{"id":2235,"date":"2015-08-25T06:00:09","date_gmt":"2015-08-25T04:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2235"},"modified":"2015-09-06T21:05:55","modified_gmt":"2015-09-06T19:05:55","slug":"schweiz-svp-menschenrechte-bossong","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/08\/25\/schweiz-svp-menschenrechte-bossong\/","title":{"rendered":"Menschenrechte im Schlussverkauf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Menschenrechte, na klar \u2013 aber bitte nur unsere eigenen! Die Schweizerische Volkspartei versucht mal wieder, demokratische Instrumente in Wahlkampf-PR umzum\u00fcnzen.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2242\" aria-describedby=\"caption-attachment-2242\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/08\/schweiz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2242 size-full\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/08\/schweiz.jpg\" alt=\"SVP: Menschenrechte im Schlussverkauf - Freitext\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/08\/schweiz.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/08\/schweiz-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2242\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Reuters\/Ruben Sprich<br \/> Ausblick \u00fcber Horrenbach-Buchen, wo der Einwanderungsplan der SVP die meisten Anh\u00e4nger hat.<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Am Helvetiaplatz gleiten leise und p\u00fcnktlich Stra\u00dfenbahnen vorbei, gem\u00e4chlich flie\u00dft das Schwyzerd\u00fctsch um mich. Als Gott Tag und Nacht schuf, schnitt er f\u00fcr die Schweizer die Zeit ein wenig gro\u00dfz\u00fcgiger zurecht als f\u00fcr den Rest der Sch\u00f6pfung. Die Schweiz, das ist das Land der Neutralit\u00e4t und der Volksbefragungen, der florierenden Privatbanken und Sitz so vieler internationaler Organisationen, eigenbr\u00f6tlerisch und zugleich weltl\u00e4ufig, ach Schweiz, w\u00e4ren wir nur alle so wie du!<\/p>\n<p>Erst als ich umst\u00e4ndlich Franken aus meinem Portemonnaie krame, um meinen Kaffee zu bezahlen, der drei Mal so viel kostet wie in Berlin, f\u00e4llt mir der Regen auf und die dunklen Wolken, die \u00fcber Z\u00fcrich h\u00e4ngen, und wie wenig ich mir diese Stadt leisten kann. Neben allem anderen ist die Schweiz auch der Ort, an dem privilegierte Westeurop\u00e4er das Wohlstandsgef\u00e4lle einmal von unten und nicht von oben aus zu sp\u00fcren bekommen \u2013 Zuwanderungsprobleme de luxe, derweil die Schweizer sich \u00fcber die Fl\u00fcchtlinge den Kopf zerbrechen und \u00fcber die Frage, wann das sprichw\u00f6rtliche Boot mal wieder voll ist.<!--more--><\/p>\n<p>Aber es gibt ja schlie\u00dflich eine gute Nachricht: In der Schweiz achtet man die Menschenrechte. Man achtet sie dort so sehr, dass sie ausreichend in der eidgen\u00f6ssischen Verfassung bedacht sind, so jedenfalls sieht es die Schweizer Volkspartei (SVP). Und hier h\u00f6rt der gute Teil der Nachricht leider auch schon wieder auf. Die SVP achtet n\u00e4mlich insbesondere die eigenen Menschenrechte oder, um es pr\u00e4ziser zu sagen: Sie achtet die Menschenrechte, wie sie in der Schweizer Verfassung festgelegt sind und von Schweizer Institutionen ausgelegt werden.<\/p>\n<p>Dass es dar\u00fcber hinaus auch etwas wie das V\u00f6lkerrecht gibt, die Europ\u00e4ische Menschenrechtskonvention (EMRK) und einen Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte (EGMR) in Stra\u00dfburg, der \u00fcber die Auslegung in eigener Hoheit verf\u00fcgt, das gef\u00e4llt der SVP nicht so sehr. Aus ihrer Sicht behindere Stra\u00dfburg die Schweizer Volksbefragungen, und gef\u00e4hrde die Schweizer Souver\u00e4nit\u00e4t. Die SVP hat darum eine B\u00fcrgerinitiative gestartet, um das einmal genau zu hinterfragen \u2013 und sich gegebenenfalls, wenn der B\u00fcrgerwille es denn so entscheidet, von Stra\u00dfburg zu emanzipieren und die Menschenrechtskonvention aufzuk\u00fcndigen. &#8222;Die Bundesverfassung steht u\u0308ber dem V\u00f6lkerrecht und geht ihm vor&#8220;, hei\u00dft es da.<\/p>\n<p>Aufk\u00fcndigen der Menschenrechtskonvention \u2013 allein die Forderung ist abstrus, die Umsetzung w\u00e4re fatal, aber das kann die SVP nicht schrecken. Im Gegenteil, je lauter, desto besser. Die Partei hat sich seit Jahren darin perfektioniert, die so bewunderten basisdemokratischen Instrumente der Schweiz erfolgreich zu einem PR-Mittel zu degradieren. Seit den 1980er Jahren zunehmend von einer konservativen zu einer rechtspopulistischen Partei umgestaltet, lancierte sie etwa im Jahr 2010 die Anzeigenkampagnen: <em>Ausl\u00e4nder?<\/em> \u2013 <em>Volksbefragung.ch<\/em>, daneben das Parteilogo <em>SVP \u2013 Schweizer Qualit\u00e4t<\/em>. So wird Wahlkampf in einem Dauerzustand gehalten.<\/p>\n<p>Der aktuelle Slogan lautet: &#8222;Fremdbestimmt? Nein danke!&#8220; Auf der Internetseite der Kampagne ist ein geducktes, in Schweizer Nationalfarben gekleidetes M\u00e4nnlein zu sehen, umgeben von riesigen, d\u00fcsteren Gesichtern, die offensichtlich die b\u00f6se Kolonialmacht Europa darstellen sollen. Die Botschaft ist klar: Eigentlich kann jetzt nur noch Wilhelm Tell alias SVP-Vorsitzender Toni Brunner helfen. &#8222;Schweizer Recht geht fremdem Recht vor&#8220;, ist die Forderung, die tapfere SVP will &#8222;die Schwa\u0308chung und Aushebelung der Volksrechte beka\u0308mpfen&#8220;.<\/p>\n<p>Nationalstolz trifft auf Nationalklischee und wird mit abstrusen Unterjochungs\u00e4ngsten kombiniert, Volksrecht gegen V\u00f6lkerrecht ausgespielt. L\u00e4sst man das populistische Get\u00f6se einmal beiseite, h\u00f6rt man gleichwohl T\u00f6ne, die in den derzeitigen europa- und b\u00fcrokratiekritischen Diskussionen schon \u00fcberall vernommen worden sind: Stra\u00dfburg (wie in anderen Debatten ja auch Br\u00fcssel als Sitz des Europaparlaments oder Frankfurt als Sitz der EZB) ist demokratisch schw\u00e4cher legitimiert als die nationalen Richter, Abgeordneten und Tugendw\u00e4chter, und ein Zuviel an Europa schade der nationalen Autonomie und gef\u00e4hrde sogar die Demokratie.<\/p>\n<p>Nun darf man gerade im Schweizer Beispiel nicht \u00fcbersehen, dass in einem auf Gewaltenteilung basierenden Staat die Legitimation der Justiz nicht mit einem demokratischen Wahlverfahren abgehandelt ist. Unserer Staatsauffassung liegt eben nicht nur die griechische &#8222;Demokratie&#8220; zugrunde, sondern auch die r\u00f6mische &#8222;Republik&#8220;, und die hat ihre eigenen Ideale. In manchen Punkten widersprechen sich Demokratie und Republik sogar aufs fast Unvereinbare. &#8222;Eine Republik kann eine Verfassung haben&#8220;, schreibt der britische Philosoph Raymond Geuss, &#8222;und kann als &#8218;Rechtsstaat&#8216; auftreten, sofern in ihr &#8218;verfassungsm\u00e4\u00dfig&#8216; verfahren wird; diese Vorstellung \u2013 Verfassung, Rechtsstaatlichkeit, unabh\u00e4ngige Gerichtsh\u00f6fe \u2013 sind aber dem ganzen Ethos der Demokratie fremd.&#8220; Und weiter gibt es zu bedenken: &#8222;In besonders verkrusteten Republiken&#8220;, schreibt Geuss, &#8222;st\u00f6\u00dft man wiederholt auf den Traum einer Abschaffung aller Institutionen. Es fragt sich nur, ob dieser Traum nicht gerade das in einem schlechten Sinne &#8218;utopische&#8216; Gegenst\u00fcck zum verkrusteten Zustand darstellt.&#8220;<\/p>\n<p>Zudem kann nationale Selbstbestimmung nat\u00fcrlich nur in Bereichen sinnvoll eingefordert werden, die tats\u00e4chlich autonom denkbar und auf nationaler Ebene verhandelbar sind. Die Menschenrechte sind eine v\u00f6lkerrechtliche Errungenschaft und die \u00dcbereinkunft der EMRK ein Verdienst, den man nicht f\u00fcr eine plumpe Wahlkampfmasche in den Schlussverkauf werfen sollte. Der Wunsch nach klarer demokratischer Legitimation hingegen, \u00fcberhaupt die Sehnsucht nach Basisdemokratie, die Hoffnung auf das politische Gelingen durch direktere Beteiligung der B\u00fcrger, wie sie etwa mit der liquid democracy ausprobiert werden, floriert \u00fcberall in Europa, in linken wie rechten Milieus, aber auch ganz in der Mitte, und es schwelt ein Unbehagen gegen\u00fcber den als intransparent und gleichsam \u00fcberm\u00e4chtig empfundenen Institutionen.<\/p>\n<p>Der SVP sind diese W\u00fcnsche und Sehns\u00fcchte wohl vornehmlich eine Vorbereitung auf die Schweizer Parlamentswahl im Oktober. Gleichwohl schafft sie es, daraus die bittersten Bl\u00fcten von allen hervorzubringen, denn was die Stra\u00dfburger Richter mit ihren Menschenrechten am sch\u00e4rfsten bedrohen, ist eine Schweiz, die nur den Schweizern bleibt. &#8222;Vo\u0308lkerrechtsprofessoren argumentieren, der Verha\u0308ltnisma\u0308\u00dfigkeitsgrundsatz geh\u00f6re im Bereich der Menschenrechte zum zwingenden V\u00f6lkerrecht&#8220;, beklagt die SVP, &#8222;womit sie geltend machen, Initiativen wie die Ausschaffungs- und die Durchsetzungsinitiative du\u0308rften nicht umgesetzt werden bzw. m\u00fcssten f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt werden.&#8220; Und es kommt noch schlimmer. &#8222;Die Volksinitiative &#8218;gegen Masseneinwanderung&#8216; soll nach Meinung gewisser Politiker und Rechtsprofessoren wegen der bilateralen Vertr\u00e4ge mit der EU nicht umgesetzt werden.&#8220;<\/p>\n<p>Arme SVP. Ihr bleibt eben nur, das Wort Mensch in zwei Kategorien zu teilen, in Schweizer und all jene, die etwas von der Schweiz wollen \u2013 und so den Institutionen den Apfel vom Kopf zu schie\u00dfen. Um mit Schiller zu sprechen: &#8222;Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt, fort mu\u00dft du, deine Uhr ist abgelaufen.&#8220;<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschenrechte, na klar \u2013 aber bitte nur unsere eigenen! Die Schweizerische Volkspartei versucht mal wieder, demokratische Instrumente in Wahlkampf-PR umzum\u00fcnzen. 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