{"id":3085,"date":"2016-01-31T08:00:42","date_gmt":"2016-01-31T07:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3085"},"modified":"2016-01-29T16:32:15","modified_gmt":"2016-01-29T15:32:15","slug":"manowar-jan-brandt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/01\/31\/manowar-jan-brandt\/","title":{"rendered":"&#8222;Hail to Deutschland&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-3091\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/01\/freitext-manowar-620x413.jpg\" alt=\"freitext-manowar\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/01\/freitext-manowar-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/01\/freitext-manowar-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/01\/freitext-manowar.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/p>\n<p><strong>In Berlin sind Manowar aufgetreten. Sie spielten Schlachthymnen, priesen Richard Wagner und den &#8222;deutschen Weg&#8220;, lebten M\u00e4nnerfantasien aus und gaben Frauen Sex-Tipps.<\/strong><\/p>\n<p>Am Mittwoch rief mich Onno an und fragte, ob ich mit zum Manowar-Konzert ins Tempodrom kommen wolle, er habe noch eine Karte abzugeben. Kolti habe kurzfristig eine Mitarbeiterschulung aufgedr\u00fcckt bekommen, und Uke drehe einen Werbespot in Schweden, wo er mit Autos \u00fcber zugefrorene Seen fahren m\u00fcsse. Eine Karte habe Anne genommen, die zweite w\u00fcrde er, wenn ich nicht zusage, an jemand anderen verkaufen.<!--more--><\/p>\n<p>&#8222;An jemand anderen?&#8220;, fragte ich. &#8222;An wen denn?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Irgendwen&#8220;, sagte Onno. &#8222;An jeden Irren, der bereit ist, 78 Euro zu zahlen.&#8220;<\/p>\n<p>Das Konzert der <em>Gods and Kings<\/em>-Tour war seit Monaten ausverkauft. Ich hatte, als ich davon h\u00f6rte, keine Trauer versp\u00fcrt. Als Jugendlicher hatte ich Manowar nicht mit der gleichen Begeisterung geh\u00f6rt wie Metallica, Mot\u00f6rhead oder Slayer, aber aus Onnos Erz\u00e4hlungen wusste ich, dass es ein Spektakel werden w\u00fcrde, dass jedes Manowarkonzert ein Ereignis war, \u00fcber das sich noch jahrelang reden lie\u00df. Jedenfalls redete Onno jahrelang von seinen Manowarkonzerterlebnissen in D\u00fcsseldorf, Hamburg, Hannover, Kerkrade und Berlin, wo er mit Kolti und Uke, Olf und Maike und Focko und R\u00fcbe gewesen war \u2013 davon, wie sie Bettlaken mit Bildern bemalt hatten und als Dank daf\u00fcr von der Band in den Backstage-Bereich eingeladen wurden, wie Maike, weil sie Kreislaufprobleme hatte und ohnm\u00e4chtig zu werden drohte, von Eric Adams, dem S\u00e4nger, aus der ersten Reihe gezogen wurde und wie sie alle zusammen mit Joey DeMaio, dem Bassisten, Geburtstag gefeiert haben: &#8222;Und das Hammergeile war, da hat er eine Rede gehalten, und die war eins zu eins genauso wie auf der B\u00fchne. Und dann reichte er mir ein St\u00fcck Bassgitarrentorte und sagte: <em>That\u2019s for you, Brother!<\/em> Und ich dachte nur, das darf doch nicht wahr sein, der ist echt.&#8220;<\/p>\n<p>Und immer wenn er das sagte, fiel mir wieder ein, warum ich Manowar nicht mochte: Weil sie als Begr\u00fcnder des True Metal gelten, als die einzig wahren Vertreter des Heavy Metal, als Repr\u00e4sentanten der reinen Lehre. <em>We are Manowar. We are invincible. Death to False Metal<\/em>, hei\u00dft es auf dem Album <em>Hail to England<\/em>. Ich verachtete diesen ganzen ideologischen \u00dcberbau, die nordisch-germanische \u00c4sthetik, die Nazi-Rhetorik und -Symbolik, das Frauen- und M\u00e4nnerbild, das Kriegsgeheul, den Lederkult, das Pathos, den Bombast. Aber ich mochte die ersten Alben, die den Sound von Led Zeppelin und Deep Purple in die neunziger Jahre transportierten. Und nach Lemmys Tod hatte ich Angst, dass jedes Konzert, egal von welcher alten Metal-Band, das letzte sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Also sagte ich zu. Und als ich vorm Tempodrom ankam, war ich gleich von biertrinkenden Horden umringt, M\u00e4nner, die einander stolz ihre vollst\u00e4ndig mit Aufn\u00e4hern bedeckten Lederkutten pr\u00e4sentierten und darauf hinwiesen, dass die Backpatches handgemalt seien, die sich anerkennend an ihren geflochtenen Kinnb\u00e4rten zupften und die L\u00e4nge ihrer Haare verglichen.<\/p>\n<p>Onno und Anne standen abseits, er im<em> Louder Than Hell<\/em>-Shirt, sie in einem selbst gestalteten mit der Aufschrift: &#8222;H\u00e4&#8216; Wi? Metal&#8220;. Onno war voller Vorfreude, weil Manowar vor zwei Jahren die Songs von <em>Kings of Metal<\/em> neu eingespielt hatten, und er hoffte, dass sie nicht nur St\u00fccke vom j\u00fcngsten Studioalbum <em>Lords of Steel<\/em> spielen w\u00fcrden, sondern vor allem alte Sachen, die ihn an seine und meine Jugend erinnern w\u00fcrden. Dann beschwor er den Mythos der Urbesetzung herauf: Am Schlagzeug werde Donnie Hamzik sitzen, der beim Deb\u00fct <em>Battle Hymns<\/em> dabei war, danach ausstieg und nach 26 Jahren zur Band zur\u00fcckkehrte, Eric Adams singe nat\u00fcrlich immer noch, wom\u00f6glich aber nicht mehr ganz so lang und hoch wie fr\u00fcher, immerhin sei der inzwischen auch \u00fcber 60, und Joey DeMaio am Bass, so durchgeknallt wie eh und je. &#8222;Und nat\u00fcrlich Karl Logan, der f\u00fcr mich immer noch der neue Gitarrist ist, aber man muss einfach sagen, niemand war bei Manowar so lange Gitarrist wie er.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Mit seinen roten Haaren und seinem Pony sieht er aus wie Katja Ebstein&#8220;, sagte Anne, und weil ich mich selbst davon \u00fcberzeugen wollte, gingen wir hinein.<\/p>\n<p>Als wir die Sicherheitskontrolle passierten, die nur darin bestand, die Jacken aufzumachen, musste ich, wie bei jedem Konzert in letzter Zeit, an das Attentat von Paris denken, ans Bataclan, als dort die Eagles of Death Metal auftraten, und ich dachte, dass kein Event passender f\u00fcr einen Anschlag w\u00e4re als dieses, hei\u00dfen die Songs doch <em>Funeral March<\/em>, <em>Hail and Kill<\/em>, <em>Kill with Power<\/em>, <em>Die with Honor<\/em> oder <em>Today is a Good Day to Die<\/em>.<\/p>\n<p>Wir tranken ein Bier, stellten uns vor die B\u00fchne, das Bild: eine Mischung aus Walhalla und Reichsparteitagsgel\u00e4nde mit Boxent\u00fcrmen und Videoleinw\u00e4nden, vor uns ein Paar, auf deren R\u00fccken &#8222;<em>Born to Rock, Drink and Fuck&#8220;<\/em> und &#8222;Es ist nicht nur ein Hobby, sondern meine Flucht aus der Realit\u00e4t&#8220; stand, neben uns zwei junge M\u00e4nner aus Hannover mit Vokuhila, die uns dazu gratulierten, ebenfalls aus dem Norden zu stammen.<\/p>\n<p>Der Gong ert\u00f6nte, das Licht ging aus, alle um uns verschr\u00e4nkten ihre Arme \u00fcber den K\u00f6pfen, aus den Boxen kam die Titelmelodie von <em>Ben Hur<\/em>, und Orson Wells sagte: &#8222;<em>Ladies and Gentleman, from the United States of America, all Hail, Manowar!<\/em>&#8220; Feuerfont\u00e4nen, Lichtblitze, Auftritt von vier alterslosen M\u00e4nnern in hautengem schwarzen Leder, die ersten Takte der Schlachthymne <em>Manowar<\/em> mit der programmatischen Ansage <em>the right to conquer every shore<\/em>, als wollten sie allen Anwesenden gleich klarmachen, was heute zu erwarten sei: eine gewaltige und sehr laute Demonstration von Macht, St\u00e4rke und Entschlossenheit. Und als ob das Publikum nicht bereits durch Kleidung, Alkohol und Vorkenntnis auf einen musikalischen Kameradschaftsabend eingeschworen w\u00e4re, spielten sie als zweites <em>Die For Metal<\/em>, und alle um uns herum riefen wie aus einem Mund: &#8222;<em>They can\u2019t stop us, let them try, for Heavy Metal we will die.&#8220;<\/em> Danach ging die totale Mobilmachung mit <em>Call to Arms<\/em> weiter: &#8222;<em>Fight for the kingdom, fighting with steel, kill all of them, their blood is our seal.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>Ich stellte mir vor, wie es w\u00e4re, wenn es am Merchandise-Stand statt Shirts Schwerter zu kaufen gebe, wenn sich nach dem letzten Lied alle, aufgepeitscht durch L\u00e4rm und Worte, bewaffnen und in die Nacht hinausrennen w\u00fcrden, um Manowars Manifest in die Tat umzusetzen. Aber dann fiel mir die vor einem halben Jahr ver\u00f6ffentlichte Studie der Humboldt State University wieder ein, derzufolge Heavy-Metal-Fans ausgeglichener seien als Fans anderer Genres, dass harte Musik eine therapeutische Wirkung entfalte, dem Stressabbau diene, Aggression kanalisiere etc. Und als ich mich zu Onno und Anne umsah und die anderen um uns herum betrachtete, konnte ich mir keine gl\u00fccklicheren Menschen vorstellen. Noch nie habe ich abseits von Fu\u00dfballstadien so viele M\u00e4nner gesehen, die sich umarmen und herzen und gegenseitig auf die Schultern klopfen.<\/p>\n<p>Auch die Band hatte ihren Spa\u00df. Gitarrensolo, Gesangssolo, Schlagzeugsolo, Basssolo, <em>Sting of the Bumblebee<\/em>. Jeder f\u00fchrte sein K\u00f6nnen vor, und Karl Logan sah tats\u00e4chlich aus wie die Schlagers\u00e4ngerin Katja Ebstein im Batgirl-Kost\u00fcm ohne Maske. Aus dem Off kamen Glockenschl\u00e4ge, Ch\u00f6re, Fanfaren und Christopher Lees dunkle Stimme. Auf der Leinwand tauchten Fantasy-Welten auf: eine steinerne Treppe aus der H\u00f6lle, Ritter in Kettenhemden, kollidierende Monde, Hammer im Weltall. Aber auch und immer wieder die Fans selbst: Selfies mit der Band, moshende M\u00e4nnermassen, barbusige Frauen. Ich kam mir vor wie in einem Heavy-Metal-Themenpark.<\/p>\n<p>Die beiden Hannoveraner neben uns vollf\u00fchrten, animiert durch die Bilder und die Musik, wilde T\u00e4nze, schwenkten ihre lange Haare vor und zur\u00fcck, spielten Luftgitarre, warfen halbvolle Bierbecher nach vorne und rissen sich im Moment der h\u00f6chsten Ekstase die \u00c4rmel von den Shirts. Nach Textzeilen wie <em>rip their flesh, burn their hearts, stab them in the eyes, rape their women as they cry<\/em> etc. herrschte f\u00fcr ein paar Minuten Stille im Saal, ein Augenblick des Innehaltens, als die &#8222;<em>Fallen Brothers<\/em>&#8220; geehrt wurden: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2014-07\/bayreuther-festspiele-gruener-huegel-reportage\" target=\"_blank\">Richard Wagner<\/a>, der, wie es auf der Videowand hie\u00df, &#8222;<em>Father of Heavy Metal<\/em>&#8222;, verstorbene Roadies, Bandmitglieder, Weggef\u00e4hrten und Idole, zuletzt <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2015-12\/lemmy-kilmister-nachruf\" target=\"_blank\">Lemmy Kilmister <\/a>\u2013 ein visuelles Kriegsgrab.<\/p>\n<p>Und dann kam das, worauf alle gewartet hatten, Joey DeMaios Predigt. Allein trat er an den B\u00fchnenrand und sprach:<\/p>\n<p>&#8222;Sch\u00e4tzchen, schau mich nicht so an, ich w\u00fcrde dich so hart ficken, dich in die Laken h\u00e4mmern, du w\u00e4rst wie neugeboren. Doch ich werde dich nicht ficken. Ich sag dir, warum. Weil dein Freund ein Manowar-Fan ist, und das hei\u00dft: Er ist mein Bruder. Ich sehe, dass du einen gloriosen Arsch hast, aber mein Bruder bedeutet mir mehr als deine Pussy. Bruderschaft, darum geht es. All ihr Ficker, die ihr heute hierher gekommen seid, ihr seid Teil eines Ganzen, Teil meiner Familie, Teil der True-Metal-Gemeinschaft. Keiner von uns hat jemals den Arsch eines anderen gek\u00fcsst. Lemmy war auch mein Bruder. Und wir werden spielen, bis wir sterben. Dies sind die beiden Arten, wie ich sterben werde: auf der B\u00fchne oder mit einer 16-J\u00e4hrigen zusammen, die auf meinem Schwanz sitzt, w\u00e4hrend wir zum Mond fliegen.&#8220;<\/p>\n<p>Dann sprach er \u00fcber Deutschland, halb auf Deutsch, halb auf Englisch, erteilte Geschichtsunterricht \u00fcber Wagner, den Deutschen Weg \u2013 &#8222;schwing dein Ding&#8220; \u2013, die Beatles, David Bowie und Black Sabbath, &#8222;<em>Everything in Germany is \u00dcbergeil<\/em>&#8222;, &#8222;<em>Mein Schwanz ist aus Kruppstahl<\/em>&#8220; etc. Dann erkl\u00e4rte er uns, wof\u00fcr die 78 Euro Eintritt verwendet werden: f\u00fcr die Videoleinwand, die Boxen, die Aufbauten. Und dann gab er der Frau vorne noch einen Tipp f\u00fcr die Nacht: &#8222;Sch\u00e4tzchen, geh nach Hause, leg dich nackt hin, spiel mit dir selbst, mach deine Beine breit wie die Fl\u00fcgel eines Adlers, fick deinen Freund, und wenn du kommst, dann schreie: Manowar, Deutschland und Berlin. Hail to Deutschland!&#8220;<\/p>\n<p>Nach der Zugabe <em>Warriors of the World<\/em>, nachdem Joey DeMaio jede Saite seines Basses herausgerissen und Eric Adams alle Instrumente gesegnet hatte, als wir unsere Jacken holten und nach drau\u00dfen gingen, meinte Onno, dass er \u00fcber die Setlist, die vielen neuen St\u00fccke, entt\u00e4uscht sei, auf die Videos, die Flammenwerfer und den hohen Eintrittspreis h\u00e4tte verzichten k\u00f6nnen und schon peinlichere Reden von Joey DeMaio geh\u00f6rt habe. Aber gerade an diesem Tag, am Holocaust-Gedenktag, am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, <em>Hail to Deutschland<\/em> zu rufen, finde er einfach nur widerw\u00e4rtig. Und da wurde mir klar, dass er noch jahrelang \u00fcber diesen Abend sprechen w\u00fcrde. Und dass ich ab jetzt mitreden konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Berlin sind Manowar aufgetreten. 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