{"id":2121,"date":"2015-08-10T06:00:58","date_gmt":"2015-08-10T04:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2121"},"modified":"2015-08-06T14:40:29","modified_gmt":"2015-08-06T12:40:29","slug":"nackt-russinnen-istanbul-zaimoglu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/08\/10\/nackt-russinnen-istanbul-zaimoglu\/","title":{"rendered":"Defilee der halbnackten Terrassendamen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Kellner in Istanbul bittet, nicht immerzu an den Stringtangabikinis zu zupfen. Ist der entbl\u00f6\u00dfte Arsch der Russin das Fleisch des Fortschritts? Das Fax der Woche<\/strong><\/p>\n<p>Der Heimkehrer steckt in der Rattenfalle. Es wird nicht besser werden, es wird nicht. Goldtaler regnen vom Himmel. Vor knapp zwei Jahren zog Mustafa von Berlin nach Istanbul, er glaubte an den scharfen Schnitt, an den harten Wechsel. Die Deutscht\u00fcrken in der Szenenkneipe hatten gejauchzt und gejubelt: Das ist herrlich, Mustafa, du wirst in unserer Heimat gedeihen! Er gedieh nicht, er schrumpfte, er f\u00fchlte sich ganz und gar nicht gesegnet. Die Hippen der Stadt pfiffen auf ihn, sie hatten das Meer, den Himmel, und gro\u00dfe Dichter, die das Meer und den Himmel besangen. Mustafa, das Musterm\u00e4nnchen, langweilte sie.<\/p>\n<p>L\u00e4rm, L\u00e4hmung und Legenden, das war f\u00fcr ihn der Orient, man musste gr\u00fcndlich aufr\u00e4umen, alles Brackige und Br\u00f6ckelnde verschwinden lassen. Die neuen Freunde sagten: Geh doch r\u00fcber, wenn&#8217;s dir bei uns nicht gef\u00e4llt, geh&#8216; doch wieder zur\u00fcck, und stutz&#8216; dort die Hecken. Seitdem h\u00e4ngt er sich an jeden Gast aus Deutschland. Jetzt starrt er auf die Bonsai-Mandarinenb\u00e4ume in den wei\u00dfen \u00dcbert\u00f6pfen. Auf einem Schild am Spie\u00df ist zu lesen, dass der Verzehr der Fr\u00fcchte nicht empfohlen wird, sie sind mit Pestiziden bespr\u00fcht. Sch\u00f6ne Aussicht auf den Bosporus. <!--more--><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2122\" aria-describedby=\"caption-attachment-2122\" style=\"width: 150px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/08\/feridun-istanbul-3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-2122\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/08\/feridun-istanbul-3-150x150.jpg\" alt=\"Faksimile des Faxes von Feridun Zaimoglu\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2122\" class=\"wp-caption-text\">Faksimile des Faxes von Feridun Zaimoglu<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Containerschiffe und \u00d6ltanker ziehen vorbei. M\u00f6wen im Gleitflug \u00fcber den D\u00e4chern. Auf der benachbarten Terrasse spielen eine Fl\u00f6tistin und ein Gitarrist den Touristen zur besseren Verdauung melodische St\u00fccke vor. Byzantinisches Licht, osmanische Melancholie. Halbnackte Russinnen auf den Sonnenliegen, es sind Nataschas auf M\u00e4nnerfang, Porno-Musen, die auf reiche Muselmanen setzen. Der Kellner bittet sie h\u00f6flich darum, nicht allzu laut zu schnattern und nicht allzu oft an ihren Stringtangabikinis zu zupfen. Die deutschen, d\u00e4nischen und spanischen Damen f\u00fchlen sich bel\u00e4stigt. Die Nataschas laufen rot an, schlingen transparente Strandt\u00fccher um die H\u00fcften. Der Heimkehrer braust auf, er schimpft \u00fcber die r\u00fcckst\u00e4ndigen T\u00fcrken.<\/p>\n<p>Ich sage: Ist der nackte Arsch einer Russin das Fleisch des Fortschritts? Jetzt hat er endlich den idealen Reaktion\u00e4r gefunden, auf den er einhacken kann. Komisch sind die M\u00e4nner, die das Recht der Frau auf teilweise oder vollst\u00e4ndige Entbl\u00f6\u00dfung verteidigen. Wof\u00fcr gibt es FKK-Str\u00e4nde? Ist die d\u00e4nische Dame auf der Dachterrasse eine Evangelikale, nur weil sie auf Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit besteht? Mustafa besteht auf der Einhaltung der Regeln \u2013 welcher Regeln? Es m\u00fcsse \u00fcberall erlaubt sein, sich auszuziehen, Nacktheit sei ein Menschenrecht, die Schwarzverh\u00fcllten auf den Stra\u00dfen drehten ihm den Magen um, sie seien Augenpest und Seelencholera\u2026<\/p>\n<p>Ein halbgebildeter Berliner Strizzi macht den Volkserzieher. Er l\u00e4chelt die Russinnen an, die ihn kurz mustern, und sich aber abwenden. Sie pfeifen auf einen halben Kerl ohne Rolex am Handgelenk. Mustafa sagt: Schau, wie wir mit Frauen umgehen. Was werden sie erz\u00e4hlen, wenn sie heimkehren? Ich sage: Geh doch r\u00fcber zu Putin, Junge\u2026 Abendd\u00e4mmer, das Wasser kr\u00e4uselt sich, in der Ferne ragen die Prinzeninseln wie kleine Buckel auf. Defilee der halbnackten Terrassendamen, ein leichter Wind ist aufgekommen, sie fr\u00f6steln. Wie zuf\u00e4llig f\u00e4llt ein Strandtuch auf den Boden.<\/p>\n<p>Mustafa, der Fu\u00dfsoldat der Aufkl\u00e4rung, springt auf, greift zum Tuch, gibt es der Russin mit den knallrot lackierten Finger-und Zehenn\u00e4geln. Ist das der Beginn einer interkontinentalen Liebe? Wird sie dem galligen Buben einen sanften Kuss auf die Backe dr\u00fccken? Wird er dann auf die Knie sinken, und das Lied mitpfeifen, das die Fl\u00f6tistin und der Gitarrist gerade spielen? Ich setze zu einem sachten Applaus an, aber die Russin rei\u00dft Mustafa das Tuch aus den H\u00e4nden und stapft schnatternd davon. Der Heimkehrer ragt im Abendd\u00e4mmer wie eine Fahnenstange ohne Fahne auf. Wer spricht ein tr\u00f6stendes Wort? Nicht die D\u00e4ninnen, nicht die deutschen Damen, nicht die Spanierinnen, nicht ich. Die Frauen sp\u00e4hen l\u00e4chelnd in die Ferne, ich lausche den M\u00e4nnern, die das Gebet ausrufen.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kellner in Istanbul bittet, nicht immerzu an den Stringtangabikinis zu zupfen. Ist der entbl\u00f6\u00dfte Arsch der Russin das Fleisch des Fortschritts? 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