{"id":4005,"date":"2016-07-19T06:00:00","date_gmt":"2016-07-19T04:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4005"},"modified":"2016-07-20T09:24:43","modified_gmt":"2016-07-20T07:24:43","slug":"toilette-behinderung-inklusion-gomringer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/07\/19\/toilette-behinderung-inklusion-gomringer\/","title":{"rendered":"Die Verletzung beginnt schon an der Toilettent\u00fcr"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einer Rollstuhlfahrerin helfen, eine \u00f6ffentliche, behindertengerechte Toilette aufzusuchen \u2013 kein Problem? Von wegen. Unser Alltag w\u00fcrdigt einzelne immer noch herab.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4058\" aria-describedby=\"caption-attachment-4058\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4058 size-large\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/07\/rollstuhl-freitext-1024x682.jpg\" alt=\"Die Verletzung beginnt an der behindertengerechten Toilette\" width=\"640\" height=\"426\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/07\/rollstuhl-freitext-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/07\/rollstuhl-freitext-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/07\/rollstuhl-freitext-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/07\/rollstuhl-freitext.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4058\" class=\"wp-caption-text\">OMAR TORRES\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&#8222;Mit dem Unsichtbarmachen von Individualit\u00e4t und Vielfalt, mit der Repression von Differenzen, mit dem Erfinden von Normen und Codes, die manche ein- und andere ausschlie\u00dfen, beginnen jene Mechanismen von Exklusion, die aus manchen Menschen weniger wertvolle, weniger schutzw\u00fcrdige Menschen machen&#8220;, sagt Friedenspreistr\u00e4gerin <a href=\"http:\/\/&quot;Mit dem Unsichtbarmachen von Individualit\u00e4t und Vielfalt, mit der Repression von Differenzen, mit dem Erfinden von Normen und Codes, die manche ein- und andere ausschlie\u00dfen, beginnen jene Mechanismen von Exklusion, die aus manchen Menschen weniger wertvolle, weniger schutzw\u00fcrdige Menschen machen.&quot; sagt Friedenspreistr\u00e4gerin Carolin Emcke. Neulich war's eine Erfahrung unbedingter Singularit\u00e4t, die mich f\u00fcrchten machte und ehrf\u00fcrchtig werden lie\u00df: der Besuch einer \u00f6ffentlichen Behindertentoilette. Wer einen k\u00f6rperlich eingeschr\u00e4nkten Menschen pflegt, kennt diese Situation allzu gut und empfindet meine Schilderungen hoffentlich nicht als Zumutung, denn naiv sind sie allemal. Ich bin sch\u00fcchtern, aber nicht furchtlos. Wenn sich jemand hilfesuchend an mich wendet, bin ich eher der Typ &quot;Ready for action! Wie kann ich dienen?&quot; als der Vogel Strau\u00df. So fragte ich also, wie ich helfen k\u00f6nnte, als meine Gespr\u00e4chspartnerin, Mitte 40, in der Gruppe aus Stehtrinkern an einem sommerlichen Open-Air-Ausschank an die Runde mitteilte, dass sie zur Toilette m\u00fcsse. Der vollelektrische, mit einem Joystick an der rechten Armlehne gesteuerte Rollstuhl nahm alle H\u00fcrden bis zur T\u00fcr der Toilette mit dem Rolli-Piktogramm leicht. Rechts lud der Knopf mit &quot;T\u00fcr \u00f6ffnen&quot; ein, eben dieses zu tun, lie\u00df dann allerdings die T\u00fcr so weit und breit (Rollstuhl-Zug\u00e4nglichkeit!) nach au\u00dfen aufschwingen, dass der Rollstuhl davor schlecht platziert war, denn um ein Haar w\u00e4re die T\u00fcr der Fahrerin gegen die Nase geschlagen. Die Aktion &quot;T\u00fcr\u00f6ffnung&quot; musste nach der Umplatzierung also wiederholt werden, was einige Zeit - &quot;ich muss ziemlich dringend&quot; - in Anspruch nahm. Im Toilettenraum selbst dann Warten auf das langsame Zuschwingen der T\u00fcr, die nicht verriegelt werden konnte und damit besiegelt: meine Gefangenschaft. Wie bei allen ersten Malen im Leben ist der einzelne Mensch dankbar f\u00fcr liebevolle Anleitung, g\u00fctige, z\u00e4rtliche Einweisung. So auch hier. \u201eIch fahre jetzt mit dem Rollstuhl so heran. Du m\u00fcsstest neben die Sch\u00fcssel, da so ein bisschen hinter den Rollstuhl. Ok. Jetzt f\u00e4llt auf, dass die Hilfsstangen viel zu kurz sind und nicht weit genug zum Auflehnen \u00fcber die Sch\u00fcssel hinausragen. Auf der anderen Seite kann ich ja nicht die Sch\u00fcssel erreichen, wenn der Rollstuhl nicht nah genug an die Sch\u00fcssel heran kann. Zieh mir bitte die Jacke aus und steck sie in die Tasche hinten an der Sitzlehne. Danke. Und jetzt auch den Umh\u00e4ngebeutel. Ok. Ich st\u00fctze mich nun auf die Stange und du musst hinter dem Rollstuhl nach vorne kommen und meine Beine auf den Boden stellen. Achtung, auch meine H\u00fcfte drehen. Keine Sorge, mir tut nichts weh, du kannst mich nicht verletzten. Ich f\u00fchle nichts ab der H\u00fcfte. Und alles ist ein bisschen steif. Keine Bange. Nimm meine F\u00fc\u00dfe aus diesen Fu\u00dfpedalen und stell mich hin. So ist's gut. Ich lehne mich nun an dich und richte mich an dir auf. Jetzt - ja, sorry - m\u00fcsstest du mir die Hose \u00f6ffnen und dann sie und den Slip runterziehen. Weiter runter, bitte. Ich kann nicht zwischen meine Beine fassen. Zieh einfach. Das ist jetzt etwas seltsam nach einer Viertelstunde im Gespr\u00e4ch, aber ich hoffe, das geht. Gut, jetzt setz ich mich auf die Sch\u00fcssel.\u201c (Ihr leichter K\u00f6rper sackte nun ungest\u00fctzt und schwer auf die Klobrille, die Schultern eingefallen. Sie bat mich, ihre Haltung durch ein Ziehen an ihrem linken Arm zu korrigieren. &quot;Das ist rechts!&quot; sagte sie mit Engelsgeduld, aber sehr deutlich. Ich hatte ihr fast den rechten Arm ausgekugelt, ganz zu schweigen von meiner st\u00e4ndigen Anspannung, die T\u00fcr k\u00f6nnte jeden Moment aufschwingen und meine neue Freundin entbl\u00f6\u00dft einer Passantenmenge vorf\u00fchren.) \u201eSo und jetzt kannst du eigentlich gehen. Nein, warte, kannst du nicht. Wenn du rausgehst\u2026\u201c (Und so blieb ich in der Toilette stehen, meinen Blick auf die T\u00fcr gerichtet und mit einer Hand am Griff f\u00fcr den Fall, da\u00df von au\u00dfen ihr Knopf bet\u00e4tigt werden w\u00fcrde. Es ist dem Humor dieser besonderen Frau, ihrer Sanftmut und der Solidarit\u00e4t unter Frauen allgemein geschuldet, dass wir diese Situation gut und mit der m\u00f6glichen Restw\u00fcrde f\u00fcr beide gemeistert haben. Und ich mir wie eine hocheffektive Riesin vorkam, als ich f\u00fcr Toilettenpapier, f\u00fcr das Ankleiden, das Zur\u00fccksetzen und das fast nahtlose Einsetzen nach gut 15 Minuten im Gespr\u00e4ch mit den anderen in der Runde drau\u00dfen gesorgt hatte.) \u201eIst ein bisschen wie mit einem Kind auf der Toilette, nicht?\u201c, fragte sie und ich verschwieg die folgenden Gedanken. Nein, ist es gar nicht. Es ist etwas anderes, einen erwachsenen Menschen, eine k\u00f6rperbehinderte Person auf eine Toilette zu begleiten. Eine Person, deren Schicksal man teilen k\u00f6nnte, vielleicht in der Zukunft teilen wird. Es f\u00fchrt augenblicklich Fragen nach der eigenen Verletzlichkeit, Intimit\u00e4t, Grenze, K\u00f6rperlichkeit, den eigenen \u00c4ngsten und Abh\u00e4ngigkeiten, W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen vor Augen. Es l\u00e4sst einen \u00fcber die Situation verschobener Perspektiven nachdenken und macht w\u00fctend und wach. Wie kann man eine solche T\u00fcr einsetzen, hat keiner diese Planung in effecto \u00fcberpr\u00fcft? Gab es keine Beschwerden, weil eben alle Konstruktionen dieser Art mehr oder weniger idiotisch angelegt sind und sich ein Aufregen kaum lohnt? Warum tut denn niemand etwas, schreit mein inneres barf\u00fc\u00dfiges Blumenm\u00e4dchen auf einer Klippe \u00fcber dem Grand Canyon stehend und seine Emp\u00f6rung somit \u00fcber eine Landschaft der vorprogrammierten Entt\u00e4uschung schmetternd. Leer, diese Weite, in der keiner h\u00f6rt. Ich w\u00fcnsche mir, mein barbarisches und von Walt Whitman f\u00fcr diesen Zweck geliehenes \u201eYawp\u201c zum Widerstand gegen diese Missst\u00e4nde - denn diese Toilette ist neben den vielen, t\u00e4glichen, unbeschreiblichen Herausforderungen k\u00f6rperbehinderter Menschen auf der ganzen Welt nur ein winziges Beispiel f\u00fcr die Notwendigkeit zur Bereitschaft der Toleranz, Wahrnehmung und unbedingten Inklusion - in die Welt schallen zu lassen. Hiermit also mein erstes \u201eYAWP\u201c in den Tagen, in denen w\u00e4hrend des Fu\u00dfballtaumels die Bundesregierung dem Einzelnen die Einzigartigkeit durch das Bundesteilhabegesetz streitig macht und ihn ungekannten Hilflosigkeiten und damit Abh\u00e4ngigkeiten aussetzt. Betroffene und Unterst\u00fctzer reagieren mit der Initiative nichtmeingesetz.de. Unbedingtes Sch\u00fctzen und St\u00fctzen des einzelnen Menschen im Kollektiv genannt Menschheit, das ist Inklusion. Mein Einzeln-Gef\u00fchl in einer gro\u00dfen Stadt ist gelebter Hohn, manchmal gef\u00fchlter Luxus. Eigentlich ist alles aber ganz anders. Und ich bin zutiefst abh\u00e4ngig. Wie wir alle.\">Carolin Emcke<\/a>. Neulich war&#8217;s eine Erfahrung unbedingter Singularit\u00e4t, die mich f\u00fcrchten und ehrf\u00fcrchtig werden lie\u00df: der Besuch einer \u00f6ffentlichen Behindertentoilette. Wer einen k\u00f6rperlich eingeschr\u00e4nkten Menschen pflegt, kennt diese Situation allzu gut und empfindet meine Schilderungen hoffentlich nicht als Zumutung, denn naiv sind sie allemal. <!--more-->Ich bin sch\u00fcchtern, aber nicht furchtlos. Wenn sich jemand hilfesuchend an mich wendet, bin ich eher der Typ &#8222;<em>Ready for action<\/em>! Wie kann ich dienen?&#8220; als der Vogel Strau\u00df. So fragte ich also, wie ich helfen k\u00f6nnte, als meine Gespr\u00e4chspartnerin, Mitte 40, in der Gruppe aus Stehtrinkern an einem sommerlichen Open-Air-Ausschank an die Runde mitteilte, dass sie zur Toilette m\u00fcsse. Der vollelektrische, mit einem Joystick an der rechten Armlehne gesteuerte Rollstuhl nahm alle H\u00fcrden bis zur T\u00fcr der Toilette mit dem Rolli-Piktogramm leicht. Rechts lud der Knopf mit &#8222;T\u00fcr \u00f6ffnen&#8220; ein, eben dieses zu tun, lie\u00df dann allerdings die T\u00fcr so weit und breit (Rollstuhl-Zug\u00e4nglichkeit!) nach au\u00dfen aufschwingen, dass der Rollstuhl davor schlecht platziert war, denn um ein Haar w\u00e4re die T\u00fcr der Fahrerin gegen die Nase geschlagen. 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Auf der anderen Seite kann ich ja nicht die Sch\u00fcssel erreichen, wenn der Rollstuhl nicht nah genug an die Sch\u00fcssel heran kann. Zieh mir bitte die Jacke aus und steck sie in die Tasche hinten an der Sitzlehne. Danke. Und jetzt auch den Umh\u00e4ngebeutel. Ok. Ich st\u00fctze mich nun auf die Stange, und du musst hinter dem Rollstuhl nach vorne kommen und meine Beine auf den Boden stellen. Achtung, auch meine H\u00fcfte drehen. Keine Sorge, mir tut nichts weh, du kannst mich nicht verletzten. Ich f\u00fchle nichts ab der H\u00fcfte. Und alles ist ein bisschen steif. Keine Bange. Nimm meine F\u00fc\u00dfe aus diesen Fu\u00dfpedalen und stell mich hin. So ist&#8217;s gut. Ich lehne mich nun an dich und richte mich an dir auf. Jetzt \u2013 ja, sorry \u2013 m\u00fcsstest du mir die Hose \u00f6ffnen und dann sie und den Slip runterziehen. Weiter runter, bitte. Ich kann nicht zwischen meine Beine fassen. Zieh einfach. Das ist jetzt etwas seltsam nach einer Viertelstunde im Gespr\u00e4ch, aber ich hoffe, das geht. Gut, jetzt setz ich mich auf die Sch\u00fcssel.&#8220;<\/p>\n<p>(Ihr leichter K\u00f6rper sackte nun ungest\u00fctzt und schwer auf die Klobrille, die Schultern eingefallen. Sie bat mich, ihre Haltung durch ein Ziehen an ihrem linken Arm zu korrigieren. &#8222;Das ist rechts!&#8220;, sagte sie mit Engelsgeduld, aber sehr deutlich. Ich hatte ihr fast den rechten Arm ausgekugelt, ganz zu schweigen von meiner st\u00e4ndigen Anspannung, die T\u00fcr k\u00f6nnte jeden Moment aufschwingen und meine neue Freundin entbl\u00f6\u00dft einer Passantenmenge vorf\u00fchren.)<\/p>\n<p>&#8222;So und jetzt kannst du eigentlich gehen. Nein, warte, kannst du nicht. Wenn du rausgehst \u2026&#8220;<\/p>\n<p>(Und so blieb ich in der Toilette stehen, meinen Blick auf die T\u00fcr gerichtet und mit einer Hand am Griff f\u00fcr den Fall, dass von au\u00dfen ihr Knopf bet\u00e4tigt werden w\u00fcrde. Es ist dem Humor dieser besonderen Frau, ihrer Sanftmut und der Solidarit\u00e4t unter Frauen allgemein geschuldet, dass wir diese Situation gut und mit der m\u00f6glichen Restw\u00fcrde f\u00fcr beide gemeistert haben. Und ich mir wie eine hocheffektive Riesin vorkam, als ich f\u00fcr Toilettenpapier, f\u00fcr das Ankleiden, das Zur\u00fccksetzen und das fast nahtlose Einsetzen nach gut 15 Minuten im Gespr\u00e4ch mit den anderen in der Runde drau\u00dfen gesorgt hatte.)<\/p>\n<p><strong>Widerstand gegen die Missst\u00e4nde<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Ist ein bisschen wie mit einem Kind auf der Toilette, nicht?&#8220;, fragte sie, und ich verschwieg die folgenden Gedanken.<\/p>\n<p>Nein, ist es gar nicht. Es ist etwas anderes, einen erwachsenen Menschen, eine k\u00f6rperbehinderte Person auf eine Toilette zu begleiten. Eine Person, deren Schicksal man teilen k\u00f6nnte, vielleicht in der Zukunft teilen wird. Es f\u00fchrt augenblicklich Fragen nach der eigenen Verletzlichkeit, Intimit\u00e4t, Grenze, K\u00f6rperlichkeit, den eigenen \u00c4ngsten und Abh\u00e4ngigkeiten, W\u00fcnschen und Bed\u00fcrfnissen vor Augen. Es l\u00e4sst einen \u00fcber die Situation verschobener Perspektiven nachdenken und macht w\u00fctend und wach. Wie kann man eine solche T\u00fcr einsetzen, hat keiner diese Planung <em>in effectu<\/em> \u00fcberpr\u00fcft? Gab es keine Beschwerden, weil eben alle Konstruktionen dieser Art mehr oder weniger idiotisch angelegt sind und sich ein Aufregen kaum lohnt? Warum tut denn niemand etwas, schreit mein inneres barf\u00fc\u00dfiges Blumenm\u00e4dchen auf einer Klippe \u00fcber dem Grand Canyon stehend und seine Emp\u00f6rung somit \u00fcber eine Landschaft der vorprogrammierten Entt\u00e4uschung schmetternd. 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