{"id":3809,"date":"2016-06-12T06:00:35","date_gmt":"2016-06-12T04:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3809"},"modified":"2016-06-13T16:43:10","modified_gmt":"2016-06-13T14:43:10","slug":"fussballer-altern-klose-salto-schley","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/06\/12\/fussballer-altern-klose-salto-schley\/","title":{"rendered":"Noch einmal fliegen und sein Herz verlieren"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn alle G\u00f6tter jung sind wie Neymar oder Kroos, m\u00fcssen viele gestandene Helden fr\u00fchzeitig abdanken. Dabei zeigt uns der Fu\u00dfball doch, wie anmutig das Alter sein kann.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3812\" aria-describedby=\"caption-attachment-3812\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-3812\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/06\/freitext-klose-1024x631.jpg\" alt=\"\u00a9 Marcus Brandt\/dpa\" width=\"640\" height=\"394\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/06\/freitext-klose-1024x631.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/06\/freitext-klose-620x382.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/06\/freitext-klose-768x473.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/06\/freitext-klose.jpg 1957w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3812\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Marcus Brandt\/dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Er fliegt, noch immer fliegt er. WM 2014 in Brasilien, ein unerwartet nickliges <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/sport\/2014-06\/deutschland-ghana-klose-wm-2014\">Vorrundenspiel gegen Ghana<\/a>. Ich konnte es nicht sehen, sondern nur blechern h\u00f6ren \u00fcber die Kopfh\u00f6rer eines alten, kleinen Taschenradios, das ich immer wieder leise fluchend nach stabilem Empfang auf meinem Scho\u00df ausbalancierte, auf einer Busfahrt \u00fcber Long Island, New York, umgeben von Amerikanern, denen Soccer kaum mehr bedeutet als eine weitere europ\u00e4ische Extravaganz und die ungl\u00e4ubig den Kopf sch\u00fctteln, wenn sie h\u00f6ren, dass so ein Spiel tats\u00e4chlich 0:0 enden kann.<!--more--><\/p>\n<p>Wahrscheinlich war ich schon den ganzen Tag angespannt gewesen, ich wei\u00df nicht mehr warum, doch etwas entlud sich in mir, als der eingewechselte Miroslav Klose gerade noch den Ausgleich schoss und eine blamable Niederlage abwendete: Ich rief so laut \u201eJaaaa!\u201c in die Stille des dahinsurrenden Buses hinein, dass zwei Frauen vor mir ihrerseits erschrocken aufschrien, und als der Reporter beschrieb, wie Klose jubelte, kurz z\u00f6gerte, noch einmal zum Sprint antrat und endlich wieder seinen lang erwarteten Vorw\u00e4rtssalto machte, schossen mir Tr\u00e4nen in die Augen, erst ein paar, dann immer mehr.<\/p>\n<p>Als Punctum hat der franz\u00f6sische Philosoph <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/46\/roland-barthes-biografie-tiphaine-samoyault\">Roland Barthes<\/a> die sinnliche Wirkung einer Betrachtung bezeichnet, das Atopische, das Nicht-Sagbare eines Eindrucks, der die souver\u00e4ne Reflexion des Betrachters durchbricht und diesen unmittelbar ber\u00fchrt. Punctum, das ist der Stich, der kleine Schnitt, den uns ein winziges Detail beizubringen vermag, das urpl\u00f6tzlich aus seinem Zusammenhang st\u00f6\u00dft wie der Pfeil aus dem K\u00f6cher und uns durchbohrt, uns verwundet.<\/p>\n<p>Man wundert sich dann bisweilen \u00fcber sich selbst. So z\u00e4hlte Miro Klose eigentlich nie zu meinen Favoriten, zu blass, zu uncharismatisch erschien er mir als Typus. Selbst seine vermeintlichen Eigenheiten wie der Salto oder die drei Finger am Herzen beim Torjubel kamen mir stets wie kalkulierte, vergebliche Versuche einer halbstarken Charakterbildung vor, wie die br\u00fcchige Form um einen leeren Kern. Seine Interviews nach Spielende nutzte ich gern zum Getr\u00e4nkeholen, und seit ich ihn in <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2006\/41\/WM-Film\">S\u00f6nke Wortmanns Film \u00fcber das Sommerm\u00e4rchen 2006<\/a> bei der recht ansehnlichen Mannschaftsfris\u00f6rin wie einen eingesch\u00fcchterten Penn\u00e4ler um Worte ringen sah, hatte ich nur noch Mitleid mit ihm \u2013 wie fr\u00fcher mit dem in allem h\u00f6her begabten Nachbarsjungen, der keine Freunde hatte, weil ihm immer Rotz aus der Nase lief.<\/p>\n<p>Vielen ging es \u00e4hnlich. Da z\u00e4hlt einer zu den zwei oder drei besten St\u00fcrmern, die wir je hatten, einer ohne Schw\u00e4che, in der Luft so durchsetzungsstark wie am Boden, technisch beschlagen, schnell und mannschaftsdienlich \u2013 und keiner kriegte es so richtig mit. Niemand hat \u00f6fter f\u00fcr Deutschland getroffen, niemand hat mehr WM-Tore geschossen, kein Ronaldo, kein Pel\u00e9. Doch im kollektiven Ged\u00e4chtnis blieb lange vor allem ein Unvollendeter haften, ein Mr. Durchsichtig und bayerischer Bankdr\u00fccker, der in Zeiten der Torflaute beklommen bis an den Rand der Selbstaufl\u00f6sung \u00fcber den Rasen schlich. Die l\u00e4hmende Bangigkeit beim Z\u00e4hlen der torlosen Minuten kennt jedes St\u00fcrmerleben, aber bei Klose fiel sie immer besonders auf, vielleicht weil man das Gef\u00fchl hatte, sie sei der seiner Natur eigentlich gem\u00e4\u00dfe Zustand.<\/p>\n<p>Er redete nie Unsinn, aber er machte auch keine originellen Spr\u00fcche, er schoss seine Tore, aber fast nie ein spektakul\u00e4res, er spielte alle gro\u00dfen Turniere, aber von seinem Panini-Bild hatte man immer viele Doppelte. Er trug die Frisur, die Schweini schon vier Jahren zuvor hatte. Er hat mehrere Preise f\u00fcr Fair Play erhalten. Mit einem Wort: g\u00e4hn.<\/p>\n<p>Aber all das ist anders seit dem Ghana-Spiel. F\u00fcr mich ist Klose heute ein Held, ein Heros im urspr\u00fcnglichen Sinn, kein Zauberer wie Messi, sondern einer, der aush\u00e4lt, der widersteht. Das Zeug zum Popstar hatte er nie. Da hatte ja <a href=\"http:\/\/www.kicker.de\/news\/fussball\/bundesliga\/startseite\/649812\/artikel_schwabl_daheim-in-bayern-das-ist-meine-welt.html\">Manni Schwabl<\/a> noch mehr Sexappeal. Doch genau hier kippt die Tragik ins Erhabene. Denn alles, was diesen Ausnahmefu\u00dfballer so wenig schillern lie\u00df, seine buchst\u00e4bliche L-a-n-g-w-e-i-l-i-g-k-e-i-t, wandelt sich in der langen Weile des Alterns in ihre kostbare Kehrseite, in Beharrungskraft und Stoizismus. Wer nicht zur Sonne st\u00fcrmt, verbrennt auch nicht; nur der Unvollendete kann dem Ende trotzen.<\/p>\n<p><strong>No country for old men <\/strong><\/p>\n<p>Die Stoiker betrachteten das Leben als ein immerw\u00e4hrendes Bem\u00fchen um Seelenruhe, um die Kontrolle von \u00c4ngsten und Affekten. In einer Gesellschaft, die ihrer eigenen Veralterung mit einer hysterischen Fetischisierung des Jungseins begegnet und noch nicht einmal eine kapitalgedeckte Altersvorsorge hinbekommt, die nicht vor allem die Kassen von Banken und Versicherungen f\u00fcllt, werden sie zu Schutzheiligen der vergessenen und furchtsamen Vielen. &#8218;Ich bin hier gewesen&#8216; lautete das Punctum, das Barthes aus den Fotos seiner toten Mutter ansprang. &#8218;Noch bin ich nicht weg&#8216; sagte jenes, das mich w\u00e4hrend Kloses Salto in den Nacken stach.<\/p>\n<p>Den sogenannten Jungstars tut man \u00fcbrigens keinen Gefallen, wenn man sie vorschnell zu G\u00f6tterlieblingen hochjubelt. Sie st\u00fcrzen dann so tief wie Engel, man denke nur an die traurigen Fu\u00dfnotenkarrieren von <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/sport\/interview-mit-tobias-rau--ich-wurde-vom-platz-getreten-,1472784,31729542.html\">Tobias Rau<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/news\/2015-05\/06\/fussball-odonkor-tritt-als-trainer-in-dornberg-zurueck-06113608\">David Odonkor<\/a> und Fipsi \u2026 \u00e4h, dings \u2026 R\u00f6sler. Ach ne, der ist ja von der FDP. Aber f\u00fcr Politiker gilt das nat\u00fcrlich auch. Sollen doch alle erst mal beweisen, dass sie schon Haare am Sack haben, h\u00e4tte mein C-Jugendtrainer dazu gesagt (Typ <a href=\"http:\/\/www.11freunde.de\/interview\/guenter-netzer-ueber-ernst-happel\">Ernst Happel<\/a>).<\/p>\n<p>Gerade vor Wahlen sind Altersthemen pl\u00f6tzlich hoch im Kurs, denn Alte \u2013 das sind W\u00e4hler, Vererber, Konsumenten, Kulturg\u00fcter. Alter ist Lifestyle, vor allem wenn es was einbringt und nicht stinkt. Im sozialen Spielfeld der Gesellschaft hat das Alter enorm an \u00f6konomischer Bedeutung gewonnen, jedoch auf Kosten des tiefer greifenden symbolischen Kapitals. Alte sind jetzt<em> well done<\/em> \u2013 aber die Schattenseiten in Wahrheit schambehafteter denn je. Oldies sind Goldies, doch ihr Wert wird meist ex negativo bemessen, im Sinne der Verwertbarkeit. Am besten altert man gleich, indem man jung bleibt. Konservativ war gestern, jetzt ist neo: dynamisch, leistungsf\u00e4hig, dauerpotent. Grundsicherung auf Hartz-IV-Niveau und Arbeiten bis achtzig, nat\u00fcrlich &#8218;freiwillig&#8216; \u2013 die Jungen Liberalen haben das gerade gefordert. Und mit neunzig noch zum Mond.<\/p>\n<p>Wenn es aber um die m\u00fchsame Kleinarbeit an einer Pflegereform geht, die ihren Namen verdient und beherzt auf teilhabende Modelle setzt, ohne die Pflegegrade gegeneinander auszuspielen \u2013 oder um eine so differenzierte Flexibilit\u00e4t beim Renteneinstieg, dass sie die j\u00fcngeren Generationen nicht \u00fcberlastet, oder um steuerliche Querzusch\u00fcsse aus Verm\u00f6gen und Kapitalertr\u00e4gen \u2013 dann f\u00e4llt auch der sedierten Reformpolitik der Gro\u00dfen Koalition im Regierungsalltag wenig Couragiertes ein. No country for old men.<\/p>\n<p>Der Fu\u00dfball bekommt das oft besser hin. Dort ist ohnehin nichts ohne sein Gegenteil wahr. Das Sch\u00f6ne ist nicht ohne das H\u00e4ssliche zu bestimmen, das Gro\u00dfe nicht ohne das Kleine, das Junge nicht ohne das Alte. Und so war die vergangene Saison eben nicht nur ein mitrei\u00dfender Sturm und Drang adoleszenter Selbsterm\u00e4chtigung, etwa von den vielgepriesenen Leroy San\u00e9 oder Joshua Kimmich, sondern auch ein nicht weniger bemerkenswertes Zeugnis vitalen Altertums \u2013 feinchirurgisches Pr\u00e4zisionspassspiel (Xabi Alonso), ans Auratische reichende Strafraumbeherrschung (<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/sport\/fussball\/werder-bremen-verlaengert-mit-claudio-pizarro-a-1092637.html\">Claudio Pizarro<\/a>) und eine glamour\u00f6se Diva (<a href=\"http:\/\/www.11freunde.de\/artikel\/luca-toni-beendet-seine-karriere\">Luca Toni<\/a>), die mit jedem Jahr nur noch sch\u00f6ner wird. Das schafft ja sonst blo\u00df Peter Handke. Im Ganzen: ein Aufstand gegen die Abwrackpr\u00e4mie, eine Revolte an der Resterampe.<\/p>\n<p><strong>Vom Adler getragen<\/strong><\/p>\n<p>Vielleicht beginnt man, mit den Alten zu f\u00fchlen, wenn man anf\u00e4ngt, das eigene Alter in sich pulsieren zu sp\u00fcren. Wenn die Liste mit Dingen l\u00e4nger wird, die man fr\u00fcher einmal besser konnte. Dieses Jahr werde ich 40, und ich kann nicht mehr so scharf sehen wie einst, so schnell laufen und so viel trinken. Man verlegt pl\u00f6tzlich Dinge und findet sie lange nicht wieder \u2013 sogar das eigene Herz, wenn man es gegen alle Wahrscheinlichkeit noch einmal verliert, so r\u00fcckhaltlos wie nie.<\/p>\n<p>Als Klose seine ersten Saltos f\u00fcr Kaiserslautern sprang, konnte ich noch wochenlang in der Sonne sitzen und doch nie so viel Zeit verschleudern wie sich neu vor mir aufzutun schien. Der Tod war f\u00fcr mich nicht mehr als ein Wort mit drei Buchstaben. An manchen Tagen f\u00fchlte ich mich morgens nach dem Aufwachen so leicht, dass mir im Liegen schwindelte. Dann merkte ich irgendwann, dass sich auch Fallen anf\u00fchlt wie Fliegen, zumindest f\u00fcr einen kurzen Augenblick. Manche nennen es einfach Erwachsenwerden.<\/p>\n<p>Ungef\u00e4hr zu dieser Zeit begann ich, Kloses Saltos nicht mehr affig zu finden, sondern anmutig; und von da war es nicht mehr weit bis zu dieser Sekunde im Bus, als ich ihn vor mir sah, wie er noch einmal abhob, und mit ihm pl\u00f6tzlich wieder alles da war, was schon unwiederbringlich hinter mir lag, als w\u00e4re dies noch immer sein erster, nie endender Salto f\u00fcr Kaiserslautern und nichts verloren von dem, was seither geschah, Bilder und Worte, die nicht hierher geh\u00f6ren, nur meine Dankbarkeit, dass dieser geschundene K\u00f6rper eines alternden Fu\u00dfballers sich noch einmal in die Luft wuchtete, um wider Erwarten in schwereloser Eleganz aufzugehen. Dass dieser auf ewig untersch\u00e4tzte St\u00fcrmer immer noch da war und ablieferte, sobald er den Adler trug (als tr\u00fcge der Adler vielmehr ihn), wieder und wieder, w\u00e4hrend all seine ihn einst \u00fcberstrahlenden Generationskollegen l\u00e4ngst auf der Bank oder vor dem Fernseher sa\u00dfen, die Del Pieros und Rivaldos, dass nur er noch da war \u2013 und immer noch flog.<\/p>\n<p><strong>Jeder Achill hat eine Ferse<\/strong><\/p>\n<p>Wer hier Kitscheinw\u00e4nde erhebt, darf gleich ein Flei\u00dfbildchen f\u00fcr sich verbuchen, denn nat\u00fcrlich ist der alternde Fu\u00dfballer eine Figur moderner Alltagsmythologie, und n\u00fcchterne Subtilit\u00e4t ist der Mythen Sache nicht. Ihre Verf\u00fchrungskraft liegt ja gerade in der Idee eines emphatischen, idealen Verstehens der Dinge.<\/p>\n<p>Das Fu\u00dfballspiel ist als Fortschreibung religi\u00f6sen Opferkultes begreifbar, bei dem die Wettstreitenden immer auch ringende Liebende sind, verbunden im Kampf gegen \u00fcberm\u00e4chtige gemeinsame Gegner, die tickende Uhr, das unhandliche Spielger\u00e4t, den Schiedsrichter, die Witterung. Aus den Widrigkeiten des Regelwerks, der Agilit\u00e4t seiner zeremoniellen \u00dcberwindung, dem dazu erforderlichen Mut und dem Kr\u00e4ftemessen formen sie gemeinsam eine Trag\u00f6die, deren Epilog der Tod ist. Selbst die besten ihrer Art, die Vollkommenen und Unverletzlichen, erlahmen irgendwann. Jeder Achill hat eine Ferse. Nicht umsonst wird Maradona in Argentinien als Gottheit verehrt, nannte man Attila Sallustro den &#8218;G\u00f6ttlichen&#8216; und<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Snz69YmANYI\"> Toni Turek <\/a>einen &#8218;Fu\u00dfballgott&#8216;, wird Messi zum &#8218;Messias&#8216; berufen und Real Madrid f\u00fcr &#8218;galaktisch&#8216; erkl\u00e4rt. Es sind hilflose Versuche, diesen Sport, der von Grund auf physisch definiert ist, ins Metaphysische zu stemmen, das Fehlbare und Endliche des Menschlichen zu negieren.<\/p>\n<p>Am Ende schlagen all diese Versuche der Transzendierung fehl \u2013 und tats\u00e4chlich ist es genau dieses Scheiternm\u00fcssen, das uns am nachhaltigsten bewegt am Fu\u00dfball, wie \u00fcberhaupt dem Scheitern in der \u00f6ffentlichen Betrachtung des Spiels viel zu wenig Beachtung geschenkt wird. Erst das Scheitern, nicht der viel profanere, fl\u00fcchtigere Erfolg, verleiht ihm seine existenzielle Dimension. Warum wohl denkt man bei <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Q153_ej-fHU\">Frank Mill<\/a> zuerst an das unglaubliche Verfehlen des leeren Tores gegen die Bayern, bei Michael Ballack an den ausgebliebenen gro\u00dfen Titel oder bei <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=voT5W9Doa-s\">Roberto Baggio<\/a> an den verschossenen Elfmeter im WM-Finale &#8217;94? Dass Baggio den Spitznamen Divin Codino trug, der g\u00f6ttliche Zopf, zeigt die Fallh\u00f6he noch einmal an. G\u00f6tter spielen nicht mit B\u00e4llen. Jedenfalls schwitzen sie dabei vermutlich nicht.<\/p>\n<p>Die Physis ist die <em>Conditio humana<\/em> des Fu\u00dfballs, seine unhintergehbare Grundeinheit. Wie in der <em>Commedia dell&#8217;arte<\/em> die Kost\u00fcme und Masken die Figuren bereits vorausbezeichnen, ihre Rollen, ihre Haltungen und Intrigen, so kann auch der Akteur auf dem Fu\u00dfballfeld nie \u00fcber die H\u00fclle seiner K\u00f6rperlichkeit hinausgelangen. Das Kopfballungeheuer Dieter Hoene\u00df ist nicht von seiner Schlacksigkeit zu trennen, der Dribbelk\u00f6nig Littbarski nicht von der Deformation seiner Beine, der atemberaubende Fu\u00dfball des FC Bar\u00e7a nicht von der Wiederentdeckung des schm\u00e4chtigen Offensivquirls, der innerhalb von Sekunden das Rochieren modernen Rasenschachs in einen staubigen Stra\u00dfenkick verwandeln kann. Und der alternde K\u00f6rper \u2013 er wird tr\u00e4ge und anf\u00e4llig, er schleppt die Verg\u00e4nglichkeit wie ein Kainszeichen \u00fcber den Platz und wird dabei selbst zu einer B\u00fchne, zum inkorporierten Schauplatz eines tragischen R\u00fcckzugsgefechts gegen sich selbst.<\/p>\n<p>Doch wenn das Fleisch auch schwach wird, ihre moralische Kraft kann den Alten niemand nehmen. Denn so weh diese Augenblicke des Scheiterns und Vergehens dem mitfiebernden Anh\u00e4nger auch tun, so sehr fesseln sie uns an das Spiel \u2013 und machen uns zuletzt zu reiferen Menschen, zumindest wenn man den Aufkl\u00e4rern glauben darf, dass der mitleidende der beste aller Menschen ist. Wer nicht schlucken muss, wenn ein Holger Badstuber mit einem weiteren Kreuzbandriss vom Platz getragen wird, wem kein Schauer \u00fcber den R\u00fccken l\u00e4uft, wenn im entscheidenden Dortmunder Spiel gegen Freiburg acht Minuten vor dem Ende doch noch Dede eingewechselt wird und ein ganzes Stadion sich erhebt und verbeugt vor diesem treu schlagenden alten Herzen im juvenilen Mannschaftsk\u00f6rper, der hat selbst keins.<\/p>\n<p><strong>Begehren, was uns im Leben zerfrisst<\/strong><\/p>\n<p>Was zu Zeiten der Aufkl\u00e4rung die soziale Funktion des Theaters war \u2013 dem Kollektiv gemeinsame kathartische Erfahrungen zu stiften \u2013 ist heute die des Sports. In den kurzen Momenten, da der Fu\u00dfball seine hermetische K\u00fcnstlichkeit verliert, da die \u00c4u\u00dferlichkeit seiner Form gegen\u00fcber einer tieferen Interiorit\u00e4t zur\u00fccktritt und zur unmittelbaren Welt der Lust, der Angst und der Aggression wird, begehren wir an ihm, was uns im Leben zerfrisst. Es ist eben nie nur ein Spiel, es ist der irdische Vertrag, halb Kampf, halb Tanz.<\/p>\n<p>Dabei darf, dabei muss selbstverst\u00e4ndlich geweint werden. Nach jedem gro\u00dfen Finale sieht man Spieler weinen, vor Freude, vor Trauer, vor Ersch\u00f6pfung, nach jedem verlorenen Abstiegsspiel sitzen sie weinend auf dem Rasen und beleben die alten Topoi des Leidens und der Dem\u00fctigung vor der \u00d6ffentlichkeit, das Kreuz und den Pranger. Von den Fans ganz zu schweigen. Man sch\u00e4mt sich seiner Tr\u00e4nen nicht, sie markieren hier keine Schw\u00e4che, sondern sind im Gegenteil theatrale Zeichen st\u00e4rkender Reinigung. Denn jeder Anpfiff ist eine Geburt und bei jedem Abpfiff stirbt etwas.<\/p>\n<p>Linderung, ja heroische Sch\u00f6nheit im Schmerz selbst verspricht neben der befreienden Kraft der Tr\u00e4nen allein der Stil. Jedem Fu\u00dfballfreund wird das Herz bluten, wenn er einen Ronaldinho verfetten, einen Thierry Henry auf der Bank schmoren, einen <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/sport\/uefa-cup-finale-dortmund-geht-unter-rot-fuer-kohler-und-2-3-gegen-rotterdam-158963.html\">J\u00fcrgen Kohler in seinem letzten Spiel<\/a> (dem Uefa-Cup-Finale!) vom Platz fliegen sieht, wenn diesen modernen Gladiatoren also nicht das gelingt, was man landl\u00e4ufig einen stilvollen Abgang nennt.<\/p>\n<p>Stil, so hat es Barthes f\u00fcr die Welt des Sports beschrieben, bedeutet im Fu\u00dfball, noch dem schwierigsten, dem letzten Akt eine grazi\u00f6se Geste abzugewinnen, der Fatalit\u00e4t der Ereignisse einen selbstbestimmten Rhythmus, der unerbittlichen Tr\u00e4gheit voranschreitender Zeit die \u00e4sthetische Ordnung eines Schauspiels abzutrotzen. Das entspricht durchaus dem tiefen Wunsch der meisten Menschen nach einem gnadevollen, einem w\u00fcrdigen Tod. Erst wo es gelingt, wo moralische Tugenden zur Auff\u00fchrung kommen \u2013 Verwegenheit, Ehrgef\u00fchl, Gerechtigkeit, Opferbereitschaft \u2013 werden aus Stars Helden und aus ihren Namen algebraische Zeichen epischen Wertes. Dann muss nur noch ein Name fallen, und alle wissen, was gemeint ist.<\/p>\n<p>So verwandelt <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2006\/30\/wm-zidane-urteil\">Zin\u00e9dine Zidane<\/a> im letzten Spiel seiner Karriere einen Elfmeter gegen einen der besten Torh\u00fcter der Welt, indem er den Ball zentral unter die Latte lupft. Im WM-Finale. Gegen Gianluigi Buffon. So etwas trauen sich die meisten nicht einmal im Training. Dann wuchtet er ausgerechnet mit seinem blanken Sch\u00e4del den giftspeienden Unhold Materazzi von den F\u00fc\u00dfen, entgegen aller Vernunft, ohne R\u00fccksicht auf die Folgen, ganz einfach weil es in diesem Augenblick sein musste. Manche fanden dieses Ende Zidanes seiner unw\u00fcrdig. Doch das Gegenteil ist zutreffend. Nie war der gro\u00dfe Melancholiker sch\u00f6ner als im Bewusstsein seines freien Falls, auf dem einsamen Weg in die Katakomben. Fallen f\u00fchlt sich an wie Fliegen, f\u00fcr einen kurzen Augenblick.<\/p>\n<p>Auch <a href=\"http:\/\/www.11freunde.de\/artikel\/die-10-groessten-momente-des-kahn\">Oliver Kahn<\/a> h\u00e4tte seine Degradierung zum WM-Ersatztorwart 2006 nicht stilsicherer in einen Triumph umwandeln k\u00f6nnen als durch den inzwischen schon ikonografischen Handschlag mit seinem Antipoden Lehmann vor dem Elfmeterschie\u00dfen gegen Argentinien. Selbst Titan konnte also erweichen, so sprachen diese Bilder, ein Getriebener \u00fcberwand sich selbst; was waren dagegen schon ein paar vers\u00e4umte Paraden in kurzen Hosen.<\/p>\n<p>Oder J\u00f6rg Butt, der zu seiner schreiend ungerechten Verbannung bei den Bayern durch Louis van Gaal einfach gut vernehmlich schwieg und sich so klag- und selbstlos f\u00fcgte wie der von Schlangen niedergerungene trojanische Priester Laokoon. &#8222;Edle Einfalt, stille Gr\u00f6\u00dfe&#8220; nannte das die deutsche Klassik. Schon als Elfmetersch\u00fctze war Butt freilich stets so stoisch angetreten wie Clint Eastwood zum Duell. In der Saison 1999\/2000 war er neben Anthony Yeboah der erfolgreichste Torsch\u00fctze des HSV. Als Torwart. Cooler geht\u2019s nicht.<\/p>\n<p>Und Miro Klose? Der ist jetzt 38 und hat seinen letzten Salto f\u00fcr die deutsche Mannschaft nicht mehr sauber stehen k\u00f6nnen. Aber er hat ihn gemacht, Kn\u00f6chel hin oder her. Bei Lazio Rom hat er in seinen sieben letzten Spielen noch mal eben sieben Tore rausgehauen. Die Fans versuchten ihn sogar mit einer Petition dazu zu bewegen, seinen Vertrag zu verl\u00e4ngern. Bei der EM ist er nun nicht mehr dabei. Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski werden dort die Veteranenpl\u00e4tze einnehmen. Hat wirklich jemand gedacht, sie w\u00fcrden von Jogi L\u00f6w noch aussortiert? Seit sich Schweinsteiger im WM-Finale auf dem Platz eine Schusswunde tackern lie\u00df, schwebt er schlie\u00dflich in den Sph\u00e4ren mythischer Helden. Einen Voltaire sperrt man nicht ein. Einen Schweini verbannt man nicht aufs Sofa. Selbst wenn er Schweini hei\u00dft. Und Poldi \u2013 naja, okay, der wird zumindest wieder seinen Poldi-Daumen in die Kamera machen und im Training dem einen oder anderen Kollegen von hinten die Hose runterziehen.<\/p>\n<p><strong>Ein entfesselter fern\u00f6stlicher Flaschengeist<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Aber das alles habe ich eigentlich nur erw\u00e4hnt, um von jemandem zu erz\u00e4hlen, mit dem ich jeden Mittwochabend in einer abgestandenen Berufsschulturnhalle Fu\u00dfball spiele. Toni ist 75 Jahre alt, und er hat in dieser Turnhalle schon gespielt, als Willy Brandt noch Bundeskanzler war. Jedes Mal aufs Neue kann ich das einfach nicht begreifen. Nat\u00fcrlich ist er Ehrenspielf\u00fchrer unserer Freizeittruppe, \u00fcber die hier nicht mehr gesagt werden muss, als dass ich oft schon am Abend vorher keinen Schlaf finde, so sehr freue ich mich auf das Spiel.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hatte Toni eine logop\u00e4dische Praxis im Olympiadorf, und vor vielen Jahren hat einmal die Schauspielerin Eva Mattes an seiner Praxist\u00fcr geklingelt und gefragt, ob sie bei ihm ein Bad nehmen d\u00fcrfe. Aber das ist nochmal eine ganz eigene Geschichte, deren Ende Toni immer schmunzelnd verschweigt.<\/p>\n<p>Ich kann nicht sagen, was mich mehr an ihm anr\u00fchrt, die Fragilit\u00e4t seiner mit jedem Jahr zarter werdenden Erscheinung oder die z\u00e4he Entschlossenheit, mit der er Woche f\u00fcr Woche die hellblauen Stutzen anlegt und voll stolzer Ergebenheit bis zu den Knien hochzieht wie Gamaschen preu\u00dfischer Grenadiere. In jedem Spiel muss er aufpassen, dass er sich nicht verletzt, denn wegen der Blutverd\u00fcnner, die er in hoher Dosierung schluckt, k\u00f6nnte er an Ort und Stelle verbluten \u2013 wie an einem sp\u00e4t gebrochenen Herzen. Die \u00c4rzte sagen, seins sei etwas zu gro\u00df f\u00fcr einen so verzehrenden Sport wie Fu\u00dfball. Ein zu gro\u00dfes Herz. Das k\u00f6nnte man f\u00fcr keine Romanfigur besser erfinden.<\/p>\n<p>Toni spielt meist den linken Au\u00dfenst\u00fcrmer. Was ihm die Zeit an Robustheit und Schnelligkeit genommen hat, macht er durch Intuition und Streitlust wett. Als Diplomlogop\u00e4de spricht er dabei freilich &#8222;Schei\u00dfkerl&#8220; selbst im heftigsten Gefecht mit sauber gezischtem labiodentalem Frikativphonem aus. Vor allem aber verf\u00fcgt er \u00fcber eine ganz eigene, \u00fcber Jahrzehnte eingeschliffene Art der K\u00f6rperbeherrschung, ja der K\u00f6rperbeschw\u00f6rung. Schon beim Aufw\u00e4rmen sieht man ihn bisweilen allein in einer Ecke der Halle auf engstem Raum von einem Bein auf das andere springen, vor und zur\u00fcck, Linksausfall, Rechtsausfall, wie im Rhythmus einer rituellen Anbetung. Er sieht dann federleicht aus; und ich w\u00fcrde hohe Wetten darauf abschlie\u00dfen, dass er die Frauen einst beim Tanzen verf\u00fchrt hat.<\/p>\n<p>Er schie\u00dft nicht mehr so viele Tore wie fr\u00fcher, aber noch immer die wichtigen. Manchmal l\u00e4uft er sich ein ganzes Spiel lang immer wieder in den gegnerischen Abwehrreihen fest, nur um dann kurz vor dem Ende ein letztes, ungenaues Anspiel hoch abtropfen zu lassen und den vor ihm wie ein rasendes Tier zappelnden Ball wieder mit jener geheimnisvollen Schritt- und Wippstafette zu z\u00e4hmen, die auch den Verteidigern einen Moment lang die Sinne vernebelt. Dann steigt er frei am Schusskreis hoch und steht \u2013 ich schw\u00f6re es \u2013 f\u00fcr die Dauer eines langen Wimpernschlags in der Luft, mit ausgebreiteten Armen, wie ein entfesselter fern\u00f6stlicher Flaschengeist oder ein im Aufwind schwebender Greifvogel, kurz bevor er niederst\u00f6\u00dft auf seine Beute \u2013 und versenkt den Ball trocken mit einem Spitzschuss unter der Latte. Er ist zu alt f\u00fcr halbe Sachen, er geht immer aufs Ganze. Kreuzeck oder Tod.<\/p>\n<p>Seit Toni in Rente ist, hat er mehr Zeit f\u00fcr seine Interessen, er geht ins Konzert, besucht Vorlesungen und Seminare. Besonders hat es ihm das luzide Tr\u00e4umen angetan, eine Konzentrationstechnik, bei der sich der Schlafende bewusst bleibt, dass er tr\u00e4umt und dadurch die Inhalte willentlich steuern kann. Nichts sei sch\u00f6ner, nichts befreiender, sagt Toni, als im Traum zu fliegen, und wenn er erst so alt habe werden m\u00fcssen, um sich diesen gr\u00f6\u00dften aller Menschheitsw\u00fcnsche zu erf\u00fcllen, dann sei es all die M\u00fchsal wert.<\/p>\n<p>Meistens kann Toni in der Nacht nach dem Mittwochsspiel nicht einschlafen, weil sein Blutdruck von der Anstrengung noch zu hoch ist. Er sitzt dann oft stundenlang allein in der K\u00fcche und trinkt zwei oder drei Bier, und ich stelle ihn mir vor, wie er irgendwann die Augen schlie\u00dft und noch einmal die besten Szenen des Spiels in Gedanken durchgeht, bis er dort auf dem Platz irgendwann langsam aufzusteigen beginnt, unter das Hallendach schwebt und sanft hindurch, w\u00e4hrend unter ihm seine Freunde weiter dem l\u00e4ngst abgewetzten gelben Filzball hinterherlaufen. Wie er dann hoch \u00fcber den M\u00fcnchner D\u00e4chern dahingleitet und, je weiter er sich von der Erde entfernt, desto klarer alles unter sich erkennen kann, den K\u00f6nigsplatz und die Glyptothek, die Nachtpassanten der Maxvorstadt und die Lichter von Schwabing, bis hin zum Olympiadorf, wo jetzt seine Tochter in der alten Praxis wohnt, und wie er dann immer h\u00f6her steigt, hinein in Plutos Nacht, und dass er, wie die W\u00f6rter in einem gegl\u00fcckten Satz, schwerelos und sicher in ihr aufgehoben ist.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn alle G\u00f6tter jung sind wie Neymar oder Kroos, m\u00fcssen viele gestandene Helden fr\u00fchzeitig abdanken. 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