{"id":3836,"date":"2016-06-18T06:00:33","date_gmt":"2016-06-18T04:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=3836"},"modified":"2016-06-19T17:52:22","modified_gmt":"2016-06-19T15:52:22","slug":"island-zusammenleben-gorelik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/06\/18\/island-zusammenleben-gorelik\/","title":{"rendered":"Einfach sagenhaft eben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auch wenn man es f\u00fcr ein Klischee h\u00e4lt: Island ist einfach magisch. Grund daf\u00fcr sind aber nicht die vielbeschworenen Trolle und Elfen. Das Geheimnis steckt woanders.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3871\" aria-describedby=\"caption-attachment-3871\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-3871\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/06\/island-620x413.jpg\" alt=\" \u00a9 MARTIN BUREAU\/AFP\/Getty Images\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/06\/island-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/06\/island-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/06\/island-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/06\/island.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3871\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Martin Bureau\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ich glaube nicht an Trolle und nicht an Elfen. Es ist wichtig, das an dieser Stelle festzustellen, weil es so viele gab, die mir einen Glaubenswandel prophezeit haben: Wenn du aus Island zur\u00fcck kommst, wirst du an Trolle und Elfen glauben, dieses Land wird dich ver\u00e4ndern, und manche f\u00fcgten hinzu: &#8222;du sowieso, du mit deiner Fantasie&#8220;, weil das irgendwie passt: Elfen und Trolle und Schriftsteller. Vielleicht war ich auch deshalb so fest entschlossen: Auf gar keinen Fall an Elfen und Trolle zu glauben, wenn ich zur\u00fcckkehre von meinem sechsw\u00f6chigen Aufenthalt in diesem Land als <em>writer in residence<\/em>. Noch so ein erb\u00e4rmliches Klischee: Eine Schriftstellerin, die verzweifelt versucht, keinem Klischee \u00fcber Schriftsteller zu entsprechen.<!--more--><\/p>\n<p>Einmal ging ich in Reykjav\u00edk zu einer Ausstellungser\u00f6ffnung, sie war einem isl\u00e4ndischen, vor vielen Jahrzehnten verstorbenen Dichter gewidmet. Selbstverst\u00e4ndlich verstand ich kein Wort von dem, was da an Reden gehalten wurde, also bl\u00e4tterte ich in einer ebenfalls ausgestellten deutschen \u00dcbersetzung seiner Gedichte, es ging um diese sagenhafte isl\u00e4ndische Natur. Ich langweilte mich sofort, und schielte zum Buffet: Isl\u00e4ndische Preise bedenkend (neun Euro f\u00fcr ein Bier, vier Euro f\u00fcr einen Kaffee, 78 Euro f\u00fcr f\u00fcnf Crepes und zwei Eis), war ich fest entschlossen, hier mein Abendessen einzunehmen, ein bisschen wie damals, als ich Studentin war und aus ideologischen Gr\u00fcnden ein unbezahltes Praktikum bei der <em>taz<\/em> absolvierte und mich in der der Ideologie geschuldeten Geldnot befindend haupts\u00e4chlich von H\u00e4ppchen bei Pressekonferenzen ern\u00e4hrte.<\/p>\n<p>Isl\u00e4ndische H\u00e4ppchen schmeckten zu meiner \u00dcberraschung vorz\u00fcglich, stellte ich fest, und mitten in dieser Feststellung meinte ich, ein Gesicht zu erkennen, was einem Wunder glich: Weil ich nicht so viele Isl\u00e4nder kenne. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1988\/25\/selbstbewusst-gegen-maennerbastionen\/seite-2\">Vigd\u00eds Finnbogad\u00f3ttir<\/a>, die erste weibliche Pr\u00e4sidentin weltweit, bedeutende K\u00e4mpferin f\u00fcr Frauenrechte, stand einen Meter von mir entfernt und nahm ihr Abendessen ebenfalls in Form von H\u00e4ppchen ein. Sollen wir dich vorstellen, fragten die Damen des Kulturamtes, die ich begleitete, sie sagten das, w\u00e4hrend sie Wein einschenkten und sich zwischen gef\u00fcllter Teigtasche und Lachscanap\u00e9 entschieden, und die Anwesenheit dieser im wahrsten Sinne des Wortes staatstragenden Dame nahmen sie dabei mit einer \u2013 wie ich zuschrieb \u2013 isl\u00e4ndischen Nonchalance hin. Hier kennt jeder jeden, sagten sie, ein Satz, den ich noch h\u00e4ufig h\u00f6ren sollte, in diesem Land, in dem genauso viele Menschen leben wie in Bielefeld. Die beiden zuckten mit den Schultern, und ich merkte mir das als einen einfachen Satz: Das ist Island.<\/p>\n<p>Einmal fuhr ich nach Akureyri, das ist die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt Islands, das hei\u00dft, dass dort 18.000 Einwohner leben, sie liegt im Norden, und im Norden Islands liegt auch im Sommer Schnee. Ich fuhr dorthin, um dort lebende Syrer zu interviewen \u2013 kein Witz! \u2013 weil ich dieses Bild gesehen hatte, wie im Januar sechs syrische Fl\u00fcchtlingsfamilien nach Island kamen und am Flughafen von dem damals noch regierenden Premier Sigmundur Dav\u00ed\u00f0 Gunnlaugsson pers\u00f6nlich begr\u00fc\u00dft wurden, mit Blumenstrau\u00df.<\/p>\n<p>Ich fuhr dahin, um diese eine Frage zu stellen, die ich sonst ungern stelle, aber hier, in diesem Land eben doch: Wie ist es, aus Syrien kommend, in Island? Die Strecke betrug 400 Kilometer, das Navi gab sechs Stunden Fahrtzeit an, weil die Stra\u00dfen in Island teils aus Schotter bestehen und durch Gegenden f\u00fchren, die nicht nur nicht besiedelt, sondern noch nicht mal bewandert worden sind. Letzteres fiel mir erst nach zwei Stunden ein, als der Hunger zu bohren begann, und mir klar wurde: Ein Restaurant, ein Caf\u00e9, ein Supermarkt, eine Tankstelle werden mir in den kommenden Stunden m\u00f6glicherweise nicht begegnen. Was, wenn man hier einen Autounfall baut, was, wenn man sich mitten in diesem endzeitstimmlichen Nirgendwo das Bein bricht, dachte ich, und schob den Gedanken beiseite, ein umstandsbedingtes Denktabu. Und ich merkte mir das genauso: Das ist Island.<\/p>\n<p>Einmal sollte ich in Island lesen, das war mit dem Kulturamt so ausgemacht, und besser w\u00e4re es noch, stellten wir zusammen im Vorfeld fest, wenn ich nicht alleine l\u00e4se, sondern mit einer isl\u00e4ndischen Autorin zusammen, eine dieser interkulturellen Begegnungen, Literatur \u00fcber Grenzen hinweg und so. Das stellten wir bei einem Kaffee fest, bis dann Wochen vergingen, in denen nichts geschah, keine Planung, keine Termine, kein Veranstaltungsort, keine Gespr\u00e4chspartner, keine Moderation und keine Werbung.<\/p>\n<p>Ich fragte dann lieber nicht nach, weil der deutsche Botschafter in Reykjav\u00edk mir das auch so erkl\u00e4rte: So sind die Isl\u00e4nder, spontan und manchmal verplant, und am Ende wird alles funktionieren. Vielleicht. Diesmal funktionierte dann alles, obwohl der Termin zehn, die Gespr\u00e4chspartnerin sieben, der Ort f\u00fcnf Tage vorher festgelegt wurden, und wir die isl\u00e4ndische \u00dcbersetzung meines Textes \u2013 ich las den \u00fcber Syrer in Island \u2013 erst am Tag vorher durchgingen. Es war ein gutes, spannendes, notwendiges, Fragen aufwerfendes \u2013 und auch gut besuchtes \u2013 Gespr\u00e4ch. Ich war bereits ein paar Wochen im Land, und musste mir folgenden Satz nicht mehr sagen: Das ist Island.<\/p>\n<p>Island, mit der n\u00f6rdlichsten Hauptstadt Europas, ist eine Insel, die bekannt ist f\u00fcr Vulkane, die den europ\u00e4ischen Luftraum tagelang lahmlegen k\u00f6nnen, f\u00fcr Trolle, Elfen und eine Elfenbeauftragte, die \u00fcberpr\u00fcft, ob neu geplante Stra\u00dfen m\u00f6glicherweise durch Elfensiedlungen f\u00fchren k\u00f6nnten, f\u00fcr demokratische Aufst\u00e4nde des Volkes \u2013 zuletzt nach der Ver\u00f6ffentlichung der <em>Panama Papers<\/em> \u2013 und eine Art Sammelsurium von Rekorden: Laut Studien ist Island das Land mit den gl\u00fccklichsten Menschen, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/campus\/2012\/05\/arbeiten-island-gleichberechtigung\">der gr\u00f6\u00dften Gleichberechtigung<\/a> zwischen den Geschlechtern, der geringsten Kindersterblichkeit, der niedrigsten Kriminalit\u00e4tsrate der Welt und so weiter.<\/p>\n<p>Das hat \u2013 nicht zuletzt \u2013 auch mit der geographischen Lage, der Abgelegenheit der Insel zu tun: 320.000 Menschen, die auf dem Gebiet von Portugal leben, aber einen Gro\u00dfteil dieser Fl\u00e4che nicht bewohnen, weil es das Wetter und die Naturbeschaffenheit nicht zulassen, die in einem Land leben, das bis auf Tourismus kaum Einnahmequellen hat, das au\u00dfer Fischen und Aluminium fast alles importieren muss, aber nicht einfach erreichbar ist, m\u00fcssen zusammen arbeiten. Sie sind aufeinander angewiesen. Sie kennen einander. Die Frage, ob sie sich gegenseitig m\u00f6gen, stellen sie seltener als wir, und wenn, dann f\u00e4llt die Antwort darauf \u2013 siehe den Aufschrei, die Aufst\u00e4nde nach der Ver\u00f6ffentlichung der Panama Papers, den blitzschnellen R\u00fccktritt des Premierministers \u2013 ungewohnt ehrlich aus.<\/p>\n<p>Vielleicht funktionieren Prozesse besser, ist die Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Menschen effektiver, wenn man auf diese angewiesen ist. Vielleicht ist Vertrauen und sich daraus generierende Zusammenarbeit einfacher herzustellen, wenn man Ministerpr\u00e4sidenten und -pr\u00e4sidentinnen in Bibliotheken oder Kneipen begegnet, wenn jeder jeden kennt (als Gegensatz zu: bestimmte Milieus, bestimmte Milieus), wenn die Begegnung eine unmittelbare ist.<\/p>\n<p>Vor ein paar Jahren wurde Reykjav\u00edk eine Zeit lang von einer K\u00fcnstlerpartei regiert, deren <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/22\/WOS-Island-Spasspartei\">Vorsitzender ein Komiker<\/a> war. Die Menschen w\u00e4hlten sie, weil sie an die Kraft der Kreativit\u00e4t, an die Kraft von Ideen, aber auch an die Kraft von Menschen glaubten, nicht an Trolle und Elfen. Das ist Island.<\/p>\n<p>Ich bin aus Island zur\u00fcckgekommen und habe mich an mein Vorhaben gehalten: Nein, ich glaube nicht wirklich, dass die imposanten, schwarzen Felsen auf der Insel versteinerte Trolle sind. Aber ich habe mich an einen Glauben erinnert, der mitten in Europa \u2013 in einem Europa, in dem Kulturen, Regierungen, Religionen, politische \u00dcberzeugungen und Menschen gegeneinander k\u00e4mpfen \u2013 verloren geht, auch verloren gehen soll, weil er als naiv abgetan wird: Den Glauben an das ehrliche Zusammenleben von Menschen.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn man es f\u00fcr ein Klischee h\u00e4lt: Island ist einfach magisch. Grund daf\u00fcr sind aber nicht die vielbeschworenen Trolle und Elfen. 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