{"id":4761,"date":"2016-12-23T15:36:38","date_gmt":"2016-12-23T14:36:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4761"},"modified":"2017-01-24T11:41:34","modified_gmt":"2017-01-24T10:41:34","slug":"rassismus-usa-washington-ann-cotten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/12\/23\/rassismus-usa-washington-ann-cotten\/","title":{"rendered":"Eissturm war in Washington"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit Rassismus ist es wie mit vielen Problemen: Es herrscht der Konsens, ihn abzuschaffen, aber die Apparate laufen weiter, die ihn aufrechterhalten. Zu Besuch in Washington<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4767\" aria-describedby=\"caption-attachment-4767\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4767\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/12\/anncotten-washington-620x349.jpg\" alt=\"\u00a9 Ann Cotten\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/anncotten-washington-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/anncotten-washington-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/anncotten-washington-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4767\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Bitte lassen Sie die Kunden zuerst aussteigen, hei\u00dft es in der U-Bahn in Washington, das Wort durch den \u00fcberdehnten Gebrauch in einen sarkastischen Metajargon einschleusend. M\u00fcsste es nicht hei\u00dfen: &#8222;<em>the people who self-identify as customers<\/em>&#8220; \u2013 die Leute, die sich selbst als Kunden bezeichnen? Die Phrase von der Selbstidentifikation hat sich stark ausgebreitet, in offiziellen Formulierungen und Medien und im notorisch tastenden privaten Sprachgebrauch. Ironien sind <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=z756L_CkakU\">im sogenannten <i>uptalk<\/i><\/a><sup><i><a class=\"sdfootnoteanc\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=z756L_CkakU\" name=\"sdfootnote1anc\"><\/a><\/i><\/sup> oder <i>high rising terminals<\/i> (UK) zu einem standardisierten Unsicherheits-Absicherungsbrei geworden. \u00dcberall Mangel an Verben im Vokabular \u2013 stattdessen sagt man &#8222;ist&#8220; mit einer Distanzierung und sucht dann nach einem passenden Adjektiv: <i>it&#8217;s like, like, like, uhm \u2026 nice?<\/i> <!--more--><\/p>\n<p>Bei jungen Studenten sind die Stimmen \u00e4rgstens verstellt, h\u00f6her, wenn man lieber, tiefer, wenn man kompetent wirken m\u00f6chte, und oft noch mit einer gekr\u00e4uselten Oberlippe, die Ekel und \u00dcberforderung anzeigt. Der Fragetonfall, der mittlerweile privates informelles Sprechen vom Befehlston unterscheidet. Und aber dann der Befehlston, der im Kontrast dazu kultiviert wird, forciert oder mit Lust, von den anderen. Die Ohren dr\u00f6hnen mir schon von den Sprachmelodien dieser Gestalten, die auf den Europ\u00e4er grotesk wirken. Karikaturen von Besserwissern, die aus der festen \u00dcberzeugung heraus, in allem optimal Bescheid zu wissen, alles zu kontrollieren versuchen \u2013 nur um dann eine sanfte Hauchigkeit auf ihre Stimme zu legen, um den dadurch entstandenen unangenehmen Effekt zu d\u00e4mpfen. Sowas wird man nur \u00fcber Jahrzehnte los, indem man sein Leben \u00e4ndert. Das braucht keiner, dem es gelingt, hier halbwegs angenehm zu leben und die H\u00e4lfte seines Daseins nicht wahrzunehmen.<\/p>\n<p>Obdachlose \u00fcberall. Es ist bitter bitter kalt. Ein mit f\u00fcnf Decken vermummter Mensch sitzt unter einer Bushaltestelle neben einer Werbung f\u00fcr Autisten-Awareness: <i>Avoiding eye contact is one sign of autism.<\/i> Ich wende die Augen ab. Es ist mir zu viel. Die Frauentoilette im letzten Bahnhof wirkte wie ein Irrenhaus des vorvorigen Jahrhunderts, in der Nebenzelle scheuerte eine Hand mit einem Fetzen Klopapier den Boden, jemand sang, und in der Ecke legte eine hochgewachsene Frau mit der Pr\u00e4zision professioneller Haushaltskunst Decken zusammen. Sie wirkte nicht irre.<\/p>\n<p>Die vielen Monumente des Capitols zeigen sich im Caspar-David-Friedrich-Licht, gleich darauf gibt es einen Sonnenuntergang am Potomac, ich st\u00fcrze in US-amerikanische Naturfotografie und muss fast kotzen, als auch noch Wellen um Wellen von G\u00e4nsen \u00fcber den Fluss geflogen kommen. Etwas provoziert mich an diesem Guten und Sch\u00f6nen. Ich denke an sanftstimmige graumelierte <em>nice men<\/em>, die Sachen reparieren k\u00f6nnen und gerne zelten und sensibel auf ihre Frauen eingehen, wenn man sie respektiert, und denke daran, aus Protest durchzudrehen oder so etwas. Was hier als gut gilt, hat eine ausschlie\u00dfende Komponente, die verleugnet wird, sodass es erscheint, als w\u00e4re es Zufall, wenn nicht alle an der G\u00fcte partizipieren. Da ist etwas, etwas wie ein Einwand, was, um geh\u00f6rt zu werden, erst einmal als Nein in Erscheinung tritt. Und gegen\u00fcber, den Blick abwendend, eine Existenz, die komplett unf\u00e4hig ist, effektiv zu sprechen, weil es trotz allen selbstvermindernden Sprechens weiterhin durch seine nicht im Geringsten verminderte Existenz provoziert. Mit dem Rassismus ist es wie mit den meisten anderen Problemen in unserem gespenstischen Posthistoire: Theoretisch herrscht Konsens, dass er abzuschaffen ist, jedoch laufen die Apparate weiter, die ihn aufrechterhalten. All diese Leute, die dagegen sprechen, aber ihr Leben nicht \u00e4ndern, profitieren laufend davon, die Implementierung hinauszuz\u00f6gern.<\/p>\n<p>So leben also viele wie Touristen in der Welt. Ich frage mich, was ich \u00e4ndern kann. Bin ich in meiner Stadt jemand? Es geht nichts alleine, genauso wenig, wie man mit Sprechen allein etwas \u00e4ndern kann. Man braucht die Leute, Freunde, Kollegen vor allem, die Rezipienten deines Verhaltens und Komplizen, wenn Verhalten zu Handeln wird. Tourismus f\u00fchrt direkt zu Gedanken an Ecopoetics, <em>just passing through here<\/em>. Es ist tempor\u00e4r. Ich lerne, wie ernst die Welt ist. Zwischen Fu\u00df und Boden ist nur eine ganz d\u00fcnne Sohle.<\/p>\n<p><i>No friends to bug me, no one to cry with, <\/i><\/p>\n<p><i>business as usual, just getting by with<\/i><\/p>\n<p><i>all of my bulk and some of my charm<\/i><\/p>\n<p><i>if you&#8217;re not going to like me, just do me no harm.<\/i><\/p>\n<p>Wei\u00df dominiert. Es ist wie Schnee, isoliert alles Andere. Ein ausgeblichenes Walgerippe war noch in New York das Einkaufszentrum neben dem World Trade Center und 9\/11-Monument. In Washington glei\u00dfen die klassizistischen Geb\u00e4ude im Marmor, die Zelte in Zeltplane und sogar die Gehsteigplatten aus Zement, <i>candida.<\/i> Schneek\u00f6nigin ist die Assoziation, und ich verstehe die Mode der \u00fcberdimensionalen wei\u00dfen SUVs, aus denen blonde Familien mit Weihnachtsleggings aussteigen. Diese Art von B\u00f6se l\u00e4sst die verspiegelten schwarzen Uber-Wagen hemds\u00e4rmelig aussehen.<\/p>\n<p>Was meine Wei\u00dfheit bedeutet, konkretisiert sich langsam aus fr\u00fcheren Gedanken, dank der Vorstellung des ausgebleichten Skeletts. Farbige aller Art, alle aus unterbewerteten Identit\u00e4ten sich Herausk\u00e4mpfenden sind die Helden von jetzt, f\u00fcr sie fallen Erfolg, das Gute, das Starke, die Lebenskraft und das Sch\u00f6ne in eine Linie. Die, die, wie ich, aus den <i>krusty<\/i> Hallen der etablierten, zerbr\u00f6selnden Herrschaftsidentit\u00e4t kommen, dem abgek\u00fchlten, dekadenten Schorf der Lava der Menschheit, mit zur Kristallbildung neigendem Empfinden, von innen verrotteter Ironisier-Rhetorik, einer \u00fcberoptimierten, theoretischen Superstruktur voll angeh\u00e4ufter moralischer Fails, der Kollapslogik von sinnleerem Wachstum und vor allem aber mit der Dialektik von Scham und Begehren, das sind ab jetzt die Sekund\u00e4ren, die Diener, die Spiegel. Ihre Beschreibungen der Welt sind nicht mehr besonders wertvoll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4768\" aria-describedby=\"caption-attachment-4768\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4768 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/12\/Potomac-620x465.jpg\" alt=\"\u00a9 Ann Cotten\" width=\"620\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/Potomac-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/Potomac-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/Potomac-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4768\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Die Monumente von gestern sind merkw\u00fcrdiger Trash. Es ist erfrischend relevant, den Imam Johari Abdul-Malik zu h\u00f6ren, wie er die Identit\u00e4tsprobleme der Wei\u00dfen anspricht und zugleich auch ein positives Ziel setzt, der den Weg in die Zukunft gemischter Kulturen weist; er ist ein Weg, keine L\u00f6sung. Man muss einander nicht m\u00f6gen, man braucht Rechte und Respekt. Im Grunde braucht es eine Art Amnestie f\u00fcr die Privilegierten, die trotz gegenteiliger Meinungen so an ihren Privilegien klammern, weil sie sich vor der Rache der so lange Unterdr\u00fcckten f\u00fcrchten. Man kann als Wei\u00dfer nur hoffen, dass es viele wie Imam Abdul-Malik gibt, die Frieden und bedingungslosen Respekt auch vor Feinden, Idioten und Arschl\u00f6chern fordern. Denn in einer anderen Kultur ist nie ganz sicher, ob sich nicht herausstellt, dass man die ganze Zeit auf eine ungeahnte Weise idiotisch war, wenn man dort mit der gleichen Hybris anf\u00e4ngt wie man es zu Hause gewohnt ist, nur ohne Unterbau.<\/p>\n<p>*<\/p>\n<p>Eissturm war in Washington. Die Zweige und die Gehsteige sind mit einer durchsichtigen Glasur \u00fcberzogen. Wir schlittern die Hauptstra\u00dfe von Mount Pleasant hinunter, wo hispanische Herren unter Gel\u00e4chter vor dem Kaffee-Grei\u00dfler mit Bierdeckeln Checkers spielen. Auf Fu\u00dfh\u00f6he k\u00fcndigt ein nasses Plakat eine Versammlung in der nahegelegenen All Souls Unitarian Church an, die verschiedene Vereine zusammenbringen will angesichts der zu erwartenden schwierigen Zeiten. Die Kirche ist ein gro\u00dfer, offener Raum, wie ich sie bei progressiven Protestanten auch in Deutschland gesehen habe. Zugleich f\u00fchle ich mich auf den h\u00f6lzernen <i>pews<\/i> sitzend wie in einen Historienfilm versetzt \u2013 oder in eine historische Aufnahme, an einer St\u00e4tte, wo Protestbewegungen und Musikbewegungen entstanden. Die Unitarier stellen eine Vereinigung zweier Kirchen aus dem 18. Jahrhundert dar. Brosch\u00fcren, die sich an diverse Minderheiten wenden, erl\u00e4utern die Offenheit dieser Kirche. Die Mehrheit der Kongregation erscheint ziemlich wei\u00df und wohlmeinend; der Mann mit Namensschild, der mich willkommen hei\u00dft, strahlt die gez\u00fcgelte G\u00fcte organisierten Richtigtuns aus. Das soll keine Kritik sein. Wenn ich in den ersten Wochen USA etwas gelernt habe, so, dass in einem so gro\u00dfen und verschiedenen Land meine idiosynkratischen Instinkte f\u00fcr die Auffassung anderer Menschen nicht ausreichen. Meine Abneigungen, Sympathien und Genervtheiten laufen in die Irre, schon allein durch das Idiom irritiert. Ich brauche hier ein Modell, das Kommunikation mit sehr, sehr unterschiedlich sich ausdr\u00fcckenden Leuten erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>&#8222;<em>We are the fire in the middle of a hailstorm<\/em>&#8222;, er\u00f6ffnet der Pastor Rev. Hardies, ein wei\u00dfer Brillentr\u00e4ger, Typ Seminarist, die Versammlung. &#8222;<em>It&#8217;s hard not to read the weather as a judgement<\/em>&#8222;, pflichtet ihm kurz darauf der Moderator bei. &#8222;Die Kirche muss eine <i>sanctuary<\/i>, ein heiliger Ort der Zuflucht sein.&#8220; Jetzt wird es langsam real. Als erster spricht Carlos Jimenez, ein sympathischer Mann um die 30. Er vertritt die Dachorganisation von \u00fcber 175 Gewerkschaften in der Region. Beim derzeitigen Wachstum der Stadt m\u00fcssten sie 2.000 Neuzug\u00e4nge pro Jahr haben, sagt er, was aber nicht passiert. Die meisten sind heutzutage selbstst\u00e4ndig. Als n\u00e4chster spricht ein pausb\u00e4ckiger, b\u00e4rtiger junger Wei\u00dfer f\u00fcr die Organisationen Repair DC und New Poor People&#8217;s Campaign. Martin Luther King&#8217;s Projekte geh\u00f6ren nicht kommemoriert, sondern fertiggestellt, betont er. Wir m\u00fcssen die verschiedenen <i>issues<\/i>, welche einzelne Interessensgruppen bewegen, miteinander verkn\u00fcpfen, sagt er, so wie die menschenfeindliche \u00d6konomie alles verkn\u00fcpft. Seine Dialektik beeindruckt mich. Sp\u00e4ter lese ich viele seiner Gedanken auf dem Denkmal von Martin Luther King Jr. im Gedenkst\u00e4ttengarten der Hauptstadt, in der D\u00e4mmerung.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4769\" aria-describedby=\"caption-attachment-4769\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4769\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/12\/MLK-Memorial-620x465.jpg\" alt=\"\u00a9 Ann Cotten\" width=\"620\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/MLK-Memorial-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/MLK-Memorial-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/MLK-Memorial-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4769\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es folgt ein \u00e4lterer schwarzer Jurist, der \u00fcber die rechtliche M\u00f6glichkeit, Trumps Pr\u00e4sidentschaft noch zu verhindern, spricht, eine junge Mutter mit pr\u00e4chtigen schwarzen Locken (die Rassenbegriffe versagen langsam, zum Gl\u00fcck) und einem Kind, das, verst\u00f6rt davon, die Stimme der Mutter von \u00fcberallher zu h\u00f6ren, w\u00e4hrend ihrer ganzen Redezeit st\u00f6rt. Sie vertritt eine Organisation, die sich um leistbare Wohnungen k\u00fcmmert, und erinnert daran, dass bei der oft geh\u00f6rten Wendung &#8222;<em>affordable housing<\/em>&#8220; die Frage offenbleibt, f\u00fcr wen. Bei sozialen Wohnprojekten, moniert sie weiters, fehlen augenf\u00e4llig alle gemeinschaftsbildenden Institutionen: Friseur, Grei\u00dfler, Kindergarten, Schuster, Kneipe sind nicht etwa von lokalen Leuten betrieben, sondern von irgendwelchen Ketten; die B\u00fcros haben sich einen Ruf f\u00fcr B\u00fcrokratie und Ineffektivit\u00e4t aufgebaut. Das System, private Firmen zu subventionieren, um sozialen Wohnungsbau durchzuf\u00fchren, funktioniert nicht. Es m\u00fcssen die Grundst\u00fccke vom regul\u00e4ren Markt genommen werden, sagt sie, damit solche Projekte auf einer soliden Grundlage aufbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ein Psychologe erkl\u00e4rt als n\u00e4chstes den Unterschied zwischen kleineren Ver\u00e4nderungen und traumatischen \u00dcbergangsphasen und warnt davor, diese zu schnell verlassen zu wollen in halbgare Normalit\u00e4ten. Kulturelle Ver\u00e4nderung sei notwendig. Mehr Demut und Neugier, zu erzielen in den n\u00e4chsten 20 bis 40 Jahren.<\/p>\n<p>Als letzter Sprecher stiehlt Imam Johari Abdul-Malik allen die Show. Er ist ein Star und stellt sich die Digitaluhr, um seine Redezeit nicht zu \u00fcberschreiten, worauf er sie seelenruhig \u00fcberschreitet, als es piepst. Nach dem kontrollierten New Yorker L\u00e4chelreden des Vorredners ist es, wie ins Freie zu treten, als durch den Imam Johari die Musik einer Rede zu flie\u00dfen beginnt. Die Pausen und das weite dynamische Spektrum seiner Orationskunst weckt bei manchen sichtbar inneren Widerstand; ich kenne das auch, aber die Subtilit\u00e4t des Inhalts von Abdul-Malik kriegt mich immer gerade noch rum, wenn ich beginne, gegen die aufgezwungene Emphase zu rebellieren. Simple, aber \u00fcberraschende Gedanken. Radikale Dialektik. Verdrehungen der Bewertungen, wie ich sie selbst auch gerne versuche, einzusetzen, um eine radikal korrigierte Perspektive mit unver\u00e4ndert feinen Formeln zu bringen.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4770\" aria-describedby=\"caption-attachment-4770\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4770\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/12\/MLK-Memorial-Bild-620x465.jpg\" alt=\"\u00a9 Ann Cotten\" width=\"620\" height=\"465\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/MLK-Memorial-Bild-620x465.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/MLK-Memorial-Bild-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/MLK-Memorial-Bild-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4770\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ann Cotten<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Das hatte mich schon letztes Jahr in London bei Wole Soyinka beeindruckt, der \u00e4hnlich wie der Imam die Partei der unterdr\u00fcckten Klassen mit dem feinsten sprachlichen Besteck ergreift und mit h\u00f6chster Kunst die Messerspitze an die Stelle setzt, die wehtut. So h\u00f6flich, dass man durchaus sich verbeugen w\u00fcrde und die Zustimmung erteilen, zuzustechen \u2013 aber er m\u00f6chte nur zeigen, wie es ist, bietet im n\u00e4chsten Atemzug ganz kameradschaftlich gute Modelle an. Er macht vor allem den Schwarzen Vorw\u00fcrfe, damit klarstellend, dass er mit den Wei\u00dfen gar nicht redet \u2013 ein Zurechtr\u00fccken des Sprechens \u00fcber Rassismus, das l\u00e4ngst f\u00e4llig ist. &#8222;<i>We started feeling good with ourselves; we are caught up in a temple of our familiarity.<\/i>&#8220; (&#8222;Wir begannen, uns rechtschaffen und unter uns wohlzuf\u00fchlen; wir haben uns im Tempel der Vertrautheit verfangen.&#8220;)<\/p>\n<p>Abdul-Malik erinnert an die in Armut lebenden Wei\u00dfen, die etwa in den ber\u00fchmten Kohleminen der Appalachen arbeiten. &#8222;<i>This idiot says he&#8217;s gonna bring back coal mining jobs.<\/i>&#8220; Er habe einmal den Job gehabt, erz\u00e4hlt er, die handgeschriebenen Dokumente der Krankenkasse in einer Kohlestadt in Computer zu \u00fcbertragen. &#8222;<i>I saw what these men died from.<\/i>&#8220; Auf dem Boden dieses Realismus gibt der Imam eine vernunftbasierte Richtung vor. &#8222;<i>It doesn&#8217;t mean liking each other. It means if a person gets fired, he has certain rights.<\/i>&#8220; In Fragen des Zusammenlebens habe die USA einige Erfahrungen und potenzielle Vorbildfunktion. Was bedeutet es, Amerikaner zu sein? Gewisse Werte, die Rasse, Geschlecht und Klasse transzendieren. Wenn irgendwer die Welt lehren kann, was es bedeutet, Rassismus zu <i>zerlegen<\/i>, dann sind es wir, schlie\u00dft der intellektuelle Radikale Imam Johari Abdul-Malik. Danach gibt es eine Diskussion.<\/p>\n<p>&#8222;<i>How can you build a union if you don&#8217;t have one to join?<\/i>&#8222;, ist die gute Frage einer Zuh\u00f6rerin. Sie bekommt verschiedene Tipps. Der pausb\u00e4ckige Dialektiker mahnt, an der griffigen Kante zu bleiben und f\u00fcr den Anfang den Kreis seiner Bekanntschaften und Zeitvertreibe zu erweitern. Man solle sich besonders auf \u00fcberraschende strategische Kooperationen konzentrieren: Mit Menschen anderer Gesinnung und mit anderen Interessen zu tun zu haben, erst das kn\u00fcpft ein festes, \u00fcber weite Strecken spannbares Netz. &#8222;<i>If your coalition is easy, your coalition isn&#8217;t big enough.<\/i>&#8220; In seiner Heimat North Carolina habe sich etwa der republikanische B\u00fcrgermeister mit linken Gruppen verb\u00fcndet, um sein Spital zu retten, da die Firma, an die es verkauft worden war, die Filiale aufl\u00f6ste und Leute andauernd starben. Der Gewerkschaftsf\u00fchrer ruft mit starken Worten zum Heldentum auf und erntet einen Ellbogenstupser von Abdul-Malik, der das k\u00e4mpferische Vokabular des Genossen reflektiert: Als Muslim k\u00f6nnte er nie so etwas sagen, er w\u00fcrde wie ein Dschihadist wirken. Abdul-Maliks pazifistischer Patriotismus wirkt wie ein freundliches Spiel, todernst aber in seinem Bezug auf die Konstitution. <i>These are the rules of our common game.<\/i><\/p>\n<p>Constitution Avenue zieht sich denn auch wie ein R\u00fcckgrat durch die Gr\u00fcnanlagen des hauptst\u00e4dtischen Pathosparks, der sich uns heute lieblich in Caspar-David-Friedrich-Licht zeigt. Hochzeitspaare lassen sich vor dem Lincoln-Denkmal fotografieren. Familien aller Rassen und Klassen, neugierig, skeptisch, klettern \u00fcber die Stufen ihres gemeinsamen Symbols im Freimaurerstil. Deren Tempel, wie einem utopischen Riss des 18. Jahrhunderts entstiegen, steht monumental in der 16th Street zwischen anderen Botschaftsvillen und Prachtbauten, einen Ableger sehen wir in einem Hinterhof in Tacoma. Im Westen seien die Freimaurer verbreiteter, erkl\u00e4rt unsere Gastgeberin, wie andere geheime Clubs f\u00fcr Philanthropie und gegenseitige Aufstiegshilfe. Hier in den St\u00e4dten im Osten sind die Leute zu besch\u00e4ftigt, um sich viel mit solchen Vereinen zu befassen.<\/p>\n<p>Ich rede so, dass es mich selbst nervt. Auch mein Stil auf Deutsch f\u00e4llt mir schwer, es ist, als dr\u00e4ngten sich amerikanische Satzstrukturen sich von hinten hinein. Und meine konziliatorische Haltung treibt l\u00e4cherliche Bl\u00fcten, ich kann die \u00dcbertreibung nicht navigieren und versuche sie trotzdem, um nicht verschlossen zu wirken, ebenso wie beim Trinkgeld, f\u00fcr das ich kein Gef\u00fchl habe. Das Essen ist saum\u00e4\u00dfig teuer, und man gibt 20 Prozent, das tut der Tasche weh. Vermutlich bin ich mit meinen Schmerzen den Urspr\u00fcngen der ber\u00fchmten US-amerikanischen Freundlichkeit auf der Spur, die mir immer so aufstie\u00df. Sie t\u00e4uscht den Unbedarften: Sie ist echt, verspricht aber nicht, was eine Europ\u00e4erin von solcher Herzlichkeit weiter erwartet. Sie ist mir also zu generisch, zu oberfl\u00e4chlich, und als ich klein war, f\u00fchlte ich mich von ihr vollkommen zertrampelt, ohne eine Chance, mich gegen so eine erstickende Positivit\u00e4t zu behaupten, au\u00dfer durch ein finsteres Gem\u00fct. Dieses Gef\u00fchl stellt sich als die banale Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Sympathie heraus, die ich tendenziell mit allen Schimpfern und allen zornigen Verr\u00fcckten dieses Landes empfinde.<\/p>\n<p>Als mich in der U-Bahn ein langer, am Mund sch\u00e4umender, afroamerikanischer Typ mit glotzenden Augen anprovoziert, und dann zwei lesbische Studentinnen mich retten wollen, indem sie ihm laut und deutlich sagen, dass es nicht okay ist, beschwichtige ich die beiden, <em>he&#8217;s just crazy<\/em>. Bedanke mich z\u00e4hneknirschend bei ihnen, \u00fcberblicke die Szene, in der ich auf jeden Fall die Idiotin bin, was ich nicht unbedingt durch Machtworte \u00e4ndern m\u00f6chte. Eine hispanische Familie hat n\u00e4mlich gefilmt, wie der Sch\u00e4umende mich nachahmte, und kann nicht aufh\u00f6ren, \u00fcber das Video zu lachen, w\u00e4hrend die asiatische Lesbin, die im Sinne von Zeugenschaft auch mitfilmte, schimpft, dass es nicht okay ist, dass sie dar\u00fcber lachen. Ich sage, es ist voll okay, frage aber die Familie nicht, was eigentlich so lustig war. Melancholisch meine ich, ich kann nicht in jeden Raum hinein. Bin aber nerv\u00f6s, dass mein Stockholm-Syndrom schlicht zeigt, dass ich nicht bis in die Tiefe erfasst habe, worum es ging. Gewalt hat n\u00e4mlich schon eine Aussage. Sie ist quantitativ und markiert den Unterschied zwischen Praxis und Theorie.<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/fly-over-usa\/\">Alle Folgen von &#8222;Fly-over USA&#8220;: Ist das schon das neue Amerika? Die Schriftstellerin Ann Cotten bereist das Land nach der Wahl von Donald Trump.<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit Rassismus ist es wie mit vielen Problemen: Es herrscht der Konsens, ihn abzuschaffen, aber die Apparate laufen weiter, die ihn aufrechterhalten. 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