{"id":2135,"date":"2015-08-07T06:00:52","date_gmt":"2015-08-07T04:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2135"},"modified":"2015-09-06T21:09:48","modified_gmt":"2015-09-06T19:09:48","slug":"teneriffa-franco-diktatur-mahlke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/08\/07\/teneriffa-franco-diktatur-mahlke\/","title":{"rendered":"Die Verschwundenen von Teneriffa"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zikaden, Orangenb\u00e4ume, Sonnenunterg\u00e4nge. Teneriffa versteht sich darauf, die Kitschmaschine anzuwerfen. Aber wer genauer hinsieht, st\u00f6\u00dft auf die Abgr\u00fcnde der Franco-Zeit.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2144\" aria-describedby=\"caption-attachment-2144\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/08\/teneriffa.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2144 size-full\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/08\/teneriffa.jpg\" alt=\"Die Verschwundenen von Teneriffa - Freitext\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/08\/teneriffa.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/08\/teneriffa-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2144\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Oliver Elm\/Wikimedia Commons<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Wir kennen uns seit Langem, die Insel und ich. Die Insel hat viele Talente. Sie hat ein unfehlbares Gesp\u00fcr f\u00fcr Timing, kann Spannungsb\u00f6gen aufbauen, wie wenige andere Orte, liebt Reihungen, neigt zu Knalleffekten. Darum klemmt morgens nach dem Aufwachen der Fensterladen, und wenn er endlich nachgibt, rieselt beim Aufschwingen hellbraunes Holzpulver, Termiten, in einem akkuraten Viertelkreis auf die Bettdecke. Darum steht drau\u00dfen, im Nachbargarten, ein Mann zwischen den Orangenb\u00e4umen und h\u00e4lt eine Flinte. Und weil die Insel gerne ein wenig dick auftr\u00e4gt, beugt der Mann seine Knie, macht zwei schleichende Schritte, h\u00e4lt inne und legt an. Der Knall ist leiser als erwartet, wenige Meter von ihm entfernt explodiert etwas Kleines zu Blut und stiebenden Haaren.<\/p>\n<p>Wenig Schlaf letzte Nacht, die Frau hat wieder stundenlang &#8222;Dani\u00e8l&#8220; geschrien, sie wohnt in dem H\u00e4userblock gegen\u00fcber der Auffahrt, &#8222;Dani\u00e8l, komm her&#8220;, schreit sie, &#8222;bitte&#8220;, immer in der gleichen Tonlage. Das Wasser kocht, steigt in der Cafetera hoch, die Insel gibt keine Ruhe. Die Katzen haben ein Tier in den Patio getrieben, sitzen vor den Blument\u00f6pfen, versuchen mit den Pfoten dahinter zu langen. Du kriegst mich nicht, sage ich zur Insel, darauf falle ich nicht rein, ich sehe nicht nach. Im Garten bl\u00fchen die Strelitzien, ebenso der Wachsblumenbaum, und weil die Insel einen Hang zum \u00dcbertreiben hat, f\u00e4ngt beim ersten Schluck Kaffee die Dani\u00e8l-Frau wieder an. Ged\u00e4mpfter als in der Nacht, da stand sie am offenen Fenster und rauchte w\u00e4hrend sie schrie, zwischen orangefarbenen, sich im Luftzug bl\u00e4henden Vorh\u00e4ngen. Im Patio wird es kurz hektisch, dann sehr ruhig, die Katzen kommen mit gem\u00e4chlich langen Schritten in den Garten.<!--more--><\/p>\n<p>Abgetrennte Eidechsenschw\u00e4nze bewegen sich weiter, drehen sich in spastischen Muskelzuckungen um die eigene Achse. Zwei sind es, sie winden sich auf dem schwarz-wei\u00dfen Schachbrettmuster der Patiofliesen, einer am Eingang, der andere bei den Blument\u00f6pfen. Danke, sage ich zur Insel, das ist reine Effekthascherei. Ich dachte, sie w\u00e4re fertig. Doch da knallt es, unendlich viel lauter als die Flinte vorhin, so, dass man es in den Z\u00e4hnen f\u00fchlt, die Gl\u00e4ser auf dem Abtropfgitter in der K\u00fcche klirren. Die Dani\u00e8l-Frau schweigt endlich. Das war ihr Fenster, denke ich, als ich unten vor der Auffahrt stehe, die orange Gardine h\u00e4ngt in den Akazien, Kunststoffscheibensplitter \u00fcberall. Du gehst zu weit, sage ich zur Insel, viel zu weit, in dem Moment traue ich ihr alles zu. Aber die Dani\u00e8l-Frau sitzt unten auf der Plaza, zwei Sanit\u00e4ter rechts und links, der Schnitt an ihrem Oberarm bereits versorgt, eine Propangasflasche war explodiert.<\/p>\n<p>Die Insel ist eine Drama Queen, alles ist immer ein wenig so, als w\u00fcrde es von Lola Flores gesungen. Nie gem\u00e4\u00dfigt, immer pathetisch. S\u00e4mtliche Vegetationszonen sind auf der Insel vertreten, steht in jedem Reisef\u00fchrer, wie sollte sie da sanft sein. Eigentlich h\u00e4tte ich nicht gedacht, dass sie mich noch \u00fcberraschen k\u00f6nnte. Sie ist ein wenig ein one trick Pony, habe ich gedacht, tote Tiere w\u00e4ren ihr Ding. Die Insel versteckt sich gerne hinter dem ganzen Tamtam.<\/p>\n<p><strong>Durruti, Internationale Brigaden, Hemingway<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df alles \u00fcber sie, habe ich gedacht. Neben der Auffahrt wachsen wildes Zuckerrohr und Kakteen, die <em>Chumberas<\/em> hei\u00dfen, auf denen umgeben von einem mehligen Pulver <em>Cochinilla<\/em>, Schildl\u00e4use, leben. Als Kinder haben wir sie mit Schraubenziehern abgekratzt in einem Eimer gesammelt und zu purpurroten Tropfen zerdr\u00fcckt. Ich bin unz\u00e4hlige Male auf dem Weg nach Las Teresitas am Colegio La Salle vorbeigefahren, habe auf dem R\u00fccksitz Polvorones gegessen oder mit meiner Schwester gestritten. Las Teresitas ist ein wei\u00dfer Sandstrand, mit reichlich Parkpl\u00e4tzen im Palmenschatten, Duschen alle hundert Meter. Barbuden, in denen man mittlerweile auch sitzen kann, der Fernseher l\u00e4uft, alle sind Hangover, Sonnenbrillen, blondierte Haare, Liegestuhlverleih, Jetski-Verleih, Bierkastenstapel mit leeren Flaschen, die auf Abholung warten, es riecht nach Limetten und Delial-Sonnenmilch. Ich war dabei, als die Insel beim Putsch 81 panisch die Luft anhielt, Stra\u00dfen leer, Rolll\u00e4den heruntergelassen, was macht die Guardia Civil? \u2013 w\u00e4hrend in Madrid auf den wei\u00dfen Elefanten gewartet wurde. Ich wei\u00df, wo man eine Meldebest\u00e4tigung beantragt und welche Grundsteuern zu zahlen sind. Der Bauboom der 2000er Jahre hat die Insel mit den unvermeidlichen Pastellt\u00f6nen neuer Wohnsiedlungen bedeckt, in denen seit der Krise nachts die Stra\u00dfenlaternen leuchten und nur noch vereinzelt ein Fenster. Die Insel ist nicht unbedingt ansehnlicher geworden in den letzten Jahren, aber ich dachte, ich wei\u00df alles \u00fcber sie.<\/p>\n<p>Erst besiedelt von den Guanchen, jungsteinzeitliche Kultur berberischen Ursprungs, dann kamen die Spanier, aus der Zeit stammen die Kl\u00f6ster von La Laguna, sie waren mal mein Abz\u00e4hlreim. Santo Domingo, San Augustin, Santa Clara. Unesco Weltkulturerbe, touristisch gut erschlossen. Und danach geschah vierhundert Jahre nichts, friedliche Inseln mit Palmen und Vulkan im Atlantik, vierhundert Jahre Fischerei und Landwirtschaft. H\u00f6chstens noch ein wenig Anekdotisches. Columbus was here, Sep 1492. Nelson hat vor Santa Cruz seinen Arm verloren. Alexander von Humboldt Tage damit verbracht, den Aussichtspunkt zu finden, von dem man ihn am Besten dabei beobachten konnte, wie er den Teide bestieg. Er lie\u00df die feine Gesellschaft der Insel mit Kutschen dorthin bringen, verteilte Ferngl\u00e4ser und machte sich auf den Weg.<\/p>\n<p>Spanischer B\u00fcrgerkrieg? Klar, Buenaventura Durruti, Anarchosyndicalimso, Barcelona, Schlacht am Ebro, internationale Brigaden, Hemingway, Legion Condor, Guernica, Picasso.<\/p>\n<p>Du musst verstehen, sage ich zur Insel, bevor man auf dir landet, fliegt man zwei scharfe Kurven. Bei der ersten sieht man nichts als Meer, bei der zweiten einen gelblichen Saum Str\u00e4nde, und dahinter, dicht an dicht, die W\u00fcrfelstapel der Hotels, Apartmentanlagen. Von oben sieht deine S\u00fcdwesth\u00e4lfte aus, als w\u00e4re sie von einer wei\u00dfen kristallinen Kruste bedeckt, ein mehrere Quadratkilometer gro\u00dfer Streifen, in dem kein Geb\u00e4ude \u00e4lter ist als 40 Jahre, st\u00e4ndig modernisiert, den Erwartungen angepasst, k\u00fcnstlich neu gehalten. Fr\u00fcher gab es hier Fischerd\u00f6rfer, ich wei\u00df, aber von denen ist nichts \u00fcbrig. Niemand lebt in einer Hotelsiedlung l\u00e4nger als drei Wochen, sie sind gesichts-, geschichts- und gesellschaftslos, darum unterliegt man leicht dem Irrtum\u2026<\/p>\n<p><strong>Bekehrung oder Sklaverei<\/strong><\/p>\n<p>Deine Mutter ist aus La Laguna, unterbricht mich die Insel, du hast die Ferien bei deinen Gro\u00dfeltern verbracht, in den letzten Jahren warst du monatelang hier, rede dich nicht raus.<\/p>\n<p>Dein Tamtam macht es schwer, du versteckst dich hinter Knalleffekten, Kakteen und Palmen. Man verliert das Wesentliche aus den Augen, versuche ich mich zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Die Drama Queen, ach ja, so inszenierst du mich gerne in deinen Texten, entgegnet die Insel.<\/p>\n<p>Ich schiele einige Zeilen nach oben und sch\u00e4me mich ein wenig.<\/p>\n<p>Und dieses tiefe, j\u00e4h stockende Atemholen, deine Gro\u00dfmutter, wenn sie die Guardia Civil sah, ihr: wosinddieKinder-sofortinsHaus \u2013 war das auch Tamtam? Du d\u00fcnkelst dich doch sonst geschichtsbeflissen, sagt die Insel s\u00fcffisant.<\/p>\n<p>Du hast recht, versuche ich die Insel zu beschwichtigen, aber so einfach ist das nicht.<\/p>\n<p>Du h\u00e4ttest wenigstens mal fragen k\u00f6nnen, sagt sie.<\/p>\n<p>Wir streiten eine Weile dar\u00fcber, wie ignorant ich bin.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte dar\u00fcber schreiben, schlage ich vor.<\/p>\n<p>Blo\u00df nicht, entgegnet die Insel. Und warum \u00fcberhaupt? Weil das Wort Konzentrationslager so sch\u00f6n reinhaut, am Besten gekoppelt mit einer Kindheitserinnerung, der Kontrast verst\u00e4rkt die Wirkung?<\/p>\n<p>Schreiben ist benutzen, liebe Insel, ist dem Stoff eine Funktion im Text zuweisen, ihn zurecht dr\u00fccken, bis er ins Konzept passt, und jetzt sei still, du bist hier nur Objekt.<\/p>\n<p>Die Insel war eine Kolonie. Mit allen Konsequenzen, die es bedeutete im 15. Jahrhundert eine spanische Kolonie zu werden. Das Land ging in den Privatbesitz der Konquistadoren \u00fcber, die spanische Krone bekam ihren Anteil, die Guanchen durften zwischen Bekehrung und Sklaverei w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Die Bev\u00f6lkerung wurde durch Siedler wieder aufgef\u00fcllt, Feudalsystem, Landeigner und Landarbeiter, 1 zu 99, die Standesgrenzen undurchl\u00e4ssig, daran \u00e4nderte sich auch in den folgenden Jahrhunderten nichts. Die Wirtschaft war gepr\u00e4gt durch den Anbau von Monokulturen, bei 100Prozent Exportabh\u00e4ngigkeit. Die erste war Zuckerrohr, die Preise brachen ein, als Kuba in den Markt einstieg, Hungersnot, Aufst\u00e4nde, gewaltsam niedergeschlagen. Danach kam Weinanbau, der Markt brach zusammen, als nach der Niederlage Napoleons die kontinentaleurop\u00e4ische Hafenblockade aufgehoben wurde, Hungersnot, Aufst\u00e4nde, gewaltsam niedergeschlagen. Die <em>Chumberas<\/em> mitsamt der <em>Cochinilla<\/em> wurden aus Mexiko eingef\u00fchrt, Karmin hie\u00df das Rot das aus den L\u00e4usen gewonnen wurde, bis zur Entwicklung synthetischer Farbstoffe, Hungersnot, Aufst\u00e4nde gewaltsam niedergeschlagen. Bananen und Tomaten folgten, die ersten vorgewerkschaftlichen Arbeiterorganisationen entstanden in den 1870er Jahren. Die Gruppe der Oligarchen erweiterte sich zeitgleich um diejenigen, die durch den Au\u00dfenhandel zu Verm\u00f6gen kamen (Schiffseigner etc). In den gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten bildete sich eine kleine liberale Mittelschicht heraus, eine Kunstszene. Es gab mehrere Versuche unabh\u00e4ngig zu werden unter britischem Protektorat, 70 Prozent der Exporte gingen dorthin, nur 4 Prozent nach Spanien, ein Teil der Oberschicht sprach englisch und verhielt sich, als s\u00e4\u00dfen sie im Athen\u00e4um. In den 1930er Jahren gerieten die Bananenpreise unter Druck, Hungersnot, Aufst\u00e4nde, der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Arbeiter war mittlerweile hoch, die zweite Republik wurde frenetisch begr\u00fc\u00dft. Und entt\u00e4uschte, keine Landreform, die Bananenpreise blieben niedrig, die Oligarchen sammelten sich in den rechten Parteien, der Druck entlud sich in Konfrontationen zwischen Arbeitern und faschistischen Organisationen. Der 18. Juli 1936, der Tag des Milit\u00e4rputsches, verlief trotzdem verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ruhig. Die auf der Insel stationierten Armeeeinheiten schlossen sich dem Coup an, die D\u00f6rfer bewaffneten sich, den Truppen hatten sie nichts entgegenzusetzen, die \u00dcberlebenden flohen in die Berge.<\/p>\n<p><strong>Links, st\u00f6rrisch, unzivilisiert<\/strong><\/p>\n<p>Es gab keine weiteren milit\u00e4rischen Auseinandersetzungen auf der Insel, aber Tausende Tote in den n\u00e4chsten Monaten. Links, st\u00f6rrisch, unzivilisiert, nach Unabh\u00e4ngigkeit strebend, die Einheit Spaniens bedrohend, die Repression, der Terror setzte sofort ein, Amtstr\u00e4ger der Republik, K\u00fcnstler, Gewerkschafter, Parteifunktion\u00e4re wurden verhaftet.<\/p>\n<p>Fyffes Ltd. war ein irischer Bananenexporteur, im September 1936 konfiszierten die Putschisten dessen Lagerhallen, ins Ged\u00e4chtnis der Bev\u00f6lkerung unter dem Namen Los Salones de Faifes eingeschrieben. Drei Geb\u00e4ude, ehemals f\u00fcr 400 H\u00e4ftlinge ausgelegt, im Februar 1937 waren es bereits 1.200. Enge, Hitze, unzureichende sanit\u00e4re Anlagen, Wassermangel, Krankheitsepidemien, Schuhsohlensuppe. Es gab einen abgetrennten Bereich f\u00fcr die offiziell zum Tode verurteilten, die vor aller Augen f\u00fcsiliert wurden, und es gab die Sacas. Sacar bedeutet herausholen, nachts kam die Falange, die Guardia, mit Listen und rief Namen auf. Verlud die Menschen auf Lastwagen, erschoss sie in irgendwelchen Barrancos, st\u00fcrzte sie von den Klippen oder brachte sie zum Hafen, an die Str\u00e4nde, nach Las Terecitas zum Beispiel, auf spezielle Boote ohne Motor und aufs Meer hinaus, wo sie ins Wasser geworfen wurden. Das sind die Verschwundenen, Los Desaparecidos, wie viele es genau waren, ist bis heute ungekl\u00e4rt, Sch\u00e4tzungen gehen von \u00fcber Tausend aus. Es gab weitere Lager, kleinere, es gab die Prision Flotante, Gef\u00e4ngnissschiffe, die inmitten der Kreuzfahrtdampfer fuhren.<\/p>\n<p>Wer fragt, erh\u00e4lt Antworten. Die Alten erz\u00e4hlen. Von den Perdidos, den Verlorengegangenen, die sich in den Bergen versteckten, frierend und hungernd, ihre genaue Anzahl ist ungekl\u00e4rt. Nachts gingen sie in die D\u00f6rfer, ihr m\u00fcsst euch wehren, schrien sie, ihr m\u00fcsst k\u00e4mpfen, sie bringen uns alle um. Niemand ist zu ihnen gegangen, die Guardia hat diejenigen, derer sie habhaft wurde, in den folgenden N\u00e4chten begleitet, um zu sehen, wer half. Von Denunziation erz\u00e4hlen sie. Dass klar war, dass man im Dunkeln die Stra\u00dfen nicht benutzte, sondern sich durchs Unterholz tastete. Dass klar war, was ein laut aufgedrehtes Radio bedeutete. Wenn jemand abends nicht zum Essen kam, konnte er Gl\u00fcck gehabt haben, und am n\u00e4chsten Tag am Stra\u00dfenrand wieder auftauchen, Alltagsterror, willk\u00fcrlich mitgenommen werden, zusammengeschlagen werden, irgendwo ausgesetzt werden. Wer konnte, ging ins Exil, auf klapprigen Booten nach Marokko.<\/p>\n<p>Aus der Oberschicht erwischte es diejenigen, die Cheers nicht rasch genug gegen Por la patria austauschten, Stra\u00dfen wurden unbenannt, Br\u00e4uche, die nicht spanisch genug waren, verboten. Und irgendwann kehrte Ruhe ein, die Bev\u00f6lkerung schockstarr, das Franco Regime fest etabliert, Fyffes wurde aufgel\u00f6st. Auf dem Gel\u00e4nde wurde das Colegio la Salle gebaut. Der Hunger blieb, bis das Franco Regime in den 1960ern die letzte Monokultur auf den Inseln einf\u00fchrte, den Massentourismus. Die Landeigner verdienten mit, die 99 Prozent putzten, kochten, kellnerten und blieben die 99 Prozent. Und der wahrste Satz zur Insel steht an unsere Gartenmauer gespr\u00fcht: <em>Esta tierra es jodida, siempre fue, siempre va a estar.<\/em> Dieses Land ist gefickt, war es immer, wird es immer sein.<\/p>\n<p>Die Sonne geht \u00fcber dem Meer unter, Santa Cruz verschwindet im Dunst, die Luft riecht unglaublich, Zikaden usw. Es w\u00e4re vielleicht einfacher, dich wirklich zu sehen, wenn du nicht jeden Abend die gro\u00dfe Kitschmaschine anwerfen w\u00fcrdest, sage ich in einem letzten dummen Versuch mich zu verteidigen. Die Insel antwortet nicht. In der neuen Siedlung leuchtet ein einzelnes Fenster und Lola Flores singt &#8222;<em>Ay Pena, Penita, Pena&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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