{"id":2353,"date":"2015-09-11T10:11:47","date_gmt":"2015-09-11T08:11:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2353"},"modified":"2016-03-02T13:06:49","modified_gmt":"2016-03-02T12:06:49","slug":"steve-reich-arvo-paert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/09\/11\/steve-reich-arvo-paert\/","title":{"rendered":"&#8222;Wir mussten dieses Fenster wieder \u00f6ffnen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Steve Reich ist einer der einflussreichsten Komponisten unserer Zeit. Sein Minimalismus beeinflusste Rockmusik und die Soundtracks von Hollywood. Ein Gespr\u00e4ch \u00fcber Spiritualit\u00e4t in der Musik und Reichs Freund Arvo P\u00e4rt, der nun 80 geworden ist.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2379\" aria-describedby=\"caption-attachment-2379\" style=\"width: 580px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2379 size-full\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/09\/steve-reich.jpg\" alt=\"Steve Reich: &quot;Wir mussten dieses Fenster wieder \u00f6ffnen&quot;\" width=\"580\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/09\/steve-reich.jpg 580w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/09\/steve-reich-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 580px) 100vw, 580px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2379\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jeffrey Herman<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es gibt nicht viele Komponisten, die den Lauf der Musikgeschichte ver\u00e4ndert haben. Steve Reich, Jahrgang 1936, ist einer von ihnen. Zusammen mit Terry Riley und Philip Glass gilt er als der Begr\u00fcnder der sogenannten Minimal Music, die ab Mitte der 1960er Jahre von der Underground-Szene New Yorks aus ihren weltweiten Siegeszug antrat: einfache Tonfolgen, die \u00fcber einen langen (manchmal sehr langen) Zeitraum rhythmisch komplex, aber harmonisch gleichbleibend variiert werden.<!--more--><\/p>\n<p>Wer zum ersten Mal <em>Music for 18 Musicians<\/em> (1976) h\u00f6rt und davor mit Neuer Musik vor allem die Klang- und Ger\u00e4uschkaskaden Stockhausens oder Boulez&#8216; assoziiert hat, wird verbl\u00fcfft sein. Nicht nur, weil das klassische Musik ist, bei der man sofort tanzen will; sondern weil man pl\u00f6tzlich begreift, wie viele Rockmusiker (Sufjan Stevens!) und Filmkomponisten (<em>Die Tribute von Panem \u2013 T\u00f6dliche Spiele<\/em>!) sich seitdem gro\u00dfz\u00fcgig bei Reich bedient haben. Ein Schicksal, das er mit seinem ein Jahr \u00e4lteren estnischen Kollegen Arvo P\u00e4rt teilt.<\/p>\n<p>Ohne hinter dem Eisernen Vorhang je irgendetwas von Minimal Music geh\u00f6rt zu haben, brach P\u00e4rt 1963 radikal mit dem damals vorherrschenden Stil der seriellen Musik und setzte auf eine neue harmonische Einfachheit, jedoch ohne die so zwingenden Puls-Rhythmen seiner amerikanischen Kollegen. Oder, wie P\u00e4rt es selbst formuliert: &#8222;Ich habe entdeckt, dass es gen\u00fcgt, wenn ein einziger Ton sch\u00f6n gespielt wird.&#8220; Besonders durch die Aufnahmen des M\u00fcnchener Labels ECM, auf dem in den 1980ern Musiker wie Gidon Kremer und Keith Jarrett seine St\u00fccke einspielten, wurde er weltber\u00fchmt \u2013 und zur beliebten Soundtrack-Veredelung, wenn es Hollywood besinnlich haben will (Von <em>Fahrenheit 9\/11<\/em> bis <em>Avengers 2<\/em>).<\/p>\n<p>Einerseits k\u00f6nnten Reich und P\u00e4rt nicht unterschiedlicher sein. Hier Steve Reich, eloquent, witzig, intellektuell und nicht nur mit seiner obligatorischen Baseballkappe uramerikanisch, dort Arvo P\u00e4rt, einsilbig, ein wenig kauzig, der mit seinem langem Bart und der Glatze etwas Zur\u00fcckgezogen-M\u00f6nchisches an sich hat. Andererseits sind beide Komponisten seit den 1980ern miteinander befreundet. Dabei verbindet sie mehr als nur das musikalische Interesse an &#8222;minimalen&#8220; Formen: Beide sind tiefreligi\u00f6s. Als Jude besch\u00e4ftigt sich Reich in vielen seiner Werke mit der Geschichte Israels (in seiner Multimediaoper <em>The Cave<\/em> zum Beispiel), P\u00e4rt, der regelm\u00e4\u00dfig Texte der Bibel vertont, ist seit 2011 Mitglied des P\u00e4pstlichen Rates f\u00fcr Kultur.<\/p>\n<p>So ist es also vielleicht nicht \u00fcberraschend, dass Reich sofort zusagt, als ich seinen Verlag um ein Interview zu P\u00e4rts 80. Geburtstag bitte. Allerdings soll ich zu ihm nach Hause kommen \u2013 ein kleines Problem, da Reich au\u00dferhalb von New York auf dem Land wohnt. Doch ich habe Gl\u00fcck. Im Rahmen eines Filmprojekts drehe ich in den USA; ein Termin mit Reich ist rasch gefunden, und so mache ich mich mit dem Auto von Manhattan in Richtung Norden auf.<\/p>\n<p>\u00dcberraschend schnell d\u00fcnnen die H\u00e4userzeilen aus, hier und da noch kleine Ortschaften den Hudson entlang. Ein Dorf mit riesiger US-Flagge und einer Kirche im Zentrum (der Parkplatz davor voll besetzt) ist die letzte Station, bevor es in dichte W\u00e4lder geht, in denen am Ende von langen, geschwungenen Einfahrten hinter akkurat gestutztem Rasen mal protzige, mal fantasievolle Villen hervorschimmern. Steve Reichs Haus f\u00e4llt hingegen n\u00fcchtern aus, eben minimalistisch: ineinander verschachtelte Bl\u00f6cke, einst\u00f6ckig, fast trutzig, mit einem Steingarten davor. Seine Frau, die Videok\u00fcnstlerin Beryl Korot, begr\u00fc\u00dft mich, dann tritt auch schon Reich selbst aus der K\u00fcche. Er fr\u00fchst\u00fccke gerade, sei aber gleich fertig, sagt er. Es ist 13 Uhr.<\/p>\n<p>Vor dem Gespr\u00e4ch in seinem Wohnzimmer, in dessen B\u00fccherregal vor allem Werke \u00fcber das Judentum stehen, fragt er mich noch, wann genau P\u00e4rts Geburtstag sei; als ich antworte, am elften September, ist Reich kurz sprachlos \u2013 dann aber gleich im Anschluss umso auskunftsfreudiger. Wenn es um die serielle Musik im Europa der 1960er geht, kann er \u00fcberraschend bissig werden; dreht sich das Gespr\u00e4ch jedoch um P\u00e4rt und seine Musik, wird klar, wie sehr ihm sein Freund und Kollege am Herzen liegt.<\/p>\n<p><strong>Thomas von Steinaecker:<\/strong> Was war Ihre erste Begegnung mit der Musik von Arvo P\u00e4rt?<\/p>\n<p><strong>Steve Reich:<\/strong> Ich glaube, das war diese Schallplatte von ECM, die dann sehr bekannt wurde, mit <em>Fratres<\/em> und <em>Tabula Rasa<\/em>. Davon war ich enorm beeindruckt.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker: <\/strong>Was daran beeindruckte Sie denn so?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Es war etwas, das sehr viel \u00c4hnlichkeit mit dem hatte, was ich tue. P\u00e4rts Ausgangsmaterial ist sehr simpel. Ich war erstaunt dar\u00fcber, dass so etwas aus Europa kam. Das einzige Gef\u00fchl, das f\u00fcr Musik aus Europa zu z\u00e4hlen scheint, ist doch vor allem Angst. Deutsche und europ\u00e4ische Musik ist vor allem darin gut, sich auf die Brust zu trommeln und Schreie auszusto\u00dfen, aber sie ist nicht besonders gut im Singen und Mitwippen. Und dann kommt noch hinzu: Arvos Musik war religi\u00f6s in einem sehr s\u00e4kularen Zeitalter.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker: <\/strong> Sie sind mit P\u00e4rt befreundet. Wie lernten Sie sich kennen?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Das muss so um 1985 gewesen sein, als ich <em>The Desert Music<\/em> schrieb. Er kam f\u00fcr ein paar Konzerte nach New York. Eines Tages l\u00e4utete er an meiner T\u00fcr. Ich lebte damals vier Blocks entfernt von Ground Zero. Er sprach kaum Englisch, und ich konnte kein Deutsch. Aber ich erinnere mich daran, wie er zum Klavier ging, die aufgeschlagene Partitur von <em>The Desert Music<\/em> sah und darin bl\u00e4tterte. Dann drehte er sich zu mir und sagte: &#8222;Sie brauchen mal Urlaub!&#8220; (lacht)<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> In Deutschland, aber auch sonst in Europa ist ja P\u00e4rts Ruf recht zwiesp\u00e4ltig. Einerseits ist er einer der wenigen zeitgen\u00f6ssischen Komponisten mit einem gro\u00dfen Publikum; andererseits wird seine Musik in den Medien oft als zu einfach und religi\u00f6s naiv kritisiert.<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Ich denke, das zeigt die spirituelle Krise der Musik in Europa. P\u00e4rt ist dort die einsame menschliche Stimme.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Was genau meinen Sie mit &#8222;spiritueller Krise&#8220;?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Europa hat einen christlichen Ursprung, und der ist ihm abhandengekommen. Und ich verstehe durchaus, wie so etwas passieren kann. Aber es gibt eben auch eine Gruppe innerhalb des Islam, die bereit ist, daf\u00fcr zu sterben, was sie tut. Und wenn zwei Kulturen dieser Art aufeinandertreffen, wer, meinen Sie, wird die Oberhand gewinnen: der, dem alles egal ist, oder der, der f\u00fcr seine Sache brennt? Also denke ich in Bezug auf P\u00e4rt: Er wei\u00df, wo er steht. Er steht auf festem Boden.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Glauben Sie denn, dass Musik mehr als alle anderen K\u00fcnste daf\u00fcr geeignet ist, den Menschen mit Gott in Verbindung zu bringen und religi\u00f6se Gef\u00fchle auszudr\u00fccken?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Nat\u00fcrlich bewegt mich als Komponisten am meisten Musik. Aber ich glaube tats\u00e4chlich, das geht den meisten Menschen so. Es braucht kein Training dazu, kein besonderes Wissen. Warum fahren Jugendliche so auf Rockmusik ab? Okay, sie m\u00f6gen auch Comics, aber, ich meine: Geht man auf ein Rockkonzert, besitzt das eine quasi-heidnische, religi\u00f6se Qualit\u00e4t. Etwas Fiebriges. Und diese Intensit\u00e4t wurde immer mit Musik in Verbindung gebracht.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Macht es denn f\u00fcr Sie einen Unterschied, ob Sie religi\u00f6se oder weltliche Texte vertonen, wie in den <em>Daniel Variations<\/em>?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Eigentlich nicht. Denn gerade in diesem St\u00fcck gibt es ja beides: Die letzten Worte von Daniel Pearl, bevor er von islamischen Fundamentalisten 2002 in Pakistan enthauptet wurde; und Ausz\u00fcge aus dem <em>Buch Daniel<\/em> aus dem Alten Testament. Es ist also ein quasi-religi\u00f6ses St\u00fcck. <em>Tehilim<\/em> ist wahrscheinlich jenes meiner St\u00fccke, das am offensten religi\u00f6s ist. Kennen Sie <em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fruY31DQvb0\" target=\"_blank\">Tehilim<\/a><\/em>?<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Das ist eines meiner Lieblingsst\u00fccke.<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Dann kennen Sie ja das <em>Halleluja<\/em> daraus. Ich meine, man k\u00f6nnte dazu tanzen. Ich habe Leute gesehen, die das taten. Und genau das ist der Punkt. Das Christentum glaubt, dass seine W\u00fcrdentr\u00e4ger im Z\u00f6libat leben sollen. Kein Sex. Im traditionellen Judentum muss der Rabbi verheiratet sein. Wenn nicht, ist er nicht qualifiziert. Er ist nur ein halber Mensch. In der Synagoge trifft man oft Menschen, die klatschen und singen und Schnaps trinken. Es gibt da also eine Art von Freude die sich ganz grunds\u00e4tzlich vom Christentum unterscheidet, glaube ich. Und das <em>Halleluja<\/em> in <em>Tehilim<\/em>, das meiner Meinung nach das Beste ist, was ich je geschrieben habe, zeigt genau das.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Was halten Sie von Auff\u00fchrungen Ihrer Musik in Kirchen oder Synagogen?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Im traditionellen Judentum gibt es keinen Bedarf an Konzertmusik. Echte j\u00fcdische Musik ist f\u00fcr mich nicht Klezmer oder <em>Fiddler on the Roof<\/em>. Das ist alles Folklore, was auch okay ist. Aber eigentlich ist es Folgendes: Ein Mann singt von der Schriftrolle. Ich habe viele St\u00fccke geschrieben, die einen religi\u00f6sen Hintergrund haben. <em>Different Trains<\/em> ist nicht religi\u00f6s, aber der Holocaust geh\u00f6rt zur j\u00fcdischen Geschichte. Doch das sind alles St\u00fccke f\u00fcr den Konzertsaal. Nun, um Ihre Frage zu beantworten: Mir hat einmal jemand gesagt, <em>Tehilim<\/em> werde in einer Synagoge in Budapest aufgef\u00fchrt. Oh, wie sch\u00f6n, habe ich geantwortet. Ich hoffe, sie hat eine gute Akustik. (lacht)<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Ist es denn nicht ein wenig einsch\u00fcchternd, so etwas wie das <em>Halleluja<\/em> zu vertonen, das schon so viele Komponisten vor Ihnen vertont haben?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Aber hallo! (lacht) Als ich <em>Tehilim<\/em> schrieb und beim 150. Psalm angelangt war, dachte ich: Okay, H\u00e4ndel hat das vertont. Bach hat das vertont. Britten hat das vertont. Und was mache ich jetzt? Ich meine, es verpflichtet dazu, sich wirklich anzustrengen. Es w\u00e4re furchtbar, wenn ich einfach all diese Riesen nachahmen w\u00fcrde. Sie taten, was sie taten. Jetzt ist es an mir, etwas zu schaffen, das wahr ist und wirklich aus mir selbst kommt.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Sie erw\u00e4hnten einmal den seltsamen Zufall, dass Terry Riley 1964 im Prinzip dasselbe getan hat wie Arvo P\u00e4rt zur gleichen Zeit, obwohl beide nichts voneinander wussten. Beide benutzten C-Dur-Akkorde.<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> P\u00e4rt stand damals, so wie wir alle, vor dieser Mauer, wie ich es mal nennen m\u00f6chte, diese Mauer namens Stockhausen, Boulez, Berio und Cage. Was war seine L\u00f6sung? Einerseits organisiert er Rhythmen und Dauern streng seriell, aber andererseits beschr\u00e4nkt er sich auf C-Dur. Und das ist das Entscheidende. Es brauchte schon viel Mut, so etwas zu tun. Das war, wie wenn jemand pl\u00f6tzlich laut fluchen w\u00fcrde. Es ist eine unglaubliche Geste. Er kombiniert zwei Dinge, die eigentlich unvereinbar scheinen, und es funktioniert! Davon war ich extrem beeindruckt, auch wenn ich davon erst Mitte der 1980er erfuhr.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Und wie war diese Entwicklung bei Ihnen?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Als ich anfing zu komponieren, tat ich das, weil ich Bach, Strawinsky und Bebop liebte. Und nicht Wagner oder Sch\u00f6nberg. Es lag etwas in der Luft. Besonders hier in den USA. Zum Beispiel im Jazz bei John Coltrane. 1961, in <em>Africa\/Brass<\/em>, bleibt der Bassist siebzehn Minuten auf E. Wie geht so etwas? Ich meine, das ist ja eigentlich unglaublich langweilig. Das muss ich mir nicht einmal anh\u00f6ren. Falsch. H\u00f6ren Sie es sich an! Und was h\u00f6ren Sie dann? Sie h\u00f6ren alle Arten von linearen Tonfolgen, die sofort ins Ohr gehen. (singt) Oh, was ist das? Waldhorn-Glissandi, denn Eric Dolphy machte ein Arrangement f\u00fcr Big Band und schrieb Glissandi f\u00fcr Waldh\u00f6rner! Und dann dieser Rhythmus, bei dem man denkt: Das m\u00fcssen sechs verschiedene Schlagzeuger sein. Dabei ist es Elvin Jones. Wahrscheinlich der versierteste Schlagzeuger, der je Jazz gespielt hat. Wenn man also rhythmische Komplexit\u00e4t und melodischen Einfallsreichtum hat, dann kann man auch innerhalb einer einzigen Harmonie bleiben. Dadurch werden all diese anderen Dinge betont. Gleichbleibende Harmonik lag also in den USA der sp\u00e4ten F\u00fcnfziger, fr\u00fchen Sechziger in der Luft, vor allem wegen Jazz und Popmusik. Das war aber nat\u00fcrlich nicht Arvo P\u00e4rts Hintergrund.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Er selbst nennt die Musik des Mittelalters als wichtigen Einfluss.<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Ich will es so sagen: Wenn man Musik von P\u00e4rt h\u00f6rt, denkt man, er war vielleicht in der Kirche, und durch das Fenster h\u00f6rte er Leute, die vorbeigingen und die entweder zu viel getrunken hatten oder einfach nur sangen. Und er machte Musik daraus. Und ich glaube, was in der Generation vor der meinen geschah, war, dass dieses Fenster geschlossen wurde. Und wir mussten dieses Fenster wieder \u00f6ffnen. Es war die Wiederherstellung der Normalit\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Estland, wo P\u00e4rt lebte, war ja damals Teil der Sowjetunion. Gibt es denn f\u00fcr Sie so etwas wie politische Musik oder musikalischen Widerstand gegen ein Regime?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Wenn dem so ist, interessiert es mich nicht. Wenn <em>Die Dreigroschenoper<\/em> in diese Kategorie f\u00e4llt, finde ich sie gut. Aber \u00fcber all die andere Musik, die explizit politisch ist, rede ich lieber nicht. Wenn Musik eine politische Idee enth\u00e4lt \u2013 sch\u00f6n. Aber das Wichtigste an einem Musikst\u00fcck ist, dass es Musik ist. Wenn die Musik erstklassig ist, wird sie leben. Und was immer sie mitzuteilen hat, wird mittransportiert werden. Aber wenn die Musik nicht gut ist, ist mir auch egal, was sie mitzuteilen hat. Schreiben Sie mir eine E-Mail. Mitteilungen kommen bei mir per Mail besser an.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Letzte Frage: Gibt es denn dann \u00fcberhaupt einen Unterschied zwischen sogenannter U- und E-Musik?<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Warum nennen Sie es nicht notierte und nicht-notierte Musik? Das erscheint mir eine bessere Unterscheidung, weil es musikalischer ist. Ich habe ein St\u00fcck geschrieben, <em>2 x 5<\/em>, und die Frage war, wer soll das spielen? Wer spielt elektrische Gitarre, elektrischen Bass und Schlagzeug und kann gut Noten lesen? Interessanterweise gibt es heute einen Haufen Musiker, die das k\u00f6nnen. Bryce Dessner hat in Yale Musik studiert. Er kann alles vom Blatt spielen, was Sie ihm geben. Er ist Gitarrist. Er und sein Zwillingsbruder haben die Band The National gegr\u00fcndet. Sein Bruder kann keine Noten lesen. Und zusammen sind sie also in dieser Band, weil in der Rockwelt l\u00e4uft es so, dass du jemandem sagst: Hey, ich spiel dir jetzt mal ein paar Mal was vor, und du spielst es mir dann nach, okay?<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Der Gitarrist Jonny Greenwood von der Band Radiohead hat ja auch Ihr St\u00fcck <em>Electric Counterpoint<\/em> gespielt \u2026<\/p>\n<p><strong>Reich:<\/strong> Jonny war ja Bratschist in Oxford, bevor er zu Radiohead kam. Aber wenn Sie den Film <em>There will be Blood<\/em> anschauen, h\u00f6ren Sie seinen Soundtrack und Sie denken, Sie h\u00f6ren Messiaen oder etwas in der Art. Sie werden niemals auf die Idee kommen, dass der Typ ein Rockstar ist. Wir leben also mit einer neuen Generation von Musikern, die eine klassische Ausbildung genossen haben und die Rockmusik m\u00f6gen, oder wie auch immer man es nennen mag. Und ich denke, das ist erst der Anfang.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Steve Reich ist einer der einflussreichsten Komponisten unserer Zeit. Sein Minimalismus beeinflusste Rockmusik und die Soundtracks von Hollywood. 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