{"id":4324,"date":"2016-09-23T06:00:46","date_gmt":"2016-09-23T04:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4324"},"modified":"2016-09-22T16:45:37","modified_gmt":"2016-09-22T14:45:37","slug":"basteln-mann-kinder-schmidt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/09\/23\/basteln-mann-kinder-schmidt\/","title":{"rendered":"Das Geheimnis sind die lasierten Eisstiele"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der bastelnde Mann ist der wahre Philosoph unserer Zeit. Wenn nur die l\u00e4stigen Kinder nicht st\u00e4ndig mithelfen wollen w\u00fcrden!<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4332\" aria-describedby=\"caption-attachment-4332\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4332\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/09\/puppenstube-freitext-1024x576.jpg\" alt=\"Kein Witz: Diese Puppenstube hat unser Autor selbst gebastelt. \u00a9 Jochen Schmidt\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/09\/puppenstube-freitext-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/09\/puppenstube-freitext-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/09\/puppenstube-freitext-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4332\" class=\"wp-caption-text\">Kein Witz: Diese Puppenstube hat unser Autor selbst gebastelt. \u00a9 Jochen Schmidt<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ich habe eine unerwartete Leidenschaft f\u00fcrs Basteln entdeckt, die mich von allem anderen abh\u00e4lt. Wie sinnlos scheinen sinnvolle T\u00e4tigkeiten, wenn man stattdessen basteln kann! Es hat mit einem Fach in meinem Manuskriptschrank begonnen, das ich f\u00fcr meine Tochter als Puppenstube freiger\u00e4umt habe, dann kam ein Fach f\u00fcr ein Wohnzimmer dazu, eins f\u00fcrs Badezimmer, und inzwischen sind es mit Dachgarten, Garage und K\u00fcche acht F\u00e4cher. Und das, wo ich so ungern an meiner richtigen Wohnung bastele, weil ich den Aufwand scheue, die Bohrmaschine vom Zwischenboden zu holen oder die Malerrolle auszuwaschen. <!--more--><\/p>\n<p>So etwas hat aber auch weniger Poesie, weil es n\u00fctzlich ist, w\u00e4hrend man beim Basteln tief in Spiel und Meditation versinkt. Leider ist meine Puppenstube jetzt so sch\u00f6n, dass ich meine Tochter ungern damit spielen lasse. Die M\u00f6bel sind zu zerbrechlich f\u00fcr Kinderh\u00e4nde, und ich will auch nicht, dass sie die Tapetenfarbe bestimmt. Au\u00dferdem interessiert sie sich sowieso viel mehr f\u00fcr die <em>KiKANiNCHEN<\/em>-Seite im Internet und will f\u00fcnf Mal am Tag gucken, ob das Bild, das sie hingeschickt hat, endlich in der Galerie von der Mitmachm\u00fchle auftaucht. Aber da werden nur Bilder hochgeladen, die in Wirklichkeit von den Eltern gemalt worden sind, um das zu sehen, braucht man nicht Kunstgeschichte studiert zu haben.<\/p>\n<p>Eine besondere Herausforderung ist es, meine eigenen M\u00f6belst\u00fccke nachzubasteln, mein Meisterst\u00fcck ist eine Miniaturversion meines Fernsehsessels, eines der wenigen Erbst\u00fccke, die ihren Weg zu mir gefunden haben. Er stammt wohl von 1900 aus einem Dorf bei Coburg. Meine Vorfahren durften ihn von einer Familie \u00fcbernehmen, die nach dem Krieg aus Th\u00fcringen in den Westen ging. (Mir f\u00e4llt gerade auf, dass er damals noch kein Fernsehsessel gewesen sein kann. Wozu hat man ihn dann benutzt?) Er ist eher unbequem, aber mein Vater hat darin ein Leben lang jedes Fernsehprogramm durchgehalten, da werde ich das doch wohl auch schaffen.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnfarmiger Deckenleuchter<\/strong><\/p>\n<p>Als ich den fertigen, kleinen Sessel sah, geschreinert aus mit dem Teppichmesser zurechtgeschnittenen und anschlie\u00dfend lasierten Eisstielen, mit richtigen, ordentlich vertackerten Polstern und verstellbarer R\u00fcckenlehne, war ich auf eine mir bisher ganz unbekannte Art stolz. Ein Fernsehsessel ist ja nur das Abbild der Idee des Fernsehsessels, die wir nach Platon in unserer Seele tragen, und mein Fernsehsessel ist zwar ein Abbild des Abbilds der Idee, aber dadurch paradoxerweise viel n\u00e4her an der eigentlichen Idee, wenn man versteht, was ich meine. Man denkt: Oh, der sieht ja aus wie in echt! Aber zum echten Sessel w\u00fcrde niemand sagen: Oh, der ist ja echt! Echt sein ist keine Kunst.<\/p>\n<p>Ich werde leider immer anspruchsvoller, meine ersten Bastelarbeiten gen\u00fcgen nicht mehr meinen jetzigen Anspr\u00fcchen, ich musste schon ein Zimmer neu tapezieren, das urspr\u00fcnglich die gute Stube gewesen war. Wie wenn man sich eine neue Hose kauft und die alten sofort nicht mehr anziehen will, l\u00e4sst jedes neue Zimmer die anderen sch\u00e4biger aussehen. Parkettfolie zum Aufkleben ist nat\u00fcrlich viel schlechter als echtes Parkett. \u00dcberraschungseih\u00fclsen und zerschnittene Tischtennisb\u00e4lle als Lampenschirme reichen nicht mehr, es muss ein Nachbau meines f\u00fcnfarmigen Deckenleuchters sein. Der Strom kommt aus drei Handyladeger\u00e4ten, die ich an die Puppenhausanlage angeschlossen habe. Wenn ich es mir nicht schwer mache, ist das Resultat nicht befriedigend.<\/p>\n<p><strong>Pl\u00e4ne f\u00fcr neue Anbauten<\/strong><\/p>\n<p>Man wei\u00df vorher nie, was rauskommt, aber man findet unterwegs immer eine L\u00f6sung, einfach durch Suchen in der Wohnung. Als Sp\u00fclbecken eignen sich die Blechh\u00fcllen von Teelichtern. Als Ger\u00fcst f\u00fcr den Lampenschirm kann man ein paar Millimeter von einer leeren Klopapierrolle abschneiden, die man dann mit buntem Pergamentpapier beklebt. Als Bilderrahmen eignen sich Streichh\u00f6lzer. Ein altes Hemd liefert den Bezug f\u00fcr die Sesselpolster. Aus Knete forme ich mir Haustiere, einen Papagei mit echtem Federschwanz in einem Bauer aus Golddraht und eine Maus, die hinter dem Weihnachtsbaum sitzt. Geheizt wird mit einem Kachelofen aus Glasmosaiksteinen (die sich auch f\u00fcr den Couchtisch eignen).<\/p>\n<p>Der Stuhl hat ein Bein aus Kupferrohr und l\u00e4sst sich drehen. Und an die Wand kann ich mir endlich einen Paul Klee h\u00e4ngen. Abends setze ich mich in meinen Fernsehsessel, den ich umgedreht habe, und gucke in meine Puppenstube, wo mein Miniaturfernsehsessel steht, genie\u00dfe mein Werk und schmiede Pl\u00e4ne f\u00fcr neue Anbauten. Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn ich in meinem nachgebauten Schlafzimmer mit winzigen Schallplatten wirklich genau meine Musik h\u00f6ren k\u00f6nnte, in Puppenlautst\u00e4rke. Wenn auf einem der Zettel, die ich auf den kleinen Schreibtisch aus Balsaholz im Arbeitszimmer lege, dieser Text st\u00e4nde. Und wenn mir das nicht mehr reicht, werde ich alles noch einmal bauen, aber diesmal so klein, dass es in ein ausgeh\u00f6hltes Reiskorn passt.<\/p>\n<p>Einmal habe ich Trixi doch alleine mit der Puppenstube spielen lassen. Als sie schlief, sah ich dann, dass sie eine Holzente in den K\u00fcchenherd geschoben und den Playmobil-Cowboy aufs Klo gesetzt hatte. Es ist immer so r\u00fchrend, Spuren ihrer T\u00e4tigkeiten vorzufinden, bei denen ich nicht anwesend war, jahrelang habe ich sie ja rund um die Uhr beobachtet und kaum eine Regung verpasst, aber das \u00e4ndert sich, es geschehen inzwischen manchmal Dinge in ihrem Leben, von denen ich nichts wei\u00df. Wenn sie mit etwas alleine gespielt hat und ich mir das Ergebnis angucke, das ist wie ein Blick in ein Leben ohne mich, das sie eines Tages f\u00fchren wird. Die Holzente im Ofen und der Cowboy auf dem Klo erinnern mich daran, dass sie irgendwann erwachsen sein wird.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bastelnde Mann ist der wahre Philosoph unserer Zeit. 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