{"id":4548,"date":"2016-11-17T15:01:19","date_gmt":"2016-11-17T14:01:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4548"},"modified":"2016-11-17T15:30:02","modified_gmt":"2016-11-17T14:30:02","slug":"antisemitismus-fluechtlinge-gorelik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/11\/17\/antisemitismus-fluechtlinge-gorelik\/","title":{"rendered":"Zum Hass erzogen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Antisemitische Ressentiments breiten sich wieder aus und gef\u00e4hrden unsere Demokratie. Auch Fl\u00fcchtlinge bringen Vorurteile mit. Wir m\u00fcssen Aufkl\u00e4rung leisten!<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4593\" aria-describedby=\"caption-attachment-4593\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4593\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/11\/freitexrt-gorelik-620x349.jpg\" alt=\"\u00a9 Maja Hitij\/dpa\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/11\/freitexrt-gorelik-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/11\/freitexrt-gorelik-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/11\/freitexrt-gorelik-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4593\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Maja Hitij\/dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\">Nicht, dass ich das Schmock oft besucht h\u00e4tte. Es war cool, auf diese sterile Weise. Man sagt minimalistisch dazu, aber das Wort erz\u00e4hlt nichts von einer m\u00f6glichen K\u00e4lte. Die Preise waren m\u00fcnchnerisch, und das Hummus war trotzdem nicht weich genug. Aber darum soll es hier nicht gehen, das hier ist keine Restaurant-Kritik. Das Schmock als Restaurant wird man in Zukunft eh nicht kritisieren k\u00f6nnen: Es schlie\u00dft n\u00e4mlich dieser Tage. Das vielleicht bekannteste, auf jeden Fall aber hipste israelische Lokal M\u00fcnchens schlie\u00dft. Aufgrund von gestiegenem Antisemitismus.<!--more--><\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\">Als das Schmock vor 16 Jahren er\u00f6ffnete \u2013 in Schwabing, M\u00fcnchens gro\u00dfem Ausgehviertel, mit diesem Namen \u2013 war die Aufregung gro\u00df. Der Lokalbesitzer, ein arabischer Jude oder ein j\u00fcdischer Deutscher, oder wie auch immer und in welcher Reihenfolge man das benennen muss, stilisierte sich selbst und seinen schnell kultigen Laden zur \u00dcberwindung aller deutsch-j\u00fcdischer Befindlichkeiten im Umgang miteinander. Er warb mit Spr\u00fcchen wie &#8222;Deutsche, trinkt bei Juden&#8220; und einer &#8222;Klagemauer&#8220;, in die G\u00e4ste Zettel mit ihren W\u00fcnschen stecken konnten. Nun schlie\u00dft er, weil er genug hat, genug von antisemitischen Anrufen, klischeegetr\u00e4nkten Fragen wie der, ob Juden eigentlich auch Steuern zahlen m\u00fcssten, Verschw\u00f6rungstheorien und der offenbar alles entschuldigenden Einleitung &#8222;Man kann doch mal fragen&#8220;. Der Gastronom, der einst in den Kampf f\u00fcr die viel beschworene Normalit\u00e4t zwischen Juden und Deutschen zog, mit einer wunderbaren Waffe, dem, was er als Humor verstand, glaubt nicht mehr an diese.<\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\">Das ist in Zeiten, in denen Einleitungen wie &#8222;Man wird doch mal fragen d\u00fcrfen&#8220; und &#8222;Man wird doch mal sagen d\u00fcrfen&#8220; Menschen zu Massendemonstrationen versammeln und neuen, rechtsorientierten Parteien Aufwind geben, eine Nachricht wert. Das ist in Zeiten, in denen eine neue Art von Antisemitismus m\u00f6glicherweise in dieses Land flie\u00dft, deshalb gef\u00e4hrlich, weil sie zeigt, dass unsere Gesellschaft nicht auf einem stabilen Demokratieverst\u00e4ndnis fu\u00dft, das als Festung gegen neue Vorurteile und aus dem Nahen Osten importierte Glaubens- und Denkkriege dient. Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat bereits im Juni 2016 vor einem neuen Antisemitismus gewarnt, weil die Gefl\u00fcchteten, die derzeit in unserem Land ankommen, \u00fcberwiegend aus Staaten stammen, die mit Israel verfeindet sind.<\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\"><strong>Wie gehen wir damit um?<\/strong><\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\">Nun ist es leider die selbst gew\u00e4hlte Aufgabe des Zentralrats der Juden, vor Antisemitismus zu warnen, und nicht jede dieser Warnungen muss ernst genommen werden. Mit seinem Argument hat Josef Schuster diesmal aber Recht: Viele der Gefl\u00fcchteten kommen aus L\u00e4ndern, in denen Israel das Feindbild per se ist, und die Gleichheit der Menschenw\u00fcrde nicht auf alle gleicherma\u00dfen \u00fcbertragen wird. Das hat nichts mit Bildung zu tun, das ist eine Erziehung, die den Kindern eingeimpft wird.<\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\">Diese mitgebrachte Hasspropaganda ist \u2013 \u00e4hnlich wie \u00fcbrigens die nach den Silvester-Ereignissen von K\u00f6ln diskutierte Frage nach dem Frauenbild, das die hierher eingewanderten muslimischen M\u00e4nner mitbringen \u2013 kein Grund zur Panik. Ich wiederhole das, weil ich glaube, dass es an dieser Stelle einer Wiederholung bedarf: Es ist kein Grund zur Panik. Aber dieser Antisemitismus, den viele Gefl\u00fcchtete als Gef\u00fchl, mehr sogar denn als \u00dcberzeugung, mitbringen, ist etwas, das diskutiert werden muss. Es muss diskutiert werden, wie man in Schulen mit Kindern und Jugendlichen umgeht, denen der Hass auf Juden als Grundgef\u00fchl eingepflanzt wurde. Diskutiert werden darf es selbstverst\u00e4ndlich nicht als Frage, ob das in irgendeiner Weise Grund f\u00fcr eine Aufnahmebegrenzung sein k\u00f6nnte \u2013 das darf es nicht; es geht darum, Menschenleben zu retten. Sondern als ruhig gestellte und mit dieser Ruhe auch diskutierten Frage: Wie gehen wir damit um?<\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\">Wie zum Beispiel passen wir unseren Lehrplan an, wie unterrichten wir die Themen Holocaust oder Geschichte des Antisemitismus? M\u00fcssen wir in den \u00dcbergangsklassen vielleicht mehr Wert auf multikulturelle Erziehung als auf die Fotosynthese legen? Was passiert \u2013 aus psychologischer Sicht \u2013 mit Kindern und Jugendlichen, die in der Schule m\u00f6glicherweise einem anderen Menschen-\/Religions-\/Frauenbild begegnen als zu Hause. Wie helfen wir ihnen \u00fcber ein m\u00f6gliches Gef\u00fchl der Zerrissenheit hinweg? Wie beziehen wir ihre Eltern ein \u00ad\u2013 \u00fcber ein obligatorisches, multikulturelles, vom Elternbeirat organisiertes Fr\u00fchst\u00fcck hinweg, bei dem H\u00e4nde so vorsichtig gesch\u00fcttelt werden, dass die Vorurteile auf beiden Seiten noch mehr best\u00e4tigt werden, und Kinder ihre Augen besch\u00e4mt zu Boden richten?<\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\">Wir m\u00fcssen die gro\u00dfen Fragen diskutieren, und wir m\u00fcssen sie in die Realit\u00e4t bringen, aus den theoretischen Texten und wohl gemeinten Podiumsdiskussionen ins Leben. Wie k\u00f6nnen wir zum Beispiel als Gesellschaft festgefahrenen Denkweisen begegnen? Das ist eine Frage, mit der man sozusagen auf beiden Seiten Fliegen f\u00e4ngt \u2013 das schiefe Bild sei mir verziehen \u2013, weil sie, unabh\u00e4ngig von Herkunft, Religion und Kultur, ins Grundsein des Menschen eindringt.<\/p>\n<p class=\"Text\" style=\"text-align: justify; text-justify: inter-ideograph; line-height: 150%;\">Mit anderen Worten: Wie begegnen wir als Gesellschaft festgefahrenen Denkweisen? Denen, beispielsweise, dass Juden die Wurzel aller \u00dcbel seien, und denen, dass muslimischen Fl\u00fcchtlinge alle Juden f\u00fcr die Wurzel aller \u00dcbel halten. Und wenn wir schon dabei sind, k\u00f6nnen wir vielleicht auch folgende festgefahrene Denkweise in Frage stellen, n\u00e4mlich die, ob Juden mehr Steuern zahlen m\u00fcssen als Nicht-Juden. Denn Juden wie Nicht-Juden und insbesondere Muslime h\u00e4tten, w\u00e4ren wir diese Diskussion anders und fr\u00fcher angegangen, nicht soeben einen der wenigen Orte verloren, an denen man echt gute Falafel essen konnte.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Aufgrund der gro\u00dfen Nachfrage gibt es einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Antisemitische Ressentiments breiten sich wieder aus und gef\u00e4hrden unsere Demokratie. Auch Fl\u00fcchtlinge bringen Vorurteile mit. Wir m\u00fcssen Aufkl\u00e4rung leisten! 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