{"id":4622,"date":"2016-11-29T06:00:03","date_gmt":"2016-11-29T05:00:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4622"},"modified":"2016-11-28T22:50:30","modified_gmt":"2016-11-28T21:50:30","slug":"iran-ahmedinedschad-donald-trump","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/11\/29\/iran-ahmedinedschad-donald-trump\/","title":{"rendered":"Trump in Teheran"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\"><strong>Mit Argwohn blicken viele im Iran nun in die USA, st\u00e4rker als zuvor. Seit der Wahl von Donald Trump f\u00fcrchten sich Iraner nun vor h\u00e4rteren Sanktionen.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4640\" aria-describedby=\"caption-attachment-4640\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4640\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/11\/iran-trump-620x348.jpg\" alt=\" \u00a9 Abedin Taherkenareh\/EPA\/dpa \" width=\"620\" height=\"348\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/11\/iran-trump-620x348.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/11\/iran-trump-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/11\/iran-trump.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4640\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Abedin Taherkenareh\/EPA\/dpa<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es kursiert in Teheran ein Witz, den ich w\u00e4hrend meiner zwei Wochen im Iran mehrmals h\u00f6re. Kein Witz mit Pointe, sondern eher mit einem trockenen Lachen am Ende. Vielleicht ist es auch gar kein Witz, sondern einfach die Beschreibung eines neuen Ist-Zustandes, den die jungen Leute, die ich hier treffe, ebenso wenig erwartet haben wie meine deutschen Freunde und ich.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">&#8222;Viele wollten vor Ahmadinedschad in den Westen fliehen&#8220;, wird mir erz\u00e4hlt, &#8222;und jetzt kommen sie in den USA an und haben ihn wieder vor sich.&#8220; Die junge Frau, mit der ich an einem Dienstagabend zusammensitze, f\u00fcgt noch hinzu: &#8222;Im Iran kann man aber wenigstens daran glauben, dass die Wahlen gef\u00e4lscht waren!&#8220;<!--more--><\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Es ist ein milder Novemberabend, vor dem Gartentor dr\u00f6hnt der Teheraner Autol\u00e4rm, ein anarchisches Gehupe und Gedr\u00e4nge, die Luft verpestend und stets kurz vor dem Verkehrsinfarkt. Es scheint gerade erst gestern gewesen zu sein, dass die Meldungen von Trumps Wahlsieg nicht nur in den deutschen Medien Schockwellen ausl\u00f6sten, wie ich es fr\u00fch am Morgen des 9. November in meinem Hotelzimmer gelesen habe, noch im s\u00fcdiranischen Schiras. Hat denn wirklich niemand damit gerechnet? Waren wir wieder einmal so sicher in unserer Welt? Zumindest war es diesmal nicht allein eine westliche Verblendung, auch hier in Iran haben viele nicht daran geglaubt, Trump k\u00f6nne sich tats\u00e4chlich durchsetzen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">&#8222;Die USA, das war doch immer das Symbol der Freiheit&#8220;, sagt die junge Frau. &#8222;In der gr\u00f6\u00dften Demokratie der Welt gibt es jetzt jemanden wie Trump, es ist nicht zu fassen.&#8220; Sie steckt sich eine Zigarette an, h\u00e4lt mir die Schachtel hin und dann reden wir \u00fcber das Wetter. \u00dcber das Wetter zu reden ist in Teheran nicht blo\u00df eine M\u00f6glichkeit, das Thema auf etwas Unverf\u00e4ngliches zu lenken. Das Wetter, genauer: An den Folgen des Smogs kamen in wenigen Tagen vierhundert Menschen ums Leben, das ist die Zahl, die die <em>New York Times<\/em> nennt, die Dunkelziffer k\u00f6nnte noch weit h\u00f6her liegen. Das Benzin ist billig, die Raffinerien fragw\u00fcrdig, unter anderem wegen der Sanktionen, von denen Iran nach wie vor betroffen ist. Und wieder st\u00e4rker betroffen sein wird, wenn Trump wahr macht, was er androht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Beziehungen zwischen der Islamischen Republik Iran und den USA sind, um es h\u00f6flich auszudr\u00fccken, traditionell nie besonders gut gewesen. Vorsichtig n\u00e4herte sich Iran unter Pr\u00e4sident Mohammed Chatami ein wenig dem mitunter als &#8222;gro\u00dfer Satan&#8220; verleumdeten Erzfeind an, eine Entwicklung, die allerdings unter seinem Nachfolger Mahmud Ahmadinedschad zum Erliegen kam. Durch das Atomabkommen, unter dem amtierenden Pr\u00e4sidenten Rouhani unterzeichnet, entspannten sich die Beziehungen wieder etwas, ein Prozess, der nun von amerikanischer Seite wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden k\u00f6nnte, sollte Trump tats\u00e4chlich politisch umsetzen, was er bereits als rhetorische Drohkulisse gegen Iran aufbaut.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Pr\u00e4sidentschaft von Rouhani, der zwar kein Reformer ist wie einst Chatami, aber immerhin ein moderater Konservativer, kein Fundamentalist wie sein Vorg\u00e4nger Ahmadinedschad, war ein halbes Aufatmen f\u00fcr jene jungen Leute, die ich treffe \u2013 die sicherlich nicht die Mehrheit der Iraner widerspiegeln, aber eine wichtige Facette des Landes. Doch andererseits, h\u00f6re ich, w\u00e4re man sich unter Ahmadinedschad wenigstens sicher gewesen, was alles verboten war. Derzeit wandere die rote Linie jeden Tag, was heute geduldet wird, k\u00f6nne morgen schon wieder verboten sein. Sie sind der G\u00e4ngelung m\u00fcde, aber auch nicht mehr bereit, f\u00fcr ihre Freiheiten auf einer Demonstration zu sterben, wie es noch vor einigen Jahren w\u00e4hrend der gr\u00fcnen Bewegung geschehen ist. Das politische System mit dem allm\u00e4chtigen Revolutionsf\u00fchrer, den Mullahs und der fragw\u00fcrdigen Teildemokratie missf\u00e4llt ihnen zutiefst, aber sie richten sich darin ein, schaffen sich ihre eigenen Freiheiten in Privatr\u00e4umen. Eine Alkohollieferung dauert in Teheran im Schnitt 17 Minuten. Die politischen Gespr\u00e4che k\u00f6nnen, sobald man wei\u00df, wer im Raum ist, sch\u00e4rfer und kritischer sein, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. \u00dcberhaupt ist fast jedes Gespr\u00e4ch politisch. Aber Hoffnung h\u00f6re ich nicht heraus, keine Aufbruchstimmung, eher Zynismus. Das System allerdings ist es nicht, sondern der Smog, an dem die Menschen, die ich treffe, letztlich scheitern. &#8222;Wenn ich aufwache, bin ich schon so ersch\u00f6pft, als h\u00e4tte ich gar nicht geschlafen&#8220;, erz\u00e4hlt mir ein Bekannter. &#8222;Ich kann nicht amten, ich kann nichts tun.&#8220;<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Im Fr\u00fchjahr sind Wahlen in Iran. Rouhani hat die wenigsten seiner Wahlversprechen durchsetzen k\u00f6nnen \u2013 die vor allem in mehr Freiheit und wirtschaftlichen Verbesserungen bestanden. Das Wenige, was seit dem Atomabkommen in Iran tats\u00e4chlich an wirtschaftlichem Aufschwung einsetzte, ist noch lange nicht bis zu den unteren Schichten durchgedrungen, zu Menschen, die sich als Taxifahrer durchschlagen, wie der Mann, der mich und meinen Begleiter an diesem Abend durch die verstopften Teheraner Stra\u00dfen nach Hause bugsiert. Vermutlich hat er noch ein bis zwei weitere Jobs, und w\u00e4hrend der ganzen Fahrt schimpft er \u00fcber die Regierung. &#8222;Man w\u00fcnscht sich bei jeder Fahrt, kein Persisch zu k\u00f6nnen&#8220;, sagt mein Begleiter. &#8222;Den Leuten geht es beschissen. Das ist leider die Realit\u00e4t.&#8220;<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Regierung, sagt er mir noch, habe die Verbindung zur Gesellschaft l\u00e4ngst verloren. Die einen haben sich von der Religion abgewendet, sie sind nicht einfach nur unreligi\u00f6s, sondern antireligi\u00f6s, haben gegen das Pflichtkopftuch ebensolche Aversionen wie gegen M\u00e4rtyrerkult, Mullahs und Gebete. Und jene, die noch religi\u00f6s sind, halten der Regierung vor, die Religion zu korrumpieren und mit der wirtschaftlichen Situation auch die religi\u00f6se in den Dreck zu fahren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">In Iran werden die konservativen und fundamentalistischen Kr\u00e4fte vermutlich wieder Oberhand gewinnen durch den verbalen, diplomatischen, wirtschaftlichen Angriff der USA auf das Land. Einige glauben sogar an einen milit\u00e4rischen. Ein solches Iran kann man sich aus westlicher Sicht beileibe nicht w\u00fcnschen \u2013 so wenig, wie man sich Trump gew\u00fcnscht haben mag. Nach Amerika schaut man. Die Auswirkungen, die das Agieren dieses Landes in anderen Teilen der Welt haben wird, \u00fcbersehen wir leichter, aber es gestaltet unsere Welt ebenfalls, eine Welt, die immer weniger jener entspricht, die ich und jene jungen Leute, die ich kennengelernt habe, uns w\u00fcnschen. Aber wir sind keine Mehrheit, nur eine interessante Facette. Die stille Mehrheit steht f\u00fcr Trump, habe ich vor wenigen Wochen noch als Wahlspruch des neuen amerikanischen Pr\u00e4sidenten gelesen. Jene junge Minderheit in Iran, die ich getroffen habe, wird nun wom\u00f6glich auch wieder stiller werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Argwohn blicken viele im Iran nun in die USA, st\u00e4rker als zuvor. 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