{"id":2577,"date":"2015-10-01T06:00:51","date_gmt":"2015-10-01T04:00:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2577"},"modified":"2015-10-01T10:27:27","modified_gmt":"2015-10-01T08:27:27","slug":"adriano-celentano-poladjan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/10\/01\/adriano-celentano-poladjan\/","title":{"rendered":"Wenn die gro\u00dfe Liebe pl\u00f6tzlich auf dich z\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Wohnzimmert\u00fcr geht auf und Adriano Celentano kommt rein. Das muss ein Missverst\u00e4ndnis sein, will unsere Autorin vom Sofa aus noch rufen. Aber da singt er auch schon.<\/strong><\/p>\n<p>Gestern habe ich getr\u00e4umt, dass ich in einem lila Samtanzug auf einem mir unbekannten Sofa liege und versuche einzuschlafen. Alles ist so hergerichtet, wie ich es mag: Zwei weiche Kissen und eine Decke, die schwer auf mir liegt. Ich atme ein, ich atme aus. Pl\u00f6tzlich \u00f6ffnet sich die T\u00fcr und Adriano Celentano, ebenfalls in einem lila Samtanzug, kommt sch\u00fcchtern herein.<!--more--> Ich richte mich auf, bin sofort hellwach und rufe: Hey, Adriano, du Idol meiner Kindheit, komm und setz dich zu mir! Adriano grinst etwas schief, macht eine t\u00e4nzerische Bewegung und beginnt zu singen:<\/p>\n<p><em>Conto su di te,<\/em><br \/>\n<em> Ich z\u00e4hle auf dich!<\/em><\/p>\n<p>Das ist ein Missverst\u00e4ndnis, will ich einwenden, aber er singt weiter:<\/p>\n<p><em>Ich z\u00e4hle auf dich und will,<\/em><br \/>\n<em> Dass du immer dein Bestes gibst!<\/em><\/p>\n<p>Nein, nein, so bitte nicht, Adriano! Ich habe dich geliebt, mit vierzehn und mit drei\u00dfig Jahren, und auch jetzt noch liebe ich dich. Deinetwegen habe ich Italienisch gelernt. Inmitten draller Hausfrauen sa\u00df ich jeden Mittwochabend in der Volkshochschule und wisperte wieder und wieder: &#8222;<em>Sono Katerina e amo l\u2019Italia pi\u00f9 di ogni cosa.<\/em>&#8220; Und anschlie\u00dfend musste ich mit in die Kneipe und Weinschorle trinken. Den Film <em>Gib dem Affen Zucker<\/em> habe ich achtundzwanzig Mal gesehen und das Lied <em>Yuppi du<\/em> ist immer noch mein Lieblingslied.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2591\" aria-describedby=\"caption-attachment-2591\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2591 size-large\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/10\/celentano-1024x705.jpg\" alt=\"Adriano Celentano: Wenn die gro\u00dfe Liebe auf dich z\u00e4hlt\" width=\"640\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/10\/celentano-1024x705.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/10\/celentano-620x427.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/10\/celentano.jpg 1789w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2591\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Schon in meinem Kinderzimmer spielten sich deinetwegen Dramen ab, denn Depeche Mode war irgendwie in Ordnung, du aber nicht. Wenn eine Mitsch\u00fclerin zu Besuch kam, schob ich schnell alle deine Platten unter mein Bett. Eine lugte noch hervor. &#8222;Was? Du h\u00f6rst Celentano?&#8220; Deinetwegen hatte ich keine Freunde. Niemand hat mich zu Partys eingeladen. Wenn alle kreischend ins Freibad liefen, sa\u00df ich auf einer Bank, lutschte Veilchenpastillen, die es nur am B\u00fcdchen in Bergisch-Gladbach gab, presste die Kopfh\u00f6rer von meinem Walkman auf die Ohren und sang mit dir: &#8222;Bebi stei ye push yo oh&#8220;. Und irgendwann war ich durchsichtig und konnte sogar durch W\u00e4nde gehen.<\/p>\n<p><em>Ich z\u00e4hle auf dich<\/em><br \/>\n<em> Weil du mir, wie auch dem letzten Insekt, Respekt entgegenbringst.<\/em><br \/>\n<em> Ich z\u00e4hle auf dich<\/em><br \/>\n<em> Und du wirst es besser machen als ich.<\/em><\/p>\n<p>Was soll ich besser machen? Dass du jetzt \u2013 nach so vielen Jahren \u2013 kommst und Forderungen stellst, verwundert mich. Das ist ja gerade so, als w\u00e4re Gott zu Noah gegangen und h\u00e4tte gesagt: &#8222;Bau etwas, was Gro\u00dfes, aber ich verrate dir nicht was\u2026!&#8220; Vielleicht nicht exakt so\u2026 egal.<br \/>\n\u00dcberhaupt, warum kommst du erst jetzt? Es gab so viele Momente in meinem Leben, da h\u00e4tte ich dich mit einem guten Ratschlag gebraucht. Herbst 1984, Winter 1987, Sommer 1999, um nur einige aufzuz\u00e4hlen. Da h\u00e4tte auch ein einfaches <em>Ich z\u00e4hle auf dich<\/em> geholfen. Aber du kommst jetzt, gerade, als ich mich hingelegt habe, um ein Nickerchen zu machen. Ich bin jetzt erwachsen. Ich brauche dich nicht mehr. Ich habe jetzt Freunde, und manche gehen auch ins Freibad. Wir sind da sehr tolerant miteinander.<\/p>\n<p><em>Ich z\u00e4hle auf dich<\/em><br \/>\n<em> Denn die Welt bessert sich nicht<\/em><br \/>\n<em> Und wenn du mehr haben wirst<\/em><br \/>\n<em> Verbirg keine Sch\u00e4tze.<\/em><br \/>\n<em> Ich z\u00e4hle auf dich<\/em><br \/>\n<em> Dass du eine erstickende Forelle von einem idiotischen Kunststoff erl\u00f6st<\/em><br \/>\n<em> Ich z\u00e4hle auf dich<\/em><br \/>\n<em> Denn das Leben gewinnt<\/em><br \/>\n<em> Und die Bombe ist da vergammelt, wo sie ist.<\/em><\/p>\n<p>Adriano, genug! Was willst du denn von mir?<\/p>\n<p>Er macht einen Schritt auf mich zu, dreht eine elegante Pirouette und trippelt auf Zehenspitzen wieder hinaus, dann ist er weg, genauso schnell, wie er gekommen war.<\/p>\n<p>Heute Morgen wachte ich mit schwerem Kopf auf. Ich kochte mir einen Kamillentee, was ich sonst nie mache. &#8222;Ich z\u00e4hle auf dich&#8220;, hat Adriano gesagt. Was hat er gemeint? Was soll ich tun? Bin ich jetzt so etwas wie ein Medium? Reicht es nicht, dass ich mein Leben, wie alle anderen auch, abarbeite, solange, bis es nichts mehr zu erreichen gibt, nichts mehr zu hoffen, nichts mehr zu hinterlassen? Nat\u00fcrlich, mir geht es gut, aber bin ich schuldig? All diese Fragen und noch einige mehr stellte ich mir bei meiner Tasse Kamillentee. Dazu a\u00df ich ein Milchbr\u00f6tchen mit Rosinen. War das falsch?<br \/>\nIm Jahr 2006 verkaufte sich <em>Unicamente Celentano<\/em> 350.000 Mal. Adriano k\u00f6nnte doch damit zufrieden sein. Warum hat er mich ausgesucht? Ich erinnerte mich, wie ich in Foggia auf den breiten Schultern meiner Mutter sa\u00df und meinem Idol zujubelte. Er trug einen gl\u00e4nzend wei\u00dfen Anzug und ich glaube, Ornella Muti war mit ihm auf der B\u00fchne. Und ich glaube, sie war nackt. Ich schwenkte ein F\u00e4hnchen, gr\u00fcn, wei\u00df und rot, die italienische Trikolore, und pl\u00f6tzlich hielt Adriano inne, schaute mich an und sagte: &#8222;Ciao&#8220;. Oder sagte er: &#8222;<em>Conto su di te<\/em> \u2013 Ich z\u00e4hle auf dich&#8220;?<\/p>\n<p>Nun sitze ich an meinem Schreibtisch und \u00fcbe Naturprosa. Also schreibe ich: <em>Der Horizont ist nirgends zu sehen, rechts steht der Mais immer noch herum, ist irgendwie unentschieden gewachsen. Links wird der Blick von zotteligen W\u00e4ldern gebremst. Ein bisschen Herbst h\u00e4ngt in der Luft.<\/em> Aber das kann es doch nicht sein. Adriano z\u00e4hlt auf mich. Er meint wahrscheinlich, ich engagiere mich nicht genug in der Welt. Zu wenig karitatives Engagement, zu wenig <em>pro bono<\/em>, fehlender missionarischer Eifer f\u00fcr das Wahre, Sch\u00f6ne und Gute. Ist es das? Oder soll ich singen? Das wird es sein! Und so beginne ich zu singen.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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