{"id":3166,"date":"2016-02-21T09:02:26","date_gmt":"2016-02-21T08:02:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3166"},"modified":"2016-02-21T13:26:17","modified_gmt":"2016-02-21T12:26:17","slug":"eu-gipfel-fluechtlingspolitik-ingo-schulze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/02\/21\/eu-gipfel-fluechtlingspolitik-ingo-schulze\/","title":{"rendered":"Europa am K\u00fcchentisch"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auch die Europ\u00e4er tragen Mitverantwortung f\u00fcr die Zust\u00e4nde in dieser Welt. Sp\u00e4testens jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir handeln m\u00fcssen. Ein fiktives Privatgespr\u00e4ch<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Komm&#8220;, sagte er, &#8222;lass uns das Thema wechseln. Ich will mich nicht streiten. Nicht auch noch mit Dir \u2013 jedenfalls nicht jetzt!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Na gut. Und stattdessen?&#8220;, erwiderte sie. &#8222;Soll ich Dir was Gruseliges aus meiner Kindheit erz\u00e4hlen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du wei\u00dft doch, was ich meine\u2026 Ich finde es eine Zumutung. Jetzt soll ich diejenigen verteidigen m\u00fcssen, die seit Jahr und Tag das Falsche tun, nur weil sie seit September vergleichsweise menschlich handeln?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du meinst Merkel?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sie tr\u00e4gt doch Mitschuld an dem ganzen Dilemma. Wenn sie\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt f\u00e4ngst du auch schon so an\u2026 Ohne sie\u2026&#8220;<!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Nein! H\u00e4tte sie nicht mal sagen k\u00f6nnen, tut mir leid, damals, einen Tag vor Beginn des Irakkrieges, da habe ich es dummerweise noch bedauert, dass sich Deutschland nicht mit an der Drohkulisse beteiligt. Der Westen bek\u00e4mpft mal wieder das, was er selbst angefacht hat. Oder: Es tut mir leid, dass ich keine Zeitung gelesen habe und mir niemand gesagt hat, dass es in den Fl\u00fcchtlingslagern in Jordanien, im Libanon, in der T\u00fcrkei seit Jahren unhaltbare Zust\u00e4nde gibt. Wer dort vegetieren muss, kann ja gar nichts anderes mehr denken, als sich m\u00f6glichst schnell auf den Weg nach Europa zu machen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;<em>Nach Deutschland<\/em> m\u00fcsstest du eigentlich sagen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Jedenfalls irgendwohin, wo sie leben k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dann musst du aber auch sagen, dass Deutschland eben nicht Teil der Koalition der Willigen gewesen ist, sich in Libyen zur\u00fcckgehalten hat, und dass wir jetzt eine Verantwortung \u00fcbernehmen, vor der sich all diejenigen dr\u00fccken, die da kr\u00e4ftig mitgemischt haben und gegenw\u00e4rtig kr\u00e4ftig mitmischen, die USA, die Golfstaaten, Gro\u00dfbritannien, die Franzosen, der Iran und letztlich auch die Russen. Kein Grund, allein auf die kleineren osteurop\u00e4ischen Staaten zu zeigen oder gar auf Deutschland.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das meine ich ja. Ich wusste, dass wir uns streiten w\u00fcrden. Es reicht nicht, allein vom Standpunkt menschlicher Hilfe und dem Recht auf Asyl zu argumentieren. Du musst, tut mir leid, \u00fcber Kolonialpolitik sprechen, du musst dar\u00fcber reden, dass die CIA und der MI6 Mossadegh, also den demokratisch gew\u00e4hlten Ministerpr\u00e4sidenten des Iran, 1953 gest\u00fcrzt und den Schah installiert haben. Ohne Schah kein Chomeini! Mit Chomeini kam der islamistische Extremismus. Dann Afghanistan, die milit\u00e4rischen Aktivit\u00e4ten der USA vor \u2013 ich betone: vor \u2013 der Invasion der Sowjetunion, was jene nicht rechtfertigt. Bin Laden als Kreatur der CIA. Und wie sie auch Saddam Hussein unterst\u00fctzt haben, weil es gegen den Iran ging&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber auch dem Iran Waffen verkauften\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Danach die verheerende Sanktionspolitik gegen\u00fcber dem Irak, die Hunderttausende, vor allem Kinder und Alte, das Leben gekostet hat. Das ist schon vergessen oder wird ausgeblendet! Es ist so viel, was der Westen eingestehen m\u00fcsste, um dann zu sagen: Wir h\u00e4ngen da urs\u00e4chlich mit drinnen, wir tragen Verantwortung daf\u00fcr, was in Syrien, im Irak etc. geschieht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich w\u00fcrde eher von Mitverantwortung sprechen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Verantwortung ist auch immer Mitverantwortung.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn ich deiner Argumentation folge, dann haben wir damit aber noch nicht von den eigentlichen Ursachen gesprochen. Hab ich Recht?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, wenn du die extreme Ungleichheit meinst?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die eigentliche Frage ist doch, wieso kommen sie alle erst jetzt?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Denn so, wie die Welt zur Zeit eingerichtet ist, muss sich doch niemand dar\u00fcber wundern, dass Menschen gen Norden und Westen fl\u00fcchten.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir reden ja nicht erst seit heute \u00fcber die falschen EU-Agrarsubventionen\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es sind t\u00e4glich eine Milliarde Dollar, die die USA und die EU f\u00fcr Agrarsubventionen ausgeben, von der Abschottung unserer M\u00e4rkte mal ganz zu schweigen\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;\u00dcber die Fischfangflotten vor den afrikanischen K\u00fcsten, die Erd\u00f6lfirmen, die Rohstoffe aus den H\u00e4nden der Marodeure etc. etc., also \u00fcber die verschiedenen Erscheinungsformen des Neokolonialismus, den es ja gar nicht gibt \u2013 angeblich.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und in dem ich und Du, in dem wir alle Tag f\u00fcr Tag mit drin h\u00e4ngen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Naja, ich habe diese Schiffe nicht losgeschickt\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber du kaufst ihren Fisch\u2026 Versuche nur mal, eine Woche einkaufen zu gehen, ohne eine Schweinerei zu begehen. Und was besonders pervers daran ist: Wer mehr Geld hat als der Durchschnitt, schafft das eher.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das ist aber auch oft eine Ausrede.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn du gerade so \u00fcber die Runden kommst, kaufst du nicht im Bioladen ein.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das hie\u00dfe, ich m\u00fcsste mich zwischen einem guten Leben entscheiden und dem Luxus, \u00fcber die Welt nachzudenken. Denn wenn ich nachdenke statt zu verdr\u00e4ngen und dementsprechend handle, habe ich kein gutes Leben mehr?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das klingt mir jetzt zu kokett. Ich bin nicht f\u00fcr solche Radikalismen. Es geht darum, beides zu vereinen. Zu einem guten Leben geh\u00f6rt das Nachdenken und Handeln dazu. Andernfalls bliebe Dir nur Verdr\u00e4ngung und Zynismus.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und den anderen das Elend, Durst, Hunger, Krankheit, Gewalt, Obdachlosigkeit, Sinnlosigkeit\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und weil wir das jetzt alles so benannt haben, was noch niemand wusste, wirst du als Experte zur Klausurtagung der Regierungskoalition nach Dresden eingeladen. Und die fragen dich dann: Gut und sch\u00f6n, alles richtig, was Sie da sagen, aber was machen wir jetzt mit den Fl\u00fcchtlingen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du meinst, die w\u00fcrden tats\u00e4chlich sagen, &#8218;gut und sch\u00f6n, alles richtig&#8216;?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nur mal angenommen, es w\u00e4re so, was dann?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dann w\u00fcrde ich es ihnen sagen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, aber was?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dass sie Gl\u00fcck haben, gerade in dieser Zeit Politiker zu sein, weil sie jetzt notwendige grundlegende Ver\u00e4nderungen bewirken k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und die w\u00e4ren?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich w\u00fcrde zuerst von dem Unbehagen sprechen, das ich bei dem Satz des Jahres versp\u00fcrte, aber mein Unbehagen nicht formulieren konnte.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du meinst: <em>Wir schaffen das!<\/em>&#8222;<\/p>\n<p>&#8222;Ja! Einerseits war mir das nicht unsympathisch. Andererseits\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Fehlte Dir das &#8218;wie&#8216;?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein, nein, das meine ich nicht! <em>Wir schaffen das<\/em> \u2013 diese drei Worte sind eine Art Erz\u00e4hlung. Das hei\u00dft: Wir krempeln die \u00c4rmel hoch, wir hauen uns so richtig in die Arbeit, wir erledigen die uns gestellte Aufgabe.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was soll daran falsch sein?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;<em>Wir schaffen das<\/em> suggeriert aber auch: Wenn wir das geschafft haben, ist Feierabend, Wochenende, n\u00e4chstes Jahr sogar Ferien. Und das ist das irref\u00fchrende Versprechen daran. Das ist der Unterschied zwischen einer gut gemeinten Erz\u00e4hlung und einer guten Erz\u00e4hlung. <em>Wir schaffen das<\/em> ist eine gut gemeinte Erz\u00e4hlung, aber eben keine wirklich gute, weil sie die Widerspr\u00fcche nicht enth\u00e4lt.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Es geht hier aber nicht um den Unterschied von Kitsch und Literatur. Es geht darum, die Bev\u00f6lkerung aufzurufen, anzuspornen \u2013 anders ginge es ja gar nicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Die Bev\u00f6lkerung war den Parteien und der Regierung weit voraus.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du meinst, weil kein Feierabend in Sicht ist wie indirekt versprochen, bekommen selbst diejenigen, die im September auf einmal sagten &#8218;Die Merkel wird mir noch sympathisch&#8216;, jetzt weiche Knie und gehen von der Fahne?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja. Gerade wegen dieser Abtr\u00fcnnigen m\u00f6chte ich sie eigentlich unterst\u00fctzen, auch wenn sie viel zu sp\u00e4t reagiert hat, auch wenn sie mit Griechenland\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Gut, das mal beiseite.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich will nicht unter dem Wimpel k\u00e4mpfen: <em>Das schaffen wir!<\/em>, das ist zu wenig, das reicht nicht.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Sondern?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir tun immer noch so, als h\u00e4tten wir eine Wahl, als st\u00fcnde es uns frei, diese Aufgabe zu \u00fcbernehmen oder nicht, als sei das eine Bewerbung um die Olympiade oder das Management einer Gro\u00dfbaustelle.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, aber was w\u00fcrdest du sagen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das passt nicht in einen Satz.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dann eben zwei.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wir k\u00f6nnen kein gutes Leben f\u00fchren, wenn vor oder auf unserer Schwelle die blanke Not herrscht und gestorben wird. Wir haben nicht nur die menschliche Schuldigkeit und die gesetzliche Pflicht zu helfen, wir tragen als Europ\u00e4er auch Mitverantwortung f\u00fcr die Zust\u00e4nde in dieser Welt. Sp\u00e4testens jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir handeln m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, richtig, aber der Merkel-Satz z\u00fcndet mehr.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wie eine Jahrmarktsrakete.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein, der Vergleich ist nicht fair.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dann sag du mir einen Satz, in dem enthalten ist, dass wir Mitverantwortung tragen, dass wir gar keine Wahl haben und gar nicht anders k\u00f6nnen, wenn wir nicht alles aufgeben wollen, was uns lieb und\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Unsere Werte also\u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;\u2026 lieb und teuer ist und eben nichts, was im Sommer oder im n\u00e4chsten Jahr oder in ein paar Jahren vor\u00fcber sein wird. Wir k\u00f6nnen nicht so weitermachen wie bisher.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du meinst, wir m\u00fcssen uns neu erfinden.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das ist so ein Modewort. Ich h\u00e4tte gesagt: Wir haben jetzt die Chance, uns zu \u00e4ndern. Jeder f\u00fcr sich und wir als Gesellschaft. \u2013 Warum lachst du?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das hat doch keine Chance! Denk an Griechenland, wie sie sich da verhalten haben. Die Risiken der Banken und Spekulanten auf das Gemeinwesen umschulden und dann den Hauslehrer mit Pr\u00fcgelstrafe geben. Schlimmer geht&#8217;s doch nicht!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber jetzt bin ich zur Klausurtagung der Regierung eingeladen. Und da sage ich, dass wir am Ende nur die Wahl haben, es als Chance zur Ver\u00e4nderung zu begreifen \u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was hei\u00dft: Chance zur Ver\u00e4nderung?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wenn wir die eigene Gesellschaft sozial gerechter machten, w\u00e4ren wir auch in der Lage, sie international gerechter zu machen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Steile These. Das w\u00fcrde hei\u00dfen, wir m\u00fcssten uns \u00e4ndern, damit wir ver\u00e4ndern k\u00f6nnen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr all diejenigen, die gerade so \u00fcber die Runden kommen, muss es doch h\u00f6hnisch klingen, wenn sie gesagt bekommen, Deutschland ist reich, wir schaffen das. Die soziale und \u00f6konomische Polarisierung im eigenen Land entspricht jener in der Welt, das l\u00e4sst sich nicht getrennt verhandeln.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und wenn wir uns, wie du sagst, nicht \u00e4ndern, was dann?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Dann geben wir Almosen, bis endlich mal Feierabend ist.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber Feierabend gibt&#8217;s nur in unserer Vorstellung.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja. Selbst wenn morgen das Leben in Syrien friedlich und lebbar w\u00e4re, der IS verschwunden und in Saudi-Arabien und im Iran die Trennung von Politik und Religion vollzogen w\u00e4re \u2013 das w\u00e4re ein Gl\u00fcck, das w\u00e4re wunderbar, aber am eigentlich Problem h\u00e4tte sich noch nichts ge\u00e4ndert!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber darf ich dich fragen: Hat denn irgendein deutscher Politiker bisher gesagt: &#8218;Wenn wir mit der Ungleichheit in der Welt fertig werden wollen, m\u00fcssen wir unser Leben, unsere Politik, unsere Gesellschaft \u00e4ndern&#8216;? Bestenfalls freut man sich auf junge Arbeitskr\u00e4fte f\u00fcr unsere \u00fcberalterte Gesellschaft und hofft auf etwas mehr Buntheit und einen friedfertigen Islam. Als Kollege Gr\u00f6nemeyer eine Reichensteuer f\u00fcr die Fl\u00fcchtlinge forderte, sind sie \u00fcber ihn hergefallen. Nicht mal eine kleine Steuer ist m\u00f6glich! Oder dass eine deutsche Regierung erkl\u00e4rt: Ja, das war V\u00f6lkermord an den Hereros und Namas, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutsch-S\u00fcdwestafrika geschehen ist, wir tragen die Konsequenzen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Lass es mich noch mal anders sagen: Ganz gleich, welche Entscheidungen in den n\u00e4chsten Wochen getroffen werden, es ist nicht gleichg\u00fcltig, aus welcher Haltung heraus man das tut.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Jetzt wirst du aber pl\u00f6tzlich sehr defensiv.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wie du dich selbst siehst und einsch\u00e4tzt und wie du dein Gegen\u00fcber siehst und einsch\u00e4tzt, so verh\u00e4ltst du dich auch. Wir m\u00fcssen also \u00fcber uns reden, wer wir sein wollen und dar\u00fcber, in welcher Beziehung wir zu den anderen stehen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Du meinst, sehen wir uns als jemand, der Almosen verteilt oder sind wir jemand, der mit anderen teilt, nicht nur aufgrund der eigenen Werte, sondern weil es unerl\u00e4sslich ist, und wir als Europ\u00e4er auch sehr viel gut zu machen haben.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;So k\u00f6nnte man es sagen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ist das nicht, zugespitzt formuliert, eine Haltung zwischen Zynismus und Selbstaufgabe?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein, der Zynismus w\u00e4re die Selbstaufgabe.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das sehen aber die Verteidiger unserer abendl\u00e4ndischen Werte anders.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber nur, weil sie so tun, als w\u00e4ren diese Werte etwas, das zu Hause im Safe liegt und sie sind alle Hilfssheriffs. Werte dr\u00fccken sich aber nur in Handlungen aus, anders gibt es sie nicht. Das ist wie mit den Gedanken. Ein Gedanke wird erst zum Gedanken, wenn er formuliert wird, wenn er ausgesprochen oder niedergeschrieben wird. Ein Wert ist kein Wert, wenn er nicht gelebt wird.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Werte zu praktizieren, ist die einzige M\u00f6glichkeit, sie zu verteidigen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Alles andere ist bestenfalls eine Behauptung.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Text ist entstanden im Rahmen der Veranstaltung &#8222;Das wei\u00dfe Meer&#8220; am Literarischen Colloquium Berlin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch die Europ\u00e4er tragen Mitverantwortung f\u00fcr die Zust\u00e4nde in dieser Welt. Sp\u00e4testens jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir handeln m\u00fcssen. 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