{"id":4438,"date":"2016-10-27T06:00:13","date_gmt":"2016-10-27T04:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4438"},"modified":"2016-10-27T07:47:26","modified_gmt":"2016-10-27T05:47:26","slug":"postfaktisch-michelle-gurevich-martin-lechner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/10\/27\/postfaktisch-michelle-gurevich-martin-lechner\/","title":{"rendered":"Von zu viel Denken schrumpft das Hirn"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt keine Fakten mehr und Lesen sollte verboten werden. Unser Autor hat ausprobiert, was passiert, wenn sich ein Schriftsteller auf den Trampelpfad gef\u00fchlter Wahrheiten begibt.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4491\" aria-describedby=\"caption-attachment-4491\" style=\"width: 632px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4491\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/10\/freitext-hirn.jpg\" width=\"632\" height=\"421\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/10\/freitext-hirn.jpg 2000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/10\/freitext-hirn-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/10\/freitext-hirn-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/10\/freitext-hirn-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 632px) 100vw, 632px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4491\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Mauricio Lima\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Wie lang es manchmal dauert, bis man sieht, was l\u00e4ngst vor Augen steht. <em>Ne lisez jamais<\/em>, zum Beispiel. Lesen Sie niemals! Wann dieser seltsame Satz an die Au\u00dfenmauer eines Charit\u00e9-Geb\u00e4udes in Berlin gespr\u00fcht worden ist, kann ich gar nicht sagen, obwohl ich jeden Morgen daran vorbeifahre.<\/p>\n<p>Eine gute Frage w\u00e4re jetzt, was die bisherige Wahrnehmungsschwelle an diesem einen Morgen so herabgesetzt hat, dass mir der Satz pl\u00f6tzlich ins Auge sprang. War etwa, nachdem ich gerade gestern auf mubi.com den Godard-Film <em>Masculin \u2013Feminin<\/em> entdeckt hatte, die Leiche meiner Franz\u00f6sischkenntnisse wiederbelebt worden? Und mit ihr die Erinnerung an den Franz\u00f6sischunterricht? Und gleichfalls an den Franz\u00f6sischlehrer, der immer einen vom Pferd erz\u00e4hlt hat, von seinem Pferd? Gut m\u00f6glich. <!--more--><\/p>\n<p>Aber wie wir, die l\u00e4chelnde, hustende, g\u00e4hnende Sch\u00fclerschar, dann so eine scheinheilige Neugier auf Gest\u00fcter und Gebl\u00fcter aus uns hervorlockten, nur, um den alten Herrn zu weiterem Pferdegeplapper anzustacheln, damit die Stunde im Galopp verging, darum soll es hier gar nicht gehen. Stattdessen um die Frage: Was denn? Was soll ich niemals lesen? Etwa die Texte des neuen Albums von Michelle Gurevich? Aber das kann doch gar nicht sein. Schlie\u00dflich ist es ja nicht das neue, sondern blo\u00df das erste Album von Michelle Gurevich unter dem Namen Michelle Gurevich. Bei dem es \u00fcbrigens so wirkt, als h\u00e4tte sie die schwarze Winterschwere, die sie im Gewand ihres vorherigen Namens, Chinawoman n\u00e4mlich, ausgebr\u00fctet hatte, nicht gerade zu einer altweibersommerlichen Leichtigkeit, aber doch zu einem herbstlich weichen Grau abgestuft.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, Texte von Liedern nachzulesen, empfiehlt sich nur, wenn man sich des Zaubers der Halbverstandenheiten berauben m\u00f6chte, die ja oft die sch\u00f6nsten Bedeutungsr\u00e4ume er\u00f6ffnen. In meinen wenig englischen Ohren klang es beispielsweise so, als s\u00e4nge sie in <em>Party Girl,<\/em> ihrem bisher vielleicht schw\u00e4rzesten St\u00fcck: <em>Pretty girl \/ come over here \/ put down your pants \/ I show you how it\u2019s done.<\/em> W\u00e4hrend es tats\u00e4chlich hei\u00dft: <em>Put down your pen.<\/em> Nimmt man noch die ersten zwei dieser selbstmordf\u00f6rderlich geraunten Verse dazu, n\u00e4mlich: <em>It doesn\u2019t matter what you create \/ if you have no fun<\/em>, so liest man zusammen eine fast schon schreibschulkompatible Reflexion \u00fcber den notwendigen Spa\u00df am Schreiben.<\/p>\n<p><strong>Wo Deutungshoheiten verdampfen<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn es wenig wahrscheinlich, um nicht zu sagen, \u00e4u\u00dferst unwahrscheinlich wirkt, dass Chinawoman \u00fcber Schreibschulen singt. Wenn auch nicht so unwahrscheinlich wie die Vermutung, dass der an die Berliner Stra\u00dfenwand gespr\u00fchte Satz speziell das Lesen der Texte von Chinawoman verbietet. Nicht nur, weil S\u00e4tze, ebenso wenig wie S\u00e4tzeschreiber, bestimmen k\u00f6nnen, auf welche Weise S\u00e4tze gelesen werden. Was, nebenbei bemerkt, nicht hei\u00dft, dass jedes Lesen von S\u00e4tzen weise w\u00e4re. Sondern auch, weil der Satz sich mindestens so gut anschlie\u00dfen l\u00e4sst an die Hirnverbocktheiten der postfaktizistischen Tendenzen, die derzeit so viel L\u00e4rm verbreiten.<\/p>\n<p>Eigentlich war es abzusehen, dass irgendwann Leute wie Farage und Trump auf dem Trampelpfad gef\u00fchlter Wahrheiten marschieren w\u00fcrden, weg von den tief im Meinungsdschungel verborgenen Fakten. Wer sich gelegentlich durch das oft sehr struppige Unterholz einer Kommentarspalte k\u00e4mpft, der sp\u00fcrt am eigenen Leib, was es hei\u00dft, dass die Deutungshoheiten medialer Autorit\u00e4ten verdampfen. Nach einem anst\u00e4ndigen Meinungsgewitter, das unz\u00e4hlige Links zu gegenteiligen Wahrheiten durchblitzen, schwitzt das Gehirn und sehnt sich nach Klarheit. Dann ist es leicht, sich an irgendein donnernd verk\u00fcndetes Gef\u00fchl zu klammern, statt noch mehr Medien, noch mehr Meinungen, noch mehr Fakten, Fakten, Fakten zu lesen.<\/p>\n<p>K\u00f6nnte es nicht sein, dass von zu viel Denken das Gehirn auf Erbsengr\u00f6\u00dfe zusammenschrumpelt, meine lieben W\u00e4hler? Wissen Sie was? Ich habe die L\u00f6sung: W\u00e4hlen Sie mich und lesen Sie niemals!<\/p>\n<p>Das, zum Beispiel, w\u00e4re eine lustige, wenn auch schlecht gedachte Antwort. Und wie so oft stammt das schlechte Denken aus dem schlechten Lesen. Schlie\u00dflich lesen wir ja an der Stra\u00dfenwand nicht: Lesen Sie bitte keine Zeitungsartikel, Studien und Statistiken, die Ihr Selbstverst\u00e4ndnis gef\u00e4hrden k\u00f6nnten, sondern: Lesen Sie niemals. Was nat\u00fcrlich einen sch\u00f6nen Widerspruch erzeugt \u2013 der Sinn des Satzes, das Leseverbot, erschlie\u00dft sich erst durch die Befehlsmissachtung, das Lesen n\u00e4mlich.<\/p>\n<p>Zum Abschluss dieser okt\u00f6berlich verwirbelten Gedanken w\u00fcrde ich gern noch begr\u00fcnden, warum Literatur, aber nur die gute, die richtige, die echte, im Grunde wie im Abgrunde immer genau so funktioniert, dass sie den Widerspruch im Lesen schon mit erzeugt, aber leider f\u00e4llt mir gerade keine gute Begr\u00fcndung ein. Obwohl ich ganz deutlich f\u00fchle, dass dies die Wahrheit ist, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.<\/p>\n<p>Na gut, dann wische ich lieber schnell \u00fcber den Bildschirm meines Telefons und h\u00f6re noch einmal das sch\u00f6ne Album von Michelle Gurevich, das mir gleich noch besser gef\u00e4llt: <em>Give me the first six month of love \/ give me the first six month of love \/ before the truth comes spilling out.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt keine Fakten mehr und Lesen sollte verboten werden. 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