{"id":2660,"date":"2015-10-15T06:00:31","date_gmt":"2015-10-15T04:00:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2660"},"modified":"2015-10-19T14:39:35","modified_gmt":"2015-10-19T12:39:35","slug":"katalonien-unabhaengigkeit-ebmeyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/10\/15\/katalonien-unabhaengigkeit-ebmeyer\/","title":{"rendered":"Ziviler Ungehorsam: 48 %"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen hei\u00dft nicht Einverst\u00e4ndnis. Wenn die Katalanen nun versuchen, ihren eigenen Staat zu bauen, droht Spanien ein Trauerspiel.<\/strong><\/p>\n<p>Die Katalanen sind bekannt f\u00fcr ihren Hang zu masochistischer Gedenkkultur. Das Datum, an dem sie ihre politische Eigenst\u00e4ndigkeit verloren, begehen sie als Nationalfeiertag. Und nun dies: Am 15. Oktober muss Artur Mas, derzeit katalanischer Regierungschef, auf die Anklagebank. Zur Last gelegt wird ihm ziviler Ungehorsam, was ja durchaus nach alter Volksheldentugend klingt.<!--more--><\/p>\n<p>Ein wenig M\u00e4rtyrerflair wird ihn k\u00fcnftig auf jeden Fall umwehen, selbst wenn er nicht hinter Gitter kommt. Denn an ebendiesem 15. Oktober j\u00e4hrt sich zum 75. Mal die Hinrichtung von Llu\u00eds Companys. Companys war ein Amtsvorg\u00e4nger von Mas, Ministerpr\u00e4sident Kataloniens im Spanischen B\u00fcrgerkrieg. Nach der Niederlage der Republik lie\u00df Diktator Franco ihn erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Nun ist Mas\u2019 Termin bei der spanischen Justiz also eingebettet in lauter Akte zum Gedenken an diesen Mord und obendrein residiert der Gerichtshof, vor dem er aussagen muss, in einer Stra\u00dfe, die nach Llu\u00eds Companys benannt ist. Eigentlich kein schlechtes Finale f\u00fcr Mas&#8216; politische Karriere.<\/p>\n<p>Artur Mas ist der <em>President<\/em>, der Katalonien in die Unabh\u00e4ngigkeit (manche nennen es Sezession) f\u00fchren sollte. Ob er das auch wirklich wollte, ist eine unergiebige Frage. Vor f\u00fcnf Jahren im Sommer stand er vor der Wahl, vom pl\u00f6tzlich zur Massenbewegung angeschwollenen Independentisme \u00fcberrollt zu werden \u2013 oder sich an dessen Spitze zu stellen. Seitdem hat dieser Regierungschef von eher buchhalterischem Charme, Gew\u00e4chs einer m\u00e4\u00dfig konservativen Partei, die es zum Thema Ausstieg aus Spanien zuvor stets bei feierlicher Rhetorik bewenden lie\u00df, sein politisches Schicksal an den Traum vom eigenen Staat Katalonien gebunden.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2665\" aria-describedby=\"caption-attachment-2665\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2665 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/10\/katalonien-620x413.jpg\" alt=\"Katalonien \u2013 Ziviler Ungehorsam: 48 %\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/10\/katalonien-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/10\/katalonien.jpg 960w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2665\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 David Ramos\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Das Vergehen, f\u00fcr das er nun b\u00fc\u00dfen soll, ist eine Art Placebo-Referendum \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit, das er Ende letzten Jahres abhalten lie\u00df, obwohl die Regierung in Madrid und das ihr ergebene Verfassungsgericht es untersagt hatten.<\/p>\n<p>Von jener Abstimmung redet heute allerdings fast keiner mehr. Schlie\u00dflich hat es am 27. September Parlamentswahlen in Katalonien gegeben \u2013 mit &#8222;Plebiszitcharakter&#8220;, wie Mas und seine unwahrscheinlichen Bundesgenossen nicht m\u00fcde wurden zu betonen.<\/p>\n<p><em>Junts pel S\u00ed<\/em>, &#8222;Gemeinsam f\u00fcr das Ja&#8220;, nennt sich die Zweckallianz von Christdemokraten und Linksnationalisten, auf deren letztem Listenplatz symbolisch-glamour\u00f6s Pep Guardiola kandidierte. Ein Erdrutschsieg sollte ihr den Weg bahnen zur Gr\u00fcndung des katalanischen Staates.<\/p>\n<p>Die Independentistes haben die Wahlen ja tats\u00e4chlich gewonnen. Aber: Erstens erreichten sie zwar die absolute Mehrheit der Sitze, nicht jedoch der W\u00e4hlerstimmen. Und zweitens schaffte <em>Junts pel S\u00ed<\/em> auch das nicht alleine. Das Projekt Unabh\u00e4ngigkeit l\u00e4uft, wenn \u00fcberhaupt, nur zusammen mit der Anti-System-Partei CUP. Die wiederum bringt das B\u00fcndnis mit einer rabiat linken Agenda in Verlegenheit. Eine ihrer Bedingungen lautet: Mas wird nicht wieder Ministerpr\u00e4sident. Dass er nun f\u00fcr genau das angeklagt ist, was die CUP als Gebot der Stunde ausruft \u2013 zivilen Ungehorsam gegen Gesetze aus Madrid \u2013, wird sie kaum umstimmen.<\/p>\n<p>Etwa zwei Monate bleiben noch, um eine Regierung zu bilden. So oder so stehen aber nach dieser Frist schon wieder Wahlen an: zum spanischen Parlament. Und wie die ausgehen, h\u00e4ngt nicht zuletzt davon ab, was unterdessen in Katalonien geschieht.<\/p>\n<p>Mas und seine Unterst\u00fctzer behandeln das Ergebnis vom 27. September wie einen Auftrag zur Staatsgr\u00fcndung. Den Einwand, dass es zur absoluten Stimmenmehrheit doch nicht gereicht habe, kontern sie mit dem Hinweis, ein Referendum habe Madrid ja verboten, und so gelte nun eben das Wahlrecht. Au\u00dferdem seien manche W\u00e4hler der anderen Parteien auch f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p>Da fehlt eigentlich nur noch das Argument, dass bisher die wenigsten Staaten der Welt erst gegr\u00fcndet wurden, als fast 48 Prozent ihrer w\u00e4hlenden Bev\u00f6lkerung dem zugestimmt hatten.<\/p>\n<p>Seit Jahren haben ein parteiisches Verfassungsgericht in Madrid und die \u2013 vor allem innenpolitisch \u2013 heillos reaktion\u00e4re spanische Regierung unter Mariano Rajoy mit st\u00e4ndigen Provokationen und Dem\u00fctigungen die Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung in Katalonien beispiellos befeuert. Dass sie jetzt trotzdem bei unter 50 Prozent landet, ist alles andere als ein Triumph. Bei der Frage nach dem Bruch mit Spanien bleibt die katalanische Gesellschaft zweigeteilt.<\/p>\n<p>Ich war in den Tagen um die Wahl in Barcelona. In der Wut auf die Regierung Rajoy waren sich alle einig, aber bei den meisten kam Mas auch nicht viel besser weg. Wer nicht selbst f\u00fcr den &#8222;neuen Staat Europas&#8220; gl\u00fcht, wirft dem Pr\u00e4sidenten vor, dass er der Utopie die Gegenwart opfere. Weil die beiden Parteien seiner Koalition au\u00dfer ihrem Wunschtraum wenig gemeinsam haben, regieren sie nicht gut. Dabei ist in Katalonien, wie im Rest Spaniens, die Krise alles andere als \u00fcberstanden. Gerettet sind vielleicht die Banken, nicht aber die Bev\u00f6lkerung. Vor allem die K\u00fcrzungen im Gesundheitswesen wirken sich katastrophal aus und das Mantra &#8222;Alles wird sofort besser, wenn wir unabh\u00e4ngig sind&#8220; hat noch niemanden kuriert, h\u00e4ngt aber vielen zum Hals heraus.<\/p>\n<p>Mich halten \u2013 in Deutschland, nicht in Katalonien \u2013 manche f\u00fcr einen Bef\u00fcrworter der katalanischen Unabh\u00e4ngigkeit. Das liegt daran, dass ich hier und da Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Independentisme der letzten Jahre ge\u00e4u\u00dfert habe. Weil der eben nicht blo\u00df eine Macke verblendeter Nostalgiker ist, sondern vor allem Reaktion auf die stur konfrontative Katalonienpolitik der rechten Regierung in Madrid. Dieses Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Independentisme wird mit Einverst\u00e4ndnis verwechselt.<\/p>\n<p>Was ich mir w\u00fcnschen w\u00fcrde, w\u00e4re die \u00fcberf\u00e4llige Verfassungsreform in Spanien: eine f\u00f6deralistische Neuordnung anstelle des heutigen Zentralismus, bei der dann Katalonien und das Baskenland den Status von Freistaaten bekommen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Mit so einer L\u00f6sung w\u00e4re auch ein Gro\u00dfteil der <em>Junts-pel-S\u00ed<\/em>-W\u00e4hler zufrieden. Blo\u00df glauben sie nicht mehr daran. Und mit Rajoys Partei, dem PP, w\u00e4re sie auf keinen Fall m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Genau deshalb h\u00e4tte ich einen deutlichen Wahlsieg der Independentistes begr\u00fc\u00dft. Damit w\u00e4re, allen Beschw\u00f6rungen zum Trotz, dass es &#8222;kein Zur\u00fcck mehr&#8220; gebe, der Ausstieg Kataloniens keineswegs besiegelt gewesen. Das Votum h\u00e4tte das politische Spanien per Schocktherapie zur Einsicht bringen k\u00f6nnen, dass es sich umbauen muss. Und es h\u00e4tte den ohnehin von Korruptionsskandalen und von der auftrumpfenden Unf\u00e4higkeit seiner Spitzenleute zerr\u00fctteten PP in Madrid weiter geschw\u00e4cht.<\/p>\n<p>Aber: So sieht das Wahlergebnis eben nicht aus. Zudem hat es einen Shootingstar hervorgebracht, von dem bisher keine Rede war. Ciudadanos, Staatsb\u00fcrger, nennt sich die junge Partei aus dem, nun ja, zumindest nicht linken Spektrum, die pl\u00f6tzlich zweitst\u00e4rkste Fraktion im katalanischen Parlament ist. Wof\u00fcr die Ciudadanos stehen, ist unklar. Die einen halten sie f\u00fcr etwas Neues, f\u00fcr eine moderne liberale Gruppierung, weltoffen und konstruktiv, ein Gegenbild zum politischen Kl\u00fcngel in Spanien und Katalonien. Die anderen sehen in ihnen eine Ansammlung von Schn\u00f6seln, deren legerer Auftritt (Jeans und hochgekrempelte Hemds\u00e4rmel sind die inoffizielle Uniform der &#8222;C&#8220;-Funktion\u00e4re) nur eine frische Verpackung f\u00fcr eine ranzige Ideologie ist. Im Netz kursiert das Video eines Babys, das angewidert den Kopf wegdreht, als ihm ein L\u00f6ffel Brei mit der Aufschrift &#8222;PP&#8220; hingehalten wird, und ihn dann bereitwillig schluckt, als eine zweite Aufschrift \u2013 &#8222;C&#8220; \u2013 die erste kaschiert. Als ich in Barcelona die Bilder von der Wahlparty der Ciudadanos sah, lauter enthemmte Hochgekrempelte, die ihre eigene Spitzenkandidatin mit &#8222;Catalunya es Espa\u00f1a!&#8220;-Sprechch\u00f6ren \u00fcberbr\u00fcllten, hatte ich kein gutes Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Wenn die Independentistes nun mit ihrer wenig soliden Mehrheit, ob mit oder ohne Mas, demonstrativ ihren &#8222;Routenplan&#8220; zur Staatsgr\u00fcndung in Angriff nehmen, droht das bei den spanischen Wahlen das zentralistische Lager zu st\u00e4rken. Schon jetzt ist die einzige politische Kraft im Land, die noch \u00fcberzeugend f\u00fcr eine Verfassungsreform eintritt, Podemos; die Sozialdemokraten tun es im Prinzip auch, blo\u00df ger\u00e4t bei ihnen gerade gar nichts mehr \u00fcberzeugend. Podemos-Kopf Pablo Iglesias sprach in der katalanischen Wahlnacht: &#8222;Ich m\u00f6chte Pr\u00e4sident eines Spanien sein, in dem die katalanische Nation Platz hat.&#8220;<\/p>\n<p>Doch vom Pr\u00e4sidentenamt ist er weit entfernt. Podemos schw\u00e4chelt. Ihr Ableger in Katalonien fuhr ein einstelliges Ergebnis ein. Und f\u00fcr die spanischen Wahlen zeichnet sich ein Szenario ab, das bis vor Kurzem alle f\u00fcr undenkbar hielten, so tief, wie Rajoy die Karre in den Dreck gefahren hat: n\u00e4mlich dass sich der PP, mit Unterst\u00fctzung der Ciudadanos, doch an der Macht halten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde vier weitere verlorene Jahre f\u00fcr Spanien bedeuten. Und f\u00fcr Katalonien vermutlich auch.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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