{"id":3126,"date":"2016-02-10T08:00:02","date_gmt":"2016-02-10T07:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3126"},"modified":"2016-02-11T14:10:05","modified_gmt":"2016-02-11T13:10:05","slug":"distelmeyer-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/02\/10\/distelmeyer-interview\/","title":{"rendered":"&#8222;Country habe ich als Kunstform nie geschnallt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_3132\" aria-describedby=\"caption-attachment-3132\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3132\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/02\/distelmeyer-620x348.jpg\" alt=\"\u00a9 Sven Sindt\" width=\"620\" height=\"348\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/02\/distelmeyer-620x348.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/02\/distelmeyer.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3132\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sven Sindt<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer hat eine neue Platte aufgenommen: <em>Songs from the Bottom<\/em> \u2013 ein Coveralbum! Wie konnte das passieren? Dar\u00fcber m\u00fcssen wir mal reden.<\/strong><\/p>\n<p>Songs from the Bottom<em>. Der Titel l\u00e4sst D\u00fcsteres bef\u00fcrchten: abgest\u00fcrzt. Auf Grund gelaufen. In den Brunnen gefallen. Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Aber nein, die neue Jochen Distelmeyer-Platte klingt luftig, licht, akustisch. Die Gitarre hat Raum zum Schwingen und Atmen, ein Piano tupft impressionistische Tonkleckse dazu, manchmal zwitschern sogar die V\u00f6gel. Auch der S\u00e4nger ist beim Treffen in Berlin blendender Stimmung. Ein fester H\u00e4ndedruck: &#8222;Jochen.&#8220; Mein Gott, diese irre Physiognomie. Das gro\u00dfe, offene Gesicht, das dennoch so wenig preisgibt. Der Blick zugleich heiter und latent bedrohlich, auf sanfte Weise stechend. Eine Sphinx. \u00c4hnlich wie die Figur auf dem Plattencover, die den Betrachter offensiv aus gebleichten Z\u00e4hnen anraucht.<br \/>\n<\/em><!--more--><\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Bl\u00f6de Frage: Wer ist das Covermodel? Man w\u00fcrde ja erwarten, dass wie bei Deinem ersten Solo-Album <em>Heavy<\/em> ein Foto von Dir vorne drauf ist. Stattdessen sieht man eine sehr androgyne Figur. Eine Frau, aber sehr breitschultrig. Auf den ersten Blick war ich nicht sicher, ob es nicht &#8230;<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Ich kenne sie nicht. Als ich dar\u00fcber nachgedacht habe, wie ich mich selbst fotografieren lassen k\u00f6nnte, bin ich zuf\u00e4llig auf das Bild gesto\u00dfen, und da dachte ich: Das ist es eigentlich! Man kann offen lassen, wer das ist.<\/p>\n<p><em>Das passt. Zum einen, weil Distelmeyer sich auf <\/em>Songs From The Bottom<em> ein Dutzend fremder Rollen und Personae aneignet: Das Album versammelt Coverversionen unter anderem von Aztec Camera, Radiohead und The Verve. Zum anderen, weil die st\u00e4rksten dieser Songs im Original von Frauen geschrieben oder interpretiert wurden: <\/em>Just Like This Train<em> von Joni Mitchell, <\/em>Video Games<em> von Lana del Rey sowie nat\u00fcrlich die erste Single des Albums, <\/em><a href=\"http:\/\/www.myvideo.de\/musik\/jochen-distelmeyer\/toxic-video-m-12106591\" target=\"_blank\">Toxic<\/a><em><a href=\"http:\/\/www.myvideo.de\/musik\/jochen-distelmeyer\/toxic-video-m-12106591\" target=\"_blank\"> von Britney Spears.<\/a> (Nachtrag und Spoiler: Bei der Dame auf dem Cover handelt sich um die amerikanische Sex-Kolumnistin Karley Sciortino.)<\/em><\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Meine erste Assoziation, als ich das Album geh\u00f6rt habe, waren die American Recordings von Rick Rubin mit Johnny Cash. Zum anderen musste ich an eine Live-Aufnahme von Travis aus dem Jahr 1999 denken: Da interpretiert die Band ebenfalls einen Britney-Spears-Song, <em>Hit Me Baby One More Time<\/em>, aber das Interessante ist: Das ist alles sehr ironisch,\u00a0<em>tongue in cheek<\/em>. Als sie anfangen zu singen, m\u00fcssen sie erst mal selber lachen, dann johlt das Publikum.<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Sowohl bei der Auswahl der Songs als auch bei der Art, wie\u00a0ich sie spiele, kann ich nicht mit Ironie arbeiten. Wenn ich so etwas &#8222;<em>from the bottom of<\/em><em>\u00a0<\/em>irgendwas&#8220; singe, dann ist das nicht ironisch gemeint. Bei Britney Spears war f\u00fcr mich interessant, dass eben zu dem Zeitpunkt, als sie tats\u00e4chlich\u00a0<em>rock bottom<\/em>\u00a0ging, als sie sich Haare abgeschnitten und das Sorgerecht verloren hat und ich wei\u00df nicht was alles \u2013 genau da kam das Album mit den ersten drei St\u00fccken von ihr raus, die ich wirklich gut fand: <em>Toxic<\/em>, <em>Womanizer<\/em> und <em>Circus<\/em>. Das Album war ihr gr\u00f6\u00dfter Flop. F\u00fcr mich\u00a0hat eher\u00a0ein St\u00fcck wie <em>Beautiful Cosmos<\/em> von Ivor Cutler\u00a0selbst eine ironische Wendung: &#8222;<em>Now and again we meet for tea \/ we&#8217;re two of a kind\u2026 This is our universe<\/em>.&#8220; Ich mag das.\u00a0Cutlers Understatement und seine fast schon kleinkunsthafte Position haben\u00a0mich an Hanns Dieter H\u00fcsch erinnert, von dem es auch eine Coverversion auf einem Album von mir gab. Ich fand das einen sehr sch\u00f6nen Schlusspunkt.<\/p>\n<p><em>Gemeint ist das \u00e4hnlich friedvoll-verschrobene <\/em>Abendlied<em> von <\/em>Testament der Angst<em>: &#8222;Alles tauscht sich im Leben wieder aus \/ Es sitzt schon der Abend auf unserem Haus.&#8220; Wie Cutlers <\/em>Beautiful Cosmos<em> markiert es das Ende, die Coda der Platte.<\/em><\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Der Song kann eigentlich nur am Schluss stehen. Er endet ja mit so einer merkw\u00fcrdigen Vision von Vers\u00f6hnung: Jeder hat seinen eigenen Kosmos: <em>&#8222;You are the centre of your little world \/ and I am of mine\u2026&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Jeder hat seine eigene Welt. Aber durch die Begegnung dieser Welten entsteht dieser gemeinsame,\u00a0wundervolle\u00a0Kosmos. &#8222;<em>We have a beautiful cosmos\u2026<\/em>&#8222;<\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> &#8222;\u2026 <em>you and I!<\/em>&#8220; Da bin ich unschl\u00fcssig, wie diese Zeile eigentlich zu verstehen ist, hei\u00dft das: Wir haben zu zweit einen Kosmos? Oder hei\u00dft es: Ich habe einen Kosmos, und du hast einen anderen \u2026<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Nee,\u00a0ich bin f\u00fcr\u00a0die erste Version! In der Begegnung dieser beiden Gestirne ergibt sich ein gemeinsamer, sch\u00f6ner Kosmos.<\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Bei Ivor Cutler bist du mit deiner Interpretation ja sehr nah am Original, sowohl vom Sound als auch vom Tempo her. Bei anderen Songs ist das radikal anders. Um noch einmal auf Britney Spears zur\u00fcckzukommen: Da gibt es im Original erst mal diesen arabesken Streichereinsatz, dann diesen sehr elastischen Bass, den Beat nat\u00fcrlich, und nicht zuletzt die Persona von Britney \u2026<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> \u2026das toxische Subjekt!<\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Das alles ist in deiner Version weg.<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Ja?\u00a0Okay, f\u00fcr mich ist das ein Blues-Song. Ich hab die Nummer geh\u00f6rt und hab gedacht:\u00a0Oops, das\u00a0muss ich jetzt leider geil finden. Ist n\u00e4mlich geil! Ich hatte <em>Toxic<\/em> schon einmal, als ich gerade angefangen hatte den Roman zu schreiben, live gespielt \u2013 und da dachte ich: Krass, wenn ein Typ das singt, dann besingt er eine Sirene! Ich stehe zwar total drauf, aber es ist echt ganz sch\u00f6n gef\u00e4hrlich.\u00a0Fand ich sweet.<\/p>\n<p><em>Distelmeyer beginnt, im Vierertakt mit den F\u00fc\u00dfen auf den Boden zu stampfen, als schwinge er sich rhythmisch auf einen Blues ein. \u00dcberhaupt br\u00e4uchte man ein eigenes Gesten-Notationssystem, um Distelmeyers K\u00f6rpersprache w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs angemessen wiederzugeben: Mal schl\u00e4gt er unvermittelt auf der Sitzfl\u00e4che seines Sofas einen Trommelwirbel. Mal massiert er sich Slavoj-\u017di\u017eek-artig mit beiden H\u00e4nden das Gesicht. Mal l\u00e4sst er sich entspannt zur\u00fcckfallen, dann pl\u00f6tzlich r\u00fcckt er wieder ganz nah heran, wenn ein Punkt ihm wichtig erscheint.<\/em><\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Ich habe dann anhand des Albums auch einen Punkt machen k\u00f6nnen in meiner Auseinandersetzung mit Blues und Country.\u00a0F\u00fcr Blues interessiere ich mich schon seit Ewigkeiten, aber Country habe ich als Kunstform nie geschnallt. Eigentlich erst in der Besch\u00e4ftigung mit meinem Roman, mit dieser Frage von Irrfahrt und Heimkehr habe\u00a0ich ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Country gewonnen.\u00a0Blues- und Country-Songs handeln thematisch eigentlich von denselben Umst\u00e4nden: ungl\u00fcckliche Liebe, keine Kohle. Der Unterschied ist: W\u00e4hrend der Blues-S\u00e4nger die Gemeinschaft verl\u00e4sst und alleine singt, bleibt der Country-S\u00e4nger in der Gemeinde. Er tritt\u00a0als Solist\u00a0aus dem Chor heraus \u2013\u00a0bleibt aber Teil davon.\u00a0Das markiert eine andere Erz\u00e4hlposition.<\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Dieser Unterschied zwischen Blues und Country hat nat\u00fcrlich auch etwas damit zu tun, dass der Blues als genuin afroamerikanische Musik eher von den gesellschaftlichen R\u00e4ndern her kommt. W\u00e4hrend Country die wei\u00dfe Gemeinschaft st\u00fctzt und auch erh\u00e4lt \u2026<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Richtig! Und nat\u00fcrlich gibt es auch Country-Interpreten, die als Solit\u00e4re auftreten:\u00a0Hank Williams, Willie Nelson und andere.\u00a0Aber mich als S\u00e4nger, Autor und Song-Schreiber sprechen eben andere Traditionslinien an.\u00a0Jemand\u00a0wie John Lee Hooker, der als Analphabet\u00a0an die tausend\u00a0Songs geschrieben hat,\u00a0sehe ich in\u00a0einer erz\u00e4hlerischen, s\u00e4ngerischen Traditionslinie mit Homer und Hafis. Hafis war ja auch jemand, der nie selber etwas verschriftlicht hat. Orale Kultur als Beginn\u00a0von\u00a0Literatur. Das ist f\u00fcr mich so ein interessanter Strang, aus dem ich\u00a0Blues- und Folk- S\u00e4nger oder Rapper verstehe.<\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Lie\u00dfe sich <em>Songs from the Bottom<\/em> denn als eine Art Liederzyklus verstehen? Ich war beim H\u00f6ren immer versucht, da eine Kontinuit\u00e4t, eine \u00fcbergreifende Erz\u00e4hlung hineinzulesen. Zun\u00e4chst geht es ja erst einmal sehr viel um Einsamkeit, um Verlust, darum, wie man mit der Erinnerung an eine verflossene Liebe umgeht: Indem man wie Joni Mitchell in den Zug steigt und deutschen Wein trinkt (<em>Just Like This Train<\/em>), oder indem man sich wie Nick Lowe in die Literatur st\u00fcrzt (<em>I Read A Lot<\/em>). Mit <em>Pyramid Song<\/em> von Radiohead ist dann der Tiefpunkt erreicht: Man geht ins Wasser. Man wartet, wohin der Fluss einen tr\u00e4gt. Aber danach geht es mit Al Green und <em>Let&#8217;s Stay Together<\/em> wieder zur\u00fcck an die Wasseroberfl\u00e4che. Man h\u00f6rt pl\u00f6tzlich V\u00f6gel zwitschern. Die Welt ist wieder klar.<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Genau so! Wobei man sagen muss, dass es bei <em>I Read a Lot<\/em> f\u00fcr mich nicht blo\u00df um Literatur geht! Da &#8222;liest&#8220; jemand alles \u2013 nicht nur Texte \u2013 in seiner<em> &#8222;world of fantasy&#8220;<\/em>.\u00a0Dass dann bei <em>Let&#8217;s Stay Together<\/em> so ein\u00a0<em>field recording<\/em>-Element mit dazugekommen ist, fand ich einen sehr sch\u00f6nen\u00a0Zufall.\u00a0\u00a0Ich hatte immer\u00a0den Eindruck, dass es bei der Idee von\u00a0<em>field recording<\/em>\u00a0um zweierlei geht:\u00a0Einerseits um einen Orientierungsversuch, die Selbstverortung\u00a0in der nat\u00fcrlichen Sch\u00f6pfung, um ein Wiedereintreten in das Sch\u00f6pfungsganze \u2026 Gleichzeitig stellt es aber auch einen Bannungsversuch dar:\u00a0Es geht\u00a0\u00a0darum, den m\u00f6glichen Bedrohungen der nat\u00fcrlichen Umgebung etwas entgegenzusetzen.\u00a0Weil ich es einfangen kann, habe ich die Macht \u00fcber etwas, das sich sonst\u00a0meiner\u00a0Kontrolle\u00a0entzieht.<\/p>\n<p><em>Distelmeyer tiriliert pl\u00f6tzlich wie eine Amsel, rutscht mit der Stimme drei Oktaven nach unten und knurrt, und ahmt schlie\u00dflich t\u00e4uschend echt das Bellen eines Hundes nach \u2013 hier ist ein Tierstimmenimitator verlorengegangen! Wie \u00fcberhaupt <\/em>Songs From The Bottom<em> zeigt, was f\u00fcr ein verdammt guter S\u00e4nger Distelmeyer ist. Elegant schwingt er sich vom satten, maskulinen <\/em>bottom<em> der Baritonlage in sirenenhafte H\u00f6hen. Und wenn man, wie ich, einmal begonnen hat, auf seine Vibrato-Dosierungen zu achten, kann man viele vergn\u00fcgliche Stunden ausschlie\u00dflich mit dem Anh\u00f6ren langgezogener Vokale zubringen. Anspieltipps: Der halb menschliche, halb animalische Sirenengesang auf <\/em>Pyramid Song<em>, der erst nach Sekunden des ruhigen Dahinflie\u00dfens in ein kleines Beben m\u00fcndet. Und die subtile Weise, wie der S\u00e4nger in dem Joni-Mitchell-Song das Wort &#8222;<\/em>heart&#8220;<em> erzittern l\u00e4sst.<\/em><\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Dass <em>Just Like This Train<\/em> am Anfang des Albums stehen w\u00fcrde, war schon klar.\u00a0Es\u00a0gab bestimmte Eckpunkte. Diese Geschichte von Abstieg und Wiederauftauchen ergab sich dann aber eher zuf\u00e4llig.\u00a0Als die Reihenfolge stand, dachte ich: Ist ja irre!\u00a0Ich\u00a0habe mich\u00a0f\u00fcr meinen Roman\u00a0verst\u00e4rkt mit schamanistischen Kulturen besch\u00e4ftigt, und was eigentlich alle diese Kulturen\u00a0bis hin zur Psychoanalyse\u00a0vereint, ist, dass der zuk\u00fcnftige\u00a0Medizinmann\u00a0oder Schamane in\u00a0ein Totenreich, den Hades, eine Unterwelt hinabsteigen muss und dort in Begegnungen mit D\u00e4monen und Gespenstern seine\u00a0<em>skills<\/em>\u00a0erwirbt. F\u00e4higkeiten, die ihn aufgrund seiner eigenen Erfahrungen auszeichnen.\u00a0Wichtig ist dann immer der richtige Zeitpunkt des Wiederaufstiegs! Man darf nicht zu lange da unten bleiben, sondern muss\u00a0rechtzeitig\u00a0zur\u00fcckkommen,\u00a0um seinen Dienst f\u00fcr die Gemeinschaft, die Lebenden leisten\u00a0zu k\u00f6nnen. Und diese\u00a0R\u00fcckkehr\u00a0wird\u00a0in eigentlich\u00a0fast allen Kulturen als\u00a0Gang\u00a0durch ein &#8222;Sonnentor&#8220; imaginiert. Ich meine: Es ist nur eine Pop-Platte mit zw\u00f6lf Liedern drauf \u2013 aber das schwingt nat\u00fcrlich mit. Dieser lange Gang: &#8222;<em>I could be the one.<\/em>&#8222;<\/p>\n<p><em>Interessant, wie Themen und Versatzst\u00fccke aus <\/em>Otis<em> immer wieder immer ihren Weg ins Gespr\u00e4ch finden \u2013 aber vermutlich kein Wunder, die Idee zu der Platte entstand auf Distelmeyers Lesereise. Der Monolog \u00fcber das &#8222;Sonnentor&#8220; ist im Roman allerdings einem durchgeknallten Experimentallyriker in den Mund gelegt, und daher vermutlich mit einem K\u00f6rnchen Salz zu genie\u00dfen: &#8222;Ja! Helios! Die Frage hier: Was ist die Sonne? Die Wahrheit. Ein flammendes Inferno. Vernichtung spr\u00fchender Gasball zwischen Werden und Vergehen.&#8220; Unser Thema.<\/em><\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Der vers\u00f6hnlichste Song auf deiner Platte \u2013 abgesehen von <em>Beautiful Cosmos<\/em> \u2013 ist vermutlich der Pete-Seeger-Song <em>Turn Turn Turn<\/em>. Wo dem schmerzhaften Blick zur\u00fcck ein zyklisches Zeitmodell entgegengesetzt wird: &#8222;<em>A time to be born, a time to die \/ A time to plant, a time to reap\u2026&#8220;<\/em> Alles kehrt wieder, so wie bei der mittelalterlichen Vorstellung vom Rad der Fortuna.<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Ja: &#8222;<em>For Everything There Is a Season<\/em>.&#8220; Ein tr\u00f6stlicher Gedanke.\u00a0Um das Schreckliche aushalten zu k\u00f6nnen. Dass es Zeiten des Friedens und des Krieges, der Liebe und des Hasses gibt.\u00a0Und trotzdem sagt der S\u00e4nger am Ende: &#8222;<em>A\u00a0time for peace \/ I swear it is not to late<\/em>&#8220; \u2013 kann man nat\u00fcrlich als friedensbewegte Sentimentalit\u00e4t abtun.\u00a0Ich sehe\u00a0es aber eher als Aufforderung. Wenn man den Gedanken in seiner Aktualit\u00e4t annimmt.<\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Der Text des Songs ist ja fast w\u00f6rtlich aus der Bibel, aus dem Buch Kohelet \u00fcbernommen. Aber diese Schlussbildung ist, glaube ich, der einzige Satz, den Seeger selbst geschrieben hat. Er sagt: Ich warte jetzt nicht darauf, dass sich das Rad dreht \u2013 ich nehme die Sache selbst in die Hand! Das ist ein sehr moderner Moment.<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Ja! Er tritt aus dem vorgegebenen Text heraus und engagiert sich.\u00a0Das ist f\u00fcr mich der springende Punkt bei der Sache.\u00a0Um auf meinen Roman <em>Otis<\/em> zu sprechen zu kommen: Da identifiziert sich\u00a0mein Held\u00a0auch die ganze Zeit mit irgendwelchen mythischen Gestalten \u2013 aber am Ende tritt\u00a0er\u00a0aus dem Raum des Mythos heraus.\u00a0Er verantwortet sich.\u00a0Das ist f\u00fcr mich das Sch\u00f6ne an der Pete-Seeger-Nummer.\u00a0Es gibt diesen biblischen Text, aber er ist nicht in Stein gemei\u00dfelt.\u00a0Man kann auch dar\u00fcber hinaus gehen. Und es anders machen.<\/p>\n<p><em>Das Heraustreten aus dem Mythos bekommt dem Romanhelden, nebenbei bemerkt, nicht besonders gut: Er wird von Vertretern ebenjener bedrohlichen nat\u00fcrlichen Sch\u00f6pfung, die Distelmeyer so trefflich nachzuahmen versteht, angefallen und zerfleischt. Man merkt: Unser Gespr\u00e4ch entwickelt sich mehr und mehr zu einer Irrfahrt in tiefere mythologische Schichten: vom Popsong \u00fcber den Roman zum Ursprungstext der westlichen Literatur. Zur Quelle. Zum &#8222;Bottom of the Well&#8220;, wenn man so will.<\/em><\/p>\n<p><em>Also doch.<\/em><\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> In der Odyssee, um die es in <em>Otis<\/em> ja ganz zentral geht, erscheint Gesang immer wieder als etwas sehr Gef\u00e4hrliches. Gegen Ende seiner Irrfahrt muss Odysseus sich ja sogar von seinen M\u00e4nnern am Mast seines Schiffes festbinden lassen, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen, und tr\u00e4ufelt seinen M\u00e4nnern Wachs in die Ohren \u2026<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Ich glaube trotzdem, dass die da an Land gegangen sind!<\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Zu den Sirenen?<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Ja, klar! Warum nicht?<\/p>\n<p><strong>Florian Werner:<\/strong> Und wie sind sie wieder weggekommen?<\/p>\n<p><strong>Jochen Distelmeyer:<\/strong> Keine Ahnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jochen Distelmeyer hat eine neue Platte aufgenommen: Songs from the Bottom \u2013 ein Coveralbum! Wie konnte das passieren? Dar\u00fcber m\u00fcssen wir mal reden. 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