigens wechselte nach dem so pragmatischen Praktikum aus der P\u00e4dagogik in die Literatur. Wirklichkeit und Fiktion klaffen da zwar ebenfalls gern auseinander \u2013 aber sie tun es lustvoll!<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kinderg\u00e4rten sehen harmlos aus. Tats\u00e4chlich sind sie Extremgebiete, in denen die Zukunft unserer Gesellschaft geformt wird. 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