{"id":1861,"date":"2015-06-25T06:00:31","date_gmt":"2015-06-25T04:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1861"},"modified":"2015-06-24T12:29:10","modified_gmt":"2015-06-24T10:29:10","slug":"mode-hund-spinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/06\/25\/mode-hund-spinnen\/","title":{"rendered":"Das Gl\u00fcck zu wissen, was sch\u00f6n ist"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bald ist wieder Fashion Week in Berlin. F\u00fcr Stadthunde eine besonders aufregende Zeit. Wie erkl\u00e4rt man Mode einem Vierbeiner?<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1867\" aria-describedby=\"caption-attachment-1867\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/mode.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1867\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/06\/mode.jpg\" alt=\"\u00a9 Getty Images\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/mode.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/06\/mode-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1867\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Adele, komm mal her, ich muss dir was erkl\u00e4ren. Mach Sitz und h\u00f6r sch\u00f6n zu! Heute werde ich versuchen, dir begreiflich zu machen, was Mode ist. Ich f\u00fcrchte, das wird ziemlich schwierig, weil Mode eine reine Menschenangelegenheit ist und in deinem Hundeleben gar nicht vorkommt.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, halt!, eine gewisse Verbindung gibt es doch. Hast du dich schon einmal gefragt, warum wir auf unseren Hunderunden so vielen Labradoren, Jack Russel Terriern und Golden Retrievern begegnen und so wenigen Samojeden, Komondoren, Pulis und Portugiesischen Wasserspanieln? Ja, jetzt guckst du! Das sind Hunderassen, von denen du noch nie geh\u00f6rt hast. Auch ich kenne sie nur aus den Hundefilmen auf Animal Planet. Diese Hunderassen sind n\u00e4mlich hierzulande gerade nicht in Mode, obwohl sie sich nur in Details von deinesgleichen unterscheiden. Und damit hast du schon gelernt: In Mode zu sein, das bedeutet, alle oder wenigstens sehr viele finden es gut und tun dabei mit.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1304\" aria-describedby=\"caption-attachment-1304\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/04\/Adele-01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-1304\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/04\/Adele-01-150x150.jpg\" alt=\"Adele, der geduldig lauschende Labrador von Burkhard Spinnen\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1304\" class=\"wp-caption-text\">Adele, der geduldig lauschende Labrador von Burkhard Spinnen.<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Und warum gibt es die Mode? Also warum so viele Jack Russel Terrier und so wenige Samojeden? Nun, die Existenz der Mode ist die momentane Antwort auf eine der gro\u00dfen ungel\u00f6sten Fragen der Menschheit. Die Frage lautet: Wer oder was ist eigentlich der, die oder das Sch\u00f6nste von allen?<\/p>\n<p>Menschen lieben es, sich solche Fragen zu stellen. So wie du f\u00fcr Gehacktes mit rohen Eiern schw\u00e4rmst, so schw\u00e4rmt der Mensch f\u00fcr den Superlativ. Wo immer er geht und steht, will er wissen, was hier das H\u00f6chste, St\u00e4rkste oder Schnellste ist. Vermutlich stammt dieses Interesse aus der Zeit, in der wir Menschen noch in H\u00f6hlen wohnten, aber gerade begannen, einen gewissen Profit aus unseren erweiterten Denkf\u00e4higkeiten zu ziehen. Wei\u00df man n\u00e4mlich, um nur ein Beispiel zu nennen, wer in welcher H\u00f6hle der St\u00e4rkste ist, dann muss man sich nicht mit allen pr\u00fcgeln, sondern kann sich gezielt nur einen, n\u00e4mlich den St\u00e4rksten, zur Brust nehmen. Haut man den um, ist man selbst der St\u00e4rkste in der H\u00f6hle und hat eine Menge Zeit gespart.<\/p>\n<p>Man kann \u00fcbrigens auch, wie es in der Linie meiner pers\u00f6nlichen Vorfahren wahrscheinlich eher \u00fcblich gewesen ist, dadurch, dass man wei\u00df, wer der St\u00e4rkste in der H\u00f6hle ist, effektiver planen, vor wem man am ehesten weglaufen soll. Das spart dann nicht nur Zeit, sondern rettet eventuell sogar das Leben.<\/p>\n<p>Um etliches sp\u00e4ter in ihrer Geschichte haben die Menschen dann die sogenannte Wissenschaft erfunden. Deren Aufgabe ist es vor allem herauszukriegen, wer oder was genau das H\u00f6chste, Schnellste und so weiter ist. Diese Wissenschaft war ein ziemliches Erfolgsmodell; heute kann sie sogar herauskriegen, ob ein Erdbeben st\u00e4rker als ein anderes war oder was h\u00e4rter ist: ein Backstein oder ein M\u00e4usezahn.<\/p>\n<p>Leider aber hat die Wissenschaft eines nie bestimmen k\u00f6nnen: n\u00e4mlich das Sch\u00f6nste. Es gibt zwar auch eine Wissenschaft, die sich mit dem Sch\u00f6nen besch\u00e4ftigt. Sie hei\u00dft \u00c4sthetik und hat viele dicke B\u00fccher hervorgebracht, in denen das Problem ausf\u00fchrlich diskutiert wird. Doch vor einer Antwort auf die Frage, wie man objektiv und zweifelsfrei ermittelt, was das Sch\u00f6nste ist, dr\u00fcckt sie sich seit ein paar Hundert Jahren. Neuerdings hat sie sogar selbst aufgegeben zu fragen.<\/p>\n<p>Nun scheinen die Menschen allerdings ohne eine Antwort auf die Frage nach dem Sch\u00f6nsten nicht gl\u00fccklich und zufrieden leben zu k\u00f6nnen. Und deshalb haben sie schon vor der Wissenschaft zwei weitere Dinge erfunden: die Kunst und die Mode. Die Kunst muss ich dir sp\u00e4ter noch ausf\u00fchrlicher erkl\u00e4ren. Heute nur so viel dazu: Die Kunst macht am laufenden Band Vorschl\u00e4ge, was denn das Sch\u00f6nste sein soll, und meistens sind die Vorschl\u00e4ge ziemlich extrem. Die Menschen geraten dar\u00fcber ins Gr\u00fcbeln oder ins Debattieren. Ersteres f\u00fchrt leicht zur Depression, Zweiteres zu Schl\u00e4gereien. Glaub mir, Adele, die Kunst wirft wesentlich mehr Probleme auf, als sie l\u00f6st.<\/p>\n<p>Die Mode hingegen ist ein richtig cleveres Verfahren, mit dem man die Frage nach dem Sch\u00f6nsten zwar nicht l\u00f6st, aber wenigstens das depressive Gr\u00fcbeln dar\u00fcber deutlich reduziert. Das Verfahren funktioniert so: Irgendwelche Instanzen, die sich mit windigen Begr\u00fcndungen f\u00fcr zust\u00e4ndig erkl\u00e4rt haben, entscheiden, was jetzt mal das Sch\u00f6nste sein soll: das sch\u00f6nste Kleid, der sch\u00f6nste Hut, das sch\u00f6nste Sofa, Auto, Bettgestell, Halstuch, K\u00fcchenmesser und so weiter. Ja, und \u00fcbrigens auch der sch\u00f6nste Hund.<\/p>\n<p>Und dann passiert Folgendes: Ein Teil der Menschen, meistens der gr\u00f6\u00dfere, schreit wie besessen: Jawohl, das isses! Und besorgt sich umgehend f\u00fcr teuer Geld das entsprechende Kleid, Sofa, K\u00fcchenmesser oder den entsprechenden Hund. Diese Menschen bilden dann eine Gruppe, die gemeinsam in dem gl\u00fccklichen Gef\u00fchl lebt, zu wissen, was sch\u00f6n ist. Die anderen, die Minderheit, die nicht mittut, bildet auch eine Gruppe. Deren Gl\u00fcck ist es allerdings zu wissen, dass die anderen bescheuert sind und keine Ahnung von Sch\u00f6nheit haben.<\/p>\n<p>Aber jetzt kommt erst der eigentliche Trick. Normalerweise w\u00fcrde nach einiger Zeit in der Gruppe eins, also bei den Mode-Mitmachern, wieder ein Streit dar\u00fcber ausbrechen, ob dieses K\u00fcchenmesser oder dieser Hund wirklich die Sch\u00f6nsten sind. Da es sich aber nicht um wahre Sch\u00f6nheiten, sondern um Modesch\u00f6nheiten handelt, ist von Anfang an klar, dass die Vereinbarung nur f\u00fcr eine gewisse Zeit gilt.<\/p>\n<p>Verstehst du, Adele? Das ist der Trick! Das Modesch\u00f6ne gilt immer nur auf Zeit! Am besten klappt das bei Damenoberbekleidung, da entspricht schon seit vielen Jahrzehnten die Dauer einer Mode genau der Dauer einer Jahreszeit. Und so wie es im Herbst die Bl\u00e4tter von den B\u00e4umen weht, so fliegen im Oktober auch die Gewissheiten und \u00dcberzeugungen davon, mit denen man im verflossenen Sommer geglaubt hat, dass kurze R\u00f6cke, gebl\u00fcmte Blusen oder schwarze Samttops das Sch\u00f6nste vom Sch\u00f6nen seien. Nackt wie die B\u00e4ume sind dann auch wieder die Gehirne der nach Sch\u00f6nheit suchenden Menschen und also empf\u00e4nglich f\u00fcr die n\u00e4chste von irgendwo ausgegebene Botschaft \u00fcber den Charakter des ultimativ Sch\u00f6nen.<\/p>\n<p>Das Verfahren ist mit Recht genial zu nennen. Man l\u00f6st ein Problem nicht, sondern verabredet sich dazu, einfach eine Zeit lang so zu tun, als sei das Problem gel\u00f6st, um sich dann zu sch\u00fctteln, wie du es tust, wenn du im Weiher geschwommen bist, und mit der Probleml\u00f6sung von vorn zu beginnen. So verhindert man zuverl\u00e4ssig das depressive Gr\u00fcbeln und hat stattdessen viel Zeit gewonnen, um sich an den modesch\u00f6nen Dingen zu erfreuen, die man demn\u00e4chst angeekelt in den M\u00fcllsack werfen wird.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens profitieren von diesem Verfahren auch wieder diejenigen, die es nicht mitmachen. Es handelt sich bei diesen Menschen n\u00e4mlich zum gr\u00f6\u00dften Teil um sogenannte Besserwisser, die vom depressiven Gr\u00fcbeln einfach nicht lassen wollen und keine gr\u00f6\u00dfere Befriedigung kennen als die Best\u00e4tigung ihrer negativen Prognosen. Wandert also wieder ein Schwung von Sachen, die jetzt nicht mehr Mode sind, in den M\u00fcll, k\u00f6nnen die Besserwisser jubilieren, und es geht ihnen, wenn auch nur f\u00fcr kurze Zeit, auch einmal gut. Und das ist wichtig, denn es gibt nichts Gef\u00e4hrlicheres f\u00fcr die ganze Menschheit als Besserwisser, die niemals Recht bekommen. Aus denen werden n\u00e4mlich Terroristen.<\/p>\n<p>Aber das, Adele, ist wieder ein Thema f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bald ist wieder Fashion Week in Berlin. F\u00fcr Stadthunde eine besonders aufregende Zeit. Wie erkl\u00e4rt man Mode einem Vierbeiner? 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