{"id":2515,"date":"2015-09-22T06:00:06","date_gmt":"2015-09-22T04:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2515"},"modified":"2015-09-25T08:45:25","modified_gmt":"2015-09-25T06:45:25","slug":"redewendungen-sprache-welt-draesner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/09\/22\/redewendungen-sprache-welt-draesner\/","title":{"rendered":"Der Muttersprachenillusion auf der Spur"},"content":{"rendered":"<p><strong>Engl\u00e4nder geraten nicht vom Regen in die Traufe. Sie springen von der Grillpfanne ins Feuer. Unser Bild von der Welt h\u00e4ngt von der Sprache ab, die wir f\u00fcr sie finden.<\/strong><\/p>\n<p>Ich stehe in einem Oxforder College-B\u00fcro, wo man mir erkl\u00e4rt, wo die Drucker zu finden sind. Es sch\u00fcttet, was nichts macht, nass bin ich schon. &#8222;<em>Walk through Monk\u2019s Passage, turn to your right at the scaffolding, look for the tiny staircase, if it is flooded, just climb over<\/em>\u2026 &#8220; Gestern Abend ist der Feueralarm in meinem Miethaus innerhalb von zehn Tagen zum 13. Mal losgegangen. Ohne jeden Anlass, wie immer. Jetzt die Flut.<!--more--><\/p>\n<p>&#8222;<em>Are you still with me?<\/em>&#8222;, fragt die IT-Frau. Ich nicke. Sie beginnt ihre Erkl\u00e4rung von vorn, zeichnet dazu. Sieht nach einer halben Meile aus, mindestens. Statt vom Regen in die Traufe zu geraten, springen die Engl\u00e4nder von der Grillpfanne ins Feuer. Verstehe. Kommt mir ausnehmend vern\u00fcnftig vor!<\/p>\n<p>Redewendungen sind <em>chatter-bags<\/em>: kleine Plaudertaschen. Verraten Tr\u00e4ume und \u00c4ngste. Und immer auch das Wetter! Sehr viel \u00f6fter als einem funktionierenden Drucker bin ich inzwischen englischem &#8222;<em>drizzle<\/em>&#8220; begegnet. Er fiel auf mich herab, w\u00e4hrend alle Engl\u00e4nder so taten, als handele es sich bei diesem Wasser um Luft. Unter diesen Bedingungen k\u00f6nnen Regen und Traufe keine Kategorien seien, um die Verschlechterung eines Zustandes auszudr\u00fccken (die Menschen hierzulande m\u00fcssen ein amphibisches Moment erfolgreicher im K\u00f6rper bewahrt haben als im fernen &#8222;Europe&#8220;). Da man f\u00fcr alles einen Preis zahlt (sagt man das auch auf Englisch?), hat man daf\u00fcr mehr Angst vor Flamme und Rauch.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2519\" aria-describedby=\"caption-attachment-2519\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2519 size-large\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/09\/autobahn-1024x723.jpg\" alt=\"Redewendungen: Der Muttersprachenillusion auf der Spur\" width=\"640\" height=\"452\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/09\/autobahn-1024x723.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/09\/autobahn-620x437.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/09\/autobahn.jpg 1916w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2519\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Donald Miralle\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Sprachen bewahren und verst\u00e4rken nationale Eigenheiten. Sie geben Bilder vor, in denen Erfahrungen und Weltsichten gespeichert werden, legen Zusammenh\u00e4nge nahe, schreiben Differenzen fest. Und bestimmen, was der &#8222;<em>common sense<\/em>&#8220; zu wissen meint. Wie sehr sie dies tun, sp\u00fcrt man, wenn man die erste Fremdsprache lernt. Wie kann es sein, dass die Russen f\u00fcr &#8222;blau&#8220; zwei W\u00f6rter haben, wenn ich doch nur eine Farbe <em>sehe<\/em>. Und auch noch glaube, das sei richtig, der eine naturgem\u00e4\u00dfe Blick in die Welt, nein in &#8222;die Welt&#8220; an sich! Diese Muttersprachenillusion l\u00e4sst sich gut mit dem herrlichen &#8222;Die Engl\u00e4nder fahren auf der falschen Seite&#8220; vergleichen. Das stimmt. Aber stimmt aus englischer Sicht genauso: auf der falschen Seite fahren wir.<\/p>\n<p>Jede Sprache hat eigene Regeln daf\u00fcr, wie etwas miteinander verkn\u00fcpft bzw. voneinander unterschieden wird. Mein Kind staunt, dass man hier Substantive mit &#8222;of&#8220; aneinanderh\u00e4ngen muss. F\u00fcr einen Augenblick wird f\u00fchl- und sichtbar, was f\u00fcr eine Klebstoffsprache das Deutsche doch ist.<\/p>\n<p>Semantische Unterschiede? Geschenkt. Dass <em>balls<\/em> nicht nur B\u00e4lle oder Kugeln hei\u00dft, wei\u00df das Kind und bestellt in der Eisdiele <em>scoops<\/em>. Dann wieder diese N\u00e4he, sogar Reime sind analog: <em>tame<\/em> und <em>lame<\/em>, lahm und zahm. Doch warum hei\u00dft <em>bear<\/em> &#8222;B\u00e4r&#8220; und &#8222;tragen&#8220;? Warum sitzt die englische Teekanne auf dem Tisch statt zu stehen? Und erst <em>kettle<\/em> und <em>cattle<\/em>! Ergebnis: die Engl\u00e4nder kochen Wasser im Rind.<\/p>\n<p>Was erst einmal festzuhalten und zu bewundern ist.<\/p>\n<p>Zweitens: Kommt Literatur diesen Sprach- und Welt-Eigenheiten auf die Schliche? Entlarvt sie sie gar?<\/p>\n<p>Die Antwort auf die erste dieser Fragen lautet: selbstverst\u00e4ndlich. Wie sonst w\u00e4re Literatur Literatur \u2013 die Kunst, die davon lebt, Welt in Sprache zum Funkeln zu bringen. Um knapp, pr\u00e4zise, unterhaltend und sch\u00f6n von so realen wie imagin\u00e4ren, erfundenen wie fiktiven wie wahren Leben zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Zugleich lautete die Antwort auf die erste Frage (ja, die erste): nein! Zumindest, was die Schliche-Metaphorik angeht, die die Frage auf Deutsch ausmacht: nachschleichen, heimlich ausforschen, ein Versteck aufsp\u00fcren. In Sprache ist nichts versteckt. Es liegt zutage, man muss es nur sehen wollen oder k\u00f6nnen. Daf\u00fcr ist Literatur gut; mit ihr geht es wie mit dem Brief in Edgar Allan Poes Erz\u00e4hlung <em>The Purloined Letter<\/em>. Offen liegt er da \u2013 sodass niemand ihn sieht, weil jeder davon ausgeht, er sei h\u00f6llisch gut versteckt.<\/p>\n<p>Literatur nutzt die Wahrnehmungsweisen und \u00dcberzeugungen, die Sprache enth\u00e4lt. Das mag manchmal entlarvend sein. Gewiss, die eine oder andere fiktive Figur wird so &#8222;gebaut&#8220;, dass sie sich \u00fcber ihre Sprechweise selbst verr\u00e4t. Ein Gedicht wird immer zeigen, wie die Sprache, die das Gedicht selbst ist, die Welt zerlegt und wiederverkn\u00fcpft, wie es sie mit rhythmischen Phantasien, lautlichen Spiegeln und historischen Bildern und Wissensgerinnungen f\u00fcllt. Entlarvung als &#8222;wir sto\u00dfen von der irref\u00fchrenden Oberfl\u00e4che zur Wahrheit vor&#8220; wird es dabei indes nicht geben. Denn Sprache ist Sprache ist Sprache ist\u2026<\/p>\n<p>Statt von Entlarvung m\u00f6chte ich von Forschung mit Sprachstrukturen und Freude am Weltenbau mithilfe von W\u00f6rtern und Grammatik sprechen. Wer sie sucht, ist gut beraten, sich einer literarischen \u00dcbersetzung zuzuwenden und sie neben das Original zu halten.<\/p>\n<p>Welche Achterbahnfahrt!<\/p>\n<p>Julian Barnes&#8216; j\u00fcngster Roman hei\u00dft <em>The Sense of an Ending<\/em>. Ein eher gew\u00f6hnlicher Ausdruck im Englischen. Dass &#8222;Der Sinn eines Endes&#8220; im Deutschen falsch ist (h\u00e4sslich zudem), ist evident. &#8222;<em>The sense of an ending<\/em>&#8220; bedeutet auch, ein Gef\u00fchl daf\u00fcr zu haben, dass etwas zu Ende geht. Das Englische spannt durch die Kombination der Mehrfachbedeutung von &#8217;sense&#8216; als Sinn und Gef\u00fchl\/Empfinden (die uns in dem Wort &#8218;Sinn&#8216; nicht fremd ist, sich hier aber nicht abrufen l\u00e4sst) mit dem zweideutigen of-Genetiv die Bewertung eines faktischen Geschehens (Sinn bzw. Zweck eines &#8222;Endes&#8220;) mit dem Erleben eben dieses Prozesses in einem Ausdruck zusammen.<\/p>\n<p>Literatur lebt vom Einsatz derartiger Abk\u00fcrzungen, Verklebungen und Mehrfachbedeutungen. Sodass man beim \u00dcbersetzen bzw. vergleichenden Lesen von \u00dcbersetzung und Original Satz um Satz durch die Eigenheiten der einen wie anderen Sprache gef\u00fchrt wird. Auf keine andere Weise ist das so intensiv und dabei so bequem m\u00f6glich: solange ich mich nur in einer Sprache bewege, bin ich ihr gegen\u00fcber blind. Sie ist mein einziges Erkenntnisinstrument. Will ich auf sie blicken, brauche ich einen Standpunkt au\u00dferhalb ihrer selbst.<\/p>\n<p>Auf der ersten Seite von <em>The Sense of an Ending<\/em>, das man auf Deutsch unter dem Titel <em>Das Ende einer Geschichte<\/em> finden wird, liest man den einfachen Satz: &#8222;<em>No, I mean ordinary, everyday time, which clocks and watches assure us passes regularly; tick-tock, click-clock.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>Kaum will man \u00fcbersetzen, findet man sich heillos verstrickt. Weder Semantik noch Lautlichkeit noch Grammatik wollen passen. Allein schon dieses <em>clocks and watches<\/em>. Das Englische unterscheidet Uhrentypen zwingender als das Deutsche. Wanduhren, \u00f6ffentliche Uhren, tickende Uhren, stille Uhren, Uhren an Menschen. Inzwischen auch auf Tablets, Handys, Computern. Spricht Barnes gezielt nur von <em>watches<\/em> (als Armbanduhren), weil das zum Alter der sprechenden Figur passt (die sp\u00e4ter im Buch aber durchaus Computer benutzt)? Oder nimmt er schlicht das, was im Englischen Standard ist, wenn man an Zeitangaben denkt? Sodass man mit &#8222;Uhren&#8220; \u00fcbersetzen sollte?<\/p>\n<p>Wunderbar auch die Geradeaus-Konstruktion &#8222;<em>assure us passes regularly<\/em>&#8222;. Das Deutsche macht eine Kurve, oder auch zwei. \u201eNein, ich meine unsere gew\u00f6hnliche, allt\u00e4gliche Zeit, die, wie s\u00e4mtliche Uhren ohne Unterlass kundtun (&#8222;uns versichern&#8220; scheint mir zu personifizierend), \u00e4u\u00dferst gleichm\u00e4\u00dfig vergeht (verrinnt?): tick-tack, klick-klack.&#8220;<\/p>\n<p>Oder &#8222;<em>tick-tock<\/em>&#8222;. Die Wiederholung von &#8222;<em>clock<\/em>&#8220; geht so oder so verloren.<\/p>\n<p>Literatur dient ihrem Leser als Spiegel. Eine literarische \u00dcbersetzung erh\u00e4lt diesen Spiegel, indem sie ihn ver\u00e4ndert. Legt man sie neben das Original, treten die Ver\u00e4nderungen zutage. Sie l\u00f6sen Sprache und &#8222;Welt&#8220; ein St\u00fcck voneinander. Auf die Schliche kommt man dabei, im besten Fall: sich selbst.<\/p>\n<p>&#8222;<em>You are still with me, aren\u2019t you<\/em>&#8222;, sagt die IT-Frau, &#8222;<em>And please avoid to even only try to climb any wall in our precincts. It might collapse. I\u2019ve been pulling your leg!<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>Ich schaue an meinem Bein hinunter. Es sieht normal aus. Die Hose ist nass von unten bis zum Knie.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Don\u2019t worry<\/em>&#8222;, antworte ich, &#8222;<em>I didn\u2019t mean to try it with this bear tied to my back.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>Schade, dass ich den Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht fotografierte. Weitere Kurzkommereien meinerseits (<em>short-comings, yes!<\/em>) bitte ich ebenfalls zu entschuldigen. Ausgedruckt habe ich an diesem Tag nichts mehr. Ich fuhr nach Hause. <em>The Sense of an Ending<\/em> wurde im Rucksack vollkommen durchweicht. Nun warte ich auf den Feueralarm.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Engl\u00e4nder geraten nicht vom Regen in die Traufe. Sie springen von der Grillpfanne ins Feuer. 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