{"id":3536,"date":"2016-05-12T10:07:32","date_gmt":"2016-05-12T08:07:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3536"},"modified":"2016-05-12T10:41:15","modified_gmt":"2016-05-12T08:41:15","slug":"bodybuilder-bananen-schmidt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/05\/12\/bodybuilder-bananen-schmidt\/","title":{"rendered":"Das Wundermittel hei\u00dft gr\u00fcne Banane"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt nichts Schlimmeres als M\u00e4nner mit d\u00fcnnen Waden. Das musste auch unser Autor einsehen. Seither hat er viel in seinem Leben ge\u00e4ndert. Nicht nur das Schuhzubinden.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3665\" aria-describedby=\"caption-attachment-3665\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-3665\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/05\/freitext-bodybuilder-1024x682.jpg\" alt=\"\u00a9 STR\/AFP\/Getty Images\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/05\/freitext-bodybuilder-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/05\/freitext-bodybuilder-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/05\/freitext-bodybuilder.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3665\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 STR\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Seit ich eine Zeitlang Mitglied in einem Fitnessstudio war, erkenne ich manchmal auf der Stra\u00dfe Leute wieder, die dort in der Masochistenecke mit den freien Hanteln trainiert haben, sie schleppen ihre Sporttasche immer noch mehrmals die Woche an diesen Ort, in ihrer Alltagskleidung sehen sie allerdings ganz unscheinbar aus.<!--more--><\/p>\n<p>Man muss sich nicht mehr viele Gedanken um seine Freizeit machen, wenn man drei- bis viermal die Woche pumpt \u2013 frisch geduscht und angenehm sediert kehrt man nach Hause zur\u00fcck und hat das Gef\u00fchl, wenigstens heute nicht gealtert zu sein (au\u00dfer im Gesicht). Am n\u00e4chsten Tag geht es allerdings leider schon wieder von vorne los. Ich w\u00e4re vielleicht weiter hingegangen, wenn das Fernsehprogramm auf den zehn Bildschirmen nicht so unertr\u00e4glich gewesen w\u00e4re, vor allem vormittags. Leider war es nicht m\u00f6glich, das Personal dazu zu bewegen, wenigstens auf einem Bildschirm Phoenix oder 3Sat oder auch nur KiKA laufen zu lassen, man musste sich beim Laufen auf dem Band mit den gescripteten Reality-Formaten der Privatsender zufriedengeben (&#8222;Kaufen, mieten, wohnen&#8220;!) oder auf ARD das <em>Morgenmagazin<\/em> mit der Fleckensprechstunde sehen. Ich zahle ja GEZ-Geb\u00fchren, damit mir die Leute, die das gucken wollen, in der Zeit nicht auf der Stra\u00dfe begegnen, aber im Studio funktionierte das nicht.<\/p>\n<p>Ich halte mich jetzt lieber fit, indem ich mich zum Schuhebinden b\u00fccke, statt wie lange Zeit die Schuhe unaufgebunden von den F\u00fc\u00dfen zu streifen. Das ist billiger und schont das Schuhwerk. Wichtig ist auch die richtige Ern\u00e4hrung, wenn man Salat isst, verbraucht man durchs anstrengende Kauen mehr Energie, als man aufgenommen hat. Mit meiner Freundin unterhalte ich mich oft \u00fcber Dinge, die wir nicht essen. Wir w\u00fcnschen uns vor jeder Mahlzeit &#8222;schlechten Appetit&#8220;.<\/p>\n<p>Als ich neulich mit ihr im Taxi sa\u00df, merkte der Taxifahrer auf, als es um Weizenmehl ging, das Thema interessierte ihn. Der Herr, der vielleicht 60 Jahre alt war, erkl\u00e4rte uns, dass er bei der Arbeit t\u00e4glich nur einen Eiwei\u00dfriegel esse, aber einen richtigen, vom Sportladen (wo das Schaufenster immer mit diesen Eiwei\u00dfpulvert\u00f6nnchen im Waschmittelformat vollsteht, deren balkenf\u00f6rmig-kursive, motor\u00f6lartige Schriftz\u00fcge schon beim Lesen aufputschen). Zweimal im Monat gehe er aber mit seiner Frau zum Thail\u00e4nder, das genie\u00dfe er dann auch. Oder mal eine Banane, aber nur gr\u00fcne, die h\u00e4tten weniger Fruchtzucker, sonst &#8222;schie\u00dft das ins Blut rein&#8220;, der Pegel gehe schnell hoch, aber genauso schnell wieder runter, da komme der Hunger gleich wieder. Deshalb immer nur gr\u00fcne Bananen.<\/p>\n<p>Ern\u00e4hrungsbewusste, sportlich ambitionierte Amateure h\u00e4ufen ungeheuer viel Wissen und Erfahrung an, woran sie andere gerne teilhaben lassen. Es ist wie mit Kindern, man k\u00f6nnte ewig dar\u00fcber reden. Er empfahl uns das Buch <em>Die 20er Kniebeuge<\/em>. Die Methode sei ganz einfach: Wie man sonst 10 Kniebeugen mache, solle man einfach 20 machen. Und das Hantelgewicht jedes Mal geringstm\u00f6glich erh\u00f6hen. Da teile sich irgendwann der Oberschenkel so sch\u00f6n, wo man sonst ja eher so eine Art Baumstamm habe, da komme die Definition. (Man m\u00f6chte n\u00e4mlich &#8222;definiert&#8220; aussehen). Und Almaset aus der Apotheke, das wirke wirklich. In zwei Wochen habe seine Frau damit 14 Kilogramm abgenommen und die seien nicht wieder drauf. Da seien n\u00e4mlich Enzyme drin und Honig (und noch etwas Appetithemmendes, was ich vergessen habe). Der Honig sei f\u00fcr die Schilddr\u00fcse, die rege die Verbrennung an. Und immer Intervalltraining, das brenne noch zwei Stunden danach, sofern man nach dem Training nichts esse, das sei ganz wichtig, rein gar nichts.<\/p>\n<p>Er sei fr\u00fcher Judoka gewesen, aber dabei verletze man sich zu leicht, jetzt gehe er viermal die Woche ins Studio, seine Frau dreimal. Als er &#8222;zwei Autos laufen&#8220; hatte, ist er hin zum Studio: Hier, ich will kein Geld, nur &#8217;ne Jahreskarte, wenn ich die mit eurer Werbung bedrucke, das h\u00e4tten die gemacht. Viermal die Woche, danach ein Gang Sauna. Und f\u00fcr die anderen Tagen, zu Hause, da habe er sich ein Sportzimmer eingerichtet. Eine Liegebank hat er von einem Studio \u00fcbernommen, das pleitegegangen ist, da staune man, was man damit machen k\u00f6nne, wie variabel man die verstellen k\u00f6nne. Mit der Kurzhantel, die nehme er lieber, weil man da gleichzeitig stabilisieren m\u00fcsse. Wenn man da 30 kg nehme, die lege man auf die Oberschenkel, dann nach hinten kippen, da komme die von selber hoch und beim Ablegen genauso. Das sei besser als am Butterfly-Ger\u00e4t, das m\u00f6ge er n\u00e4mlich nicht (mein Lieblingsger\u00e4t!).<\/p>\n<p>Oben, \u00fcber den Kopf, das sei eigentlich eine Stretching-\u00dcbung, aber wenn man da etwas mehr Gewicht nehme, ziehe das mehr in die Bauchmuskeln rein. Seine Handgelenke seien nat\u00fcrlich kaputt vom Training, das m\u00fcsse man hinnehmen, da brauche er Manschetten, nicht die aus Leder, die saugten sich nur voll Schwei\u00df, nein, Neopren, das m\u00fcssten auch nicht die teuren f\u00fcr 30 Euro sein. Die hielten dann ein Jahr. Durchs Training sei man nie krank, oder wenn, dann gehe es schneller vorbei (ich hatte immer den Verdacht, mich gerade im Studio anzustecken, wo alles voller Schwei\u00df war).<\/p>\n<p>Die Waden seien bei vielen ein Problem, die seien Wachstumsverweigerer. Den K\u00f6rpertyp nenne man &#8222;tasmanischer Teufel&#8220;, da gebe es so eine Karikatur, ein Teufel mit so d\u00fcnnen Beinen. Aber er kenne da einen einfachen Trick: immer mit kurzen Hosen ins Studio und an den Waden arbeiten, bis die wachsen. M\u00e4nner w\u00fcrden fast mehr in den Spiegel gucken dabei als Frauen. Aber Spiegel m\u00fcssten sein, um die Haltung zu korrigieren. Er mache Splittingtraining, den einen Tag Beine, den anderen Schultern, Brust k\u00f6nne man auch viel machen. Immer die gro\u00dfen Muskelgruppen zuerst trainieren, die regten dann die kleineren an. Eine Stunde vorher einen Eiwei\u00dfdrink mit ein paar L\u00f6ffeln K\u00f6lln-Flocken.<\/p>\n<p>Leider waren wir viel zu schnell am Bahnhof, ich h\u00e4tte gerne noch l\u00e4nger zugeh\u00f6rt, vielleicht w\u00fcrde er mich ja mal seinen Bizeps f\u00fchlen lassen? Wir nahmen nicht die Rolltreppe, sondern gingen zu Fu\u00df, voller Verachtung f\u00fcr die verweichlichten Reisenden, die zu faul f\u00fcr die paar Stufen waren, dabei war das das beste Cardio-Training und gleichzeitig bekam man definierte Oberschenkel. Am Obststand suchte ich mir gr\u00fcne Bananen raus, damit der Fruchtzucker nicht ins Blut schoss. Es schmeckte zwar nicht, machte daf\u00fcr aber auch nicht satt. Daneben gab es einen Ditsch-Stand. Nie haben ranziges Fett und verkokelte Schinkenw\u00fcrfel besser gerochen. Ich band mir erst mal die Schuhe zu.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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