{"id":4169,"date":"2016-08-21T06:00:44","date_gmt":"2016-08-21T04:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4169"},"modified":"2016-08-19T19:26:01","modified_gmt":"2016-08-19T17:26:01","slug":"terror-hass-hoffnung-heimat-gugic","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/08\/21\/terror-hass-hoffnung-heimat-gugic\/","title":{"rendered":"Bewusstseinszustand? Hoffnung!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Sommer wird begleitet von einem permanenten Hintergrundrauschen: Terrornachrichten und Hetzbotschaften auf fast allen Kan\u00e4len. Wir m\u00fcssen sie endlich abschalten.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4176\" aria-describedby=\"caption-attachment-4176\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4176\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/08\/hoffnung-freitext-1024x576.jpg\" alt=\"\u00a9 Sasha Dudkina\/eyeem.com \" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/08\/hoffnung-freitext-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/08\/hoffnung-freitext-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/08\/hoffnung-freitext-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/08\/hoffnung-freitext.jpg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4176\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sasha Dudkina\/eyeem.com<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Lange habe ich mir keine Auszeit genommen, die Sommer verbringe ich ohnehin meist in der Stadt, aber nicht in diesem Jahr. Ich habe mir vorgenommen, an einen ruhigen Ort zu fahren, ans Meer, auf eine kleine kroatische Insel, um zu schwimmen, zu lesen, die Gegenwart ein Hintergrundrauschen werden zu lassen, die Wellen zu betrachten, die kommen und gehen.<!--more--><\/p>\n<p>Von Berlin wird gesagt, dass die Stadt an jeder Ecke ihre Identit\u00e4t wechselt. Meine Reise beginnt hier. In der sich z\u00e4h vorw\u00e4rts schiebenden Warteschlange vor dem <em>Security Check <\/em>holt mich die Eilmeldung ein: ein <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/thema\/nizza\">Terrorakt in Nizza<\/a>. Eine freundliche junge Mitarbeiterin bittet mich, mit ihr zu kommen. W\u00e4hrend sie mich und meine Tasche auf Sprengstoff untersucht, indem sie mit einer Art Papierstreifchen an mir und meinem Handgep\u00e4ck herumwischt, fragt sie im Plauderton, ob ich in die Ferien fahre. Sie sagt, sie freue sich darauf, in diesem Jahr zu Hause zu bleiben.<\/p>\n<p>Wenige Stunden sp\u00e4ter, gegen Mitternacht, folgt die n\u00e4chste Eilmeldung, auf einer Rastst\u00e4tte zwischen Zagreb und Rijeka, eine Busladung Menschen mit gez\u00fcckten Smartphones, das Licht der Displays wirft schiefe Vierecke auf m\u00fcde Gesichter: In der T\u00fcrkei herrscht Ausnahmezustand, ein <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/thema\/tuerkei\">Putschversuch des Milit\u00e4rs<\/a>. Das Rauschen der Informations- und Kommunikationskan\u00e4le, wie das Kommen und Gehen der Wellen, Stimmen werden laut und tauchen ab, Fragen, Ansichten und Schlagworte wiederholen sich, \u00fcberlagern einander wie Folien, Worte verschieben sich gegeneinander und fragen ihre Bedeutungen ab: Identit\u00e4t. Heimat. Und immer wieder das Wort Angst. Die Ereignisse nehmen keine Auszeit, die Ereignisse \u00fcberholen mich rechts und links, die Ereignisse laufen hinaus, ohne ein Ende zu finden.<\/p>\n<p><strong>Kein Monopol auf Heimat<\/strong><\/p>\n<p>Tage sp\u00e4ter, auf einem Ausflug zu dem Anfang der 70er Jahren unter Josip Broz Tito erbauten 5-Sterne-Hotelkomplex Haludovo, der mittlerweile eine Ruine ist, begegnet mir eine Gruppe \u00f6sterreichischer Touristen. Einer von ihnen spricht mich, ohne einen Moment zu z\u00f6gern, auf Deutsch an, dr\u00fcckt mir seine Kamera in die Hand, bittet mich um ein Gruppenfoto. Das Foto mache ich, aber widersetze mich seinem Fremd- und Selbstverst\u00e4ndnis, ich antworte auf Kroatisch. Zufrieden mit der Aufnahme zieht die Gruppe weiter. Die Stille kehrt zur\u00fcck, was bleibt ist das unerm\u00fcdliche Zirpen der Grillen und das gelegentliche Klicken meiner Kamera.<\/p>\n<p>Ich denke an den Disput \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2016-07\/bundespraesidentenwahl-oesterreich-eu-fpoe-norbert-hofer-demokratie-populismus\">Wiederholung der Stichwahl<\/a> in \u00d6sterreich, den ich kurz vor meiner Abreise mit einem Freund hatte und an eine Nachrichtensendung zu Beginn der Wahlkampagnen: Der ideologische Abstand sei gro\u00df zwischen ihnen, sagt ein Moderator zu den beiden \u00f6sterreichischen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten, die zur Diskussion angetreten sind, Alexander <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2016-05\/alexander-van-der-bellen-zum-bundespraesidenten-oesterreichs-gewaehlt\">Van der Bellen<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2016-05\/norbert-hofer-oesterreich-wahlkampf-bundespraesident-fpoe\">Norbert Hofer<\/a>,\u00a0Kandidat der Freiheitlichen Partei \u00d6sterreichs. Den Begriff Heimat haben beide in ihren Wahlkampagnen verwendet. Alexander Van der Bellen kontert: &#8222;Heimat ist nicht ideologisch besetzt. (\u2026) Ich habe nie eingesehen, warum wir das Monopol auf Heimat ausschlie\u00dflich deutscht\u00fcmelnden Burschenschaftlern \u00fcberlassen sollen.&#8220; Fest stand schon damals, die Wahlentscheidung zwischen Van der Bellen und Hofer w\u00fcrde eine Richtungsentscheidung werden, die nicht nur \u00d6sterreich, sondern auch die Stimmung in Europa beeinflussen w\u00fcrde. Van der Bellen hat die Wahl letztlich knapp gewonnen, aber die Partei der Gekr\u00e4nkten, sprich: die FP\u00d6, hat diese Wahlentscheidung angefochten. Eine Partei, die sich als Stimme des Volkes versteht, beansprucht auch das Monopol auf Wahrheit f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Ich befinde mich im obersten Stockwerk des Hotels, Blick durch den Sucher meiner Kamera auf die devastierte Lobby. \u00dcber den Ausschnitt legen sich Aufnahmen des Haludovo aus den 70er Jahren, die ich im Netz gesehen habe, verwaschen in Fantasiebilder und Stories: Playmates r\u00e4keln sich am<em> Infinity Pool<\/em>, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1986\/12\/schweden-moerder-gesucht\">Olof Palme<\/a> sch\u00fcttelt routiniert H\u00e4nde in der Lobby, die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung l\u00e4sst den Pool mit Champagner f\u00fcllen. Es kursieren unz\u00e4hlige Stories \u00fcber dieses Hotel, manche davon sind wahr. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/thema\/saddam-hussein\">Saddam Husseins<\/a> Sohn soll einen goldenen Revolver unter dem Kopfkissen in seiner Suite vergessen haben. Jemand hat <em>Moja Domovina <\/em>an die Wand gesprayt, ein anderer wieder durchgestrichen. Scherben knirschen unter meinen Schritten, ich frage mich, ob damit der Titel des gleichnamigen kroatischen Schlagers aus den 90ern gemeint ist oder nichts weiter. Zu dieser Zeit wurde das verlassene Haludovo zum Fl\u00fcchtlingslager umfunktioniert. F\u00fcr mich ist es das erste Mal seit den 90ern, dass ich Kroatien bereise. Anfang Oktober ist die Wiederholung der Stichwahl f\u00fcr den \u00f6sterreichischen Pr\u00e4sidentschaftskandidaten und ich werde in Wien sein, wo ich geboren wurde.<\/p>\n<p><strong>Der Feind ist immer der andere<\/strong><\/p>\n<p>Was ist meine Heimat? Meine Vorstellung von Heimat hat nichts gemein mit dem Begriff Heimat, der in den Hetzkampagnen der Rechtspopulisten zu einer Propagandah\u00fclle wird, die nur dazu dient, vor dem Fremden, dem Anderen und dem damit verbundenen Niedergang des Eigenen, dem angeblich unmittelbar bevorstehenden Verlust der nationalen Identit\u00e4t zu warnen.<\/p>\n<p>Die Verdrehung der Sprache, der Bedeutungen und Gegebenheiten in Kippbilder, Angst- und Schreckensszenarien ist auch das Werkzeug derjenigen, die sich selbst Identit\u00e4re nennen. Im vergangenen April wird die B\u00fchne des Wiener Audimax von<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2016-06\/identitaere-bewegung-oesterreich-kommunikationstechniken\"> Identit\u00e4ren <\/a>gest\u00fcrmt und eine <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2016-04\/identitaere-bewegung-wien-theater-elfriede-jelinek-die-schutzbefohlenen\">Auff\u00fchrung von Elfriede Jelineks <em>Schutzbefohlenen <\/em>unterbrochen<\/a>, mit Gewalt und L\u00e4rm, auf den Transparenten ist zu lesen: &#8222;Heuchler! Eure Dekadenz ist unser Untergang.&#8220; Die Identit\u00e4ren beklagen sich als &#8222;die Vergessenen, die Jugend ohne Migrationshintergrund&#8220;. Sie bezeichnen das Publikum als &#8222;Heimathasser, Antidemokraten und Mulitkultis&#8220;. Und sie drohen: &#8222;Eure Kinder werden so wie wir.&#8220;<\/p>\n<p>Die Identit\u00e4ren sehen sich als Helden, ebenso wie sich militante und gewaltbereite Islamisten als Helden sehen, beide k\u00e4mpfen f\u00fcr ihren Begriff von Heimat, beide f\u00fchlen sich verloren, vergessen, benachteiligt und von der Globalisierung bedroht. Die von den Rechtspopulisten immer schon als Nestbeschmutzerin diffamierte Autorin <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2004\/43\/Jelinek_neu\">Elfriede Jelinek<\/a> arbeitet in ihren Texten ganz bewusst mit Kippfiguren, sie zeigt die Mechanismen der Medien- und Alltagssprache und des Informationskrieges auf und hinterfragt ideologische Begriffe wie Heimat und Heldentum.<\/p>\n<p>Das Konzept des Feindes generiert das Bild des Feindes, der Feind ist immer der Andere, und der Andere ist eine Kippfigur, eine Projektionsfl\u00e4che, die nach Belieben bespielt werden kann. Wer ist der Andere? Wer ist die Basis? Wo ist die Mitte der Gesellschaft und wer steht am Rand? &#8222;Wir sind das Volk&#8220;, behaupten die Rechtspopulisten in ganz Europa, damit vereinnahmen sie uns alle, beanspruchen ein Monopol auf dieses Wir und die Entscheidungsmacht, was das Wir ein- und ausschlie\u00dft. Die Strategien der Angstmacher bedienen eine Sprache, die Gewalt evoziert, eine Sprache, die eine scheinbar um sich greifende Angst vor Identit\u00e4tsverlust und Ver\u00e4nderung f\u00fcttert.<\/p>\n<p><strong>Die Muttersprache weggeworfen<\/strong><\/p>\n<p>Was ist meine Identit\u00e4t<em>? <\/em>Ich wurde 1976 bei Wien als Kind von Einwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien geboren, einem Teil, der heute Serbien hei\u00dft. Ich habe zwei Muttersprachen gehabt, die \u00f6sterreichische und die serbische. Meine Eltern waren hart arbeitende und \u00fcber die Ma\u00dfen bem\u00fcht <em>gute Ausl\u00e4nder<\/em>, unauff\u00e4llig, leise, beinahe unsichtbar. Als Heranwachsende habe ich die duldsame Haltung, das Gute-\u00d6sterreicher-sein-wollen meiner Eltern abgelehnt. Ich war ein Ausl\u00e4nderkind, das Ausgrenzung erfahren hat, auch wenn ich die deutsche Sprache schon als Kind perfekt beherrscht habe. Das Wissen um meine Herkunft war vielen Grund genug. In der Grundschule waren meine engsten Freunde Kinder von Fl\u00fcchtlingen aus Vietnam, sogenannte <em>Boat People<\/em>, f\u00fcr die sich der Pfarrer der Gemeinde einsetzte, was von der Bev\u00f6lkerung gro\u00dfteils argw\u00f6hnisch beobachtet und kommentiert wurde. Meine Umgebung habe ich als Heranwachsende in einem steten Wechselbad von Neid und Verachtung wahrgenommen. Keine von ihnen \u2013 ein Niemand \u2013 zu sein, schien mir weitaus interessanter als Eine von ihnen zu sein.<\/p>\n<p>\u00dcber einen Umweg aus Wut und Renitenz gegen den Ist-Zustand der Welt hat mich die Erfahrung von Fremdheit als Heranwachsende letztlich Empathie und Achtsamkeit gelehrt. Aber auf dem Weg dorthin habe ich meine serbische Muttersprache weggeworfen. Paradoxerweise, um mich gegen die Welt und die Regeln meiner Eltern zu stellen, habe ich\u00a0mich meinerseits angepasst und mein Serbisch mehr als vernachl\u00e4ssigt, bis ich die Sprache beinahe verlernt habe. Mittlerweile besitze ich einen \u00f6sterreichischen Pass und einen serbischen. Ich habe begonnen, mir meine Muttersprache zur\u00fcckzuholen, sie mir neu anzueignen.<\/p>\n<p>Meine Eltern, die mit nichts als ein paar Habseligkeiten nach \u00d6sterreich gekommen sind, haben es geschafft, vom sogenannten Rand der Gesellschaft in die Mitte zu r\u00fccken und mir dadurch einen M\u00f6glichkeitshorizont zu \u00f6ffnen, den sie selbst nie hatten. Sie kamen als Gastarbeiter, leisteten ihren Beitrag und blieben. Wenn mich Menschen nach meinem Geburtsort fragen, und ich antworte: Wien, scheint es f\u00fcr sie klar, dass ich eine richtige \u00d6sterreicherin bin. Aber sie wissen oder verstehen nicht, dass, wenn ich als Kind nach Hause gekommen bin, hinter unserer Wohnungst\u00fcr eine ganz andere Welt mit eigenen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten auf mich gewartet und mich gepr\u00e4gt hat. Die Erfahrung, in und zwischen zwei Welten aufgewachsen zu sein, empfinde ich als Bereicherung, auch wenn es mir einiges abverlangt hat.<\/p>\n<p><strong>Utopie der Vielfalt<\/strong><\/p>\n<p>In den 90er Jahren, w\u00e4hrend der Jugoslawienkriege, f\u00fchlte ich mich so zwischen den Welten zerrieben, dass ich f\u00fcr keine Seite Partei ergreifen wollte. Fremde Stimmen brachten den Krieg in die vier W\u00e4nde unseres Zuhause, Dispute an unseren Familientisch, anonyme Anrufer fragten: &#8222;Bist du Serbin oder Kroatin?&#8220; In diesem Sommer ist es das erste Mal seit den 90ern, dass ich Kroatien bereise. &#8222;Jeder Mensch ist eine Welt&#8220;<em>,<\/em> schreibt <a href=\"http:\/\/www1.wdr.de\/kultur\/radioessay-balkanroute-sreten-ugricic-100.html\">Sreten Ugri\u010di\u0107<\/a>, und ich denke, dass die meisten Menschen an einem Punkt ihres Lebens das existenzielle Gef\u00fchl des Nichtdazugeh\u00f6rens erleben. Die Entscheidung, wie wir damit umgehen, liegt bei uns: Ob wir in unserer eigenen Wut und Unzufriedenheit kochen, oder versuchen unser Gegen\u00fcber zu verstehen, die Fremdheit der Welt, ob wir das eigene Leben immer wieder mutig in die Hand nehmen \u2013 egal, was uns auch immer widerfahren ist oder wo wir herkommen.<\/p>\n<p>Die Migrationsbewegung meiner Eltern hat mir erm\u00f6glicht, \u00f6sterreichische Autorin zu werden, \u00fcber alles nachzudenken, alles zu erw\u00e4gen, zu imaginieren, Utopien wie Dystopien zu spinnen, diese Spinnweben wegzuwischen, klare Worte zu finden, im Schreiben die Welt wie ein Puzzle zu sammeln. F\u00fcr wen schreibe ich, wenn ich schreibe? Schreibe ich f\u00fcr die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft? Schreibe ich, um die Stimmen der Anderen zu sch\u00fctzen, die Stimme der schweigenden Mehrheit, schreibe ich gegen die Angst, auch gegen meine eigene Angst? Der Schreibprozess ist nicht frei von Verantwortung, aber zu oft finde ich keine Worte, werde von den Ereignissen \u00fcberholt, bevor ich eine Stimme, eine Sprache daf\u00fcr finden kann. Es ist den Versuch wert. Ich lebe zwischen den Sprachen, den L\u00e4ndern, den Orten.<\/p>\n<p>Meine Heimat ist meine Sprache. Ich habe die Freiheit, zu schreiben, was mir beliebt. Ich wei\u00df um das Privileg, in einem Land aufgewachsen zu sein, in dem es keine Zensur gibt. Meine Heimat ist, wo ich Freunde und Familie habe, dort, wo ich mich einfach wohlf\u00fchle, auch dort, wo ich nie gewesen bin, an einem Sehnsuchtsort, in einer Utopie der Vielfalt. Ich w\u00e4hle die Hoffnung als Bewusstseinszustand, ich lebe eine Form von kritischem Optimismus. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2016\/01\/roman-gyoergy-dragoman-der-scheiterhaufen\">Gy\u00f6rgy Dragom\u00e1n<\/a> sagt: &#8222;Poesie ist das Gegenteil von Propaganda. Jedes Mal wenn wir einen Zeitungsartikel lesen, sollten wir auch ein Gedicht lesen.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Populistische Strategen<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin in einem Europa aufgewachsen, das sich ge\u00f6ffnet hat, als Kind habe ich den Mauerfall in den Nachrichten gesehen und den Moment, als der \u00f6sterreichische Au\u00dfenminister Alois Mock und der ungarische Au\u00dfenminister Gyula Horn den Eisernen Vorhang nach mehr als 40 Jahren feierlich \u00f6ffneten. Jetzt muss ich miterleben, dass in Europa wieder Grenzen gezogen, Z\u00e4une errichtet werden und Hass gesch\u00fcrt wird.<\/p>\n<p>Was ist die Identit\u00e4t Europas? Wie besch\u00fctzen wir unsere tolerante Gesellschaft gegen die Intoleranz aus den eigenen Reihen und von Au\u00dfen?<\/p>\n<p>Europa definiert sich durch eine Vielfalt an Kulturen \u2013 diese Vielfalt muss als europ\u00e4isches Gut anerkannt werden. In einem freien Land zu leben, die Wahl zu haben, uns frei zu bewegen, bedeutet auch, dass wir Verantwortung tragen, dass wir unsere Vorstellungskraft und unseren Optimismus nicht verlieren d\u00fcrfen. Unsere Kultur erlebt keine Verluste, es ist eine im steten Wandel und Wachstum begriffene Kultur. Sprache, Literatur und Kultur haben eine soziale Funktion und \u00f6ffnen uns Gedanken- und Echor\u00e4ume. Die aktuelle Diskussionen und viele Nachrichtenmeldungen beherrschende Sprache ist die des bodenlosen Hasses, der endlosen B\u00fcrokratie, die Sprache der Angstmacher, der Aufhetzer, der populistischen Strategen. \u00dcbersetzen wir diese Sprache, transformieren wir diese Sprache einen gemeinsamen Dialog. \u00dcben wir uns im Perspektivwechsel: Wie ist der Blick vom Rand? Von oben? Von der Seite? Aus der Mitte? Geben wir unserer Identit\u00e4t Echor\u00e4ume.<\/p>\n<p>Durch meine Ferienwochen rauschen die Eilmeldungen und Terrorwarnungen aus Nizza, Ansbach, M\u00fcnchen, Reutlingen, Florida, Rouen, tags\u00fcber, nachts, deren hysterisches Echo aus den sozialen Netzwerken und spekulativ-rei\u00dferischen Berichterstattungen. W\u00e4hrend ich das Meer betrachte, das Kommen und Gehen der Wellen, wie das Rauschen der Informations- und Kommunikationskan\u00e4le, rufen die Nachrichten den Sommer der Angst in Europa aus.<\/p>\n<p><strong>Der Krieg zieht in die Sprache<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Wir sind in Sicherheit&#8220;<em>,<\/em> steht in einer SMS von Freunden. Als die G\u00e4ste des Hofbr\u00e4uhauses \u00fcber ihre Smartphones vom Terroralarm in der M\u00fcnchner Innenstadt erfahren, bricht \u2013 ohne dass vor Ort etwas passiert ist \u2013 Panik aus, eine Welle, die nicht mehr aufzuhalten ist. Andernorts, sp\u00e4ter, als ein Flashmob die abendlichen Stra\u00dfen von Madrid st\u00fcrmt und Paparazzimeute spielt, werden die Selfiesticks von den Passanten und Touristen f\u00fcr Waffen gehalten, das Spiel kippt ins chaotische Angstszenario, die Realit\u00e4t in Absurdit\u00e4t. Die Ereignisse \u00fcberholen uns rechts und links, die Ereignisse nehmen keine Auszeit, Angst und Misstrauen werden durch all diese Ereignisse und die Art der Kommunikation dar\u00fcber gesch\u00fcrt, drohen unsere Gesellschaft zu spalten, die Mitte zu schw\u00e4chen und vor allem den rechten Rand zu st\u00e4rken. Hier nimmt das Rauschen in den Informations- und Kommunikationskan\u00e4len \u00dcberhand, ver\u00e4ndert Nachrichten in Hetzbotschaften, l\u00e4sst den Krieg in unsere Sprache ziehen.<\/p>\n<p>Nach wie vor gilt: Es gibt keine einfachen Antworten f\u00fcr komplexe Probleme, Konstellationen und Situationen, es gibt keine Helden, keine Erl\u00f6sung, keine Erf\u00fcllung der schillernden populistischen Versprechen. Es wird gesagt: Die Menschen haben ein Recht auf ihre Angst. Ich will korrigieren: Wir haben das Recht, keine Angst zu haben, wir haben das Recht, uns zu informieren, wir haben das Recht, in Dialog zu treten, wir haben das Recht, zu hoffen und die Pflicht, achtsam und kritisch zu bleiben, nicht wegzusehen, selbstst\u00e4ndig zu denken und Fragen zu stellen, damit das Hintergrundrauschen der Angstmacher auf unseren Kan\u00e4len wieder leiser wird.<\/p>\n<p>Am ersten Abend meiner R\u00fcckkehr nach Berlin besuche ich ein kleines Kino in meinem Kiez. Die langsam erz\u00e4hlten Bilder von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/film\/2016-02\/berlinale-goldener-baer-preisverleihung-film\"><em>Fuoccoammare<\/em><\/a>, einem Dokumentarfilm von Gianfranco Rosi, ziehen an mir vorbei, beschreiben den Alltag auf der Insel Lampedusa. Eine Stimme aus einem Funkger\u00e4t gibt Koordinaten durch, bittet darum, gerettet zu werden: \u201eHier sind Frauen und Kinder.\u201c Eine Frau, die Tomaten schneidet, das Radio l\u00e4uft, bei einer Nachrichtenmeldung aus dem Radio bekreuzigt sie sich, murmelt: &#8222;Diese armen Seelen.&#8220; Zwei italienische Jungen, die \u00fcber die Insel streifen und mit Steinschleudern auf Kakteen schie\u00dfen; M\u00e4nner in wei\u00dfen Schutzanz\u00fcgen, die Leichens\u00e4cke an Bord eines Schiffes hieven; eine Kamerafahrt im Rumpf des Schiffes, verdrehte K\u00f6rper, verstreute Habseligkeiten und M\u00fcll, zeigt die Gesichter der Leichen nicht; der kleine italienische Junge Samuele beim Arzt: Mit seinem linken Auge kann er nur schlecht sehen, der Arzt bezeichnet es als tr\u00e4ge. Samuele hofft, den schwachen Sehnerv trainieren zu k\u00f6nnen, um m\u00f6glichst bald mit beiden Augen sehen zu k\u00f6nnen. Er bek\u00e4me auch immer wieder schwer Luft, sagt er, und der Arzt h\u00f6rt ihn ab und sagt beruhigend, das sei nur Angst. Ein Zustand, der vorbeiziehen wird.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sommer wird begleitet von einem permanenten Hintergrundrauschen: Terrornachrichten und Hetzbotschaften auf fast allen Kan\u00e4len. Wir m\u00fcssen sie endlich abschalten. 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