{"id":1925,"date":"2015-07-07T11:16:47","date_gmt":"2015-07-07T09:16:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1925"},"modified":"2015-10-05T15:59:12","modified_gmt":"2015-10-05T13:59:12","slug":"bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/","title":{"rendered":"Wir sind das Gem\u00fcse"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Berlin-Kreuzberg k\u00fcndigt ein Investor einem t\u00fcrkischen Lebensmittelladen und entfesselt damit einen Sturm der Emp\u00f6rung. Ein Spaziergang ins Herz des Widerstands<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>1. Juli 2015<\/strong><\/p>\n<p>Es ist Mittwoch, ein warmer Sommerabend, die Sonne scheint, voller Kampfeslust gehe ich die Wrangelstra\u00dfe entlang. Die Wrangelstra\u00dfe, die vom Mariannenplatz zur Taborkirche reicht, ist zurzeit st\u00e4ndig in den Medien. Wegen Bizim Bakkal. <em>Bizim Bakkal<\/em> ist T\u00fcrkisch und hei\u00dft &#8222;Unser Lebensmittelladen&#8220;. Bizim Bakkal ist der letzte Gem\u00fcseeinzelh\u00e4ndler in der Gegend, die letzte Bastion gegen Konzerne, die Globalisierung, die durchkommerzialisierte Stadt. Jetzt soll Bizim Bakkal schlie\u00dfen. Der neue Eigent\u00fcmer des Hauses mit der Nummer 77 hat der Familie \u00c7ali\u015fkan, die seit 28 Jahren im Erdgeschoss Gem\u00fcse verkauft, gek\u00fcndigt. Ende September soll sie raus. Das will die Nachbarschaft nicht zulassen. Seit f\u00fcnf Wochen gibt es Proteste. Jeden Mittwoch versammeln sich mehr und mehr Menschen vor\u00a0Bizim Bakkal und demonstrieren daf\u00fcr, dass er bleibt, wo er ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich habe, weil ich im Juni unterwegs war, viel dar\u00fcber gelesen: dass Ahmet \u00c7ali\u015fkan mit 14 Jahren nach Deutschland gezogen sei, dass sein Vater das Gesch\u00e4ft gegr\u00fcndet und ihm \u00fcbertragen habe, dass er nachts um eins aufstehe und zum Gro\u00dfh\u00e4ndler fahre, mittags schlafe und bis abends wieder im Laden stehe, dass er im vergangenen Jahr neue K\u00fchlschr\u00e4nke gekauft habe, dass er gesundheitlich angeschlagen sei, dass er im Kiez bei den aktuellen Mieten keinen anderen Standort finde, dass seine Existenz auf dem Spiel stehe. Und ich habe gelesen, dass der Eigent\u00fcmer Wrangelstra\u00dfe 77 GmbH hei\u00dft. Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer ist Ioannis Moraitis, der seine Neuerwerbung \u00fcber seine Firma Gekko Real Estate vermarktet \u2013 der Name erinnert an Gordon Gekko, den extrem reichen und kaltbl\u00fctigen Banker in Oliver Stones Film <em>Wall Street<\/em>, dargestellt von Michael Douglas.<\/p>\n<p>Der Einzelh\u00e4ndler steht f\u00fcr die Verbindung von Markt und Menschlichkeit. Der B\u00f6rsenspekulant f\u00fcr Gier und Macht und einen au\u00dfer Kontrolle geratenen Kapitalismus.<\/p>\n<p>Auf Facebook postete Moraitis im Mai ein Foto, das ihn beim Fr\u00fchst\u00fcck auf dem Gendarmenmarkt zeigt.<\/p>\n<p>&#8222;Was machst du in Berlin und sagst nicht Bescheid?&#8220;, kommentierte ein Freund von ihm.<\/p>\n<p>Und Moraitis antwortete: &#8222;Ich erobere die Stadt \u2026&#8220;<\/p>\n<p>Es ist ein ungleicher Kampf. David gegen Goliath. Auch deshalb gehen die Menschen in Kreuzberg auf die Stra\u00dfe. Erst kamen 70, dann 100, dann 200, dann 300 Menschen. Arbeitsgruppen wurden gebildet, Transparente von Baum zu Baum gezogen, Websites eingerichtet, Bands traten auf, Anwohner erz\u00e4hlten ihre K\u00fcndigungsgeschichten. Und alle berichteten dar\u00fcber, die Zeitungen, die Radiostationen, die Fernsehsender. In Deutschland, im Libanon, in den USA und der T\u00fcrkei, in Spanien, Indien und S\u00fcdkorea. Und Gekko reagierte: Die Firma nahm das Objekt &#8222;03 Wrangelstr. 77&#8220; mit &#8222;11 exklusiven Altbau-Eigentumswohnungen und 1 Gewerbeeinheit&#8220; von ihrer Website.<\/p>\n<p>Seit ich um die Ecke wohne, kaufe ich bei Bizim Bakkal ein, Obst und Gem\u00fcse, Schafsk\u00e4se und Oliven, N\u00fcsse und Gew\u00fcrze. Zweimal die Woche nehme ich diesen Weg:\u00a0unter der Hochbahn hindurch, \u00fcber die Skalitzer Stra\u00dfe hinweg, in den s\u00fcdlichen Teil der Wrangelstra\u00dfe hinein. Ich gehe mit leeren H\u00e4nden hin und mit vollen zur\u00fcck.\u00a0Bizim Bakkal ist g\u00fcnstig, und die Auswahl ist gro\u00df. Die Einrichtung ist einfach, rustikal und funktional, jedes Mal ergibt sich ein kurzes Gespr\u00e4ch mit Ahmet oder seiner Frau Emine \u00c7ali\u015fkan, meist geht es ums Wetter, um Ernten, um die Qualit\u00e4t der Produkte. Zwei andere t\u00fcrkische Gem\u00fcseh\u00e4ndler, Posof und der G\u00f6zde S\u00fcper Market, sind schon verschwunden, nachdem vor Kurzem die Lebensmittelkette Eurogida in der Wrangelstra\u00dfe eine Filiale er\u00f6ffnet hat.<\/p>\n<p>Aber heute bin ich nicht zum Einkaufen gekommen. Die B\u00fcrgerinitiative Bizim Kiez hat mich und einige andere Schriftsteller zu einer Lesung eingeladen. Schon von Weitem sehe ich den Polizeiwagen, der die Stra\u00dfe absperrt, dahinter hat sich vor einer B\u00fchne eine Menschenmenge versammelt wie sonst nur bei Fu\u00dfballweltmeisterschaften zum Public Viewing. Filmteams und Fotografen stehen in der ersten Reihe, und die \u00c7ali\u015fkans lehnen an ihren abger\u00e4umten Verkaufsgestellen. Vor dem K\u00f6fteburgerladen auf der anderen Seite h\u00e4ngt ein rotes Tuch mit der Aufschrift &#8222;<em>Je suis Bizim Bakkal&#8220;<\/em>, Kinder halten Plakate hoch, auf denen &#8222;Wir sind diese Stra\u00dfe&#8220; steht, und zwei Frauen haben auf ein Banner &#8222;Bizimness statt Business&#8220; geschrieben. Ein Mann tr\u00e4gt ein T-Shirt mit dem Aufdruck &#8222;Welcome to Kreuzberg&#8220;, darunter ist ein Totschl\u00e4ger abgebildet. Ein anderer hat &#8222;<em>unlawful = right, lawful = wrong&#8220;<\/em> auf dem R\u00fccken stehen. Die meisten laufen mit gem\u00e4\u00dfigten Parolen herum, mit Jutetaschen und dem Spruch &#8222;Bizim Bakkal bleibt&#8220; oder mit selbst gemalten Schildern \u2013 &#8222;Geld vernichtet hier Werte&#8220; oder &#8222;<em>Bizim Bakkal loves you&#8220;<\/em>. Und Hans-Christian Str\u00f6bele, Bundestagsabgeordneter der Gr\u00fcnen, Direktkandidat des Wahlkreises, schiebt sein Fahrrad vorbei.<\/p>\n<p>Ein junger Mann mit einem T-Shirt der Band The Burning Hell tritt ans Mikro, stellt sich als Felix Lange vor, ein Nachbar, der am Max-Planck-Institut f\u00fcr Wissenschaftsgeschichte arbeitet. Er erl\u00e4utert noch einmal die Dimension, dass es nicht nur um einen Gem\u00fcseladen gehe, sondern um eine Strategie. &#8222;Dies ist nur einer von vielen Mietvertr\u00e4gen, die beendet werden sollen, seitens des Vermieters.&#8220; Aber er macht Hoffnung: Die Familie sei jetzt im Gespr\u00e4ch mit dem Eigent\u00fcmer. &#8222;Das zeigt, dass es sich lohnt, zu k\u00e4mpfen, dass nicht alles, was formal legal ist, auch so hingenommen werden muss.&#8220; Und er verliest eine Resolution der Bezirksverordnetenversammlung, verweist auf die Arbeitsgruppen und die Onlinepetition, und bittet die anderen Redner des Abends auf die B\u00fchne. Alles, was er sagt, wird von zwei anderen M\u00e4nnern ins T\u00fcrkische \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>Ein Martin, den ich nicht kenne, holt einen &#8222;Brief eines Mitmenschen an einen Investor&#8220; hervor: &#8222;Wir alle leben in einer Stadt und Gesellschaft, die sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndert, und das ist auch gut so. Die Frage ist, welche Art der Ver\u00e4nderung wir wollen. (\u2026) Eine Zukunft des friedlichen Miteinanders zwischen Menschen unterschiedlicher kultureller und sozialer Herkunft oder ein Manifestieren der Ungleichgewichte, die wir schon haben, eher in Richtung Stra\u00dfenfest oder Gated Community?&#8220;<\/p>\n<p>Ali berichtet von einer Zwangsr\u00e4umung nebenan, davon, dass 50 Leute den Eingang zur Wohnung blockierten und die Gerichtsvollzieherin unverrichteter Dinge wieder gehen musste, und er verspricht: &#8222;Wir werden es den Profiteuren, die mit uns Geld verdienen wollen, schwer machen.&#8220; Ein anderer Martin, der beim Jobcenter gearbeitet hat, berichtet von seinem Alltag: &#8222;Ich hab es oft erlebt, dass Leute zu mir herkommen, die existenzielle Angst haben, weil sie nicht wissen, wohin. (\u2026) Das Problem ist, dass auf einzelne Belange, auf individuelle Schicksale keine R\u00fccksicht genommen wird. Auf Teamleiterebene wurde gesagt, berate die Leute nicht, was f\u00fcr Rechte sie haben, das sollen die mal sch\u00f6n selber rausfinden. (\u2026) Die haben doch Rechte, das sind doch nicht nur Nummern. Ich war eine Nummer, 6-14-0 damals, und die Leute waren auch nur Nummern.&#8220;<\/p>\n<p>Robert vom Aktionsb\u00fcndnis Mediaspree versenken spricht die Ursachen der aktuellen Lage an: &#8222;Was man hier sieht, ist, dass hier \u00fcber den Willen der Bev\u00f6lkerung hinweg die Stadt v\u00f6llig neu geplant wird. Und zwar nicht f\u00fcr uns, sondern gegen uns, f\u00fcr eine neue Bev\u00f6lkerungsstruktur. (\u2026) Diese Politik ist aus dem letzten Jahrhundert, da war der Bankenskandal, Berlin war pleite, da kam das auf, man muss privatisieren, man muss daf\u00fcr sorgen, dass es mit der Wirtschaft aufw\u00e4rts geht. Und daf\u00fcr braucht man neue Leute, Leute mit Geld und nicht Leute wie uns.&#8220;<\/p>\n<p>Als letzter Redner tritt Gerri auf. Er h\u00e4lt eine Flasche Sternburg in der Hand, sieht total verstrahlt aus, als st\u00fcnde er unter Drogen, aber das, was er sagt, ist v\u00f6llig klar und auf den Punkt gebracht, auch wenn es vielen nicht passt: &#8222;Ich wurde schon zwei- bis dreimal gentrifiziert, aber wenn am Tempelhofer Feld Geb\u00e4ude gebaut werden m\u00fcssen, damit der Druck hier wegf\u00e4llt, dann m\u00fcsst ihr nicht zu Hunderttausenden hingehen, um dagegen zu stimmen. Das ist Entlastung.&#8220;<\/p>\n<p>Nach Wortfront, die <em>Lieder eines postmodernen Arschlochs<\/em> spielen, sind wir dran, die reine Wortfront. Annett Gr\u00f6schner liest eine Passage \u00fcber Entmietung aus ihrem Roman <em>Walpurgistag<\/em>. Annika Reich ein Kapitel aus ihrem Roman <em>Die N\u00e4chte auf ihrer Seite<\/em> \u00fcber eine Demonstration auf dem Tahrir-Platz in Kairo. David Wagner eine Stelle aus seinem Supermarktroman <em>Vier \u00c4pfel<\/em>. Ulla Lenze eine Szene, die in Istanbul spielt, aus ihrem Roman <em>Die endlose Stadt<\/em>. Und ich lese einen kurzen Bericht \u00fcber die Ver\u00e4nderung Berlins. Nina Bu\u00dfmann liest eine Geschichte \u00fcber einen Erdrutsch, und die \u00dcbersetzerin Katy Derbyshire eine von Raul Zelik aus dem Band <em>Grenzg\u00e4ngerbeatz<\/em>, die in eben jenem Lebensmittelladen hinter uns spielen k\u00f6nnte und mit den Worten beginnt: &#8222;Wenn man einen Lebensmittelladen hat, tr\u00e4gt man eine ziemliche Verantwortung f\u00fcr sein Viertel.&#8220;<\/p>\n<p>Alle Texte haben mit dem Thema zu tun, mit Protesten und Prozessen, mit Erm\u00e4chtigungen und Ersch\u00fctterungen. Und als Felix Lange zwischendurch noch einmal auf die B\u00fchne springt und eine Presseerkl\u00e4rung der Hausverwaltung vorliest, in der davon die Rede ist, dass die K\u00fcndigung zur\u00fcckgenommen werden soll, bricht im Publikum lang anhaltender Jubel aus. Es f\u00fchlt sich an wie ein Sieg.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Sonne \u00fcber der Wrangelstra\u00dfe untergeht und das Licht so hell und scharf ist wie noch nie in diesem Jahr, lese ich auf meinem Smartphone die Zeitungstitel des kommenden Tages: &#8222;Bizim Bakkal darf bleiben&#8220;, &#8222;Aufatmen im Kiez, Gem\u00fcseladen vor Rettung&#8220;. Dabei ist noch nichts entschieden und nichts unterschrieben. Die Meldung, lanciert zum Zeitpunkt der Kundgebung, dient nur dazu, den \u00f6ffentlichen Widerstand zu brechen. Trotzdem stehen die \u00c7ali\u015fkans l\u00e4chelnd in ihrer T\u00fcr, hoffnungsvoll und ersch\u00f6pft, erfreut und verwundert \u00fcber den anhaltenden Kampf ihrer Kunden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>2. Juli 2015<\/strong><\/p>\n<p>Das Bewusstsein f\u00fcr den Untergang sch\u00e4rft den Blick auf die Dinge. Als ich am Nachmittag darauf wieder die Wrangelstra\u00dfe entlanggehe, diesmal um einzukaufen, fallen mir Details auf, die ich bisher nicht wahrgenommen habe: die Ahornb\u00e4ume zu beiden Seiten, die vielen unterschiedlichen Leute vor den L\u00e4den, die Ver\u00e4nderungen. An der Ecke Skalitzer Stra\u00dfe, dort wo bis vor drei Jahren noch eine Drogerie war, hat jetzt Estate Coffee aufgemacht, obwohl das Viertel eine neue Drogerie dringender gebrauchen k\u00f6nnte als ein neues Caf\u00e9, in dem alle Produkte auf Englisch angeboten werden. Aber es liegt direkt an der Partymeile zwischen den U-Bahnh\u00f6fen Kottbusser Tor und Schlesisches Tor.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber ist die Cocktailbar Kantine Kohlmann. An der Ecke Sorauer Stra\u00dfe haben vor Kurzem das Edelrestaurant Bosco aufgemacht, in der die Senatoren der Stadt speisen, und die Craft-Beer-Schenke Hopfenreich, die \u00fcber 14 Zapfh\u00e4hne verf\u00fcgt. Daneben gibt es immer noch das alte Kreuzberg, die Friseursalons, B\u00e4ckereien und Haushaltswarengesch\u00e4fte, die Internetcaf\u00e9s und Sportwetten-Annahmestellen, den Tuchh\u00e4ndler, den Ein-Euro-Buchladen, die chemische Reinigung, die Rockerkneipe Bull Bar, die R\u00f6sterei Kumru Kuruyemis und das Szenecaf\u00e9 Sofia.<\/p>\n<p>\u00dcber dem Eingang der F\u00fcrst-Bismarck-Apotheke weist eine LED-Anzeige darauf hin, dass es 17.15 Uhr ist und die Temperatur 31 Grad betr\u00e4gt. Punks mit Iro und Schottenrock radeln an mir vorbei, Obdachlose warten vor der Liebfrauenkirche, einem klosterartigen Bau im neoromantischen Stil auf die Essensausgabe, vorm Kaiser&#8217;s stehen einige Dealer und zischen mir &#8222;Was brauchst Du?&#8220; und &#8222;Gras?&#8220; und &#8222;Ich hab alles&#8220; zu. Aber das, was ich brauche, haben sie nicht. Ich gehe weiter, dorthin, wo gestern noch Hunderte die Stra\u00dfe blockierten. Vom Hipstercaf\u00e9 Where is Jesus?, auf dessen Fenster jemand &#8222;<em>Where is X-Berg?&#8220;<\/em> gespr\u00fcht hat, dringt House-Musik her\u00fcber, als ich Bizim Bakkal betrete. Hinter den Regalen, hinter den K\u00f6rben voller Zucchini, S\u00fc\u00dfkartoffeln und Salate, die bis zur Decke reichen, das f\u00e4llt mir erst jetzt auf, sind noch die wei\u00df-blauen Fliesen der einstigen, hier ans\u00e4ssigen Gefl\u00fcgelschlachterei zu erkennen, und dar\u00fcber h\u00e4ngen Plakate, die mich an Informationskarten im Biologieunterricht erinnern, Plakate, auf denen Aussehen und Beschaffenheit von Kernobst, Chilis und Paprikas, Beerenobst und Exoten dargestellt sind. Nebenan tauchen die neuen K\u00fchlschr\u00e4nke den Raum in wei\u00dfes Licht. Ein Kameramann filmt die t\u00fcrkische und die deutsche Fahne \u00fcberm Tresen.<\/p>\n<p>Emine \u00c7ali\u015fkan schneidet gerade Honigmelonen auf. Mit einem Papiertuch wischt sie \u00fcber die Schnittfl\u00e4che, bevor sie die H\u00e4lften in Klarsichtfolie einwickelt und den Preis drauf schreibt. Als ich sie auf die R\u00fccknahme der K\u00fcndigung anspreche, sagt sie &#8222;mein Mann&#8220;, &#8222;sp\u00e4ter&#8220; und &#8222;nichts ist sicher&#8220;. Dann nimmt sie mir die Tomaten, \u00c4pfel und Erdbeeren aus der Hand, legt sie auf die Waage, gibt den Preis in die Kasse ein. Und weil sich, als ich ihr das Geld hinhalte, hinter mir schon eine Schlange gebildet hat, endet unser Gespr\u00e4ch, ehe es begonnen hat. Wom\u00f6glich, denke ich beim Rausgehen, wird den \u00c7ali\u015fkans das auch alles zu viel, die Leute, die Aktionen, das Thema, wom\u00f6glich sehnen sie sich nach Ruhe, nach Alltag, einem geordneten Leben.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg begegne ich der Wickelfrau. Sie tr\u00e4gt ihr Sommerkleid: wei\u00dfe und schwarze um ihren K\u00f6rper geschlungene Stoffbahnen, ein wei\u00dfer Turban auf dem Kopf und schwarze Stutzen an den Waden. Das Gesicht, die Arme und Beine sind frei. Sollte ihr kalt werden, hat sie eine Stoffrolle wie einen K\u00f6cher auf ihren R\u00fccken gespannt. Ich sehe sie jeden Tag. Unerm\u00fcdlich spaziert sie durch Kreuzbergs Stra\u00dfen. Egal wie kalt oder hei\u00df es ist, egal ob es regnet oder schneit. Sie gibt nie auf. Symbol der Sturheit \u2013 und des Widerspruchs. Sie geht und bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin-Kreuzberg k\u00fcndigt ein Investor einem t\u00fcrkischen Lebensmittelladen und entfesselt damit einen Sturm der Emp\u00f6rung. Ein Spaziergang ins Herz des Widerstands &nbsp; 1. Juli [\u2026]<\/p>\n","protected":false},"author":1000,"featured_media":1947,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-1925","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesellschaft-politik"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Bizim Bakkal: Spaziergang ins Herz des Widerstands<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"In Berlin-Kreuzberg k\u00fcndigt ein Investor dem t\u00fcrkischen Lebensmittelladen Bizim Bakkal und entfesselt einen Sturm der Emp\u00f6rung.\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Bizim Bakkal: Spaziergang ins Herz des Widerstands\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"In Berlin-Kreuzberg k\u00fcndigt ein Investor dem t\u00fcrkischen Lebensmittelladen Bizim Bakkal und entfesselt einen Sturm der Emp\u00f6rung.\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Freitext\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2015-07-07T09:16:47+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2015-10-05T13:59:12+00:00\" \/>\n<meta property=\"og:image\" content=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/07\/freitext-gemuese.jpg\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:width\" content=\"580\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:height\" content=\"326\" \/>\n\t<meta property=\"og:image:type\" content=\"image\/jpeg\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Jan Brandt\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Geschrieben von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Jan Brandt\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"11\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"WebPage\",\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/\",\"url\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/\",\"name\":\"Bizim Bakkal: Spaziergang ins Herz des Widerstands\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#website\"},\"datePublished\":\"2015-07-07T09:16:47+00:00\",\"dateModified\":\"2015-10-05T13:59:12+00:00\",\"author\":{\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#\/schema\/person\/90a25f01a5b86f3cd104b7c3b02e897d\"},\"description\":\"In Berlin-Kreuzberg k\u00fcndigt ein Investor dem t\u00fcrkischen Lebensmittelladen Bizim Bakkal und entfesselt einen Sturm der Emp\u00f6rung.\",\"breadcrumb\":{\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/#breadcrumb\"},\"inLanguage\":\"de\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"ReadAction\",\"target\":[\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/\"]}]},{\"@type\":\"BreadcrumbList\",\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/#breadcrumb\",\"itemListElement\":[{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":1,\"name\":\"Startseite\",\"item\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/\"},{\"@type\":\"ListItem\",\"position\":2,\"name\":\"Wir sind das Gem\u00fcse\"}]},{\"@type\":\"WebSite\",\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#website\",\"url\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/\",\"name\":\"Freitext\",\"description\":\"Feld f\u00fcr literarisches Denken\",\"potentialAction\":[{\"@type\":\"SearchAction\",\"target\":{\"@type\":\"EntryPoint\",\"urlTemplate\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/?s={search_term_string}\"},\"query-input\":\"required name=search_term_string\"}],\"inLanguage\":\"de\"},{\"@type\":\"Person\",\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#\/schema\/person\/90a25f01a5b86f3cd104b7c3b02e897d\",\"name\":\"Jan Brandt\",\"image\":{\"@type\":\"ImageObject\",\"inLanguage\":\"de\",\"@id\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#\/schema\/person\/image\/\",\"url\":\"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/afa808e9f97228434f1bf447b2d7b9978716b266796568e1afc501614284c678?s=96&d=mm&r=g\",\"contentUrl\":\"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/afa808e9f97228434f1bf447b2d7b9978716b266796568e1afc501614284c678?s=96&d=mm&r=g\",\"caption\":\"Jan Brandt\"},\"description\":\"Jan Brandt, geboren 1974 in Leer, Ostfriesland. Mit seinem ersten Roman \\\"Gegen die Welt\\\", der im Jahr 2011 im Dumont Literaturverlag erschien, hat er ein Sittengem\u00e4lde der letzten Tage der Komfortzone Bundesrepublik der achtziger Jahre entworfen. Treibt sich seitdem \u00fcberall in der Welt herum, zuletzt in Kalifornien.\",\"url\":\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/author\/jan-brandt\/\"}]}<\/script>\n<!-- \/ Yoast SEO plugin. -->","yoast_head_json":{"title":"Bizim Bakkal: Spaziergang ins Herz des Widerstands","description":"In Berlin-Kreuzberg k\u00fcndigt ein Investor dem t\u00fcrkischen Lebensmittelladen Bizim Bakkal und entfesselt einen Sturm der Emp\u00f6rung.","robots":{"index":"index","follow":"follow","max-snippet":"max-snippet:-1","max-image-preview":"max-image-preview:large","max-video-preview":"max-video-preview:-1"},"canonical":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/","og_locale":"de_DE","og_type":"article","og_title":"Bizim Bakkal: Spaziergang ins Herz des Widerstands","og_description":"In Berlin-Kreuzberg k\u00fcndigt ein Investor dem t\u00fcrkischen Lebensmittelladen Bizim Bakkal und entfesselt einen Sturm der Emp\u00f6rung.","og_url":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/","og_site_name":"Freitext","article_published_time":"2015-07-07T09:16:47+00:00","article_modified_time":"2015-10-05T13:59:12+00:00","og_image":[{"width":580,"height":326,"url":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/07\/freitext-gemuese.jpg","type":"image\/jpeg"}],"author":"Jan Brandt","twitter_card":"summary_large_image","twitter_misc":{"Geschrieben von":"Jan Brandt","Gesch\u00e4tzte Lesezeit":"11\u00a0Minuten"},"schema":{"@context":"https:\/\/schema.org","@graph":[{"@type":"WebPage","@id":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/","url":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/","name":"Bizim Bakkal: Spaziergang ins Herz des Widerstands","isPartOf":{"@id":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#website"},"datePublished":"2015-07-07T09:16:47+00:00","dateModified":"2015-10-05T13:59:12+00:00","author":{"@id":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#\/schema\/person\/90a25f01a5b86f3cd104b7c3b02e897d"},"description":"In Berlin-Kreuzberg k\u00fcndigt ein Investor dem t\u00fcrkischen Lebensmittelladen Bizim Bakkal und entfesselt einen Sturm der Emp\u00f6rung.","breadcrumb":{"@id":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/#breadcrumb"},"inLanguage":"de","potentialAction":[{"@type":"ReadAction","target":["https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/"]}]},{"@type":"BreadcrumbList","@id":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/07\/bizim-bakkal-wrangelkiez-berlin\/#breadcrumb","itemListElement":[{"@type":"ListItem","position":1,"name":"Startseite","item":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/"},{"@type":"ListItem","position":2,"name":"Wir sind das Gem\u00fcse"}]},{"@type":"WebSite","@id":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#website","url":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/","name":"Freitext","description":"Feld f\u00fcr literarisches Denken","potentialAction":[{"@type":"SearchAction","target":{"@type":"EntryPoint","urlTemplate":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/?s={search_term_string}"},"query-input":"required name=search_term_string"}],"inLanguage":"de"},{"@type":"Person","@id":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#\/schema\/person\/90a25f01a5b86f3cd104b7c3b02e897d","name":"Jan Brandt","image":{"@type":"ImageObject","inLanguage":"de","@id":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/#\/schema\/person\/image\/","url":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/afa808e9f97228434f1bf447b2d7b9978716b266796568e1afc501614284c678?s=96&d=mm&r=g","contentUrl":"https:\/\/secure.gravatar.com\/avatar\/afa808e9f97228434f1bf447b2d7b9978716b266796568e1afc501614284c678?s=96&d=mm&r=g","caption":"Jan Brandt"},"description":"Jan Brandt, geboren 1974 in Leer, Ostfriesland. Mit seinem ersten Roman \"Gegen die Welt\", der im Jahr 2011 im Dumont Literaturverlag erschien, hat er ein Sittengem\u00e4lde der letzten Tage der Komfortzone Bundesrepublik der achtziger Jahre entworfen. Treibt sich seitdem \u00fcberall in der Welt herum, zuletzt in Kalifornien.","url":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/author\/jan-brandt\/"}]}},"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/07\/freitext-gemuese.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1925","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1000"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1925"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1925\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2613,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1925\/revisions\/2613"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1947"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1925"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1925"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1925"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}