{"id":1987,"date":"2015-07-14T10:40:29","date_gmt":"2015-07-14T08:40:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=1987"},"modified":"2015-07-14T15:08:59","modified_gmt":"2015-07-14T13:08:59","slug":"lachen-frauen-feminismus-ebmeyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/07\/14\/lachen-frauen-feminismus-ebmeyer\/","title":{"rendered":"Lasst uns \u00fcber Frauen lachen"},"content":{"rendered":"<p><strong>M\u00e4nner stempeln Frauen gern als humorfrei ab. Und den Feminismus gleich mit. Was f\u00fcr ein erb\u00e4rmlicher Versuch, mit der Angst vor dem anderen Geschlecht umzugehen.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_1992\" aria-describedby=\"caption-attachment-1992\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/07\/engelke.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1992 size-full\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/07\/engelke.jpg\" alt=\"Lasst uns \u00fcber Frauen lachen - Freitext\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/07\/engelke.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/07\/engelke-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1992\" class=\"wp-caption-text\">Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Lasst uns \u00fcber Frauen lachen. \u00dcber Frauen, die Witze machen. Witze \u00fcber Politik, \u00fcber Religion, \u00fcber M\u00e4nner, \u00fcber alles. Nat\u00fcrlich auch Witze \u00fcber sich selbst \u2013 die werden Frauen, die komisch sind, ja immer als erstes abverlangt. Damit M\u00e4nner, die nicht komisch sind, keine Angst haben m\u00fcssen. Denn \u00fcber sich selbst zu lachen gilt bei M\u00e4nnern, die nicht komisch sind, als hinreichender Nachweis von Schw\u00e4che, als Geste der Unterwerfung. Sodass sie die komischen Frauen dann gew\u00e4hren lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ja, die M\u00e4nner, die nicht komisch sind: Gei\u00dfel der Menschheit. Und eine von deren Lieblingsvokabeln, wenn sie \u00fcber Frauen reden, ist &#8222;humorfrei&#8220;.<!--more--><\/p>\n<p>Doch ehe wir selbst schon wieder \u00fcber M\u00e4nner reden, lasst uns \u00fcber Frauen lachen. Zum Beispiel \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8Gfg4OMrqCU\">Sarah Silverman<\/a>. \u00dcber <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=nI7lvdYjrfo\">Tina Fey<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=DB731eP15UU\">Amy Poehler<\/a>. \u00dcber <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gyhmaeeJS20\">Carrie Brownstein<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=eMPYpJbhAkU\">Desiree Akhavan<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Qgn58OZ3hDQ\">Amy Schumer<\/a>. Und immer wieder \u00fcber <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=V8MK2vSXDdE\">Ellen DeGeneres<\/a>, durch deren Show all die anderen tingeln und deren Verdienste um das Komische \u2013 in ihrer Doppelfunktion als Grande Dame und guter Geist des US-Comedy-Universums \u2013 unermesslich sind.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens nicht nur <em>very funny<\/em>, diese Ellen DeGeneres, sondern auch lesbisch und Veganerin. F\u00fcr konservativ gesch\u00e4tzt 85% der Deutschen liegt diese Kombination noch heute au\u00dferhalb des Vorstellbaren.<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich war das eben Namedropping, aber bitte gebt, falls ihr es nicht l\u00e4ngst getan habt, einfach jeden der Namen einmal bei YouTube ein. Dann ist der Tag zwar gelaufen, aber ihr habt gelacht wie schon lange nicht mehr. Und ja, lasst uns meinetwegen beklagen, dass ein \u00e4hnlich beeindruckendes und prominent platziertes Panorama an weiblicher Komik in der deutschsprachigen Fernseh-, Film und B\u00fchnenlandschaft nicht geboten ist. Bisher.<\/p>\n<p>Wobei, wir haben ja zum Beispiel <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=w7yVXG4t6Ng\">Anke Engelke<\/a>. Fast jede Folge <em>Ladykracher<\/em> war ein Fest. Aber klar, dass so eine Sendung hier nicht einfach &#8222;Kracher&#8220; hei\u00dfen kann. Wenn die Lady es krachen l\u00e4sst und nicht der Typ, muss das eben immer noch als Ausnahme markiert werden.<\/p>\n<p><em>Ladies <\/em>ist \u00fcberhaupt die Parole f\u00fcr komische Frauen im deutschen Fernsehen. Seit immerhin Mai 2007 f\u00fchrt <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=4ilNorJlueE\">Gerburg Jahnke<\/a> im WDR regelm\u00e4\u00dfig durch die <em>Ladies Nigh<\/em>t. Und wie hei\u00dft es dazu beim Sender? &#8222;Geballte Frauenpower, wenn Gerburg Jahnke zu ihrer &#8218;Ladies Night&#8216; einl\u00e4dt. Im K\u00f6lner Gloria-Theater pr\u00e4sentiert sie wieder hochkar\u00e4tige &#8218;G\u00e4stinnen&#8216;, die mit ihrer rein weiblichen Sicht auf die Dinge garantiert auch die M\u00e4nnerwelt begeistern werden.&#8220;<\/p>\n<p>Witze machende Frauen unter sich. Im deutschen TV. Wie soll die M\u00e4nnerwelt das verkraften? Auch nach acht Jahren wird das Format als Experiment gehandelt, als etwas irgendwie Mutiges oder gelinde Abseitiges: etwas, das mit Keine-Angst,-wir-sind-blo\u00df-doof-Vokabular (&#8222;geballte Frauenpower&#8220;) und Verballhornungen eines <em>gegenderten<\/em> Sprachgebrauchs (&#8222;G\u00e4stinnen&#8220;) beworben und auf jeden Fall den Herren dann noch gesondert schmackhaft gemacht werden muss.<\/p>\n<p>Weithin gilt Komik in Deutschland eben nach wie vor als M\u00e4nnersache und die komische Frau als Betriebsunfall. Die Zeit, als f\u00fcr sie blo\u00df zwei Rollen zur Verf\u00fcgung standen \u2013 die Ulknudel oder die lustige Alte, beide f\u00fcr M\u00e4nner zutiefst unbedrohlich \u2013, ist zwar vorbei, wirft aber einen langen Schatten. Der f\u00e4llt sogar auf <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8ghHeMAOi6w\">Martina Hill <\/a>(<em>Knallerfrauen<\/em>, auch so ein Titel, in dem die Grenzziehung zwischen komisch und weiblich noch nachwirkt). Und wenn Carolin Kebekus ihm entgeht, dann nur, weil sie unglaublich gut ist. Besser als all die M\u00e4nner in der Branche; in ihren Sternstunden \u2013 zum Beispiel bei der &#8222;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EzL-iQFh-u0\">Karriereprothese<\/a>&#8220; \u2013 sogar einen Tick besser als <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WinDf_5G9Ps\">Jan B\u00f6hmermann<\/a>.<\/p>\n<p>Was das bedeutet, bringt ihr <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sM0nq82pV0M\">Badesketch<\/a>, in dem sie zusammen mit Anke Engelke auftritt, auf den Punkt. Die \u00c4ltere steigt zur J\u00fcngeren in die Wanne und legt ihr sardonisch dar, welche B\u00fcrde sie sich als &#8222;die neue Comedy-P\u00e4pstin&#8220; aufgehalst habe: &#8222;Du bist jetzt Rosa Luxemburg, Jeanne d\u2019Arc und Andrea Nahles, vereint zu einer monstr\u00f6sen Mutter-Mumu.&#8220; Die Show von Carolin Kebekus hei\u00dft Pussy-Terror-TV.<\/p>\n<p>Nun jedoch wollen wir uns kurz humorfrei nehmen. Also zur\u00fcckkommen zu den M\u00e4nnern, die nicht komisch sind. Dabei wechseln wir auch das Medium, denn ihr \u00fcppigstes Biotop haben die M\u00e4nner, die nicht komisch sind, im konservativen Feuilleton. Das war immer schon so, daf\u00fcr wurde das konservative Feuilleton schlie\u00dflich erfunden, und daran \u00e4ndert bislang auch die gro\u00dfe Printkrise nichts. Anders geworden ist seit Ende der Neunziger nur, dass sie sich dort selbst f\u00fcr komisch halten. F\u00fcr zum Br\u00fcllen komisch sogar. Aber sie halten sich auch f\u00fcr Pop, wenn ihnen das gerade angeraten scheint, und sie halten sich sogar f\u00fcr Avantgarde.<\/p>\n<p>Der findige Aktivist, der diese verdrehte Selbstwahrnehmung herrenclubf\u00e4hig gemacht hat, hei\u00dft <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2014-11\/lann-hornscheidt-feminismus-gender-maenner-polemik\">Ulf Poschardt<\/a>. \u00dcber ihn herziehen mag ich aber nicht, denn erstens finde ich, das haben schon genug andere getan, zweitens nervt er zwar furchtbar, aber er liebt den Diskurs. Die Debatte. Er liebt sie so sehr, dass er sich daf\u00fcr auch als Pr\u00fcgelknabe hergibt.<\/p>\n<p>Eigentlich war mit dem Rattelschneck-Strip <em>Ulf Poschardt beim Gro\u00dfen Meister<\/em> schon vor zehn Jahren alles \u00fcber ihn gesagt (der Text dazu ging so: &#8222;[UP]: Guten Tag, ich hei\u00dfe Ulf Poschardt und bin neokonservativ. Mein Problem: Die Leute lachen \u00fcber mich. [Meister]: Du musst daf\u00fcr sorgen, dass die richtigen Leute \u00fcber dich lachen. [UP]: Soll ich mich Posch Ulfardt nennen? [Meister]: HAHAHA&#8220;). Wenn er seine endlose Romanze mit dem Neoliberalismus dennoch unter hoher Anteilnahme der \u00d6ffentlichkeit weiter ausleben und inzwischen sogar wieder &#8222;Themen setzen&#8220; kann, ist daran ja nicht er selbst schuld.<\/p>\n<p>Wenn aber nun aus dem Biotop der nicht komischen M\u00e4nner heraus eine Feminismusdebatte lautstark mit der These &#8222;Gleichberechtigung ist uncool&#8220; bespielt wird, w\u00e4hrend die potenziellen Kalenderm\u00e4dchen aus dem Redaktionsdunstkreis \u2013 wow, wie frech und anders und sexy, was brauchen wir da noch Emanzipation! \u2013 die SUV-Rhapsodien f\u00fcr die Autoseiten schreiben d\u00fcrfen, dann ist dringend Paroli geboten.<\/p>\n<p>Die Kampagnen aus dem Biotop folgen einer Taktik, die sich als reaktion\u00e4re Bodenlosigkeit beschreiben l\u00e4sst. Sie bedient sich einiger Kunstgriffe aus dem Fundus der romantischen Ironie, um spielerisch und ungreifbar (&#8222;unideologisch&#8220;) zu erscheinen. Hinter der legeren Pose aber pflanzt sich ein Denken fort, das in so wahnhaften wie hinterh\u00e4ltigen Schlagworten wie &#8222;links\u00f6kologische Diskurspolizei&#8220;, &#8222;Gewissensmonopol&#8220; oder &#8222;Staatsfeminismus&#8220; aush\u00e4rtet; immer getreu der alten Werbermaxime, dass man den gr\u00f6\u00dften Schwachsinn nur genug aufplustern und penetrant wiederholen muss, damit die Leute ihn irgendwann glauben.<\/p>\n<p>Und &#8222;humorfrei!&#8220; kr\u00e4ht diese Rhetorik gerne da, wo sie einer anderen Sicht argumentativ wenig entgegenzusetzen hat; diskreditieren geht dann nat\u00fcrlich immer noch. Ach ja: &#8222;Humorfrei&#8220; statt &#8222;humorlos&#8220; hei\u00dft es, weil das irgendwie frischer, schnodderiger klingt.<\/p>\n<p>Wenn aber weite Teile der Gesellschaft, sei es aus Lethargie, Resignation oder Verblendung, solchen propagandistischen Hirngespinsten auf den Leim zu gehen drohen, brauchen wir Gegenmittel. Und die finden wir am ehesten bei den komischen Frauen. Oder wie Carolin Kebekus sagt: &#8222;Nat\u00fcrlich bin ich Feministin.&#8220;<\/p>\n<p>Und nat\u00fcrlich finden wir die komischen Frauen heute nicht nur auf den Comedyb\u00fchnen. Sogar unter den Belletristikerinnen tummeln sie sich, dass es eine Freude ist. Viel ist ja \u00fcber die beispiellose Zehn-zu-vier-Ratio zwischen Frauen und M\u00e4nnern beim diesj\u00e4hrigen Bachmannpreis-Wettlesen geschrieben worden. Noch nicht genug aber dar\u00fcber, dass wiederum vier dieser zehn Autorinnen ziemlich komische Texte vortrugen: Nora Gomringer, Monique Schwitter, Teresa Pr\u00e4auer und Dana Grigorcea. Wenn das kein Grund zum F\u00fcrchten ist, M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Dass dann der komischste dieser Texte \u2013 der von Teresa Pr\u00e4auer, der obendrein als Einziger das Mann-Frau-Ding frontal anging \u2013 bei drei Stichwahlen unterlag und unpr\u00e4miert blieb, ist sehr schade, aber vielleicht auch wieder irgendwie komisch.<\/p>\n<p>Apropos: Sollte ich ohne jeden Quotengedanken den komischsten deutschsprachigen Roman der letzten zehn Jahre benennen, w\u00fcrde ich sagen, <em>Die sch\u00e4rfsten Gerichte der tatarischen K\u00fcche<\/em> von Alina Bronsky.<\/p>\n<p>Lasst uns \u00fcber Frauen lachen. Und die Trompeter der reaktion\u00e4ren Bodenlosigkeit nackig machen.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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