{"id":3620,"date":"2016-05-08T06:00:58","date_gmt":"2016-05-08T04:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3620"},"modified":"2016-05-06T11:58:04","modified_gmt":"2016-05-06T09:58:04","slug":"game-of-thrones-afd-konsumgehirn-bazyar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/05\/08\/game-of-thrones-afd-konsumgehirn-bazyar\/","title":{"rendered":"Gehirn im Standbymodus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gewalt, Sex, Saufen, politisch reichlich fragw\u00fcrdig. Wer ein bisschen Verstand hat, sollte \u201eGame of Thrones\u201c nicht m\u00f6gen. Unsere Autorin guckt es dennoch. Wegen der AfD.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3634\" aria-describedby=\"caption-attachment-3634\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-3634\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/05\/eismann-1024x682.jpg\" alt=\"\u00a9 HBO\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/05\/eismann-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/05\/eismann-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/05\/eismann.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3634\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 HBO<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Wenn<em> Game of Thrones<\/em> l\u00e4uft, sind mein Freund, mein Mitbewohner und ich aufgeregt und feierlich und sehr still, ohne sonst Teil der freakigen gro\u00dfen Fantasycrowd zu sein. Wir lassen uns nur gerne unterhalten und trinken dazu Bier. Bei <em>Game of Thrones<\/em> wird n\u00e4mlich auch viel getrunken, es wird au\u00dferdem viel gev\u00f6gelt, manchmal werden Menschen gek\u00f6pft, man schl\u00e4gt ihnen das Gesicht ein, man vergewaltigt sie, man sieht Br\u00fcste, Psychopathen und sterbende Helden. <!--more--><\/p>\n<p>Das ist nicht plakativ runtergebrochen, das ist die Wahrheit. Und das sind normalerweise alles absolute Ausschlusskriterien f\u00fcr mich, wenn ich mich f\u00fcr Filme oder Serien entscheide. Ich halte das nur aus einem Grund aus und habe 45 Minuten lang den Spa\u00df meines Lebens: Ich habe ein Konsumgehirn.<\/p>\n<p>Ich bin ein Kind des Fernsehens, des Filmes, des Privatfernsehens. Kinderserien, Sitcoms. Seriendramas, ich kenne sie alle. Ich kenne alle Auf- und Abs zwischen Dawson, Joey und Pacey. Ich kann s\u00e4mtliche Texte s\u00e4mtlicher Disneyfilmlieder auswendig. Ich wei\u00df, wer wann zu welcher Zeit welches Ensemble von <em>GZSZ<\/em> und <em>Verbotene Liebe<\/em> ausgemacht hat. Manchmal treffe ich deren (Ex-)Stars in einer Berliner Tram und erkenne sie nicht nur, sondern bin kurz davor, sie zu gr\u00fc\u00dfen wie alte Freunde.<\/p>\n<p>Irgendwann wurde ich gro\u00df. Und stellte fest, dass<em> GZSZ<\/em> die gleiche Sendezeit hat wie <em>Kulturzeit<\/em>. <em>Kulturzeit<\/em> hat gewonnen, damals. Und damit war mein Austritt aus der Fernsehwelt auch ein wenig besiegelt. Ich kann zwar heute auf WG-Partys ausufernd und wahnsinnig kompetent mitreden, wenn Menschen in ihren Erinnerungen an damalige Fernsehserien m\u00e4andern. Aber ich bin raus, wenn es um all das geht, was die letzten zehn Jahre hervorgebracht haben. Wenn jemand <em>Breaking Bad<\/em> sagt, suche ich mir neue Gespr\u00e4chspartner*innen, ein neues Themengebiet meistens. Manchmal sagen sie auch <em>Homeland<\/em>, ziemlich oft sogar. Es ist ja nicht so, dass ich die beiden Serien bl\u00f6d finde. Ich habe einfach nur keinen Plan, was sie sind und worum es geht und was das ist. Weil ich Ber\u00fchrungs\u00e4ngste mit mir unbekannten Serien entwickelt habe. Und das h\u00e4ngt wohl auch damit zusammen, dass ich irgendwann, als ich gro\u00df wurde, dummerweise auch kritisch wurde. Und kritisch schlie\u00dft einen ganz sch\u00f6n schnell aus, aus vielen Dingen.<\/p>\n<p>Wenn man kritisch ist, denkt man nicht nur: Hey Dawson, so wie du redet kein Mensch und auch kein 15-J\u00e4hriger, und au\u00dferdem bist du Pfeife in echt schon 27. Man denkt auch: Warum ist Dawson Leery die Hauptfigur einer Sendung, in der es ab Staffel zwei gar nicht mehr um ihn sondern l\u00e4ngst schon um seine Antagonistin Joey Potter geht? Warum muss ein Mann im Vordergrund stehen, wenn es eigentlich um die Frau geht?<\/p>\n<p>Wenn man kritisch ist, macht auch <em>Friends<\/em> keinen Spa\u00df mehr (ich bleibe bei den alten Serien, ihr wisst ja jetzt, warum), weil die sympathischen tollen Charaktere es f\u00fcr notwendig halten, einander mit ihren vermeintlichen Abweichungen der heterosexuellen Norm aufzuziehen, wenn man einander kurz aufziehen will. Das ist auch pointentauglich und wie gewohnt witzig. Und verletzt all jene, f\u00fcr die diese Abweichung keine Abweichung sondern die Norm ist.<\/p>\n<p>Zu jedem Disneyfilm findet man, wenn man kritisch ist, auch noch eine wissenschaftliche Abhandlung, die deren sexistischen, antisemitischen und rassistische Z\u00fcge analysieren. Und das Schlimme ist: Man findet sie in den Filmen wieder und kommt auch zwei Minuten sp\u00e4ter (beim Mitsingen) nicht \u00fcber dieses beklemmende Gef\u00fchl hinweg. Amerikanischen Serien merkt man pl\u00f6tzlich an, wie republikanisch ihr Background ist, wie patriotisch all jene Episoden sind, die mir damals unangenehm waren, ohne dass ich wusste, weshalb. Und wie wei\u00df sie sind. Dass nicht-wei\u00dfe Figuren Teil des Ensembles sind (in <em>Dawson\u2019s Creek<\/em> und <em>Friends<\/em> sind sie noch nicht einmal das), aber eben immer nur Teil und nie das Zentrum. Da ist es hart, als kritischer Mensch \u00fcberhaupt zur Fernbedienung oder zum Netflix-Account zu greifen, man hat da n\u00e4mlich \u2013 trotz der nat\u00fcrlich manchmal vorhandenen Lichtblicke \u2013 ziemlich wenig Spa\u00df.<\/p>\n<p>Aber Kinder des Fernsehens, des Films, des Privatfernsehens haben sehr gerne Spa\u00df. Auch sie kommen nach harten Tagen nach Hause und wollen mit ihrem Kopf nichts anderes tun als ihn mit den Problemen anderer Leute vollzustopfen, ohne daf\u00fcr ein Buch \u00f6ffnen oder echte Menschen treffen zu m\u00fcssen. Aus diesem Grund habe ich mir ein Konsumgehirn angeschafft.<\/p>\n<p>Ein Konsumgehirn ist eine super Sache. Man kann es an- und ausschalten. Tags\u00fcber liest man wissenschaftliche Abhandlungen, unterh\u00e4lt sich mit kritischen Menschen, macht in der Tram (neben den Ex-Promi-Begegnungen) sexistische, rassistische, islamophobe Erfahrungen (wenn man ich ist, zumindest), \u00e4rgert sich \u00fcber Thomas de Mazi\u00e8re \u2013 all das mit dem echten Gehirn. Und dann, wenn der Tag sich dem Ende neigt, wenn man Lust auf was Sch\u00f6nes, was Unterhaltsames, hat, etwas, das einen an die alten Zeiten erinnert, dann schaltet man sein Konsumgehirn ein. Das Konsumgehirn ist ein guter und ewiger Freund, denn es kennt gesellschaftliche Realit\u00e4ten nicht. Es kennt allenfalls das altbew\u00e4hrte Medienwissenschaftswissen aus der Uni. Welche Erz\u00e4hlformen, welche Figurenkonstellationen, welche Traditionen werden hier abgehandelt? Auf welcher Seite stehe ich, in welchen Charakter verliebe ich mich? Dann kann man ganz unverbl\u00fcmt die herrische und \u00fcberaus gemeine Cersei Lannister zur Lieblingsfigur ernennen, miteinander ansto\u00dfen, wenn ihr bescheuerter Sohn endlich umgebracht wird, kann zuschauen, wenn K\u00f6pfe rollen, und bei all dem das unbeschreiblich feierliche Gef\u00fchl haben, einer gro\u00dfartigen Story zu folgen.<\/p>\n<p>Ich bin sehr froh, dass ich mein Konsumgehirn habe. Es beschert nicht nur feierliche Abende, sondern manchmal kann ich eben doch mitreden. Eben aber nur ein bisschen, denn wenn ich das Konsumgehirn dauerhaft bet\u00e4tige, ist es nicht mehr von meinem echten Gehirn zu unterscheiden. Darum nehme ich es nur in auserw\u00e4hlten Momenten in Anspruch. F\u00fcr auserw\u00e4hlte Serien. <em>Game of Thrones<\/em> ist es wert, denn es ist voller genial gezeichneter Figuren. Mit (zumindest zu Beginn) intelligent strukturierten Handlungen und Zusammenh\u00e4ngen. Aber das hier ist kein Text \u00fcber <em>GoT<\/em> sondern einer, der den Bogen spannen will zur AfD.<\/p>\n<p>Ein Freund von mir hat sich die Serie angeguckt. Einer, mit dem ich viele Haltungen und Einstellungen teile. Mit dem ich noch nie diskutieren musste, ob etwas nun diskriminierend ist oder nicht. Einer, der mir diesbez\u00fcglich vertraut und dem ich vertraue. Und deswegen hat er sich <em>Game of Thrones<\/em> zum ersten Mal angeschaut \u2013 und zwar auch noch mit anderen Menschen, die ihm vertrauen \u2013 und kam in eine sehr peinliche Lage. Denn keiner von ihnen hatte ein Konsumgehirn, und alle waren sauer und entsetzt, dass ich Serien mit Porno- und Gewaltinhalt, mit fragw\u00fcrdiger politischer Haltung und in erster Linie reproduzierenden Elementen weiterempfehle. Keiner von ihnen hatte ein Konsumgehirn, und alle waren auch noch kritisch.<\/p>\n<p>Peinlich war das. Und mein Gehirn, mein Konsumgehirn und ich mussten eine Weile r\u00e4tseln, ob es nicht ganz, ganz schlimm ist, was wir drei da manchmal veranstalten. Aber dann dachten wir uns, was w\u00e4re ein Alltag ohne Fernsehen? Das w\u00e4re nicht auszuhalten. Und dann dachten wir uns, was w\u00e4re ein Alltag, in dem man um all die Anfeindungen der Welt einen Bogen machen k\u00f6nnte? Mein Konsumgehirn hat sich ab dem Punkt aus der Diskussion verabschiedet. Es ging ganz selbstst\u00e4ndig und routiniert in den Standbymodus. Mein Gehirn und ich aber haben uns in die Augen geschaut und eingesehen, dass wir eigentlich das Konsumgehirn ein wenig kleinreden, wenn wir es immer nur Konsumgehirn nennen. Es schaltet sich n\u00e4mlich, ziemlich clever, auch ein, wenn man gar nicht am Konsumieren ist. Sondern auch manchmal im Alltag. Wenn man im B\u00fcro sitzt und Telefonate t\u00e4tigt. Und Leute am anderen Ende, mit denen man eigentlich nur \u00fcber Tagungshausmiete oder Bildungsangebote reden will, in exotisierende Momente abrutschen, weil sie meinen Namen zum ersten Mal h\u00f6ren. Es schaltet sich auch unbemerkt ein, wenn weibliche Menschen, die man vor vielen Jahren wirklich sehr lieb hatte, zum Kaffee kommen und sagen, dass sie nicht mehr arbeiten gehen, weil sie ihren Kindern ja eine gute Mutter sein wollen. Oder wenn man Freunde von Freunden kennenlernt und sich vorgenommen hat, sie zu m\u00f6gen. Und dann sagen sie pl\u00f6tzlich, dass bald wieder EM sei und man guten Gewissens stolz auf Deutschland sein kann. Vielleicht stimmt es gar nicht, dass das Konsumgehirn &#8222;gesellschaftliche Realit\u00e4ten&#8220; nicht kennt, wie oben behauptet. Es kennt sie vielleicht viel besser als ich und bewahrt mich vor ihnen.<\/p>\n<p>Das Konsumgehirn hat w\u00e4hrend all dieser Gedanken im Standbymodus sehr zufrieden vor sich hin gel\u00e4chelt. Und es war friedlich dabei. Das ist vielleicht auch wichtig, denn es ist ja f\u00fcr den Frieden in mir mitverantwortlich. Sonst w\u00e4re diese Welt auch nicht auszuhalten. Diese Welt besteht n\u00e4mlich aus weitaus gr\u00f6\u00dferen Problemen als aus pornografischen Sendungen oder aus alten Freunden mit bl\u00f6den Gedanken. Diese Welt da drau\u00dfen gibt der AfD 24 Prozent der W\u00e4hlerstimmen. 24 Prozent. Das ist nicht nur eine &#8222;be\u00e4ngstigende Entwicklung&#8220;, und au\u00dferdem auf bestimmte Wahlergebnisse in einigen Bundesl\u00e4ndern bezogen. Das ist in erster Linie eine riesengro\u00dfe Katastrophe.<\/p>\n<p>Aber wenn kluge Menschen, und von denen gibt es ja viele, dieses Alarmsignal und derartige Symptome in jeder Sekunde so ernst nehmen w\u00fcrden, wie ernstzunehmende Dinge es beanspruchen m\u00fcssten, w\u00e4re ein Leben hier nicht auszuhalten. Denn wer das in jeder Sekunde tut, muss das Gleiche in jeder Sekunde auch mit Pegida, Freital und Beate Zsch\u00e4pe machen. F\u00fcr derartige Dinge sind echte Gehirne aber gar nicht ausgerichtet.<\/p>\n<p>Echte Gehirne wollen da am Liebsten nicht nur in den Standbymodus gehen. Sondern herunterfahren. Und weil sich da der Bruder Selbsterhaltungstrieb einmischen m\u00fcsste, wacht das Konsumgehirn aus seinem seligen Schlaf auf, knipst seinen Schalter an und rettet uns \u00fcber diese Welt hinweg.<\/p>\n<p>Was nicht hei\u00dft, dass wir die AfD und Co ignorieren oder ausblenden. Daf\u00fcr sind sie ohnehin viel zu gewaltvoll und bedrohen, in meinem Fall zumindest, ja genau meine Existenz. Das kann ich weder ignorieren noch ausblenden.<\/p>\n<p>Aber dar\u00fcber die ganze Zeit nachzudenken, w\u00fcrde auch niemandem helfen, erst recht nicht mir selbst. Also gebe ich ihnen nicht den Raum, den sie sich mit aller Macht erk\u00e4mpfen wollen, und lenke mich ab. Zum Beispiel mit der Frage, wer den goldenen Thron letztlich besteigen darf. Und der Frage, ob Tote wirklich tot bleiben, auch wenn sie ungef\u00e4hr zehn Messerstiche in den Bauch bekommen haben.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gewalt, Sex, Saufen, politisch reichlich fragw\u00fcrdig. Wer ein bisschen Verstand hat, sollte \u201eGame of Thrones\u201c nicht m\u00f6gen. Unsere Autorin guckt es dennoch. 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