{"id":2904,"date":"2015-12-11T06:00:45","date_gmt":"2015-12-11T05:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=2904"},"modified":"2015-12-10T11:30:04","modified_gmt":"2015-12-10T10:30:04","slug":"abramovic-performance-steinaecker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2015\/12\/11\/abramovic-performance-steinaecker\/","title":{"rendered":"Wer hier blutet, blutet richtig"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt einen Ausweg aus unserem von technischem Luxus eingelullten Dasein. Marina Abramovi\u0107, die in ihren Performances immerzu ihre Gesundheit riskiert, lebt ihn vor. <\/strong><\/p>\n<p>Die Forderung, der &#8222;wahre&#8220; K\u00fcnstler m\u00fcsse bereit sein, f\u00fcr seine Kunst zu sterben, ist so romantisch und \u00fcberzogen, dass keiner je so verr\u00fcckt war, damit ernst zu machen. Naja, sagen wir <em>fast <\/em>keiner. Denn es gibt da eine K\u00fcnstlerin, die mittlerweile \u00fcber 40 Jahre f\u00fcr oder besser <em>in<\/em> ihren Werken r\u00fccksichtslos ihre Gesundheit aufs Spiel setzt. Die geb\u00fcrtige Jugoslawin und Wahl-New-Yorkerin Marina Abramovi\u0107. Sie lag in einem Ring aus Feuer, bis sie bewusstlos wurde, k\u00e4mmte sich eine Stunde lang das Haar, wobei sie unentwegt den Satz &#8222;Art must be beautiful&#8220; wiederholte, zuletzt nur mehr vor Schmerzen st\u00f6hnend und schreiend; sie rannte mehrmals nackt und mit voller Wucht gegen ihren Partner Ulay, den Deutschen Frank Uwe Laysiepen, und anschlie\u00dfend gegen eine Betons\u00e4ule; sp\u00e4ter lie\u00df sie ihn mit Pfeil und Bogen auf ihr Herz zielen.<!--more--><\/p>\n<p>Diese wilden Zeiten liegen jedoch, genau wie die zw\u00f6lfj\u00e4hrige Beziehung mit Ulay, lange hinter ihr. Weltber\u00fchmt wurde Abramovi\u0107 durch eine auf den ersten Blick weitaus unspektakul\u00e4rere, wenn auch nicht weniger herausfordernde Aktion: 2010 sa\u00df sie im Museum for Modern Art neunzig Tage lang Besuchern gegen\u00fcber, regungslos und stumm, insgesamt 1.716 Stunden.<\/p>\n<p>Bevor ich Marina Abramovi\u0107 in Brooklyn f\u00fcr ein Interview zu der 3Sat-Fernsehreihe <em>Von Dada bis Gaga traf<\/em>, die ich im Herbst drehte, hatte ich mir noch einmal die Dokumentation \u00fcber die Ausnahmeperformance <em>The Artist is present<\/em> angesehen \u2013 und war in gleichem Ma\u00dfe fasziniert und ber\u00fchrt gewesen. War Performance-Kunst doch eine Kunst, mit der ich mich bis dahin kaum besch\u00e4ftigt hatte. Das hatte vor allem praktische Gr\u00fcnde. Nicht nur kommt Performance-Kunst im Kulturbetrieb h\u00f6chstens am Rande vor und macht Kunsthistorikern als kaum fa\u00dfbare Disziplin zwischen Malerei, Tanz und Musik das Leben schwer; anders als alle anderen K\u00fcnste ist Performance-Kunst eine Kunst, die man unbedingt live erleben muss; in ungleich gr\u00f6\u00dferem Ausma\u00df als bei Musik, Malerei oder Theater sind hier Fotos oder Videos lediglich halbwegs taugliche Dokumentationen eines einmaligen Moments. Denn die meisten klassischen Performances, von Beuys <em>Wie man dem toten Hasen die Bilder erkl\u00e4rt<\/em> \u00fcber Chris Burdens <em>Shoot<\/em>, wo sich der K\u00fcnstler in den Arm schie\u00dfen l\u00e4sst, bis zu G\u00fcnter Brus <em>Zerrei\u00dfprobe<\/em>, bei der es darum geht, die Grenzen des eigenen K\u00f6rpers auszuloten, wurden nicht wiederholt. Von Anfang an waren sie darauf angelegt, blo\u00df ein einziges Mal realisiert zu werden. Ihre Wirkung ist daher heute kaum noch erahnbar. Auf den verschwommenen Aufnahmen kamen sie mir oft genug ziemlich, Verzeihung, l\u00e4ppisch, manchmal aber auch faszinierend fremd, wie au\u00dferirdische Rituale vor, bei denen ich mir sehr wohl vorstellen konnte, dass sie f\u00fcr den Performer wie f\u00fcrs Publikum eine ersch\u00fctternde Wirkung haben mussten.<\/p>\n<p>Je mehr ich mich in die noch recht junge Geschichte der Performance einarbeitete, desto paradoxer schien es mir, dass sie zwar als Kunstrichtung weiterhin eine Nischenexistenz f\u00fchrt, ihr gewaltiger Einfluss jedoch heute in nahezu allen Disziplinen un\u00fcbersehbar ist. Lady Gaga trug 2010 ein aufsehenerregendes Kleid aus Fleisch, so wie es acht Jahre zuvor, nur wenig beachtet, der chinesische Performer Zhang Huan getan hatte; der Star-Designer Alexander McQueen schminkte seinen Models Riesenm\u00fcnder nach Vorbild des Australiers Leigh Bowerys, dessen extravagante Outfits sich auch gut auf Haute-Couture-Schauen gemacht h\u00e4tten; David Lynch zeigte in Industrial <em>Symphony No. 1<\/em> 1990, wie flie\u00dfend bei ihm selbst der \u00dcbergang von Performance und Film ist; postdramatische Theatergruppen wie Gob Squad, She She Pop oder Rimini Protokoll lassen mittlerweile &#8222;echte&#8220; Menschen in ihren St\u00fccken auftreten, und der ber\u00fcchtigte Rasiermesserschnitt von Rainald Goetz wirkt wie die Light-Version einer der grausigen Selbstverst\u00fcmmelungen der Wiener Aktionisten. Und doch ist es am Ende vielleicht folgendes, was die Performance-Kunst so inspirierend und gerade heute so spannend erscheinen l\u00e4sst: In einer Zeit, in der wir von Scheinrealit\u00e4ten umstellt sind und uns, eingelullt von technischem Luxus, nach einer wirklichen Erfahrung sehnen, ist Performance die einzige Kunst, die die Grenzen zur Realit\u00e4t tats\u00e4chlich einrei\u00dft. Wer hier blutet, blutet wirklich. Alle Tr\u00e4nen hier sind echt. Der Performer, der in den allermeisten F\u00e4llen auch der Urheber seines Werkes ist, steht vor uns nicht nur als K\u00fcnstler, sondern auch, g\u00e4nzlich ungesch\u00fctzt und daher meistens nackt: als Mensch.<\/p>\n<p>Wie aber ist so ein Extremk\u00fcnstler &#8222;als Mensch&#8220; beziehungsweise privat? Nach all den eindrucksvoll krassen Beschreibungen der Aktionen Marina Abramovi\u0107s hatte ich, wenn ich ehrlich bin, eine Art Magierin erwartet. Ich meine, die Frau sa\u00df 170.000 Besuchern gegen\u00fcber und nicht wenige waren danach v\u00f6llig aufgel\u00f6st und sprachen von einem unverge\u00dflichen Erlebnis. Als dann ihr SUV vor dem Interviewort in Brooklyn h\u00e4lt, steigt nach einer vielk\u00f6pfigen Entourage eine zwar gro\u00dfe und vollkommen in Schwarz gekleidete Frau aus \u2013 die sich aber, als sie mir nach zwei Stunden Maske gegen\u00fcbersitzt, als \u00fcberraschend locker und sogar extrem herzlich entpuppt. Ihr serbisches Englisch wirkt bestimmend und charmant zugleich. Seltsam ber\u00fchrt es h\u00f6chstens, dass eine K\u00fcnstlerin, die so viel Wert darauf legt, dass alles, was sie tut, auch &#8222;echt&#8220; ist, mit ihren fast 70 Jahren derart unnat\u00fcrlich jung aussieht.<\/p>\n<p>Nach dem Interview checkt sie noch auf YouTube den Ausschnitt aus der <em>The-Artist-is-present<\/em>-Doku, der jenen ergreifenden Moment zeigt, in dem sich ihr pl\u00f6tzlich vor den Augen der erstaunten Zuschauer im MoMa Ulay, der Mann ihres Lebens, von dem sie sich im Streit getrennt hatte, nach zig Jahren Funkstille gegen\u00fcbersetzt \u2013 und beide stumm zu weinen beginnen. Ein Moment, so kitschig und sch\u00f6n zugleich, dass man ihn nur der Wirklichkeit glaubt. &#8222;Two Million clicks&#8220;, sagt Abramovi\u0107 da, w\u00e4hrend sie l\u00e4chelnd den Kopf sch\u00fcttelt. &#8222;People are crazy.&#8220;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_2916\" aria-describedby=\"caption-attachment-2916\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-2916\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2015\/12\/abramovic-1024x682.jpg\" alt=\"\u00a9 Getty Images\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/12\/abramovic-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/12\/abramovic-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2015\/12\/abramovic.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-2916\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Thomas von Steinaecker:<\/strong> 2005 kam es zu einer kleinen Revolution in der Geschichte der Performance: In <em>Seven Easy Pieces<\/em> reenacteten Sie nicht nur eigene fr\u00fchere Performances, sondern auch erstmals Klassiker von Joseph Beuys, Gina Pane und Vito Acconci. Warum dieser Querschnitt und warum zu diesem Zeitpunkt?<\/p>\n<p><strong>Marina Abramovi\u0107:<\/strong> Ich hatte genug von der Einstellung mancher Leute. Junge K\u00fcnstler kopierten einfach die Werke \u00e4lterer Performancek\u00fcnstler, und die bekamen dann keinerlei Anerkennung daf\u00fcr. MTV kopierte sie, Filmemacher, der Tanz, die Mode, die Designer. Viele schauten sich was von den Bildern der Performancekunst ab, weil sie so sch\u00f6n und charismatisch sind. Und dann machten sie ihr eigens Ding daraus, in ihrer jeweiligen Disziplin. Und sie gaben nie ihre Quelle an. Ich empfand es also als meine pers\u00f6nliche Pflicht, in all dieses Durcheinander ein bisschen Ordnung zu bringen.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Sie f\u00fchrten unter anderem auch Beuys\u2019 <em>Wie man dem toten Hasen die Bilder erkl\u00e4rt<\/em> von 1965 auf. Das war sicher nicht ganz einfach \u2026 Beuys\u2019 Witwe gilt ja nicht gerade als kooperativ.<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong>\u00a0Es hat wirklich lange gedauert, bis ich die Erlaubnis daf\u00fcr bekam. Zuerst ging ich zum Guggenheim-Museum, damit sie Beuys\u2019 Witwe, Eva, kontaktierten. Und jedes Mal lehnte sie ab. Aber, wissen Sie, wenn jemand nein zu mir sagt, fang ich erst so richtig an. Also packte ich meinen Koffer und flog nach D\u00fcsseldorf. Es war Januar. Und ich erinnere mich daran, dass es kalt war und schneite, als ich bei ihr klingelte. Sie \u00f6ffnete und blickte mich an, wie ich da v\u00f6llig durchfroren vor ihr stand. Und dann sagte sie: &#8222;Frau Abramovi\u0107, meine Antwort lautet immer noch nein, aber Sie k\u00f6nnen einen Kaffe haben.&#8220; Und ich sagte: &#8222;In Ordnung, ich nehme Tee.&#8220; Also gingen wir rein. Und f\u00fcnf Stunden sp\u00e4ter hatte ich die Erlaubnis.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Und der Hase, den Sie bei der Performance im Arm hielten, war echt, nehme ich an?<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong>\u00a0Es gibt hier in den USA sehr strenge Tierschutzgesetze. Man kann nicht einfach einen Hasen t\u00f6ten und dann hierher bringen. Der Hase mu\u00dfte eines nat\u00fcrlichen Todes gestorben sein. Was also geschah, war, dass ein Hase in Texas von einem Auto \u00fcberfahren, eingefroren und dann nach New York geflogen wurde, wo ich meine Performance um zehn Uhr Vormittags begann. Ich hielt also diesen tiefgefrorenen Hasen im Arm. Die Performance dauerte sieben Stunden. Beuys\u2019 Original war nur eine Stunde lang. Aber schlie\u00dflich war es ja meine Interpretation. Was soll ich sagen: Nach einer Weile begann der Hase aufzutauen. Es war fast so, als erwachte er zum Leben. Ich glaube nicht, dass Beuys dieses Problem hatte.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Kommen wir mal auf eine Ihrer ber\u00fcchtigsten Performances zu sprechen, <em>Rhythm 0<\/em> von 1974 \u2026<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong>\u00a0Die lief folgenderma\u00dfen ab: Ich stand in der Galerie, vollst\u00e4ndig bekleidet. Und auf dem Tisch gab es ein Set aus 76 Gegenst\u00e4nden, manche, um Schmerz zuzuf\u00fcgen, manche um Freude zu bereiten. Au\u00dferdem eine geladene Pistole. Und ich sagte: &#8222;Okay, ich werde sechs Stunden hier sein. Machen Sie mit mir, was immer Sie wollen. Ich \u00fcbernehme die volle Verantwortung. Auch f\u00fcr Mord.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Hatten Sie keine Angst?<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong> Nat\u00fcrlich hatte ich Angst. Wenn jemand eine geladene Pistole auf Sie richtet, ist das normal, denke ich. Jeder normale Mensch w\u00e4re in Panik geraten, so wie ich. Aber das Einzige, was mich interessiert, sind die Dinge, vor denen ich Angst habe. Und an denen ich meine Grenzen austesten kann. Wenn man etwas mag, hat man keinen Grund, etwas zu tun und man bleibt immer in seiner Komfort-Zone. Aber man muss seine Komfort-Zone verlassen. Und genau darum geht es in diesem St\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Warum spielte Schmerz damals in den 1970ern so eine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr Sie?<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong>\u00a0Interessant, dass Sie das fragen. Ich wei\u00df nicht, warum, aber besonders in Deutschland ist man immer von meinen fr\u00fchen Arbeiten fasziniert, weil sie mit Schmerz und Leid zu tun haben und auf den Fotos so dramatisch aussehen. Blut macht sich eben immer gut. Aber, wissen Sie, ich habe so viele Verwandlungen durchlebt. Hat man einmal die Grenzen des eigenen K\u00f6rpers erfahren \u2013 und das habe ich, glauben Sie mir, einmal bin ich beinahe gestorben \u2013, dann kann man das abhaken. Physischer Schmerz ist einfach zu kontrollieren. Emotionaler Schmerz nicht.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Beides, k\u00f6rperlicher und emotionaler Schmerz, spielt ja dann auch eine gro\u00dfe Rolle in Ihren Aktionen der 1980er. Sie arbeiteten damals mit Ihrem Lebensgef\u00e4hrten Ulay zusammen. Ein St\u00fcck, das auch auf Video extrem eindrucksvoll ist, ist \u201cRest Energy\u201d von 1980. Ulay zielt aus direkter Entfernung mit dem Bogen auf Sie.<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong>\u00a0Dieses St\u00fcck kann man nur machen, wenn man seinem Gegen\u00fcber komplett vertraut. Es war interessant, dass er den Pfeil sofort auf mein Herz richtete. H\u00e4tte ich das Gleichgewicht verloren und losgelassen, w\u00e4re ich tot gewesen. Aber ich vertraute ihm. Ich erinnere mich, als wir eine TV-Aufzeichnung machten, ich glaube, in M\u00fcnchen, und mich jemand fragte: &#8222;Aber warum zeigt der Pfeil auf ihr und nicht auf sein Herz?&#8220; Und er hatte eine wunderbare Antwort. Er sagte: &#8222;Das stimmt. Es ist ihr Herz. Aber es ist auch meines. Wir wurden am selben Tag geboren.&#8220; Es ist wahrscheinlich das k\u00fcrzeste St\u00fcck, das wir je gemacht haben. Vier Minuten und zwanzig Sekunden lang. Aber es f\u00fchlte sich wie eine Ewigkeit an.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> 1989 kam es dann zu Ihrer letzten gemeinsamen Aktion, <em>The Lovers (The Great Wall Walk)<\/em>, nach der Sie sich voneinander trennten. Interessant ist, dass das eigentlich eher ein Film ist als eine Performance. Ulay und Sie wanderten vom jeweils anderen Ende der Chinesischen Mauer aufeinander zu. \u00dcber 2.000 Km, 90 Tage lang.<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong>\u00a0Wir konnten das Publikum ja nicht nach China bringen. Als wir mit dem St\u00fcck begannen, war China eine verbotene Zone. Es hat sieben Jahre gedauert, um die Erlaubnis f\u00fcr die Performance zu bekommen, damit wir zw\u00f6lf Provinzen durchqueren konnten, die f\u00fcr Fremde verboten waren. Wir mu\u00dften unz\u00e4hlige Einschr\u00e4nkungen \u00fcber uns ergehen lassen und einen Berg an Papierkram erledigen. Damit will ich sagen: Es waren nur wir da. Also mu\u00dften wir das Publikum per Video teilhaben lassen.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Besteht bei solchen Arbeiten nicht die Gefahr, dass Ihnen Trickserei vorgeworfen wird. Im Filmschnitt kann man ja vieles machen \u2026<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong>\u00a0Das ist eine interessante Frage. In den 1980er Jahren, die ich wirklich hasse, h\u00f6rten viel K\u00fcnstler auf, Performances zu machen und drehten stattdessen Videos. Und diese Videos waren einfach geloopt und immer so drei Minuten lang. In Endlosschlaufe. Das bedeutet, die K\u00fcnstler machten diese Erfahrung weder physisch noch emotional. Ich hingegen bin bekannt daf\u00fcr, dass das, was ich tue, auch wirklich mache. Zum Beispiel bei <em>The Artist is present.<\/em> Ich sa\u00df dort jeden Tag, 1.716 Stunden lang und jeder konnte mir dabei zuschauen. Aber man muss nicht die ganzen 1.716 Stunden gesehen haben, um es zu glauben. Man sieht eine Minute, und man kennt die ganze Geschichte.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Sie erw\u00e4hnten Ihre vielleicht bekannteste Performance, <em>The Artist is present<\/em> von 2010. Seitdem sind Sie so etwas wie ein Superstar. Was sind Ihre zuk\u00fcnftigen Projekte?<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong>\u00a0Ich habe <em>512 Hours<\/em> in der Serpentine Gallery gemacht, wo das Publikum nur eine wei\u00dfe Wand sah. Es gab keine Gegenst\u00e4nde im Raum: 140000 Menschen! Gerade eben war ich in Australien: 32.000 Menschen in zw\u00f6lf Tagen! 180.000 in\u00a0S\u00e3o Paulo! Wissen Sie, wie viele Leute bei den fr\u00fchen Performances anwesend waren, \u00fcber die wir vorhin gesprochen haben? Sechs, zwanzig, manchmal drei\u00dfig. Waren es sechzig, waren das richtig viele. Ich bin also wirklich gl\u00fccklich, wenn ich heute sehe, wie viele Leute zu mir kommen. Leute, die nicht aus der Kunstszene stammen, sondern von \u00fcberall her. Kinder, f\u00fcnfzehn Jahre alt, Menschen aus allen sozialen Schichten, egal, welcher Konfession, egal, aus welchem Land. Sie wollen etwas erfahren, das nur ihnen allein geh\u00f6rt.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Sie wurden ja seitdem viel kritisiert: Sie machten eine Aktion f\u00fcr Adidas und wirkten in einem Video von Jay-Z mit. Au\u00dferdem \u00fcbte sich Lady Gaga nackt in der sogenannten Abramovi\u0107-Method, um Geld f\u00fcr Ihr Institut zu sammeln. Besteht da nicht die Gefahr, dass all diese etwas marktschreierischen T\u00e4tigkeiten auf Ihre sehr puristischen, sehr aufrichtigen Performances abf\u00e4rben?<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong> Als ich sehr jung war, f\u00fchlte ich mich als schwarzes Schaf. Und ich f\u00fchle mich noch immer so, selbst bei all dem Erfolg. Mir ist es egal, was die Leute denken. Mir geht es darum, was ich pers\u00f6nlich f\u00fcr das Richtige halte. Und wenn ich etwas f\u00fcr Adidas mache und sie geben mir Geld f\u00fcr mein Institut \u2013 na und? Was ist falsch daran? In der Vergangenheit wurden die K\u00fcnstler von K\u00f6nigen bezahlt, von P\u00e4psten, von Adligen. Jetzt machen das eben die die Banken und die Unternehmen. Es ist ein und dasselbe. Das Wichtige ist, wof\u00fcr man etwas macht. Und die Idee dahinter. Kritisieren Sie mich f\u00fcr meine Ideen!<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Aber besteht da nicht die Gefahr, dass die Grenzen verwischen? Manche Werbespots oder Videos von Lady Gaga k\u00f6nnten ja durchaus auch als Performance durchgehen \u2026<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong> Nein! Der Zusammenhang, in dem man etwas tut, ist entscheidend. Ich sage immer, wenn man das beste Brot der Welt b\u00e4ckt, so raffiniert wie ein Kunstwerk, dann bleibt man eben immer noch ein B\u00e4cker. Aber wenn man dasselbe Brot im Museum ausstellt, ist man Joseph Beuys. Das Konzept macht den Unterschied. Lady Gagas Kontext ist Popmusik. Und meiner ist Performancekunst. Zwei unterschiedliche Bereiche also. Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht zusammenarbeiten k\u00f6nnen. Ich bin daran interessiert, Tabus zu brechen, unterschiedliche Disziplinen zusammenzuf\u00fchren und mich von anderen K\u00fcnstlern f\u00fcr meine Arbeit inspirieren zu lassen.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Gut, dann be-<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong> Warten Sie, nach all diesen sehr ernsten Fragen will ich Ihnen noch einen Witz erz\u00e4hlen. Darf ich?<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Nat\u00fcrlich, ich meine \u2026<\/p>\n<p><strong>Abramovi\u0107:<\/strong> Also. Im ehemaligen Ostblock erhielt man zu Sowjetzeiten als bester Arbeiter in einem Unternehmen als Belohnung eine Uhr. Das gr\u00f6\u00dfte Kompliment, das dir die Regierung machen kann: eine Uhr. Aber dieser Typ war so unglaublich gut, so brillant, dass die Regierung beschloss, etwas ganz Besonderes zu machen, etwas nie Dagewesenes: Sie schenkte ihm ein Auto. Man sagt also zu ihm: &#8222;Wir schenken Ihnen ein Auto. Wenn wir es heute bestellen, kommt es in zwanzig Jahren.&#8220; Und der Typ denkt nach und sagt dann: &#8222;In Ordnung. Aber k\u00f6nnten Sie mir bitte sagen, ob es am Morgen oder am Abend eintrifft?&#8220; Man antwortet ihm: &#8222;Was zum Teufel k\u00fcmmert Sie das? Das ist in zwanzig Jahren!&#8220; Und er: &#8222;Ich wei\u00df. Aber ich habe da einen Termin mit dem Klempner.&#8220; Ich liebe das! Zeit ist nichts!<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einen Ausweg aus unserem von technischem Luxus eingelullten Dasein. Marina Abramovi\u0107, die in ihren Performances immerzu ihre Gesundheit riskiert, lebt ihn vor. 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