{"id":4648,"date":"2016-12-29T06:36:24","date_gmt":"2016-12-29T05:36:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4648"},"modified":"2016-12-30T08:23:56","modified_gmt":"2016-12-30T07:23:56","slug":"in-der-unruhe-liegt-die-kraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/12\/29\/in-der-unruhe-liegt-die-kraft\/","title":{"rendered":"In der Unruhe liegt die Kraft"},"content":{"rendered":"<p><strong>Angeblich k\u00f6nnen wir uns jeden Tag neu erfinden. Stattdessen jammern wir \u00fcber Alternativlosigkeit. Schluss damit. Lernen wir wieder, mit unseren M\u00f6glichkeiten produktiv umzugehen.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4773\" aria-describedby=\"caption-attachment-4773\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4773\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/12\/freitext_2016-620x349.jpg\" alt=\"Credit: Will van Wingerden\/Unsplash\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/freitext_2016-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/freitext_2016-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/freitext_2016-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4773\" class=\"wp-caption-text\">Credit: Will van Wingerden\/Unsplash<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Trump \u2013 unm\u00f6glich, dass der gew\u00e4hlt wird. Der Fl\u00fcchtlingsdeal mit der T\u00fcrkei \u2013 schmutzig, aber halt zwingend. Die sedierten Reformen der gro\u00dfen Koalition \u2013 tja, Realpolitik. Zugest\u00e4ndnisse an Putin \u2013 bitter, aber man braucht ihn eben. Merkel tritt noch mal an \u2013 Mutti bleibt die Beste!<!--more--><\/p>\n<p>Das Problem ist: Wir haben verlernt, in M\u00f6glichkeiten zu denken. Das Paradox ist: gerade weil fast Grenzen gefallen sind, alle Wege offen stehen. Das gilt nicht nur f\u00fcr die Politik, sondern auch f\u00fcr jeden Einzelnen, f\u00fcr Liebespartner, Lebensorte oder Berufswahl. Jeden Tag k\u00f6nnen wir uns angeblich neu erfinden, doch stattdessen \u2026 kriegen wir Angst. Und verharren im bequemen Wunschdenken der Alternativlosigkeit, bis am Ende der Katzenjammer gro\u00df ist.<\/p>\n<p>Es gibt diese S\u00e4tze, meist vor Jahren von Eltern oder Gro\u00dfeltern gesprochen, die heute wie aus einer anderen Welt nachklingen: &#8222;Mach dein Abi, dann hast du alle M\u00f6glichkeiten&#8220; oder &#8222;Wir sparen, damit ihr einmal mehr M\u00f6glichkeiten habt als wir&#8220;. S\u00e4tze aus einer analogen Welt, einer Welt in Schwarzwei\u00df oder matten Super-8-Farben.<\/p>\n<p>M\u00f6glichkeit \u2013 das war einmal ein Versprechen: auf Zukunft, Freiheit, Fortschritt. Wahrscheinlich schwang auch damals schon mehr Doppelb\u00f6digkeit darin mit, als man heute glauben m\u00f6chte, verbargen sich hinter dem Angebot bereits seine Kehrseiten, der Druck und die Erwartung des Mach-was-draus. Doch zu einem Ph\u00e4nomen sind diese erst jetzt geworden, da wir zunehmend Begriffe daf\u00fcr finden. Denn heute scheint sich das Versprechen in sein Gegenteil gewandelt zu haben, in etwas, das uns beunruhigt, ja bedroht. In einen Raum hybrid wachsender Optionen, in dem einem zwangsl\u00e4ufig die Orientierung abhanden kommt, f\u00fcr das Ich und f\u00fcr die Gesellschaft. Hinter lauter Vernetzung, <em>Self-Management<\/em> und Gef\u00e4llt-mir-Klicks dr\u00e4ut nichts als Leere. Wir verlieren uns.<\/p>\n<p><strong>Dauerpulsierende Ich-AG<\/strong><\/p>\n<p>Zumindest wenn man der Gesellschaftsphilosophie der letzten beiden Jahrzehnte Glauben schenkt. Vor Gef\u00fchlen des Kontrollverlusts angesichts explodierender M\u00f6glichkeiten warnt etwa der Identit\u00e4tsforscher Heiner Keupp. Wenn nichts mehr selbstverst\u00e4ndlich ist, weil etablierte Muster wegfallen, wenn alles immer auch anders sein k\u00f6nnte, stehen unsere Lebensverh\u00e4ltnisse dauerhaft infrage. Mit ruin\u00f6sen Folgen, so der Philosoph Dieter Thom\u00e4, der die Ideologie der st\u00e4ndigen Selbstverwirklichung gar als Pathologie beschreibt, die von einem nicht wirklichen, noch im Status des M\u00f6glichseins verharrenden Selbst ausgehe. &#8222;Man verrennt sich in dem Gef\u00fchl, einstweilen unverwirklicht zu sein, auf das wahre eigene Leben noch zu warten, und pflegt einen ganz unsinnigen d\u00e9go\u00fbt gegen das, was man schon ist.&#8220;<\/p>\n<p>Auch der Schuldige ist schnell ausgemacht \u2013 die Moderne oder gar Postmoderne, die uns zu dauerpulsierenden Ich-AGs trimmt. Selbst-Werdung ist lebenslange B\u00fcrgerpflicht: Sei individuell! L\u00e4stig nur, dass jede M\u00f6glichkeit mit Alternativen einhergeht und somit auch mit Entscheidungsdruck. Der moderne Mensch steht vor einem Dilemma: Vor lauter M\u00f6glichkeiten hat er keine echte Wahl mehr. Die Wahlfreiheit droht zum Wahlzwang zu werden und dieser zur Wahlunf\u00e4higkeit. Jede Entscheidung k\u00f6nnte ja die falsche sein. Das Subjekt will und darf keine Option unbedacht lassen und kann sich daher kaum noch festlegen. Am Ende steht so eine labile Existenz unter dauerhaftem Vorbehalt.<\/p>\n<p>Statt \u00fcber koh\u00e4rente Erfahrungen so etwas wie Haltung zu entwickeln, tasten wir nach externen Haltegriffen. In den Onlinepartnerb\u00f6rsen verspricht das Fahndungsprofil zum Abhaken, die Suche nach der optimalen M\u00f6glichkeit zu erleichtern, und dient doch vor allem narzisstischer Befriedigung. Artet das spielerisch-reizvolle Anbandeln in regelrechte Beziehungsarbeit aus, lockt schon ein anderer Interessent; alles eine Frage des flexiblen Beuteschemas.<\/p>\n<p><strong>Pixel unserer selbst<\/strong><\/p>\n<p>Doch die Gesetze des Marktes gelten nat\u00fcrlich auch f\u00fcr das eigene Angebot; jeder Bauch ist ein Laden. Als Bestandteil permanenter Selbstverbesserung wird aus dem eigenen K\u00f6rper herausgeholt, was m\u00f6glich ist. Facials, Fitness, Wellness \u2013 die Multioptionsgesellschaft hat eine unverbindliche Ber\u00fchrungsindustrie geschaffen, deren Korrelat in der virtuellen K\u00f6rperlosigkeit des Internets liegt. Dort ist man der Idee des idealen Selbst so nah wie nirgends sonst. Virtuell, das hei\u00dft laut W\u00f6rterbuch auch: der M\u00f6glichkeit nach vorhanden. Die Rollen, die man in der Simulationskultur des Netzes spielt, sind variabel, sind buchst\u00e4blich Pixel unserer selbst, dabei oft gesch\u00fctzt durch Anonymit\u00e4t und leicht zu manipulieren.<\/p>\n<p>Zwar sind Experimentierformen wie <em>Second Life<\/em> oder Cybersex Nischenph\u00e4nomene geblieben. Doch \u00fcber Selektionsverfahren und Statusberichte, \u00fcber Profile in den sozialen Netzwerken, geteilte Bilder, Kommentare, Freundeslisten, Ratings und Likes schaffen wir schleichend eine Gemeinde von Avataren, die meist deutlich origineller und h\u00fcbscher sind als der Prototyp, der uns morgens im Badezimmerspiegel auflauert.<\/p>\n<p>Zuletzt entwerfen wir auch in der immer flexibleren Arbeitswelt, die nicht mehr von vorgezeichneten Wegen und Stufen, sondern von <em>Job-Hopping<\/em> und Multitasking bestimmt ist, fortlaufend aktualisierte Rollen. Wir gehen nicht auf Arbeit, sondern haben Jobs. (&#8222;Job&#8220; bezeichnete im Englischen nicht umsonst einst einen Klumpen, den man herumschiebt.) Notgedrungen testen wir, was gerade unser erfolgversprechendstes Profil ist.<\/p>\n<p>Die Nachtseite der M\u00f6glichkeiten ist die \u00dcberforderung. Doch die wird einfach umdefiniert, zur Herausforderung f\u00fcr das unternehmerische Selbst. Mithilfe von Ratgeberb\u00fcchern oder des Therapeuten, der jetzt sexy &#8222;Coach&#8220; hei\u00dft und Distinktionsmerkmal der Hochleistungstr\u00e4ger ist, gilt es, das plurale Ich noch irgendwie unter einen Hut zu kriegen, in Selbsterkenntnisprozessen perfekt auszusteuern \u2013 bis man nach dem Burn-out wieder ganz am Anfang steht, bei der ersten aller Fragen: Wer bin ich eigentlich?<\/p>\n<p><strong>Gesten der Selbstmodellierung<\/strong><\/p>\n<p>Denn die vermeintliche Diktatur der M\u00f6glichkeiten ist Symptom einer ausgreifenderen Krise, der Krise der Identit\u00e4t. W\u00e4hrend sich im \u00fcberbordenden Angebot der M\u00f6glichkeiten die festen R\u00e4nder aufl\u00f6sen, verlangt Identit\u00e4t nach Konturen. Vermutlich ist deshalb heutzutage so viel von Profilen die Rede, deren \u00e4sthetisches Hauptmerkmal von jeher die klare Umrisslinie war. Niemand will sein Selbst unscharf sehen \u2013 denn dann ist es eben keins mehr.<\/p>\n<p>Doch genau da liegt das Problem. Begreift man Identit\u00e4t als eine Art mentale Heimat, an der unsere eigenen Anspr\u00fcche und die Erwartungen der Umwelt ausbalanciert sind, dann scheint es schon seit L\u00e4ngerem nicht besonders gut um uns bestellt zu sein.<\/p>\n<p>Es ist ja auch schrecklich kompliziert geworden mit dem Ich. Seine Anreicherung mit Es und \u00dcber-Ich durch Sigmund Freud kommt einem da schon vor wie kleines Einmaleins. In der Gegenwart rotiert das Ich als buntes &#8222;Patchwork&#8220;, dem nur noch mit permanentem &#8222;Identit\u00e4tsmanagement&#8220; beizukommen ist. Im Vergleich zu fr\u00fcher ist das Leben in deutlich vielf\u00e4ltigere Optionen, Rollen und Erwartungen segmentiert; daf\u00fcr hat sich der Begriff der Pluralisierung etabliert. Im Gespann mit der Globalisierung hat sie die soziale Welt auf eine Weise beschleunigt und dereguliert, dass das einzig Verl\u00e4ssliche an unserer Identit\u00e4t noch ihre Wandelbarkeit ist. Alte Gewissheiten wie Stand, Religion, Beruf oder Geschlechterverh\u00e4ltnis sind br\u00fcchig geworden. Die aktuelle Peergroup ist inzwischen die pr\u00e4gendere Familie, die Eltern sind die l\u00e4ssigeren Jugendlichen. Tradition und Kontinuit\u00e4t war gestern, heute ist die Welterfahrung von Zerstreuung, von Zersplitterung gepr\u00e4gt. Im Kaleidoskop sozialer Erfahrungen k\u00f6nnen und sollen wir viele sein und noch m\u00e4chtig Spa\u00df dabei haben.<\/p>\n<p>Und das Individuum, um dessen Entfesselung es doch eigentlich geht? F\u00fchlt sich verunsichert, beliebig, wie ein Fremder im eigenen Haus. Vor lauter B\u00e4umen sieht es den Wald nicht mehr \u2013 und zieht sich immer mehr auf die eigenen Belange zur\u00fcck, in der Hoffnung zwischen all den Gesten der Selbstmodellierung, der medialen und k\u00f6rperlichen Inszenierung etwas zu finden, das sich echt anf\u00fchlt. Das Ich wird zum Gegenstand \u00e4ngstlichen Forschens und flexiblen Planens, die Gemeinschaft zum Risikofaktor mit ewig neuen Erwartungen, Bewertungen und M\u00f6glichkeiten des Scheiterns. Man reibt sich nicht mehr an den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen und gewinnt dabei an Profil, sondern arbeitet an den eigenen Schw\u00e4chen, passt sich ein. Der Marktwert zersetzt den Wertehimmel. Die Rechnung zahlt am Ende die Gesellschaft, denn mit lauter wabernden Ichlingen ist kein verantwortungsbewusster Staat zu machen.<\/p>\n<p><strong>Sinnkrisen, Singlehaushalte, Depression<\/strong><\/p>\n<p>Die Beschw\u00f6rung der fluiden Identit\u00e4t ist l\u00e4ngst zu einem soziophilosophischen Grundrauschen geworden. F\u00fcr den Philosophen Hartmut Rosa kreieren die permanenten Selbstentw\u00fcrfe des Individuums den neuen Sozialtypus des Drifters, der immer schneller von Welle zu Welle springt und doch im Zustand rasenden Stillstands verharrt; denn er kennt weder Grund noch Ziel seiner dauernden Richtungswechsel, er will nur nicht untergehen in der Flut der Impulse. Er strampelt, findet aber keine Resonanz, keinen Halt eines eigenen Standorts mehr unter den F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Dieser &#8222;flexible Mensch&#8220;, wie ihn \u00e4hnlich auch Richard Sennett beschrieben hat, geistert durch sein Dasein wie durch ein undurchsichtiges Netzwerk, das keine Lebensgeschichte mehr erz\u00e4hlt. Keine biografischen Spuren machen ihm die Vergangenheit plausibel und weisen ihm die Zukunft an. Er vermeidet jeden Schmerz, jedes Scheitern und damit auch langfristige Bindungen \u2013 zu anderen und zu sich selbst, zu der anpassungsf\u00e4higen, gesichtslosen Collage seines Ichs. Dass das auf Dauer ziemlich erm\u00fcdend ist, kann man sich denken. Entsprechend lauten die Diagnosen \u00fcber die Folgen nie rastender Identit\u00e4tsarbeit. Das Selbst ist &#8222;ersch\u00f6pft&#8220; (Alain Ehrenberg) und &#8222;\u00fcbers\u00e4ttigt&#8220; (Kenneth J. Gergen). Die Stichworte sind uns inzwischen aus den Talkshows bestens vertraut \u2013 Sinnkrisen, Singlehaushalte, Depression.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist all das ein Zerrbild der Wirklichkeit, es gibt immer auch Ausnahmen und Gegenstrategien. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine M\u00f6glichkeit unseres Daseins, aber eine mit empirischer Plausibilit\u00e4t, eine M\u00f6glichkeit h\u00f6herer Potenz. Eine Wahrscheinlichkeit.<\/p>\n<p>Und doch f\u00e4llt etwas auf: Wenn immer wieder nur eine Identit\u00e4t vermisst wird, die <em>nicht <\/em>mehr da ist, und angesichts ihrer Zersplitterung zugleich mit Konzepten und Begriffen operiert wird, die ihrerseits aus der Postmoderne stammen \u2013 Eigentlichkeit, Ambivalenz, Diskurs, Kontingenz etc. \u2013, dann bei\u00dft sich die Katze irgendwann in den eigenen Schwanz. Dann wird die Analyse tendenzi\u00f6s, denn sie klammert sich an den statischen Habitus einer Klage, die nur das eingefallene, nicht-mehr-m\u00f6gliche Kartenhaus sieht, aber nicht die sch\u00f6ne Form seiner Tr\u00fcmmer. Kurzum, ausgerechnet der M\u00f6glichkeitsbegriff wird seiner eigenen Art beraubt, der Vielfalt seiner M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p><strong>Das freie Ich als Illusion<\/strong><\/p>\n<p>Dabei relativiert sich die Besorgnis schon, wenn man den Stachel dringlicher Aktualit\u00e4t ein wenig lockert. Ein Blick in die Ideengeschichte vermittelt gar den Eindruck, als sei das Plurale schon immer der eigentliche Kern der Identit\u00e4t gewesen und die Vorstellung eines ganzheitlichen Ichs von jeher nur eine gedankliche Spielart ihrer M\u00f6glichkeiten. Und eben nicht umgekehrt.<\/p>\n<p>Bereits im <em>Gastmahl<\/em> Platons ist Sokrates jedenfalls recht skeptisch gegen\u00fcber der Idee eines selbstidentischen Menschen, denn &#8222;obgleich er denselben Namen f\u00fchrt, bleibt er doch niemals in sich selbst gleich&#8220;. Auch f\u00fcr Michel de Montaigne bestehen wir &#8222;alle nur aus buntscheckigen Fetzen, die so locker und lose aneinander h\u00e4ngen, dass jeder von ihnen jeden Augenblick flattert, wie er will&#8220;, und dass einer wie Friedrich Nietzsche mehrere sterbliche Seelen f\u00fcr sich veranschlagt und sein Subjekt als Vielheit denkt, versteht sich ja fast von selbst. Sp\u00e4testens seit der Mensch der Renaissance seine sozialen Radien erweitert und verst\u00e4rkt \u00fcber sich als Individuum nachgr\u00fcbelt, ist er sich seiner Zerrissenheit bewusst; zwischen Freiheit und Zwang, Ich und Gesellschaft, Ich und Ich.<\/p>\n<p>Heute machen die Naturwissenschaften die Sache noch zus\u00e4tzlich kompliziert. Die Hirnforschung etwa hat die Macht der Gef\u00fchle wiederentdeckt. Unsere Kindheitserfahrungen und das emotionale Ged\u00e4chtnis haben f\u00fcr sie deutlich mehr Einfluss auf unser Tun und Lassen als jede rationale Entscheidungskraft. Wenn das freie Ich aber eine Illusion ist, dann erst recht das beschriebene Identit\u00e4tsmanagement. Unser willentliches Ver\u00e4nderungspotenzial liegt demnach gerade einmal bei zwanzig Prozent, alles andere sind Affekte. Also was jetzt, haben wir real nun zu viele M\u00f6glichkeiten oder zu wenige?<\/p>\n<p>Eine einfache Antwort kann es auf diese Frage nicht geben, denn sie ist unscharf gestellt. Man wird dem M\u00f6glichen gerechter, wenn man es nicht nur als Komplement des Wirklichen begreift, als etwas Niederes, das darauf wartet, in den h\u00f6heren Seinsrang der Realit\u00e4t gehoben zu werden, sondern als etwas Eigenes. Denn wenn die M\u00f6glichkeit nur Hebamme der Wirklichkeit w\u00e4re, jede Wirklichkeit also zun\u00e4chst aus einer M\u00f6glichkeit hervorgeht, was steht dann am Anfang dieser Kette? Die reine Wirklichkeit eines unbewegten Bewegers? Gott? Und schon schwitzt man in des Teufels K\u00fcche, der Metaphysik.<\/p>\n<p><strong>Sch\u00f6pferische Improvisation<\/strong><\/p>\n<p>Oder man gibt doch der M\u00f6glichkeit den Vorrang gegen\u00fcber der Wirklichkeit, wie es Teile der Existenzphilosophie entworfen haben, schlie\u00dflich bestimmt sich das Dasein als Seiendes je aus einer M\u00f6glichkeit, die es ist und in seinem Sein versteht. Ach, Heidegger &#8230;<\/p>\n<p>Muskelspiele mit dem Wirklichen verhelfen dem M\u00f6glichkeitsbegriff also kaum zu einer eigenen Identit\u00e4t. Daf\u00fcr m\u00fcssen wir noch einmal dorthin, wo alle seine M\u00f6glichkeiten offen und frei da liegen, zum Anfang reiner Logik. Dort darf das M\u00f6gliche alles sein, was widerspruchsfrei gedacht werden kann. Dass ich jetzt gleich ein rundes Quadrat zeichne, hat demnach keinen M\u00f6glichkeitsanspruch; dass ich heute Abend von Au\u00dferirdischen zum Mars entf\u00fchrt werde aber durchaus. Denn logisch m\u00f6glich sind alle Dinge, deren Eigenschaften nicht prinzipiell unvereinbar sind \u2013 womit das M\u00f6gliche jedoch erneut wieder nur <em>ex negativo<\/em> bestimmt w\u00e4re. Dreht man den Spie\u00df aber einmal um, ohne das M\u00f6gliche positivistisch \u2013 durch schn\u00f6den Weltbezug \u2013 zu sehr einzuschr\u00e4nken, wird es wieder sachlicher und anschaulicher. Dann erscheint die M\u00f6glichkeit als eine Kategorie der Modalit\u00e4t, also der Art und Weise, wie etwas getan oder gedacht wird. Anders gesagt: M\u00f6glich ist, was durch korrespondierende Anschauungen belegt werden kann. Oder noch anders: Ein wundersch\u00f6ner Raum \u00f6ffnet sich.<\/p>\n<p>Dieser Raum des M\u00f6glichen, wie Pierre Bourdieu ihn nennt, ist luftig und weit, aber nicht leer. Er ist mit den gegebenen Regeln und Rahmenbedingungen seiner jeweiligen Zeit eingerichtet, mit den gesellschaftlichen Zw\u00e4ngen und unseren pers\u00f6nlichen Pr\u00e4gungen. Der Raum des M\u00f6glichen ist damit in Teilen schon zugestellt, wenn wir ihn betreten, jedoch beileibe nicht ganz. Es ist buchst\u00e4blich ein Spielraum (f\u00fcr das Spiel namens Gesellschaft) und gew\u00e4hrt Spielr\u00e4ume f\u00fcr Anschauungen, die \u00fcber das bereits Verwirklichte hinausgehen, f\u00fcr sch\u00f6pferische Improvisationen, f\u00fcr widerst\u00e4ndige Wertanschauungen, aber auch f\u00fcr W\u00fcnsche und Utopien. Es ist ein unruhiger Raum, doch in dieser Unruhe steckt gro\u00dfe Kraft.<\/p>\n<p>Das Kraftzentrum bildet ein einfacher Gedanke: Es ist m\u00f6glich, unsere eigene Geschichte zu machen, im Guten wie im Schlechten. Dies nicht als Bedrohung, sondern als historische Errungenschaft zu vermitteln, ist Aufgabe der praktischen Philosophie. Denn das Denken in M\u00f6glichkeiten ist eine demokratische Grundvoraussetzung. (Auch deshalb ist die beliebte Rede unserer Kanzlerin von &#8222;alternativloser&#8220; Politik so fragw\u00fcrdig.)<\/p>\n<p><strong>Adornos Brille<\/strong><\/p>\n<p>Erst durch die Idee der M\u00f6glichkeit konstituiert sich n\u00e4mlich die b\u00fcrgerliche Gesellschaft. Das zeigt G\u00f6sta Gantner auf, der unter anderem am ber\u00fchmten Frankfurter Institut f\u00fcr Sozialforschung \u00fcber den philosophischen M\u00f6glichkeitsbegriff arbeitet. Von hier aus machten die Frankfurter einst Schule, allen voran Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, denen sich auch Gantners Ansatz verpflichtet f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Seit etwa 300 Jahren gehen soziale M\u00f6glichkeit und neuzeitliches Geschichtsbewusstsein Hand in Hand. Aus der langsamen Ersch\u00fctterung der Theodizee-Lehre, wonach wir in der besten aller m\u00f6glichen Welten leben, hat sich allm\u00e4hlich eine dynamische Zukunftsvorstellung geformt: Der Mensch ist seines Gl\u00fcckes Schmied, er hat die M\u00f6glichkeit, sich und seine Lebenswelt vern\u00fcnftig zum Besseren zu entwickeln. Was heute etwas putzig klingt, hob einst die Welt aus den Angeln. Ein neues Sozialbewusstsein, die Ideale der Franz\u00f6sischen Revolution und ein rasender Optimismus waren die Folge \u2013 bis mit den nationalsozialistischen Verbrechen das b\u00f6se Erwachen kam. Die Barbarei war in den M\u00f6glichkeitsraum eingezogen, oder mit Adorno: Das Unm\u00f6gliche war nicht nur m\u00f6glich, sondern es vollzog sich l\u00e4ngst.<\/p>\n<p>Das M\u00f6glichkeitsdenken teilte sich; auch das Schlechte war m\u00f6glich, ja sogar wahrscheinlich \u2013 und damit eine Philosophie n\u00f6tig, die Defizite und Widerspr\u00fcche in den bestehenden Verh\u00e4ltnissen freilegt und anprangert, aber auch \u00fcber den Tellerrand des Realen hinausblickt, alternative Entw\u00fcrfe antizipiert, Zukunft gestaltet \u2013 bis an den Rand des Utopischen. Die Kritische Theorie war geboren.<\/p>\n<p>Mit Adornos Brille auf der Nase entpuppt es sich als gar nicht so schlimm, dass sich heute viele von den M\u00f6glichkeiten des pluralen Lebens \u00fcberfordert und bedroht f\u00fchlen. Der Pluralismus geht aus unserer spezifischen F\u00e4higkeit, in M\u00f6glichkeiten zu denken, vielmehr unmittelbar hervor. Und unser Gemeinwesen braucht diese Unruhe. Erst aus ihr erwachsen neue produktive M\u00f6glichkeiten, jene von Widerstand und Kritik, und Adornos Gedankenspiele des Anders-sein-k\u00f6nnens. Damit ist keine schwammige Tr\u00e4umerei gemeint, sondern ein sehr greifbarer Erkenntnis- und Handlungshorizont. Den &#8222;Ausbruch aus dem Gegebenen als ein innerweltliches Transzendieren&#8220;, nennt es Gantner \u2013 das Entwerfen von M\u00f6glichkeiten, die unter der Oberfl\u00e4che unserer Beunruhigung schlummern, also im Wirklichen bereits latent vorhanden sind. Bourdieu nennt sie deshalb auch objektive Potenzialit\u00e4ten.<\/p>\n<p><strong>Ich-Wir-Balance<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man einmal hinh\u00f6rt, steigert sich die Unruhe vieler angeblich so selbsts\u00fcchtiger Individuen schon seit l\u00e4ngerer Zeit zu einem vernehmlichen Brodeln, das kritische Fragen nach Ver\u00e4nderung stellt: nach den gesellschaftlichen Erm\u00f6glichungsbedingungen, nach Bildung und Transparenz. Scheinbare Selbstverst\u00e4ndlichkeiten kommen wieder auf den Pr\u00fcfstand. Wenn Politik doch die Kunst des M\u00f6glichen ist, wie es immer hei\u00dft, warum unterwirft sie sich dann blind der Macht der &#8222;M\u00e4rkte&#8220;? Warum m\u00fcssen \u00c4rzte Unternehmer sein? Ist die repr\u00e4sentative Demokratie wirklich die beste aller m\u00f6glichen Regierungsformen, wenn sie immer h\u00e4ufiger Horrorclowns an die Macht bringt?<\/p>\n<p>Manchmal scheint in dieser Unruhe ein revolution\u00e4rer Geist mitzuschwingen, eine Ahnung von Idealen mit dem Drang nach Befreiung. Das allein meint nat\u00fcrlich noch keine Wertung. Eine Pervertierung ins Ungute ist immer m\u00f6glich. Aber es geht eben wieder um Werte; darum, dass sich pers\u00f6nliche Autonomie und gesellschaftliches Engagement nicht ausschlie\u00dfen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Occupy, WikiLeaks, digitale Boh\u00e8me oder aktuellere Aktionsb\u00fcndnisse wie Wir machen das \u2013 das sind, bei allen Unterschieden, neue Identit\u00e4tsfigurationen, die vor dem Hintergrund starker Wertungen nach einer Ich-Wir-Balance streben; nach Resonanz, nach Beziehungen &#8222;des wechselseitigen Antwortens&#8220;, wie Rosa es nennt. Letztlich nach ver\u00e4nderbaren Identit\u00e4tsrollen, die als Ensemble Haltungen stabilisieren. Dies geschieht durch neue Interaktionskulturen, oder genauer: indem Normen der Interaktion hinterfragt, ver\u00e4ndert und mit Bed\u00fcrfnissen verkn\u00fcpft werden, die \u00fcber das verabsolutierte Private hinausgehen oder es in einen gr\u00f6\u00dferen Rahmen integrieren, etwa nach Gerechtigkeit oder Anerkennung. So entstehen Charaktere, keine postmodern verzettelten Individuen; denn die Bereitschaft zur Identifikation mit werte- (statt rein zweck-)bestimmten Gef\u00fchlen bildet jene stabile Pr\u00e4gung, mit der sich auf der Klaviatur der Identit\u00e4t souver\u00e4n improvisieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Die Unruhe ist eine sch\u00f6pferische Kraft. F\u00fcr Nietzsche ist sie eine existenzielle Grundbestimmung, die auf die Instabilit\u00e4t des Menschen als krisenhaftes Wesen antwortet; f\u00fcr Hegel ist sie sogar der nat\u00fcrliche Zustand jeden Anfangs. Und dass wir sie \u00fcberhaupt sp\u00fcren k\u00f6nnen, dass wir unsere Leben als Geschichten wahrnehmen, die immer wieder neue Anf\u00e4nge finden, erst das macht uns f\u00fcr Hannah Arendt zu Menschen. Ich zu sagen, bedeutet, eine unruhige Geschichte von sich zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>Bewusster Utopismus<\/strong><\/p>\n<p>Die Steigerung der Unruhe ist die Angst. Die Vorstellung eines von M\u00f6glichkeiten fragmentierten Selbst mag uns Angst machen. Doch ein Fragment ist nie nur defizit\u00e4r. Es weist immer auch implizit \u00fcber seine eigene Wirklichkeit hinaus, auf das, was es nicht ist, aber sein k\u00f6nnte. Gerade das fl\u00fcchtige Bruchst\u00fcck ist sprechend f\u00fcr das Amorphe und Fl\u00fcchtige, das wir unsere Geschichte nennen, ist sie doch ihrerseits immer nur Fragment des Zeitlaufs. Im St\u00fcckwerk scheint der Zusammenhang des Ganzen als eigene utopische M\u00f6glichkeit auf. Seine Form ist die Offenheit, seine Laune die Neugier (die sch\u00f6ne Zwillingsschwester der Angst), seine Gattung der Essay.<\/p>\n<p>Die Postmoderne hat das Ende der gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen verk\u00fcndet. Aber die Identit\u00e4t war eben nie eine geschlossene Erz\u00e4hlung, sie war schon immer ein Essay, im franz\u00f6sischen Sinne des Wortes, ein Versuch, ein Kreisen in M\u00f6glichkeiten, das niemals ankommt; bei keinem Kern, keiner letzten Gewissheit. Und so bleibt es, wie Robert Musil in seinem epochalen Essayroman <em>Der Mann ohne Eigenschaften <\/em>schreibt, letztlich dem &#8222;M\u00f6glichkeitsmenschen&#8220; vorbehalten, in &#8222;einem feineren Gespinst&#8220; als der blo\u00dfen Wirklichkeit zu leben. Er strebt, indem er das, was ist, nicht wichtiger nimmt als das M\u00f6gliche, jenem &#8222;anderen Zustand&#8220; entgegen, in dem das unabgeschlossene Ich sich als solches endlich wahr f\u00fchlen kann. Der M\u00f6glichkeitsmensch hat ein Feuer in sich, &#8222;einen Flug, einen Bauwillen und bewussten Utopismus, der die Wirklichkeit nicht scheut, wohl aber als Aufgabe und Erfindung behandelt&#8220;.<\/p>\n<p>Ohne die Unruhe der M\u00f6glichkeit kann nichts entstehen, nichts erz\u00e4hlt werden, am wenigsten die Geschichte unseres Selbst \u2013 der Essay, dessen Titel unser Name ist.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angeblich k\u00f6nnen wir uns jeden Tag neu erfinden. Stattdessen jammern wir \u00fcber Alternativlosigkeit. Schluss damit. Lernen wir wieder, mit unseren M\u00f6glichkeiten produktiv umzugehen. 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