{"id":4683,"date":"2016-12-31T07:00:09","date_gmt":"2016-12-31T06:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4683"},"modified":"2016-12-31T11:42:15","modified_gmt":"2016-12-31T10:42:15","slug":"silvester-wuensche-neujahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/12\/31\/silvester-wuensche-neujahr\/","title":{"rendered":"Unsere Tr\u00e4ume werden in Erf\u00fcllung gehen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wieder mal zum Zahnarzt, eine Festanstellung bei Google, oder doch lieber auf Lehrer umschulen? Bis Mitternacht darf vorgetr\u00e4umt werden, damit das neue Jahr besser wird.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4795\" aria-describedby=\"caption-attachment-4795\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4795 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/12\/silvester-freitext-620x349.jpg\" alt=\"Silvester: Unsere Tr\u00e4ume werden in Erf\u00fcllung gehen\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/silvester-freitext-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/silvester-freitext-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/silvester-freitext-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4795\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jakob Owens\/Unsplash<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Bei meinem Zahnarzt gibt es ein Hinterzimmer, das sich zu einem riesigen Open-Space-B\u00fcro vergr\u00f6\u00dfert, wenn man an der Rezeption, wo man sein Bonusheft abgegeben hat, vorbeil\u00e4uft, nach links abbiegt, den Gang hinunter und an den Behandlungszimmern vorbei bis zu dem Raum, wo normalerweise ger\u00f6ntgt wird. <!--more-->Es ist noch unklar, warum sich meine Zahnarztpraxis in meinem Traum so ausweitet. Suche ich nach einer festen Anstellung? Nach einem Fluchtweg vor den Bedrohungen, die ein Arztbesuch so mit sich bringt? Nach einer Parallelerfahrung im Sinne von Phillip K. Dick? Oder hatten diese Raum-Fantasien am Ende etwas mit dem weltweiten Geschehen zu tun, zum Beispiel, dass der Google-Konzern als wertvollstes Unternehmen der Welt jetzt eine Art Campus f\u00fcr Start-ups in Berlin aufmachen wollte und jeden dazu einlud, vorbeizukommen, um seine Ideen vorzustellen?<\/p>\n<p>Meine Zahn\u00e4rztin, eine energische und sehr bodenst\u00e4ndige Frau, die ihren Patienten gerne den Spiegel vorh\u00e4lt und in aller Bescheidenheit Fahrradwandern zu ihren Urlaubsbet\u00e4tigungen z\u00e4hlt, w\u00fcrde das vielleicht f\u00fcr irrelevant halten. Keine Sache, \u00fcber die man sich weiter Gedanken machen muss. Aber meine Zahn\u00e4rztin will ja auch kein Start-up gr\u00fcnden oder einen neuen allumfassenden Algorithmus finden, mit dem man die Welt komplett erfassen kann.<\/p>\n<p><strong>Das kreative Kapital<\/strong><\/p>\n<p>In seiner Tiefenstruktur scheint der Traum zum Google Emea Engineering Hub in Z\u00fcrich zu f\u00fchren. Ein Ort, wo sich in den Gemeinschaftsbereichen auf &#8222;einzigartige emotionale und visuelle Weise&#8220; Sport und Freizeit assoziieren, zum Beispiel in der Water Lounge, wo Rutschen und Feuerwehr-Stangen f\u00fcr &#8222;schnelle vertikale Bewegungen&#8220; sorgen. Auf dem Belegfoto in Sylvia Leydeckers <em>Corporate interiors<\/em> kommt mir eine enthemmte blonde Google-Mitarbeiterin aus der S-Kurve einer Metallrutsche entgegen, als wollte sie all unsere Sorgen, die sich zu einem lodernden Feuer der Angst und Ambivalenz auszubreiten drohen, allein mit ihrer bei Google antrainierten Zuversicht l\u00f6schen.<\/p>\n<p>Der Open Space bei meiner Zahn\u00e4rztin f\u00fchrt in R\u00e4ume, in Gro\u00dfraumb\u00fcros, die sich im Alltag als viel weniger grandios erweisen als in meinen Fantasien oder in den Abbildungen der Architekturb\u00fccher, in denen ich so gerne lese. Von den energievollen und inspirierenden Arbeitspl\u00e4tzen bei Google hat mir damals schon Rafik, der Ex-Mann von Joelle, in dem Restaurant in Beirut erz\u00e4hlt, wo wir Silvester zusammen verbracht haben. Er erz\u00e4hlte mir von der Mischung aus Euphorie und Beklemmung, die f\u00fcr solche Arbeitswelten wie Google und Facebook typisch seien. Dass dort f\u00fcr alles gesorgt sei und dass er es so empfunden habe, dass der Konzern gr\u00f6\u00dfer sei als das, was sein Gehirn &#8222;denken&#8220; k\u00f6nne. Damit sei auch das kollektive kreative Kapital gemeint, erkl\u00e4rte er.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich nicht mehr, ob Rafik jemals in der europ\u00e4ischen Google-Zentrale in Dublin gearbeitet hat oder ob er nur ganz knapp in der letzten Bewerberrunde gescheitert und sowieso deswegen in Beirut geblieben ist. In der Erinnerung verschwimmen seine kaltschn\u00e4uzigen und l\u00e4ssigen Analysen zu Google mit dem irgendwie bizarren Silvesteressen, f\u00fcr das wir uns entschieden hatten. Steak auf erhitztem Vulkangestein, das im The Rock so serviert wird, dass man den Eindruck hat, das Fleisch w\u00fcrde schon allein durch den energischen und gierigen Blick, den man auf es wirft, gar werden und auf der schwarzen Vulkanplatte immer mehr schrumpfen, je nachdem wie man es haben wollte, gut durchgebraten oder eher medium.<\/p>\n<p><strong>Vertikaler denken<\/strong><\/p>\n<p>Rafik und Joelle waren damals noch ein Paar. Sie arbeiteten beide f\u00fcr eine Agentur in Beirut und sie erschienen mir wie ein Traumpaar des digitalen Nomadentums, das schon bald besser dotierte Jobs in Dubai oder Dublin annehmen w\u00fcrde. Ihre Liebe war gleichfalls &#8222;o<em>pen spac<\/em>e&#8220;. Sie posteten Liebesbeweise, dokumentierten ihre Beziehung so detailliert, dass man sp\u00e4ter nur noch auf Facebook erkennen konnte, ob und wie sie zueinander standen. Wenn man sie sah, war alles unklar und offen. Auch an diesem Abend erinnere ich mich an keine besonders intimen Momente zwischen ihnen, was vielleicht auch an The Rock, dem Vulkangestein und den Masken gelegen haben mochte, die wir sp\u00e4ter aufsetzen mussten. Mit den Masken, die man in Beirut an Silvester tr\u00e4gt, kann man kaum irgendwelche intimen Momente kreieren und sich schon mal gar nicht k\u00fcssen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Essens sprachen wir \u00fcber Google. &#8222;Ein Arbeitsplatz, der Spa\u00df macht&#8220; und einen trotzdem gefangen nimmt, wie Rafik mir erkl\u00e4rte. &#8222;Das h\u00f6rt sich alles irgendwie auch schrecklich an&#8220;, stimmte ich ihm zu, obwohl wir beide wahrscheinlich in diesem Moment noch davon tr\u00e4umten, bei Google fest angestellt zu sein, in Irland durch staubfeinen Nieselregen zu laufen, Meeresluft einzuatmen und einfach nur darauf zu warten, als Pension\u00e4re unseren Enkelkindern von unserer Zeit als digitale Nomaden vorschw\u00e4rmen zu k\u00f6nnen. Unser Arbeitgeber w\u00fcrde dann nat\u00fcrlich schon Alphabet hei\u00dfen und ich w\u00fcrde vielleicht Rafik an einem ruhigen Nachmittag bei Scones und Tee aus Italo Calvino vorlesen, der in seinem Buch \u00fcber das Schreiben von der Schnelligkeit des Denkens schw\u00e4rmt. Und davon, dass das blitzschnelle Denken ohne \u00dcberg\u00e4nge genau die Art und Weise sei, wie Gott denkt. Und dann w\u00fcrden wir beide in ein wehm\u00fctiges Lachen ausbrechen, weil wir mittlerweile nat\u00fcrlich noch schneller und raumgreifender, vertikaler und horizontaler denken konnten als jemals zuvor.<\/p>\n<p><strong>Spa\u00dffabrik<\/strong><\/p>\n<p>Deswegen MUSS der Gang links von der Rezeption in der Praxis meiner Zahn\u00e4rztin zu einem Gro\u00dfraumb\u00fcro f\u00fchren. Dort, wo man vielleicht in aller Ruhe sein Start-up gr\u00fcnden und in irrsinniger Geschwindigkeit unglaublich reich werden kann. Auch wenn in dem Traum diese R\u00e4ume vollkommen leer sind, wage ich es trotzdem nicht, weiterzugehen oder auch nur um die Ecke zu biegen. Ich versuche, mich zu erinnern, ob Rafik und Joelle sich an diesem Abend in The Rock auch nur ein einziges Mal umarmt haben oder ob ihre Liebe schon durch die Tausenden und Zehntausenden Jahre getrennt war, von denen Calvino in seinem Buch \u00fcber die Schnelligkeit der Literatur spricht. Von dem Wunder, dass Menschen noch im \u00fcbern\u00e4chsten Jahrtausend nachvollziehen k\u00f6nnen, was wir heute schreiben und denken. Dem Alphabet sei Dank. Und ich denke an die Feuerwehrstangen und die Rutschen f\u00fcr die schnellen vertikalen Bewegungen, die Beziehungen unterbrechen, Stromkreise kurzschlie\u00dfen und Schicksale miteinander zum Verschmelzen bringen oder aber endg\u00fcltig und unwiederbringlich zerst\u00f6ren. Ich w\u00fcrde gerne mit meiner Zahn\u00e4rztin dar\u00fcber sprechen. Aber noch habe ich keinen Termin im neuen Jahr mit ihr vereinbart. &#8222;Wissen Sie eigentlich was bei Ihnen los ist?&#8220;, w\u00fcrde ich sie fragen. &#8222;Also hier \u2026 Gleich um die Ecke, wenn man den Gang weiter geht bis zu dem kleinen Zimmer wo der R\u00f6ntgenapparat steht?&#8220;<\/p>\n<p>Ich erinnere mich mit Wehmut an die kalte Herrlichkeit des sterilen Interieurs von The Rock, die sanfte Luft der mediterranen N\u00e4chte, selbst am Ende, als die Zeit zum Stillstand gekommen war und pl\u00f6tzlich ein neues Jahr begann und wir unsere Masken abnahmen und ich immerhin, wenn auch zaghaft, Rafik und danach Joelle umarmte.<\/p>\n<p>&#8222;Wei\u00dft du was?&#8220;, sagte Rafik. &#8222;Ich habe \u00fcberlegt, ob ich mal was ganz anderes machen sollte.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja und was?&#8220;, fragte ich.<\/p>\n<p><strong>H\u00f6lle der Freude<\/strong><\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt war Rafik noch vollkommen ahnungslos. Dabei war die Trennung von Joelle f\u00fcr ihn eine viel gr\u00f6\u00dfere Gefahr als f\u00fcr sie. Durch die Trennung von der energetischen und gut vernetzten Joelle, konnte Rafik leicht aus dem Orbit des schnellen Denkens und des h\u00f6heren Nomadentums herausgeschleudert werden. Denn sie war es, die die treibende Kraft in ihrer Beziehung gewesen war. Man konnte ihr Doppelkinn sehen, wenn sie sich zur\u00fccklehnte, um gen\u00fcsslich auf ihr Steak zu schauen. Joelle hatte schon immer ein Doppelkinn gehabt, aber Rafik schien das egal zu sein. Er mochte diese Art von \u00dcppigkeit, die aber nur scheinbar Ausdruck einer gewissen Lebensfreude war. Denn eigentlich war Joelle ein sehr getriebener und ehrgeiziger Mensch. Alle meinten, das habe man auch in ihren Posts auf Facebook gesehen. Rafik dagegen zeigte eine gewisse Melancholie und erwies sich vielleicht auch deswegen den Anforderungen der Spa\u00dffabrik Google nicht gewachsen. Sp\u00e4ter gingen wir noch nach drau\u00dfen, wir trugen die albernen Masken und Goldh\u00fctchen, die uns das Restaurant zur Verf\u00fcgung gestellt hatte. Dort drau\u00dfen, in der Wirklichkeit, in der Nacht von Beirut, war die H\u00f6lle los. (Es war eine H\u00f6lle der Freude und nicht der Gewalt und Terroranschl\u00e4ge, die damals der Syrienkrieg in die Stadt gebracht hatte.)<\/p>\n<p>&#8222;Was willst du denn werden?&#8220;, fragte ich Rafik.<\/p>\n<p>&#8222;Ich w\u00fcrde gerne Lehrer werden&#8220;, sagte er und schaute mich traurig an. Die Liebe war zu Ende. Die gro\u00dfe Liebe zwischen Rafik und Joelle, wie sie sie auf Facebook \u00f6ffentlich gemacht hatten. Sie hatte ihre Kraft verloren, obwohl Rafik das in diesem Moment noch nicht wahrhaben wollte.<\/p>\n<p>&#8222;Ich glaube, ich will das wirklich \u2026 Ich stelle mir immer vor, wie die Kinder auf mich zukommen und ich sage ihnen dann, was ich wei\u00df. Ich ERKL\u00c4RE ihnen dann alles.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Aber was denn?&#8220;, fragte ich, w\u00e4hrend ich mir den albernen goldenen Plastikhut vom Kopf nahm und an dem Halsgummi zog, das erstaunlich nachgiebig war.<\/p>\n<p><strong>Mein Gott. Lehrer.<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Ja, alles eben&#8220;, sagte er. &#8222;Alles, was wichtig ist. Ich glaube ich hab ein ganz gutes Gef\u00fchl daf\u00fcr, was die Kids so brauchen, was man denen vermitteln muss.&#8220; Er l\u00e4chelte selbstgewiss und nickte mir zu. Er sah wieder wie ein richtiger &#8222;Googler&#8220; aus, kraftvoll, dynamisch und von einer fast unbesiegbaren Fr\u00f6hlichkeit. Jemand, der nachts vom Klo aus noch schnell etwas in die Welt twittert oder im Wartezimmer seines Zahnarztes eine bahnbrechende Erkenntnis hat, w\u00e4hrend ich im Traum noch nicht mal den Mut aufbrachte, um die Ecke zu biegen, um nachzuschauen, was sich eigentlich in den anderen R\u00e4umen befand. (Ein Ort des Schmerzes? Der Leidenschaft? Ein Ort, den man durch blo\u00dfes Nachdenken und Recherchieren niemals finden kann?)<\/p>\n<p>&#8222;Mein Gott. Lehrer&#8220;, sagte ich leise zu Rafik, w\u00e4hrend ein lautes Hupkonzert begann und der Verkehr so stark wurde, dass wir keinen Schritt mehr weiter kamen. &#8222;Wie kann man denn blo\u00df Lehrer werden wollen?&#8220;<\/p>\n<p>Ich dachte an eine Freundin, die sich auch von der glitzernden Welt der Start-ups abgewandt hatte. Erst wollte sie Minensucherin werden und helfen, die Bomben in den Krisengebieten zu entsch\u00e4rfen, dann entschied sie sich wieder um und wurde auf einmal Grundschullehrerin.<\/p>\n<p>&#8222;Und du glaubst wirklich, du k\u00f6nntest den Kindern helfen?&#8220;, fragte ich.<\/p>\n<p>&#8222;<em>Happy new year<\/em>!&#8220;, unterbrach uns in diesem Moment Joelle. Sie hatte sich wieder ihre Maske \u00fcber das Gesicht gezogen und ein Strahlen aufgesetzt, als wollte sie die ganze Welt umarmen. &#8222;Guckt doch nicht so traurig. Unsere Tr\u00e4ume werden schon in Erf\u00fcllungen gehen! Keine Sorge!&#8220; Und dann prostete sie jemandem neben uns zu, irgendeinem Fremden, den weder Rafik noch ich jemals zuvor gesehen hatten.<\/p>\n<p>_________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder mal zum Zahnarzt, eine Festanstellung bei Google, oder doch lieber auf Lehrer umschulen? 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