{"id":1797,"date":"2015-06-18T06:00:29","date_gmt":"2015-06-18T04:00:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1797"},"modified":"2015-06-19T15:49:45","modified_gmt":"2015-06-19T13:49:45","slug":"antje-oeklesund-club-berlin-brandt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/06\/18\/antje-oeklesund-club-berlin-brandt\/","title":{"rendered":"Hinterm Loch die Party"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Berliner Club Antje \u00d8klesund ist sagenumwoben. Marode Orte wie dieser machten in den Neunzigern den Charme der Stadt aus. Nun wird dort zum letzten Mal gefeiert.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1804\" aria-describedby=\"caption-attachment-1804\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/antje.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1804 size-full\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/antje.jpg\" alt=\"Antje \u00d8klesund: Hinterm Loch die Party * Freitext\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/antje.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/antje-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1804\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jan Brandt<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Martin, ein alter Schulfreund, der wie ich seit Jahren in Berlin lebt, schw\u00e4rmte mir schon lange von diesem Ort vor: das Antje \u00d8klesund, ein halb verfallenes Gel\u00e4nde einer M\u00f6belfabrik an der Rigaer Stra\u00dfe im Stadtteil Friedrichshain. Die eine H\u00e4lfte des ehemaligen Kesselhauses sei abgebrannt, sagte er, als loderten die Flammen noch in seinem Herzen, die andere stehe noch und beherberge einen Club, ein echter Geheimtipp, nirgendwo weise ein Schild darauf hin, hinein komme man nur durch ein Loch in der Mauer. Das Antje, sagte er, sei der letzte Rest des im Krieg zerst\u00f6rten Berlins \u2013 ein Abenteuerspielplatz wie es, als wir Ende der neunziger Jahre herzogen, noch viele gegeben hat. Und dann schwelgte er in Erinnerungen an besetzte H\u00e4user und illegale Bars, an all die Ruinen, die inzwischen Neubauten gewichen waren, an eine Zeit, die es nicht mehr gab und niemals wieder geben w\u00fcrde in Deutschland.<\/p>\n<p>Martin war damals oft unterwegs, er arbeitete als Schlafwagenschaffner. Wenn ich Martin doch einmal traf, allein traf, sprach er \u00fcber Frauen, und wenn er nicht \u00fcber Frauen sprach, dann deshalb, weil er von ihnen umgeben war, und daher hoffte ich, er w\u00fcrde mir Antje \u00d8klesund, die Namenspatin jenes mythischen und doch erst 2005 gegr\u00fcndeten Clubs, eines Tages vorstellen. Aber das tat er nicht. Stattdessen sagte er, was das Antje einzigartig mache, sei das Adriano Celentano Geb\u00e4ckorchester, das dort regelm\u00e4\u00dfig auftrete und italienische Schlager spiele. Das, sagte er \u2013 er sprach mir dabei tief in die Ohren \u2013, m\u00fcsse ich mir unbedingt einmal anh\u00f6ren.<!--more--><\/p>\n<p>Die Mitglieder seien so etwas wie die Ramones des Chansons, sagte Martin, &#8222;sie sehen einander zwar nicht \u00e4hnlich, aber sie alle tragen nach au\u00dfen hin den gleichen Nachnahmen: Celentano.&#8220; Meike Celentano, eine gemeinsame Freundin von uns, eine Tier\u00e4rztin, die einen legend\u00e4ren Essay in der <em>SPEX<\/em> \u00fcber den Einfluss von Musik auf die Milchproduktion von K\u00fchen geschrieben hat \u2013 &#8222;mit Hardrock kummt dor kien Melk ut&#8220; \u2013, spiele dort Querfl\u00f6te; Heiko Celentano, ein Antifolk-Genie, der das Rohe und Raue mit dem Zarten und Verletzlichen verbinde, Gitarre; und Falk Celentano, ein Medi\u00e4vist an der Freien Universit\u00e4t, singe im Stile eines Chansonniers \u2013 mit all dem Glamour und all der Grandezza des Genres.<\/p>\n<p>Alle paar Wochen schickte Martin mir per E-Mail Einladungen zu, und ich fand immer neue Ausreden, um nicht hingehen zu m\u00fcssen. Meist schrieb ich, dass ich nicht in der Stadt oder gerade sehr besch\u00e4ftigt sei, beim n\u00e4chsten Mal aber ganz gewiss dabei sein wolle, er solle mich doch bitte auf dem Laufenden halten. Ich hoffte, er w\u00fcrde irgendwann aufh\u00f6ren, Werbung f\u00fcr diesen Ort, diese Veranstaltung zu machen. Doch er intensivierte seine Bem\u00fchungen noch, lie\u00df mir per Post Flyer zukommen und rief mich hinterher an, um mich an den Termin zu erinnern. Ich ging nie ran, lie\u00df ihn jedes Mal auf den Anrufbeantworter sprechen und l\u00f6schte seine Nachrichten sofort.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1807\" aria-describedby=\"caption-attachment-1807\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/Antje-von-vorn-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-1807\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/Antje-von-vorn-Kopie-1024x768.jpg\" alt=\"\u00a9 Jan Brandt\" width=\"580\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/Antje-von-vorn-Kopie-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/Antje-von-vorn-Kopie-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1807\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jan Brandt<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Bald jedoch \u00fcbten die Namen einen eigenartigen Reiz auf mich aus: Antje \u00d8klesund und das Adriano Celentano Geb\u00e4ckorchester. Mit dem einen konnte ich nichts anfangen, ich kannte keine Antje \u00d8klesund; mit dem anderen verband ich seichte italienische Filme und Songs. Adriano Celentano war f\u00fcr mich so etwas wie die s\u00fcdl\u00e4ndische Entsprechung von Manfred Krug. Wenn von dem jemand Lieder nachspielen w\u00fcrde, ganz egal wie gut auch immer, dachte ich, w\u00fcrde ich ja auch nicht hingehen. Aber die Frage, was ein Geb\u00e4ckorchester sei, lie\u00df mich nicht los. Also ging ich doch hin, und fand alles so, wie Martin es beschrieben hatte. Nein, ich fand noch mehr: Aus dem Mauerwerk wuchs eine Birke. Im Vorraum fehlte das Dach. Im Konzertsaal drehte sich \u00fcber den K\u00f6pfen eine Diskokugel. Das war alles, was ich sah. Denn es war so voll, dass ich ganz hinten stand und gleich wieder nach Hause fuhr.<\/p>\n<p>Beim zweiten Mal bin ich eher da. Ich bin sogar einer der Ersten und nutze die Gelegenheit, mir die R\u00e4ume genauer anzusehen. Von den W\u00e4nden br\u00f6ckelt der Putz. Von der Decke baumeln bunte Tetraeder aus Papier. \u00dcberall stehen alte, stummgestellte R\u00f6hrenbildschirme herum, auf denen Filme mit Adriano Celentano laufen. Das Herrenklo besteht aus einer angeschlagenen Sp\u00fcle aus Emaille. \u00dcber der B\u00fchne h\u00e4ngt eine Uhr, die, ich starre eine Weile wie bl\u00f6dsinnig darauf, f\u00fcnf vor zw\u00f6lf zeigt.<\/p>\n<p>Kurzum: Das Antje ist ein Paradies des Untergangs.<\/p>\n<p>&#8222;Da bist du ja endlich&#8220;, sagt Martin, als ich an der Bar stehe, um eine Antjecolada oder einen Zombiesund zu bestellen, &#8222;ich dachte schon, du kommst gar nicht mehr. Hast du meine Nachrichten nicht bekommen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wer&#8220;, frage ich, um das Thema zu wechseln, &#8222;ist eigentlich diese Antje?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Eine Norwegerin&#8220;, sagt er, &#8222;eine tote Norwegerin.&#8220; Und dann erz\u00e4hlt er die Geschichte eines der Antje-Gr\u00fcnder, dessen Hund auf einer Skandinavien-Reise in der N\u00e4he von Oslo die Knochen einer gewissen Antje \u00d8klesund ausgegraben habe. &#8222;Einer Legende zufolge sei diese Antje in einer Holzkiste vor 400 Jahren an der K\u00fcste angesp\u00fclt \u2013&#8220;, weiter kommt er nicht, die Musik setzt ein, und wir dr\u00e4ngen, unsere Cocktails in H\u00e4nden, zur B\u00fchne.<\/p>\n<p>Auf dem kleinen Podest sind ein Dutzend Musiker versammelt, ein Bassist, ein Schlagzeuger, ein Pianist, ein Tamburin-Mann, eine S\u00e4ngerin und ein S\u00e4nger, zwei Gitarristen und drei Backgrounds\u00e4ngerinnen, die \u00fcber herausragende stimmliche Qualit\u00e4ten verf\u00fcgen und, als sei das selbstverst\u00e4ndlich, Cello und Geige, Trompete und Posaune, Melodica und Kazoo gleicherma\u00dfen perfekt beherrschen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1808\" aria-describedby=\"caption-attachment-1808\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/Antje-Loch-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-1808\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/Antje-Loch-Kopie-1024x768.jpg\" alt=\"\u00a9 Jan Brandt\" width=\"580\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/Antje-Loch-Kopie-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/Antje-Loch-Kopie-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1808\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jan Brandt<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Heiko sieht mit seinem Bart, seinen langen blonden Haaren und dem wei\u00dfen Stirnband aus wie Bj\u00f6rn Borg bei seinem Comebackversuch, aber im Gegensatz zum sp\u00e4ten Borg sitzt beim sp\u00e4ten Heiko jeder Handgriff; Meike spielt gef\u00fchlte f\u00fcnf Blasinstrumente gleichzeitig, und Falk merkt man nicht an, dass er nicht von Capri, sondern aus Karl-Marx-Stadt stammt, so l\u00e4ssig rauchend intoniert er Hits wie <em>Signor Rossi<\/em>, <em>Se telefonando<\/em>, <em>Azzuro<\/em> oder <em>Gloria<\/em>.<\/p>\n<p>Ihren Musikstil bezeichnen sie, das sehe ich, als ich zwischendurch auf mein Smartphone schaue, bei Facebook als Italo Disco. Aber das trifft es nicht richtig. Das weckt Assoziationen an italienische Sommerhits der Achtzigerjahre. Dabei sind sie musikalisch eher in den Sechziger- und Siebzigerjahren verhaftet, nur dass sie den Klassikern durch die Orchestrierung, durch diese Mischung aus Bombast und Blech, Stil und Schmutz, Klugheit und Kaputtheit ganz neues Leben einhauchen.<\/p>\n<p>Das Erstaunlichste ist aber wohl das Publikum. Der Raum ist so voll wie bei meinem ersten Besuch, die Menge tobt und tanzt und gr\u00f6lt jedes Lied mit, und anders als bei Stadionrockkonzerten ist das hier nicht peinlich, sondern absolut passend. Es sind fast nur junge, h\u00fcbsche Frauen da, und als ich Martin in der Pause darauf aufmerksam mache, sagt er: &#8222;Ich hab\u2019s dir doch gesagt. Das ist mir noch nirgendwo sonst passiert: Hier bin ich schon drei Mal angesprochen und gefragt worden, ob ich mit nach Hause kommen will. Du musst einfach nur dastehen und abwarten.&#8220; Ehe ich nachfragen kann, wie das genau abgelaufen ist, ist er schon in ein Gespr\u00e4ch mit Susanne vertieft, auch eine Freundin, aber eine, die ich lange nicht gesehen habe.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1809\" aria-describedby=\"caption-attachment-1809\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/Antje-Noise-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1809\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/Antje-Noise-Kopie-225x300.jpg\" alt=\"\u00a9 Jan Brandt\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/Antje-Noise-Kopie-225x300.jpg 225w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/Antje-Noise-Kopie-768x1024.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1809\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jan Brandt<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ich gehe nach drau\u00dfen und unterhalte mich mit Meike und Falk, die mir von ihren Anf\u00e4ngen erz\u00e4hlen, wie sie sich anl\u00e4sslich des Musikfestivals F\u00eate de la Musique vor f\u00fcnf Jahren spontan zusammengefunden haben, erst als Idee, dann als Name, dann in echt und seitdem einmal im Monat im Antje auftreten. &#8222;Ohne Antje ist das Orchester nicht denkbar&#8220;, sagt Falk. &#8222;Bei den ersten Konzerten, als wir weniger G\u00e4ste als Mitglieder hatten, verteilten wir uns noch um das Publikum herum.&#8220; Hauptberuflich besch\u00e4ftigt er sich mit mittelhochdeutschen Verserz\u00e4hlungen, mit Motiven, die vor tausend Jahren zeitgleich in arabischen Texten auftauchten \u2013 magnetische Berge, Riesenv\u00f6gel, Monstren oder leuchtende Karfunkelsteine, die sie in dem Forschungsprojekt, in dem er mitarbeitet, als &#8222;Elemente des Wunderbaren&#8220; bezeichnen. Und je l\u00e4nger wir miteinander sprechen, desto mehr f\u00e4llt mir auf, dass sich alle vom Geb\u00e4ckorchester mit Elementen des Wunderbaren besch\u00e4ftigen, als Kulturmanagerin, Grafikdesignerin und Heilpraktikerin, als Tischler, Informatiker und Behindertenbetreuer, dass ihr Zusammensein als Band allein schon etwas Wunderbares ist: mehr als die Summe der einzelnen Teile, eine zweite Existenz, eine Kollektivexistenz. Ich bin, das sollte ich der Vollst\u00e4ndigkeit halber vielleicht erw\u00e4hnen, aber auch schon ein bisschen betrunken und f\u00fchle mich selbst ein bisschen wunderbar.<\/p>\n<p>Bald kommen Heiko und Martin und Susanne hinzu, und wir sprechen \u00fcber unsere gemeinsame Vergangenheit, eine Art Selbstvergewisserung, um unsere eigene Zusammengeh\u00f6rigkeit zu st\u00e4rken, um unsere langj\u00e4hrige, aber lose Beziehung, die auf eben diesen Geschichten beruht, zu festigen. Wir haben uns alle weiterentwickelt. Wir sind alle lange weg von zu Hause. Wir sind zu unterschiedlichen Zeiten nach Berlin gezogen, aus freiem Willen, weil wir dachten, dass wir nur hier frei sein k\u00f6nnten, dass wir nur hier die Freiheit haben, so zu leben, wie wir leben wollen. Susanne ist schon weitergezogen, nach Hamburg, und jetzt gesteht sie, dass sie \u2013 ihrer Kinder und Eltern wegen \u2013 wieder in unsere alte Heimat zur\u00fcckziehen wird, nach Ostfriesland. Und wir k\u00f6nnen es alle nicht fassen. Wir sind emp\u00f6rt, wohl auch, weil wir Angst haben, dass wir eines Tages auch gezwungen sein k\u00f6nnten, den gleichen Weg einzuschlagen, dass wir den Kampf, sich in der Gro\u00dfstadt gegen alle Widrigkeiten zu behaupten, verlieren.<\/p>\n<p>Das Antje hat diesen Kampf schon verloren. Bald stehen hier, auf dem 116 Jahre alten Trotzgel\u00e4nde, Townhouses. Und dort, wo jetzt noch das Antje ist, soll eine Tiefgarage hin \u2013 immerhin mit einem neuen Antje: ein Raum mit dem gleichen Umriss, nur mit niedrigerer Decke und verputzten W\u00e4nden, ohne diesen berlintypischen Charme des Verfalls, ohne das Schraddelige, das Verratzte, das Abgegnarzte. Es wird nicht das gleiche Antje sein.<\/p>\n<p>Nach einer halben Stunde gehen wir wieder hinein. Das Geb\u00e4ckorchester spielt <em>Parole<\/em>, <em>Bimbo sul leone<\/em>, <em>Baccala, Felicit\u00e0<\/em> und <em>La Bomba<\/em>. Die S\u00e4ngerinnen schie\u00dfen mit bunt blinkenden Wasserpistolen Luftblasen ins Publikum, von der Decke regnen Goldf\u00e4den, und als ein Backblech mit Baklava von Hand zu Hand geht, ein Cakecrowdsurfing von der B\u00fchne bis in die hinterste Reihe und zur\u00fcck, erfahre ich endlich auch, was es mit dem Geb\u00e4ck im Namen auf sich hat.<\/p>\n<p>Nach der dritten Zugabe ist es vorbei. Ein DJ \u00fcbernimmt die Beschallung, die G\u00e4ste tanzen weiter und weiter und weiter. Und ich tanze mit. Drau\u00dfen, das sehe ich durch die Mauerritzen, wird es hell, der Raum leert sich mit jeder Minute, Heiko, Meike und Susanne sind gegangen, selbst Martin ist verschwunden. Auch ich strebe dem Ausgang zu. Da sehe ich ein Schild an der Wand: &#8222;Please don\u2019t leave, the fun has just started.&#8220; Ich denke an Martins Worte, an seine Prophezeiung, und kehre noch einmal um. Ich bleibe und warte. Es ist ja erst f\u00fcnf vor zw\u00f6lf.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1810\" aria-describedby=\"caption-attachment-1810\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/Antje-von-hinten-Kopie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-1810\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/Antje-von-hinten-Kopie-1024x768.jpg\" alt=\"\u00a9 Jan Brandt\" width=\"580\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/Antje-von-hinten-Kopie-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/Antje-von-hinten-Kopie-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1810\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jan Brandt<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><em>Am kommenden Wochenende finden im Antje \u00d8klesund, in der Rigaer Stra\u00dfe 71\u201373 die letzten Konzerte statt. Am Freitag spielt um 21.30 Uhr Das Adriano Celentano Geb\u00e4ckorchester, am Samstag treten ab 21 Uhr die Berliner Indie-Bands Chuckamuck und Der Stier aus der Bronx und das Hamburger Duo Schnipo Schranke auf.<\/em><\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Berliner Club Antje \u00d8klesund ist sagenumwoben. Marode Orte wie dieser machten in den Neunzigern den Charme der Stadt aus. 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