{"id":3297,"date":"2016-03-10T12:23:29","date_gmt":"2016-03-10T11:23:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3297"},"modified":"2016-03-10T14:36:08","modified_gmt":"2016-03-10T13:36:08","slug":"kinder-schlaflos-erziehung-altaras","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/03\/10\/kinder-schlaflos-erziehung-altaras\/","title":{"rendered":"Fertig, fertiger, am fertigsten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine goldene Erziehungsregel besagt: Beherberge keine Kinder, die l\u00e4ngst ausgezogen sind. Nat\u00fcrlich kommen sie doch immer wieder. Allseitige \u00dcberforderung ist garantiert.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3305\" aria-describedby=\"caption-attachment-3305\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-3305 size-large\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/03\/freitext-rolltreppe-min-1024x682.jpg\" alt=\"\u00a9 Shannon Stapleton\/Reuters Pictures\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/03\/freitext-rolltreppe-min-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/03\/freitext-rolltreppe-min-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/03\/freitext-rolltreppe-min.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3305\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Shannon Stapleton\/Reuters Pictures<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Wann immer ich nachts wach werde, mein Sohn David ist auch wach. Mal schaut er neue amerikanische Serien, mal liest er in historischen Magazinen oder verfolgt die Nachrichten auf <em>Spiegel online<\/em>. Da w\u00fcrde ich auch nicht mehr schlafen k\u00f6nnen. Er sagt, er leide an einer schweren Form von Schlaflosigkeit, ich bin mir da nicht so sicher. Morgens schl\u00e4ft er umso l\u00e4nger, schaut tr\u00e4ge auf sein iPhone und schl\u00e4ft weiter.<!--more--><\/p>\n<p>Mein Vater, also sein Gro\u00dfvater, war nicht un\u00e4hnlich, gleich nach der <em>Tagesschau<\/em> schlief er ein, und um zwei, drei Uhr nachts war er wieder wach. Ab da verfolgte er auf allen Radiosendern des In- und Auslands die Nachrichten, ging frisch gebadet um sechs Uhr morgens in sein Arbeitszimmer und beklagte sich bitterlich, dass nicht alle schon so munter seien wie er. Nat\u00fcrlich war er beleidigt, wenn man ihm sagte, er leide nicht an Schlaflosigkeit, er habe einfach einen verdrehten Rhythmus. Wie auch immer \u2013 es war unm\u00f6glich, ihn dazu zu bringen, nicht um 20.15 Uhr, direkt nach der <em>Tagesschau<\/em>, einzuschlafen.<\/p>\n<p>Diese Semesterferien ist es bei David besonders schlimm. Ich \u00fcberlege, mir Rat zu holen.<\/p>\n<p>Generell gilt ja, das sagt einem jeder Erziehungsratgeber: Kinder, die einmal ausgezogen sind, soll man nicht wieder beherbergen. Man f\u00e4llt augenblicklich in alte Mechanismen zur\u00fcck, auf beiden Seiten: &#8222;Steh auf, es ist fast Mittag, ich habe Ferien, das ist \u00fcbrigens die Waschmaschine, wer hat meine T-Shirts zu hei\u00df gewaschen&#8230; usw&#8220;<\/p>\n<p>Was mir aber ernsthaft Sorgen macht, ist die innere Unruhe, die David packt, sobald er bei Dreilinden Berlins Stadtgrenze \u00fcberschreitet. Es ist eine Mischung aus &#8222;blo\u00df nichts verpassen&#8220; und &#8222;es ist mir alles zu viel&#8220;. Weil er drei, vier Monate nicht in seiner Geburtsstadt war, geht er die erste Woche praktisch durchgehend aus, um die zweite krank im Bett zu verbringen. Halsweh, Kopfweh, Husten. Auch das ist noch nichts Ungew\u00f6hnliches.<\/p>\n<p>Nachdem alle \u00c4rzte konsultiert, alle Allergietests \u00fcberwunden sind mit dem beruhigenden Ergebnis, der Junge sei kerngesund, bleiben noch weitere vier Wochen Semesterferien.<\/p>\n<p>Wenn wir uns mitten in der Nacht oder in den allerfr\u00fchsten Morgenstunden auf dem Sofa treffen, herrscht eine besondere Stimmung, eine Art Schwerelosigkeit. Die Streitereien vom Tage liegen scheinbar weit, weit zur\u00fcck. Das Gewicht des Alltags, des neuen Tages dr\u00fcckt noch nicht auf die Seele, wir k\u00f6nnen entspannt miteinander plaudern. Warum ich um diese Zeit wach bin, lasse ich mir nicht anmerken. Statt zu schlafen, halten mich bohrende Gedanken wach, ob das Geld reicht f\u00fcr Winterreifen und Implantat? Ob ich die letzte Operngage nicht unbedingt h\u00e4tte h\u00f6her verhandeln m\u00fcssen? Wieso m\u00e4nnliche Regisseure noch immer mehr verdienen als ihre Kolleginnen? Dass ich nachts nicht schlafen kann, ist also einleuchtend und hat seine Gr\u00fcnde. Aber mein Sohn?<\/p>\n<p>&#8222;Bist du eigentlich auf der Uni auch so fahrig?&#8220;, frage ich unschuldig. Was, wenn er das Studium abbricht und wieder ganz nach Hause zieht?<\/p>\n<p>&#8222;Nein&#8220;, erwidert er sehr kurz angebunden und liest weiter.<\/p>\n<p>&#8222;Also, was ist dann &#8230; irgendwas muss es doch &#8230; normal ist das doch nicht!&#8220; Ich bin so mutterlike, dass ich mich freiwillig sch\u00e4me.<\/p>\n<p>Stille.<\/p>\n<p>Stille.<\/p>\n<p>&#8222;Berlin macht mich fertig!&#8220;, presst er nach einer Weile durch die Lippen.<\/p>\n<p>Ich lache: &#8222;Dein Berlin macht dich fertig? Was hei\u00dft das denn? Geh halt nicht so oft aus&#8230; Wer zwingt dich denn dazu?&#8220; Das muss gerade ich sagen, wo ich auf das Gef\u00fchl abonniert bin, immer irgendwo irgendwas zu verpassen, \u2013 was, wenn man es genau \u00fcberlegt, bei den Dimensionen, die der Globus hat, durchaus wahrscheinlich ist. Ich krame fieberhaft in meiner Erinnerung.<\/p>\n<p>Es gab im alten Westberlin drei Clubs, die etwas z\u00e4hlten: Dschungel, Far Out und Abraxas. Sp\u00e4ter kam das 90 Grad dazu und einige Loser-L\u00e4den sowieso. Aber mehr oder minder war es das schon.<\/p>\n<p>Im Far Out umarmten sich um Mitternacht alle und hatten sich lieb. Jeder wurde reingelassen, auch mein dicker Freund Aaron, der aussah wie ein bacchiantischer Bankdirektor und wie ein Gott tanzen konnte.<\/p>\n<p>Abraxas war Latino. Ich kannte den Barkeeper. S\u00fcdamerikanische Musik nervt auf die Dauer ein bisschen, aber der Schuppen war entspannt und die Getr\u00e4nke umsonst.<\/p>\n<p>Ich aber hatte den Schl\u00fcssel zum Dschungel. Wieso und woher, wei\u00df ich nicht mehr. Der Laden war mein zweites, vielleicht sogar mein eigentliches Zuhause. Der DJ Martin legte begnadet auf, viel schwarzes Zeug, Ska und Punk. Ein Springbrunnen stand in der Mitte des Raumes, einige sind reingefallen, das war wohl ein Test. Nicht selten zeigte die elektronische Uhr urpl\u00f6tzlich 6 a.m., ich ging direkt ein paar Stra\u00dfen weiter ins Schwarze Caf\u00e9, um zu fr\u00fchst\u00fccken, anschlie\u00dfend in die Uni. Um uns rum war die Mauer, \u00fcberschaubares Programm, von \u00dcberforderung keine Spur. Ich wei\u00df aus sicherer Quelle, dass Monika, die mit den schwarz umrandeten Augen, das Tablett hoch \u00fcber ihren Kopf balancierend, die Personifikation des Dschungel, jetzt in Rente gegangen ist. &#8222;Kinder wie die Zeit vergeht!&#8220; sage ich jetzt nicht, aber denke es kurz&#8230;<\/p>\n<p>&#8222;Die Stadt ist fahrig und nerv\u00f6s, nicht ich&#8230;&#8220;, h\u00f6re ich David nuscheln. &#8222;Das war nicht immer so, aber inzwischen &#8230; zu viel los, zu viel Hipe, \u00fcberall Trends, absolute Geheimtipps, <em>special guests only<\/em>, zu viel, zu viel. St\u00e4ndig ziehen Leute her, die es sagenhaft toll in Berlin finden, ist es wahrscheinlich auch, halb Tel Aviv zieht hierher in die alte Reichshauptstadt, allen geh\u00f6rt die Stadt \u2013 nur ich, ich kann mich hier nicht mehr finden.\u201c<\/p>\n<p>Er meint es ernst. Ich werde zuh\u00f6ren und ausnahmsweise keinen witzelnden Kommentar abgeben.<\/p>\n<p>&#8222;Wenn es alles gibt, wo hinterlasse ich meine Spuren? Wo zeige <em>ich<\/em> etwas Neues, wo erfinde <em>ich <\/em>die Welt neu? Ich, ja ich! Es ist doch das Privileg der Jugend, die Welt neu zu erschaffen, aber dazu ist hier kein Platz mehr. Alles ist da, alle sind wichtig, ich werde hier verr\u00fcckt, ohne mich \u00fcberhaupt bewegt zu haben.&#8220;<\/p>\n<p>Wow.<\/p>\n<p>Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich David verstanden habe, aber dass man seine Fu\u00dfabdr\u00fccke irgendwo f\u00fcr die Nachwelt lassen m\u00f6chte, leuchtet mir ein.<\/p>\n<p>Freie Gruppe, Off-Theater hie\u00df das damals, was wir machten. Wir f\u00fchlten uns unglaublich &#8222;in&#8220;, irgendwie ganz vorne. Ich w\u00fcrde heute nicht meine Hand daf\u00fcr ins Feuer legen, dass wir genial waren, aber dass wir in irgendeiner Form Avantgarde waren, das glaubte ich damals und das glaube ich heute noch. Wir f\u00fchlten uns wie Pioniere, wir erfanden die Welt, das Theater, die Kunst neu. Wir waren die Weltmeister im Fu\u00dfabdr\u00fccke hinterlassen. So muss das sein. Wenn das nicht mehr geht, wird man nat\u00fcrlich nerv\u00f6s.<\/p>\n<p>Wenn ich es also richtig verstehe, bringt die Masse der M\u00f6glichkeiten die Kids in eine Art Implosion, in vibrierende Unt\u00e4tigkeit. Dann wird die Flucht nach vorn ergriffen, ins Vergn\u00fcgen: <em>fun fun fun<\/em>, was das Zeug h\u00e4lt! So eine Art Leistungsdruck, es zumindest in der Freizeit zu etwas zu bringen. K\u00f6nnte auch eine gute Ausrede sein?<\/p>\n<p>&#8222;Bleib eine Zeitlang fort!&#8220;, sage ich. &#8222;Je \u00fcberschaubarer dein Radius, desto besser f\u00fchlst du dich. Und stress dich doch nicht so, wir waren damals &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Das leise Knattern ist Davids Atem, er ist eingeschlafen, mitten im Satz. Drau\u00dfen h\u00f6re ich die M\u00fcllabfuhr, es ist kurz vor sieben. Zeit, den Kleinen f\u00fcr die Schule zu wecken.<\/p>\n<p>Es war eine gute Zeit, damals, aber innovativ war vor allem Prince. Der ist zum einen genauso klein oder gro\u00df wie ich und hat zum zweiten gerade ein neues Album rausgebracht. Er jedenfalls scheint sich keine Sorgen dar\u00fcber zu machen, dass es zu viel von seiner Musik gibt und er keine Fu\u00dfspuren mehr hinterlassen k\u00f6nnte. Er macht weiter, ohne Platz 1 der Charts einzunehmen, aber f\u00fcr mich bleibt er die Nummer eins und als Vorbild ist er kaum zu toppen.<\/p>\n<p>Ich decke den Gro\u00dfen zu und summe <em>Purple Rain<\/em> zum Fr\u00fchst\u00fcck. Was f\u00fcr ein Song!<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine goldene Erziehungsregel besagt: Beherberge keine Kinder, die l\u00e4ngst ausgezogen sind. Nat\u00fcrlich kommen sie doch immer wieder. 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