{"id":2618,"date":"2015-10-09T06:00:40","date_gmt":"2015-10-09T04:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2618"},"modified":"2015-10-09T11:44:29","modified_gmt":"2015-10-09T09:44:29","slug":"heimat-berlin-judentum-altaras","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/10\/09\/heimat-berlin-judentum-altaras\/","title":{"rendered":"Gibt es einen Plural von Heimat?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn Menschen wegen ihrer Religion ihr Zuhause verlieren, kann etwas nicht stimmen. Findet man Geborgenheit tats\u00e4chlich im Glauben oder helfen in Berlin auch Currywurst und Sechs-Tage-Rennen?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Der Sommer ist vorbei, das ist ganz offensichtlich, jedenfalls in Berlin. Alle sind zur\u00fcck, und es gibt kein Durchkommen mehr am Landwehrkanal oder am Nollendorfplatz. In der Uhlandstra\u00dfe ist es aussichtlos, in welche Richtung auch immer abzubiegen. \u00dcberall Stau, alles eine riesige Baustelle: &#8222;Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr&#8230;&#8220; Haben sie alle pl\u00f6tzlich Rilke gelesen? Aber ich will nicht klagen: &#8222;Der Sommer war hei\u00df und lang.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p>Trotzdem \u00fcberkommt mich immer eine leichte Wehmut, wenn die Zugv\u00f6gel kreischend \u00fcber den Innsbrucker Platz nach S\u00fcden ziehen. Ich will mit. Das geht nat\u00fcrlich nicht, ich wei\u00df zwar nicht genau warum, aber es geht wohl nicht.<\/p>\n<p>Ein weiteres Indiz daf\u00fcr, dass es vorbei ist mit der Sommerfrische, war wieder mal der Tag der Deutschen Einheit. Kein Sender, der nicht dar\u00fcber berichtet hat. Man k\u00f6nnte meinen, die Mauer sei gestern gefallen. Je l\u00e4nger das Ereignis zur\u00fcckliegt, desto emsiger wird dar\u00fcber geredet, das Wort der Stunde hei\u00dft: &#8222;Heimat&#8220;.<\/p>\n<p>Auch ich werde in diese Suche mit eingebunden. Keine Lesung, auf der nicht eine Zuh\u00f6rerin mich fragt &#8222;Und was ist Ihre Heimat?&#8220;<\/p>\n<p>Sofort werde ich kr\u00e4tzig. &#8222;Heimat, ein \u00fcberbewerteter Begriff!&#8220;, antworte ich pampig. Hinterher im Hotelzimmer frage ich mich regelm\u00e4\u00dfig, ob das daran liegt, dass ich keine Heimat habe. Oder zu viele Heimaten? So es \u00fcberhaupt einen Plural von &#8222;Heimat&#8220; gibt.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2623\" aria-describedby=\"caption-attachment-2623\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2623 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/10\/heimat-620x413.jpg\" alt=\"Gibt es einen Plural von Heimat? - Freitext\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/10\/heimat-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/10\/heimat-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/10\/heimat.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2623\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 David Gannon\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ich habe Standardantworten, als da w\u00e4ren: Heimat ist &#8222;da wo meine Freunde sind&#8220;, &#8222;da wo ich arbeite&#8220;, oder an guten Tagen: &#8222;Berlin&#8220;. Ja, Berlin kann Heimat sein. Man kann in M\u00fcnchen zehn Jahre leben, man bleibt &#8222;oon Ongereista&#8220;. Wenn man nicht in dritter Generation in Hamburg ans\u00e4ssig war, ist man kein Hamburger.<\/p>\n<p>Aber es reicht ein Tag, und man f\u00fchlt sich als Berliner, ja man ist sogar einer. Das ber\u00fchmteste Beispiel ist der junge Mann, der vor dem Rathaus Sch\u00f6neberg stammelte: &#8222;Ick bin ein Berliner.&#8220; Er war gerade mal 24 Stunden in der Stadt.<\/p>\n<p>Geb\u00fcrtige Berliner gibt es auch. Gar nicht mal so selten. Sie kommen aus Bezirken wie Staaken oder Lichtenrade. Sie berlinern, was das Zeug h\u00e4lt, sind aber ansonsten ganz nett. Das Sechs-Tage-Rennen verbuche ich unter Heimat, dicht gefolgt vom Berliner Marathon. Viele Berliner verfolgen mit Kind und Kegel ihre Radsporthelden oder trommeln an den gro\u00dfen Kreuzungen f\u00fcr die 40.000 L\u00e4ufer, die sich der Strapaze des Laufes aussetzen. Es gibt Currywurst und Berliner Wei\u00dfe, beides schmeckt ganz \u00e4hnlich, und dann gehen alle gl\u00fccklich und halb taub wieder nach Hause.<\/p>\n<p>Man kann in Berlin an einem einzigen Tag mindestens drei unterschiedliche Sorten Heimat erleben.<\/p>\n<p>Manchmal ist meine Religion meine Heimat. Besonders an den Hohen Feiertage im Herbst: Rosch ha Schana (Neujahr), dicht gefolgt von Jom Kippur (Vers\u00f6hnungstag), um dann gleich von Sukkot (Laubh\u00fcttenfest) abgel\u00f6st zu werden. Fr\u00fcher in der Grundschule hatten die Kinder praktisch gleich nach den Sommerferien zwei Wochen frei, und ich habe mich immer gefragt, wie das gehen soll: Wie will man das auserw\u00e4hlte Volk sein, ohne lesen und schreiben zu k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Ich bin eine absolut assimilierte J\u00fcdin, was hei\u00dft, dass ich eigentlich nur die wirklich gro\u00dfen Feiertage begehe, (also so, wie andere Leute Weihnachten und Ostern feiern. Den Rest des Jahres arbeiten sie, fahren in die Ferien und k\u00fcmmern sich nicht um das Thema).<\/p>\n<p>Aber die Hohen Feiertage sind mir heilig, ich freue mich auf die erwartungsvolle Stimmung in den Synagogen, auf das Blasen des Schofar, des Widderhorns zu Rosch ha Schana und nat\u00fcrlich darauf, alle wiederzusehen. Manchmal mache ich Synagogen-Hopping , die Gottesdienste und Gebete dauern lang genug, um von Synagoge zu Synagoge zu kommen und alle zu treffen.<\/p>\n<p>Dieses Jahr ist alles anders, ich fremdele mit meiner Religion. Mit Religion allgemein, die zunehmende Orthodoxie allerorten macht mir zu schaffen. Wenn Menschen wegen ihrer Religion ihre Heimat verlieren, kann schon etwas nicht stimmen. Au\u00dferdem str\u00e4ube ich mich gegen reaktion\u00e4re Str\u00f6mungen, die Frauen klein halten oder die Kriege und Massaker brauchen, um geh\u00f6rt zu werden \u2013 und damit meine ich, wei\u00df Gott, nicht nur die Muslime, unsere orthodoxen Siedler sind auch nicht gerade zimperlich.<\/p>\n<p>Also habe ich dieses Jahr Rosch-ha-Schana-Mails und -SMS versandt mit herzlichen W\u00fcnschen und heiteren Bildchen, bin aber der Synagoge ferngeblieben, und das Eintauchen des Apfels in Honig habe ich familienintern an unserem K\u00fcchentisch erledigt.<\/p>\n<p>&#8222;Jom Kippur&#8220;, so der Rabbi, &#8222;ist der Tag, an dem wir \u00fcber unser pers\u00f6nliches Leben und unser Leben in der Gemeinschaft Rechenschaft ablegen. Wir pr\u00fcfen unsere Taten, wo wir geirrt haben und wo wir etwas korrigieren m\u00fcssen.&#8220; Was soll man zu so einer Aufgabenstellung sagen? Damit fange ich erst gar nicht an, sonst bin ich in einem Jahr nicht durch. Wer zahlt inzwischen die Miete? Ich lebe ja nicht in Israel, wo der Staat f\u00fcr die Betenden aufkommt, w\u00e4hrend diese sich von Gebet zu Gebet hangeln, ohne diesen Zustand ernsthaft infrage zu stellen.<\/p>\n<p>So hatte ich dieses Jahr beschlossen, an Jom Kippur weder zu fasten noch zu beten, sondern den ganzen Vers\u00f6hnungskram den Weisen zu \u00fcberlassen, und bin gegen Mittag ins Kino gegangen. Ob Gott mit meiner Programmwahl einverstanden gewesen w\u00e4re?<\/p>\n<p>Der Film hie\u00df <em>Son of Saul<\/em>, kam aus Ungarn und hatte in Cannes den Grand Prix du Jury gewonnen, na, so schlecht konnte er nicht sein.<\/p>\n<p>Nein, der Film war nicht schlecht, der Film war sogar brillant. Aber der Film zeigte 107 Minuten das Sonderkommando in Auschwitz. Und zwar so, wie ich es noch nie gesehen habe, und ich habe schon eine Menge gesehen.<\/p>\n<p>107 Minuten h\u00f6rte ich eine Tonspur, die nichts auslie\u00df, ich h\u00f6rte viel mehr, als ich sah. Menschenmassen, die in einen Keller getrieben wurden, ich h\u00f6rte beruhigende Stimmen, die sagten: &#8222;Sch\u00f6n, dass Sie da sind, nach dem Duschen melden sie sich bitte bei uns, wir k\u00f6nnen Schreiner und Techniker, Krankenschwestern und Lehrerinnen hier gut gebrauchen.&#8220; Und dann sah ich Saul, sah, wie er h\u00f6rte: Die Duschen, die Schreie und dann die Stille. Das sah ich immer wieder. Dazwischen wurde der Boden geschrubbt, das verr\u00e4terische Blut beseitigt, und alle hatten immer den Blick gesenkt und entsetzliche Angst. Leichen schleppte Saul, und einheizen musste er, und noch andere gr\u00e4ssliche T\u00e4tigkeiten erledigen. Sehen tat ich vor allem das Gesicht Sauls in dieser H\u00f6lle, aus der weder er noch ich entkommen konnten. Und dann wollte Saul ein totes Kind w\u00fcrdevoll beerdigen, aber das ist eine eigene Geschichte.<\/p>\n<p>Es war ein Deb\u00fctfilm. Ich wei\u00df nicht, was diesen jungen Menschen bef\u00e4higt hat, einen derart radikalen Film zu machen. Warum er es getan hat, kann ich nur vermuten. Ich hatte zum ersten Mal eine konkrete Ahnung, wie es wohl zugegangen sein muss, dort unten, zwischen Rampe, Duschen und \u00d6fen.<\/p>\n<p>Am fr\u00fchen Nachmittag kam ich raus ans Licht. Die Synagoge Joachimsthaler Stra\u00dfe war nicht weit.<\/p>\n<p>Heimat? Por\u00f6se Wirklichkeit, dachte ich. Dachte an den Eltern-Lehrer-Chor des humanistischen Gymnasiums, der zwei hebr\u00e4ische Ges\u00e4nge einstudiert hatte zu den Hohen Feiertagen. &#8222;Den gefallenen Gymnasiasten, den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung&#8220; stand auf einer Eichenholzvert\u00e4felung direkt \u00fcber den K\u00f6pfen der begeisterten S\u00e4nger. Sie meinten es gut, glaube ich.<\/p>\n<p>Verlage w\u00fcnschten ihren j\u00fcdischen Autoren ein gl\u00fcckliches und gewinnbringendes neues Jahr. Sie meinten es auch sehr, sehr gut.<\/p>\n<p>(Aber mir war alles egal, die Vergangenheit hatte mich wieder einmal l\u00e4hmend eingeholt.)<\/p>\n<p>Es war gerade eine Gebetspause in der gro\u00dfen Synagoge, m\u00fcde Beter hatten ihre K\u00f6pfe auf die Tische gelegt, den Gebetsschal als Decke. Der Rabbi schlief, die F\u00fc\u00dfe auf dem Nebenstuhl, den Mund weit offen. Eine schwebende Ruhe, ein paar Frauen in Wei\u00df fl\u00fcsterten sich leise Kochrezepte zu, sie hatten Hunger. Noch vier Stunden, dann w\u00e4re Fastenbrechen, der Jom Kippur vorbei, dann w\u00e4ren die S\u00fcnden getilgt, neue k\u00f6nnten begangen werden.<\/p>\n<p>Ich denke, anders zu sein, aber im Grunde sehe ich genauso aus wie alle anderen Frauen hier, mit wilden Locken und dunklen Augenringen. Ich fiel nicht weiter auf, in meiner Ecke, war unendlich m\u00fcde, mein Kopf fiel auf die Seite, und ich schlief ein.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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