{"id":3364,"date":"2016-04-06T11:15:06","date_gmt":"2016-04-06T09:15:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3364"},"modified":"2016-04-06T13:57:01","modified_gmt":"2016-04-06T11:57:01","slug":"captain-future-bruhn-schlager-steinaecker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/04\/06\/captain-future-bruhn-schlager-steinaecker\/","title":{"rendered":"&#8222;Die blauen Meereswellen allein, das gen\u00fcgt oft nicht&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was hat die Serie <em>Captain Future<\/em>, mit der eine ganze Generation in eine hoffnungssatte Zukunft flog, mit deutschem Schlager gemeinsam? Den Komponisten Christian Bruhn.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3436\" aria-describedby=\"caption-attachment-3436\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-3436\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/04\/freitext-bruhn-1024x682.jpg\" alt=\"  \u00a9 Peter Kneffel\/dpa \" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/04\/freitext-bruhn-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/04\/freitext-bruhn-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/04\/freitext-bruhn.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3436\" class=\"wp-caption-text\"><br \/>\u00a9 Peter Kneffel\/dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Mit dem Beginn der gro\u00dfen Ferien \u00e4nderte sich mein Leben im Oberpf\u00e4lzer Oberviechtach jedes Jahr aufs Neue von heute auf morgen komplett. Pl\u00f6tzlich hatten die Tage ihre Taktung verloren. Die Uhrzeiten, auf die ich sonst genauestens achtete (sp\u00e4testens um sieben aufgestanden sein!, sp\u00e4testens um zehn vor acht im Klassenzimmer sein!, sp\u00e4testens um neun im Bett sein!, und so weiter), besa\u00dfen mit einem Mal keinerlei Bedeutung mehr. Stattdessen schob sich nach und nach eine andere Ordnung in den Vordergrund, wurden W\u00f6rter wichtig, die mir im restlichen Jahr ziemlich egal waren, &#8222;Einkaufen&#8220; und &#8222;Kochen&#8220; beispielsweise; damit verkn\u00fcpft: &#8222;Metzgerei&#8220;. <!--more--><\/p>\n<p>Aus der kaum zu ertragenden Asphalthitze in deren gekacheltes Inneres und an die &#8222;K\u00fchltheken&#8220; zu treten, wo die W\u00fcrste und Schnitzel im k\u00fcnstlichen Licht lagen und die (nat\u00fcrlich) dicke Verk\u00e4uferin diesen einen Satz sagte, der zum ureigenen Vokabular eines jeden Metzgers zu geh\u00f6ren scheint, &#8222;Mag der Kleine eine Gelbwurst?&#8220;, all das wurde \u00e4hnlich wie auch &#8222;B\u00e4ckerei&#8220; (wo die Frage abgewandelt wurde zu: &#8222;Mag der Kleine eine Breze?&#8220;) oder &#8222;Schreibwarenladen&#8220; (wo ich, wenn ich brav war, einen neuen Schlumpf f\u00fcr meine Sammlung bekam) zum Ereignis, in diesen sonst an Ereignissen eher armen Wochen.<\/p>\n<p>Zum neuen zeitlichen Fixpunkt wurde der Nachmittag, genauer gesagt: 15 Uhr. Schon Minuten davor schaltete ich unseren Schwarz-Wei\u00df-Fernseher ein. Es erforderte viel Fingerspitzengef\u00fchl, das Programmrad so zu drehen, dass sich aus dem Schneegest\u00f6ber auf dem Bildschirm Umrisse abzeichneten und endlich zu einem Cancan Jacques Offenbachs eine super gelaunte M\u00e4nnerstimme ein Lied sang, aus dem in meiner Erinnerung besonders das Wort &#8222;Oberammergau&#8220; herausstach, ein Ort, der f\u00fcr mich mythische Qualit\u00e4ten bekam, was in Wirklichkeit aber wahrscheinlich nur dem Reim geschuldet war.<\/p>\n<p>Der fraglose H\u00f6hepunkt des <em>ZDF-Ferienprogramms<\/em> war gekommen, wenn die Moderatorin, die ich gerne als gro\u00dfe Schwester gehabt h\u00e4tte und die, wie ich gerade sehe, Anke Engelke hie\u00df, im Kreis gl\u00fccklich klatschender Kinder einen Bobtail streichelte und <em>meine<\/em> Sendung ank\u00fcndigte. F\u00fcr stets viel zu kurze zwanzig Minuten verga\u00df ich dann alles, die Zeit, den Schwarz-Wei\u00df-Fernseher, mein Oberpf\u00e4lzer Dorf und flog an der Seite der Roboter Grag und Otto durch den Weltraum, angef\u00fchrt vom heldenhaften Captain Future, dessen im Wind fremder Planeten wehendes Haar ihm immer auch einen Hauch von Melancholie verlieh.<\/p>\n<p>Ich glaube allerdings nicht, dass mich die Sendung derart gepackt h\u00e4tte, w\u00e4re da nicht diese Musik gewesen, vor allem: die Titelmusik. Die einleitenden Keyboardarpeggien, die Gro\u00dfes ank\u00fcndigten, von dem dann die Frauenstimme zu erz\u00e4hlen begann. Sie ben\u00f6tigte gar keine Worte daf\u00fcr. Was sie da ganz ohne Text sang, verstand ich auch so. Es war nur ein kleiner Schritt in die Schwerelosigkeit der Tr\u00e4ume; alles, was es dazu brauchte, war eine Oktave, der Wechsel vom ein- zum zweigestrichenen F. Mit so einer Musik konnte man die Kindheit \u00fcberleben, weil dieser Intervallsprung versprach, dass da noch mehr kam. Dass die Zukunft eine Zeit sein w\u00fcrde, auf die man sich freuen durfte, weil am Ende alles gut werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es musste erst das Internet erfunden werden und ein langer verschneiter Nachmittag kommen, an dem ich in irgendeiner nostalgischen Anwandlung nach &#8222;dieser alten&#8220; Serie googelte, bevor ich mehr \u00fcber ihre Musik erfuhr, die mich all die Jahre als unausrottbarer Ohrwurm begleitet hatte \u2013 eingewickelt darin: das Sommer-Ferien-Fernsehen-Gef\u00fchl von damals. Mausklick um Mausklick wuchs mein Erstaunen. Die japanische Originalserie hatte eigentlich einen v\u00f6llig anderen Soundtrack besessen, der mir aber, als ich die gewohnten Bilder dazu sah, sofort als schlimmstm\u00f6gliche Blasphemie erschien. Nur die deutsche Fassung verf\u00fcgte \u00fcber <em>meine<\/em> Musik, komponiert von einem Deutschen, einem gewissen Christian Bruhn, der sich dann als geradezu legend\u00e4rer Mann im Hintergrund der deutschen Unterhaltungsmusik entpuppte. Eigentlich stammte er aus einem Bereich, der dem coolen, groovigen <em>Captain Future<\/em> genau entgegengesetzt war, aus dem Schlager. Dort war er nicht irgendwer gewesen; ja, Bruhn war einer der erfolgreichsten Schlagerkomponisten im Deutschland der Nachkriegszeit. Eine Kostprobe einiger seiner \u00fcber 2.500 Titel: <em>Zwei kleine Italiener<\/em>, <em>Liebeskummer lohnt sich nicht<\/em>, <em>Ein bisschen Spa\u00df muss sein<\/em>, <em>Wunder gibt es immer wieder<\/em>, <em>Marmor, Stein und Eisen bricht<\/em> \u2026 Doch damit nicht genug. Fast alle Titelmelodien der Serien, die zu einer Kindheit im Westdeutschland der 1970er geh\u00f6ren, wurden von Bruhn komponiert, instrumentiert und eingespielt: das stampfige <em>Heidi<\/em> ebenso wie das rockende <em>Wicki<\/em>, vom verwegenen <em>Die rote Zora<\/em> bis zum schr\u00e4gen<em> Timm Thaler<\/em> und orchestralen <em>Silas<\/em> und <em>Jack Holborn<\/em>. Der Mann wurde f\u00fcr mich vollends zum Cham\u00e4leon, als sich herausstellte, dass auch noch viele Jingles der 1980er auf sein Konto gingen, die ich selbst heute noch innerlich h\u00f6re, wenn ich die beworbenen Produkte sehe: LBS, Milka, McDonald&#8217;s \u2026<\/p>\n<p>Zu dieser Vielseitigkeit passt, dass Bruhn klassisch ausgebildeter Komponist und Klarinettist ist und in den 1950ern als Jazz-Pianist in verschiedenen Combos seine Karriere begann, bevor er Anfang der 1960er bei Hansa Musik Produktion zum Hitschreiber wurde. Er unternahm zwar hin und wieder Ausfl\u00fcge in das ernste Fach, zum Beispiel mit seinem Zyklus \u00fcber Gedichte von Heinrich Heine, den er f\u00fcr seine damalige Frau Katja Ebstein schrieb; au\u00dferdem war er achtzehn Jahre lang Aufsichtsratsvorsitzender der Gema; aber ber\u00fchmt wurde er auf jenen zwei Gebieten, die aus Gr\u00fcnden eines vielleicht letztlich sehr deutschen D\u00fcnkels keinen besonders guten Ruf genie\u00dfen: auf dem Gebiet des Schlagers und der Filmmusik f\u00fcr Kinderserien. Und man mag zum Schlager stehen, wie man will: Jemand, der konstant \u00fcber mehrere Jahrzehnte hinweg derart viele Nummern geschrieben hat, die sich bis in die Gegenwart gehalten haben und auf jeder Faschingsfeier mitgesungen werden, wei\u00df, was er tut \u2013 und ist weit entfernt vom &#8222;musikalisch Anr\u00fcchigen&#8220;, ja von &#8222;M\u00fcllhalden des Machbaren&#8220;, wie es im herabw\u00fcrdigenden Artikel einer gro\u00dfen deutschen Tageszeitung zum 80. Geburtstag Bruhns hie\u00df.<\/p>\n<p>Ich verabrede mich mit Christian Bruhn in seiner Villa in einem noblen M\u00fcnchener Stadtteil. Auf den ersten Blick wirkt der mittelgro\u00dfe, wei\u00dfhaarige Mann in schwarzer Lederweste recht unscheinbar auf mich, keinerlei \u00dcberheblichkeit oder Starall\u00fcren, stattdessen: heitere H\u00f6flichkeit. In seinem Wohnzimmer, wo wir das Interview f\u00fchren, entdecke ich im B\u00fccherregal zu meiner \u00dcberraschung Uwe Johnsons <em>Jahrestage<\/em> und eine Gesamtausgabe der Werke des M\u00fcnchener Geheimtipps Ernst Augustin. <em>Jahrestage<\/em> sei sein Lieblingsbuch, meint Bruhn und beginnt von der norddeutschen Landschaft zu erz\u00e4hlen, seiner Heimat. Und Ernst Augustin? Der fasziniere ihn einfach wegen seiner fantastischen Parallelwelten. \u00dcbrigens: Die Musik zu <em>Captain Future<\/em>, von der ich in meiner Mail an ihn so geschw\u00e4rmt habe, die habe er ein Stockwerk tiefer, im Keller seines Hauses, an zwei Tagen mit seiner Band eingespielt. Und w\u00e4hrend ich noch die Bilder meiner Kindheit mit denen der Villa, in der ich nun, fast drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter, sitze, zusammenzubringen versuche, beginnen wir.<\/p>\n<p><strong>Thomas von Steinaecker:<\/strong> Was ist zuerst da: der Text oder eine Melodie, die Ihnen vielleicht schon l\u00e4nger im Kopf herumging? Bei <em>Wunder gibt es immer wieder<\/em> zum Beispiel.<\/p>\n<p><strong>Christian Bruhn:<\/strong> Das ist folgenderma\u00dfen entstanden: Ich hatte lange vorher mit Rudolf-G\u00fcnter Loose (dem Textdichter, Anm. d. Red.) einen Countrysong gemacht. Der Refrain hie\u00df &#8222;Wunder gibt es immer wieder&#8220;. Sechs Tage vor dem Einsendeschluss 1970 f\u00fcr den Grand Prix rief Loose mich an und sagte: &#8222;Du, wir haben da eine alte Nummer, die hei\u00dft <em>Wunder gibt es immer wieder<\/em>. Die hat einen sehr guten Refrain. Wenn du den etwas langsamer machst und bietest ihn der Katja Ebstein an \u2013 ich dichte dir gern alles um, wenn&#8217;s n\u00f6tig ist.&#8220; Ich hab mich morgens hingesetzt und festgestellt, ich muss au\u00dfer dem Vers kaum etwas \u00e4ndern. Der Anfang erinnert an <em>Also sprach Zarathustra<\/em> (singt). Nur dass der Vorschlag von oben nach unten geht und nicht von unten nach oben. Ich hab mir dabei vorgestellt, wie Katja auftritt. Und der neue Vers hat so etwas Bluesig-Amerikanisches. Und dann der erl\u00f6sende Refrain, der ja sehr, sehr einfach ist. Das Ganze wird durch Streicher und Bl\u00e4ser sehr gewichtig und hat einen intensiven Beat.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Aber kann man das verallgemeinern? Dass immer zuerst der Text da sein muss \u2026<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong> Nein, ich hab&#8217;s aber gern, wenn der Claim, also die Schlagzeile, zuerst da ist. Zum Beispiel <em>Liebeskummer lohnt sich nicht<\/em>. Wenn die Hauptzeile existiert, ist das sehr angenehm, denn dann kann ich diese Zeile passend vertonen. Dann mache ich den gesamten Refrain fertig und meist auch den Vers. Und dann erst kommt der weitere Text dazu. Wenn der Text aber bereits vorliegt, kritzle ich mir die Noten auf den Text, neben die Zeilen. Ganz klein gekritzelte Noten. Am Schreibtisch.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Wie eng ist denn dann die Zusammenarbeit mit dem Textdichter? Bei <em>Zwei kleine Italiener<\/em> zum Beispiel \u2026<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong> Wir haben immer zusammengesessen und den Text gemeinsam erarbeitet.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Also eine richtige Session, wo Sie am Klavier ausprobieren?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong> Also: Der musikalische Einfall ist ja dann schon da. Ich spiele meine Melodie dem Textdichter vor. Manchmal hat es Stunden gedauert, bis die Worte ganz rundliefen. &#8222;Am Bahnhof, da kennt man sie, sie kommen jeden Abend zum D-Zug nach Napoli&#8220; \u2013 1962. Aber manchmal ist es eben auch so, dass ich zuerst eine Melodie habe, wo ich dann sag: &#8222;Georg, f\u00e4llt dir was drauf ein?&#8220; <em>W\u00e4rst du doch in D\u00fcsseldorf geblieben<\/em> entstand zum Beispiel folgenderma\u00dfen: Georg Buschor (Textdichter, Anm. d. Red.) schlug vor, <em>W\u00e4rst du doch in Heidelberg geblieben<\/em>. Ich aber meinte: &#8222;Du hast doch grad einen gro\u00dfen Hit mit <em>Memories of Heidelberg<\/em>. Lass uns doch D\u00fcsseldorf nehmen. Erstens ist das komisch, zweitens hast du eine vierfache Alliteration. Und drittens: Die K\u00f6lner m\u00f6gen die D\u00fcsseldorfer nicht. Das k\u00f6nnte ein Karnevalsschlager werden.&#8220; Wurde es dann ja auch.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Gab es bei Ihnen am Anfang ab und zu die Situation, dadurch, dass Sie ja das kompositorische Handwerkszeug studiert hatten, dass Sie es zu komplex machen wollten? Schlager sind ja doch eher simpel \u2026<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Ja, als J\u00fcngling. Mit 15 hab ich dem Hamburger Musikverlag schon Sachen angeboten. Noch w\u00e4hrend des Studiums. Und die meinten: &#8222;Das ist zu anspruchsvoll, was Sie da geschrieben haben.&#8220; Damals war halt <em>Die Fischerin vom Bodensee<\/em> popul\u00e4r, als Lied nicht besonders kompliziert. Eines meiner musikalisch einfachsten Werke ist <em>Heidi<\/em>. Irrsinniger Erfolg. Aber wenig komplex. Man lernt eben, sich selbst zu beschr\u00e4nken. Und sich auch den Erfordernissen anzupassen. Ich habe viele anspruchsvolle Lieder geschrieben f\u00fcr die Mathieu, f\u00fcr die Ebstein und f\u00fcr Marion Maerz. Aber h\u00e4tte ich nur diese gemacht, h\u00e4tte ich verhungern m\u00fcssen. Man muss sich schon nach der Decke strecken und ein bisschen dem Allgemeintrend folgen.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Ich h\u00f6re da fast so einen bedauernden Unterton raus, dass Sie sich da musikalisch, kompositorisch beschr\u00e4nken mussten.<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Ja. Aber ich habe mich nie prostituiert. Es gibt da zum Beispiel einen Song <em>Sonntag im Zoo<\/em>, gesungen von Michael Schanze. Der ist super \u2013 in der Art eines Beatles-Songs. Nat\u00fcrlich wurde es eine B-Seite. Damit gewinnt man keinen Blumentopf in Deutschland.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Aber wenn Sie sagen: Es muss gut sein, es muss stimmen. Das ist ja relativ. Was bedeutet das?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Catchy muss es sein. Und was bedeutet das? Der Text und auch die Musik m\u00fcssen irgendwelche Ecken und Kanten haben, damit der Song merkf\u00e4hig bleibt. Die blauen Meereswellen und der blaue Himmel und die wei\u00dfen Wolken allein, das gen\u00fcgt oft nicht. Oder das B\u00e4chlein hinter dem H\u00fcttlein am Berglein. Aber <em>Zwei T\u00e4ler weiter<\/em> ist schon wieder ganz interessant.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Woher kommt denn dieser D\u00fcnkel gegen\u00fcber dem Schlager in Deutschland?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Tja \u2013 der ist typisch deutsch. Der amerikanische Professor und der italienische Gelehrte, auch sie lieben Popsongs. Weil dort die Popsongs auch f\u00fcr sie gemacht werden. Aber hier herrscht Naser\u00fcmpfen und auch v\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis. Wenn ich an den gro\u00dfen Musikkritiker Joachim Kaiser denke: Die Unterhaltungsmusik liegt ihm so fern. Woran dieser D\u00fcnkel oder gar die Verachtung liegen, wei\u00df ich nicht. Aber mir fehlt auch das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, denn es handelt sich ja um eine v\u00f6llig harmlose Musik, die niemandem wehtut. Au\u00dferdem muss man sie nicht h\u00f6ren, man kann sie ja abschalten.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Das Vorurteil ist wahrscheinlich, dass es einfach so unglaublich simpel ist und letztlich Musik f\u00fcr die Massen.<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Ja, Gott sei Dank haben die &#8222;Massen&#8220; diese Musik. Ich meine, was h\u00e4tten sie sonst? Stockhausen? Rihm? Wohl eher nicht \u2026<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Haben Sie denn Anfang der 1960er auch das verfolgt, was die sogenannte Neue Musik machte, also Stockhausen oder Henze zum Beispiel. Oder war das f\u00fcr Sie von Anfang an zu abseitig?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Nein, ich hab das nat\u00fcrlich verfolgt, ich kann das auch gut anh\u00f6ren. Aber es gibt wesentliche Unterschiede. Henze sagte &#8222;Wohlklang&#8220;, aber dann reibt es sich harmonisch doch recht arg. Musik an sich beruht auf der Obertonreihe und diese bildet einen Durakkord. Und daher kommt auch die Volksmusik, daher kommt \u00fcberhaupt die Musik. Denn der Durakkord ist dem Menschen eben irgendwie physisch eingepflanzt und angeboren.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Aber es hat Sie nie gereizt, dann in die Richtung der Rockmusik zu gehen, f\u00fcr Bands zu schreiben? Also vom Schlager zur Rockmusik war es ja, glaube ich, schon von der Komplexit\u00e4t her ein ziemlicher Schritt gewesen.<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong> <em>Marmor, Stein und Eisen bricht<\/em> ist ja irgendwie Rockmusik. Oder ein rockiger Schlager. Und \u00fcbrigens eines der ganz wenigen St\u00fccke, das nicht von mir allein ist. Da war Drafi Deutscher von Anfang an mit dabei. Loose hat auch etwas beigesteuert. Aber ausgesprochen wenig. <em>Weine nicht, wenn der Regen f\u00e4llt<\/em> ist von mir. Und das &#8222;Dam-dam&#8220;, meinte Drafi, sollte ein Blecheinwurf sein. Ich sagte: &#8222;Nein, das singst du!&#8220; Das Dam-dam erinnerte mich an eine bestehende \u00e4ltere Nummer von Heino Gaze, &#8222;Dadim, dadom, dadim, dadom, der Regen klopft ans Fensterlein&#8220;. Also dichtete ich &#8222;Weine nicht, wenn der Regen f\u00e4llt, dam-dam, dam-dam&#8220;. Dann Drafi: &#8222;Es gibt einen, der zu dir h\u00e4lt, dam-dam, dam-dam&#8220;. Danach wurde heftig nach der Refrainzeile gesucht. Die sollte so sein wie die Nummer <em>Concrete &amp; Clay<\/em>. Beton und M\u00f6rtel. Und schlie\u00dflich sagte ich: &#8222;Dann nehmen wir halt den alten Albumvers &#8218;Marmor, Stein und Eisen bricht&#8216;. Der ist aus einem Poesiealbum. &#8218;Marmor, Stein und Eisen bricht, aber treue Liebe nicht.'&#8220; Begeisterung. Wir haben dann nur &#8222;unsere Liebe&#8220; daraus gemacht. War zeitgem\u00e4\u00dfer. Und es gibt noch eine komische Anekdote: Ich spielte das dem Buschor vor, der ja nicht daran beteiligt war. Und er sagte: &#8222;Ja, wenn ihr diesen Teil weggelassen h\u00e4ttet, wo der Drafi so falsch singt&#8220; (er singt n\u00e4mlich eine Blue Note), &#8222;dann w\u00e4r es vielleicht ein Hit geworden&#8220; (lacht). Ja, so kann man sich irren.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Und Sie waren da zu dritt mit Loose im Studio, und man hat daran rumprobiert?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Wir waren im B\u00fcro von Peter Meisel (Musikverleger und Produzent, Anm. d. Red.). Der hat immer zugeh\u00f6rt, wenn wir was machten. Also Loose, Drafi, ich und Meisel im B\u00fcro. Da stand ein Klavier. Wir mussten quasi unter Aufsicht schaffen. Aber man gew\u00f6hnt sich dran und verliert die Scheu.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Wenn man jetzt Jingles schreibt, wo Sie ja auch sehr erfolgreich waren \u2026<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Ein Werbejingle ist eine Art Miniminischlager. Du hast drei\u00dfig Sekunden. Der Claim liegt ja immer schon vor. Mein erster war &#8222;Strahlerk\u00fcsse schmecken besser, Strahlerk\u00fcsse schmecken gut&#8220;. Ich meinte dazu: &#8222;Das geht doch begrifflich abw\u00e4rts. Sie haben doch erst den steigernden Komparativ und dann geht&#8217;s zur\u00fcck zum Positiv.&#8220; &#8222;Macht nix&#8220;, sagte der Werbemann, &#8222;ist aber merkf\u00e4hig.&#8220; \u2013 Und dann hab ich den Fehler gemacht und ihm meinen ersten Einfall vorgespielt. Das mach ich nie wieder. Weil: Er wollte noch weitere Ideen. Aber meine erste ist meistens die beste. Wenn es sp\u00e4ter ad hoc passieren musste, hab ich immer die Originalidee gespeichert und erst was anderes gespielt und dann zum Schluss als Erl\u00f6sung die richtige. \u2013 Recht bekannt wurden auch &#8222;Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause&#8220;. Das ist genau gebaut wie ein Schlager, nur eben k\u00fcrzer. Mittlerweile werden nur mehr drei T\u00f6ne gespielt. Da, da, da (lacht). Oder auch &#8222;Milka, die zarteste Versuchung&#8220;. Ein Minisong.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Wodurch auch meine Generation Sie ganz stark im Ged\u00e4chtnis hat, das sind ja die Soundtracks zu diesen Kinder- und Jugendserien. <em>Timm Thaler<\/em> und <em>Captain Future<\/em>. Was da auff\u00e4llt, ist im Vergleich zu den Schlagern oder auch zu den Jingles erst mal der Einsatz von Synthesizern mit sehr interessanten Sounds. Wie kann es denn zum Synthesizer?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Erstens gab es gerade den Minimoog neu auf dem Markt. Und da lag seine Verwendung doch nahe. Beispielsweise bei <em>Timm Thaler<\/em>, wo der Teufel auftritt, kommt ein besonderer Synthesizer-Klang. Und dass die Musiken ein bisschen abstechen von anderen, beruht auch darauf, dass ich eben doch vom Jazz komme. Sie sind immer groovy, immer ein bisschen angejazzt. Auch in <em>Captain Future<\/em>. Und ich hatte nat\u00fcrlich exzellente Musiker. Die Cr\u00e8me von Deutschland. Und da war auch eine gewisse Freiheit. Bei <em>Timm Thaler<\/em> gibt es Takes im F\u00fcnfvierteltakt. Wo habe ich im Schlager einen F\u00fcnfvierteltakt? Und wir machten Improvisationen auf die Harmonien des Grundthemas zum Beispiel. Das geht, wenn die Szene das hergibt.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Sie haben die Musik improvisiert?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Ja, zum Teil. Die Themen lagen vor in Form eines Particells. Das ist eine Minipartitur. Da stehen Harmonien, Melodie, Einw\u00fcrfe und eine Bassline drin. Bei <em>Captain Future<\/em> gibt es einen Take, da stand nur &#8222;c-Moll 7&#8220;, eine Phrase und eine Bassline. Und dann haben wir uns das zurechtgelegt. Und die Musiker steuerten ihre Ideen zum Arrangement bei. Licks nennt man das, Phrasen. Und deswegen lebt das so besonders. Wir hatten eben auch viele Sternstunden an diesen beiden Tagen.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Wer war die Band?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Das waren meine Stammmusiker, meine Freunde. Die haben netterweise auch meine Schlager gespielt. G\u00fcnther Gebauer, Curt Cress, Mats Bj\u00f6rklund und Kristian Schultze.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Von der japanischen Originalmusik haben Sie sich nicht weiter inspirieren lassen?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Nein. Ich kenne die Originalmusik der Japaner. Das ist eine andere Welt. So kann man es hier nicht ver\u00f6ffentlichen. Das hat Leo Kirch seinerzeit richtig erkannt. Nur dass er in jedem Land eine andere Musik hat komponieren lassen, das h\u00e4tte auch wieder nicht sein m\u00fcssen. Ich habe dann f\u00fcr <em>Captain Future<\/em> viele Zuschriften oder E-Mails bekommen von Leuten, die im Ausland wohnen. Die sagen: &#8222;Warum ist deine Musik nicht \u00fcberall? Die ist besser als die andere&#8220; (lacht). Es war eine Sternstunde, wie gesagt. Das passiert nicht immer. Ich habe ja viele Serien gemacht. <em>Jack Holborn<\/em> zum Beispiel mit einem gro\u00dfen Symphonieorchester. Gro\u00dfe Themen, innovative Musik \u2013 das konnte dann nicht so popul\u00e4r werden. Wenn so was wie <em>Captain Future<\/em> Kult wird, ist es eine Ausnahme.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Wissen Sie denn noch, wie Ihnen das Thema zu <em>Captain Future<\/em> eingefallen ist?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Das hab ich mal f\u00fcr einen Western gemacht. H\u00f6rner, Streicher. Wurde aber nicht genommen. In den 1970ern, glaube ich. Es ist ein Instrumental-Thema, das einen gro\u00dfen Melodiebogen und einen immensen Umfang hat. Aber wir Komponisten schmei\u00dfen ja ungern was weg. Und auf diese v\u00f6llig andere Art, also Vocalise, Piano, Strings und mit diesem Super-Groove, hat es dann funktioniert.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Wenn Sie jetzt vergleichen, Anfang der 1960er Jahre und heute. Was ist denn der gr\u00f6\u00dfte Unterschied f\u00fcr Sie im Vergleich mit damals im heutigen Schlagerbetrieb?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong> Ja, was hat sich ge\u00e4ndert? Erstens gibt es wohl weniger derart erfolgreiche K\u00fcnstler wie zum Beispiel Freddy Quinn. Und es war fr\u00fcher nicht so uniform. Es gab ja Tangos und langsame Walzer. Und Melodien! Heute hat man Rap oder sehr textbetonte Songs wie <em>Nur noch kurz die Welt retten<\/em>, was hervorragend gemacht ist. Aber total verschieden von <em>Ganz in Wei\u00df<\/em> oder <em>Du bist nicht allein<\/em>. Fr\u00fcher kam der Schlager noch irgendwie von der Operette. Und das ist eben nicht mehr der Fall. Weil er eben auch nicht mehr von den zwanzig Berufskomponisten und Berufstextdichtern gemacht wird, sondern heute kann es fast jeder. Fast jeder kriegt auch am Computer eine Art von Musik hin. Hat auch sein Gutes.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Dann die letzte Frage. Was macht denn <em>Atemlos<\/em> zu so einem guten Lied?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong> Das ist schon sehr originell. Auch der Text. Nach dem kunstvollen Aufbau des Verses dann die erste H\u00e4lfte des Refrains. Ohne Drums, ohne Bass. Und dessen zweite H\u00e4lfte mit einem tollen Rhythmus. Der ganze Song ist super arrangiert. Und Helene Fischer ist eine gro\u00dfartige S\u00e4ngerin. Die beherrscht ihr Handwerk aus dem Effeff. Die kann alles. Klingt halt nicht sehr schwarz, daf\u00fcr sehr deutsch. Das St\u00fcck funktioniert \u00fcbrigens nach der meiselschen Rillentheorie.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong> Wie bitte?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Ja, die haben wir Musiker so genannt. Peter Meisel meinte, dass man an den Rillen s\u00e4he, wo laute Musik und wo leise Musik herrscht. Man kann es in der Tat optisch erkennen, wenn man sich die Rillen einer 45er Vinyl anschaut, zum Beispiel von <em>Er ist wieder da<\/em> und von <em>Marmor, Stein<\/em>. Da sieht man ganz deutlich den Unterschied von laut und leise. Und Peter Meisel sagte, dann wird&#8217;s ein Hit. Das war die meiselsche Rillentheorie (lacht). Und die gilt eben auch f\u00fcr <em>Atemlos<\/em>. Heute haben wir leider keine Vinylplatten mehr. Auf einer CD kann man das nicht sehen.<\/p>\n<p><strong>Von Steinaecker:<\/strong>\u00a0Woran arbeiten Sie denn zurzeit?<\/p>\n<p><strong>Bruhn:<\/strong>\u00a0Gerade lief mein Musical <em>Mein Freund Wickie<\/em> aus, die Geschichte des kleinen Wikingers. Das wurde \u00fcberall aufgef\u00fchrt und wir verdienten uns goldene Nasen. Wahnsinn. Gerade gestern traf ich den B\u00fchnenverleger von <em>Wickie<\/em>. Dem habe ich nun etwas Neues angeboten. Heute ist es ja so: Man demonstriert praktisch das gesamte Musical. Mit verschiedenen Stimmen, oder wenn&#8217;s f\u00fcr Kinder ist, auch mit Kinderchor und auch mit wechselnden Akteuren. Und man erstellt eine Partitur mit Sibelius (einer Notensatzsoftware, Anm. d. Red.). Wenn&#8217;s auch l\u00e4nger dauert: Ich hab keinen Stress mehr. Ich hab Zeit. Ich kann ewig rumbasteln. Und wenn es mir nicht gef\u00e4llt, \u00e4ndere ich es. Also zusammenfassend w\u00fcrde ich sagen: Ich hab mir musikalisch nichts vorzuwerfen (lacht).<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es jetzt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was hat die Serie Captain Future, mit der eine ganze Generation in eine hoffnungssatte Zukunft flog, mit deutschem Schlager gemeinsam? Den Komponisten Christian Bruhn. 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