{"id":4787,"date":"2017-01-03T08:00:58","date_gmt":"2017-01-03T07:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4787"},"modified":"2017-01-01T11:59:19","modified_gmt":"2017-01-01T10:59:19","slug":"sibirien-heiliges-wasser-poladjan-fritsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/01\/03\/sibirien-heiliges-wasser-poladjan-fritsch\/","title":{"rendered":"Heiliges Wasser ist die Rettung"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den vergangenen Monaten wurde der Sinn f\u00fcr apokalyptische Szenarien gesch\u00e4rft. Ist Auswandern die L\u00f6sung? Wenn ja, nach Hintersibirien oder lieber in die Schweiz?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4790\" aria-describedby=\"caption-attachment-4790\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-4790\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2016\/12\/freitext-sibirien-620x349.jpg\" alt=\"Credit: Henning Fritsch\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/freitext-sibirien-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/freitext-sibirien-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2016\/12\/freitext-sibirien-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4790\" class=\"wp-caption-text\">Copyright: Henning Fritsch<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Der Text verwendet Ausz\u00fcge aus dem Buch <\/em>Hinter Sibirien \u2013 Eine Reise nach Russisch-Fernost<em> von Katerina Poladjan und Henning Fritsch, erschienen im Herbst 2016 im Rowohlt Berlin Verlag.<\/em><\/p>\n<p>Zur heiligen Quelle Molokanka f\u00e4hrt eine Marschrutka. Der Begriff Marschrutka stammt vom deutschen Wort Marschroute ab. Das Ding selbst ist ein Kleinbus, ein Linientaxi. Mit drei weiteren Fahrg\u00e4sten, die alle leere Plastikflaschen bei sich tragen, spekulieren wir, wo der Fahrer geblieben sein k\u00f6nnte. Katerina und ich glauben, er g\u00f6nnt sich vielleicht noch ein Schaschlik auf die Hand, die anderen Fahrg\u00e4ste aber sind misstrauischer und wollen die Miliz rufen. Heutzutage m\u00fcsse man auf das Schlimmste gefasst sein. Was das Schlimmste sein k\u00f6nnte, wollen wir wissen, und alle schweigen, denken nach. Gute Frage, damals in Hintersibirien im M\u00e4rz 2015.<!--more--><\/p>\n<p>Eineinhalb Jahre sp\u00e4ter steigen wir im feinen dichten Nieselregen \u00fcber kolossale Steinquader, die aussehen, als machten sie nur eine kurze Pause, weil Gott \u2013 auf diesem Berg hei\u00dft er Zeus \u2013 gerade die Zeit angehalten hat. Gleich werden die Brocken weiter purzeln, die steilen H\u00e4nge hinunter, unten im nebligen Tal krachend zur Ruhe kommen. Unser Sohn sammelt dicke Schnecken, denen das feuchte Wetter lieber ist als uns, und denen die Geschichte dieses Ortes offenbar ziemlich egal ist. Wir sind in Mykene, Griechenland.<\/p>\n<p>Wenige Wochen danach, der d\u00fcnne Sonnenlack des kurzen Griechenlandurlaubs ist l\u00e4ngst von unseren Gesichtern gebl\u00e4ttert, sieht man auf dem Titel des <i>Spiegel<\/i> einen kolossalen Kopf mit wehenden gelben Haaren im rasenden Flug auf eine kleine blaue Erde zusteuern. Donald Trump hat die Wahl gewonnen. Er k\u00f6nnte die kleine blaue Erde verschlucken, suggeriert das Bild.<\/p>\n<p>Ich reiche Katerina das Heft. &#8222;Dekapitiert&#8220;, sagt sie, und wir denken an einen anderen dicken Kopf ohne Rumpf: In Transbaikalien, in der russischen Stadt Ulan-Ude, nicht weit von der Grenze zur Mongolei, steht die gr\u00f6\u00dfte Portr\u00e4tb\u00fcste der Welt. Der alte Lenin schielt dort \u2013 ziemlich unvorteilhaft beleuchtet und mit einem sauberen Schnitt im Nacken \u2013 in die postsozialistische Nacht.<\/p>\n<p>In unsere K\u00fcche tr\u00f6delt die Uhr der Zeit in Ulan-Ude neun Stunden hinterher. Wir beenden unser Mittagessen schweigend, jeder h\u00e4ngt seinen Gedanken nach: Was ist denn das Schlimmste? Ist das jetzt das Schlimmste? Oder ist es ein Vorzeichen auf das Schlimmste?<\/p>\n<p>Was wird, wenn es nicht bleibt, wie es ist? Der M\u00f6glichkeitssinn f\u00fcr apokalyptische Szenarien ist gesch\u00e4rft.<br \/>\nUnd wohin fliehen?<br \/>\nAufs Land?<br \/>\nAber w\u00e4re man auf dem kleinen Bauernhof im Brandenburgischen oder in der Mecklenburgischen Seenplatte sicher vor dem Zugriff und den Zumutungen eines neuen Ungeistes?<br \/>\nNach Griechenland?<br \/>\nAber das idyllisch-arme Arkadien, in dem mutma\u00dflich gl\u00fcckliche Alte zwei S\u00e4cke Oliven auf einem Esel ins n\u00e4chste Dorf bringen, ist l\u00e4ngst untergegangen. Leonard Cohen hat es noch erlebt, dort schrieb er <em>Suzanne<\/em>, jetzt ist er tot. Ach, ach.<br \/>\nIn die Schweiz?<br \/>\nDie Schweiz ist zu teuer und \u2013 so h\u00f6rt man \u2013 sowieso schon voll.<br \/>\nKaterina bringt die Wildnis am Baikalsee als Auswanderungsziel ins Spiel.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p class=\"first-paragraph\">Henning will nicht in der Wildnis leben. Jetzt sitzen wir im vorweihnachtlichen Berlin fest, und ich blicke auf meinen Schreibtisch. Ich w\u00fcnschte, ich h\u00e4tte einen aufger\u00e4umten Schreibtisch. Ein Blatt Papier, ein Bleistift, ein Glas und eine Karaffe mit stillem Wasser, mehr sollte nicht darauf zu sehen sein. Vielleicht noch etwas H\u00fcbsches, Nutzloses \u2013 ein antiker Briefbeschwerer zum Beispiel, ein Stein aus Mykene.<\/p>\n<p>Leider liegen auf meinem Schreibtisch viele andere Dinge, und weil dort so viele Dinge liegen, legen andere Mitbewohner ihre Dinge zu meinen Dingen. Deswegen ist mein Schreibtisch eine Welt von Dingen.<\/p>\n<p>Unter diesen Dingen befindet sich auch ein winziges Fl\u00e4schchen, es ist gef\u00fcllt mit heiligem Wasser.<\/p>\n<p>Meine Gro\u00dfmutter Ljudmila hat gesagt: &#8222;Wenn du in die N\u00e4he einer russischen Heilwasserquelle kommst, mein Schw\u00e4lbchen, bring mir etwas mit. Nur russisches Heilwasser kann mich retten.&#8220;<br \/>\nKann das Wasser auch mich retten?<\/p>\n<p>Gut, dass damals in Hintersibirien der Fahrer der Marschrutka schlie\u00dflich kam und sehr langsam den Bus zum Einsteigen \u00f6ffnete.<br \/>\n&#8222;Nun, V\u00e4terchen, wo bist du denn gewesen?&#8220;, wollte eine Dame mit Nerzhut wissen.<br \/>\n&#8222;Und du bist des Pr\u00e4sidenten Sekret\u00e4rin, oder warum muss ich dir das sagen?&#8220;, entgegnete er.<br \/>\n&#8222;Nimm mal den Mund nicht zu voll, schau dir lieber an, mit wem du sprichst, ich k\u00f6nnte deine Mutter sein.&#8220;<br \/>\n&#8222;Bist du aber nicht, M\u00fctterchen, bist du nicht. Und nun alle einsteigen miteinander!&#8220;<br \/>\nWir wollten eine Fahrkarte kaufen, aber der Fahrer winkte ab, er habe sein Wechselgeld vergessen. Henning zog die Schiebet\u00fcr mit einem gewaltigen Rumms zu, sie sprang sofort wieder auf. &#8222;Die T\u00fcr soll man mit Seele schlie\u00dfen, nicht mit Leidenschaft&#8220;, erkl\u00e4rte der Fahrer. Henning scheiterte ein weiteres Mal an der T\u00fcr, der Fahrer stieg wieder aus, umrundete den Wagen und schloss die T\u00fcr mit Seele.<\/p>\n<p>Dann ging es los. Unterdessen telefonierte die Dame mit dem Nerzhut, erz\u00e4hlte einer Tanja am anderen Ende lautstark von der unglaublichen Unversch\u00e4mtheit, die sich der Fahrer mit seiner Versp\u00e4tung geleistet habe. Schon bald rasten wir \u00fcber leere Waldstra\u00dfen. Lauter Zirbelkiefern, die K\u00f6niginnen der B\u00e4ume. Birken und B\u00e4ren wollte die Dame mit dem Nerzhut hier schon gesehen haben. Die Birken sahen wir auch.<\/p>\n<p>Wir hielten auf einem gro\u00dfen Parkplatz mitten im Wald. Am Rand des Platzes duckten sich Verschl\u00e4ge unter den B\u00e4umen, Schaschlik war mit abbl\u00e4tternder Farbe auf die geschlossenen L\u00e4den gemalt. An der Stirnseite \u00f6ffnete sich der Platz zu einer Lichtung, dort war die Quelle, \u00fcberbaut mit einer H\u00fctte, deren Form vage an eine Kirche erinnerte. Die Dame mit dem Nerzhut bekreuzigte sich dreimal. &#8222;Kommt, ich zeige euch alles&#8220;, sagte sie zu uns und schob uns aus dem Bus.<\/p>\n<p>Wir waren nicht die Einzigen, die an heiligem Quellwasser interessiert waren, vor dem H\u00e4uschen hatte sich eine Schlange gebildet. Alle hatten leere Beh\u00e4lter mitgebracht, Flaschen, Eimer, Kanister. Jene, die mit gef\u00fcllten Gef\u00e4\u00dfen wieder herauskamen, nahmen entweder schon einen Schluck oder betupften mit dem Wasser die Stirn und die Stirn ihrer Kinder. Wir stellten uns hinter die Dame mit dem Nerzhut, hinter uns wartete der Mann mit der Zeitung. Er zwinkerte uns zu. Henning trank seine Cola-Flasche leer, sp\u00e4ter w\u00fcrden wir das heilige Wasser in w\u00fcrdigere Gef\u00e4\u00dfe abf\u00fcllen. Alle schwiegen und warteten.<br \/>\nWenn ich mit meiner Gro\u00dfmutter fr\u00fcher in Moskau in der Schlange stand f\u00fcr Strumpfhosen, Kalbfleisch, Petersilie, gab es immer jemanden, der die Nerven verlor und kurz vor dem Ziel laut schimpfend auf die Welt und den Staat aufgab. &#8222;Recht hat er, mein Schw\u00e4lbchen, aber bringen tut es ihm nichts, der eine kriegt die Brezel und der andere das Loch in der Brezel&#8220;.<br \/>\nDie Dame mit dem Nerzhut drehte sich zu uns um und fl\u00fcsterte: &#8222;Gleich seid ihr dran. Wenn ihr hineingeht, bekreuzigt euch.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wir sind nicht gl\u00e4ubig.&#8220;<br \/>\n&#8222;Trotzdem. Jeder ist gl\u00e4ubig.&#8220;<br \/>\n&#8222;Wer hat entschieden, dass das Wasser heilig ist, ist es nicht einfach gesund, weil es sehr mineralstoffhaltig ist?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wenn ihr euch das fragt, d\u00fcrft ihr nicht hier sein.&#8220;<\/p>\n<p>In der H\u00fctte gab es einen riesigen Eisblock, aus dem ein kleiner Hahn herauslugte und in einem d\u00fcnnen Strahl etwas tr\u00fcbes Wasser ausspuckte. Wir bef\u00fcllten unsere Flaschen und nahmen einen Schluck aus dem Hahn. Es schmeckte salzig und ein wenig nach Schwefel. Ich sp\u00fcrte die Wirkung sofort. Mein Kopf wurde klar, die Haut weich und glatt, negative Gedanken, Erinnerungen und Verspannungen im unteren R\u00fccken l\u00f6sten sich in nichts auf. Ich nahm noch einen Schluck, und alles war wie vorher. Wir machten dem Mann mit der Zeitung Platz und verlie\u00dfen die heilige St\u00e4tte.<br \/>\nAuf der R\u00fcckfahrt nach Tschita trafen wir in der Marschrutka wieder die Dame mit dem Nerzhut. Eine der vielen Flaschen der Dame hatte ein Loch und das heilige Wasser sickerte leise auf den Boden. Sie winkte ab, &#8222;was soll&#8217;s, ist nur heiliges Wasser&#8220;.<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlte sie, dass sie gleich auf den Markt f\u00fchre, sie wolle Gurken einlegen, ihre Tochter werde heiraten, und sie freue sich auf viele Enkelkinder, aber sie frage sich, ob man heutzutage Kinder in die Welt setzen d\u00fcrfe, es seien ja Kriegszeiten. In jeder Zeitung lese sie nun eine andere Wahrheit. &#8222;Fr\u00fcher gab es nur eine Wahrheit, sie stand in der <i>Prawda<\/i>, auch wenn es nicht die Wahrheit war.&#8220; Sie machte eine Pause und sah aus dem Fenster. Auf ihrer Brille spiegelten sich die vor\u00fcberfliegenden B\u00e4ume.<br \/>\n&#8222;Und wie es bei euch so?&#8220;, fragte sie und l\u00e4chelte. &#8222;Ist bei euch alles fein?&#8220;<br \/>\n&#8222;Nein, bei uns ist nicht alles fein.&#8220;<br \/>\n&#8222;Seht ihr. Jetzt ist es bei uns ein wenig wie bei euch, aber ich wei\u00df nicht, wie es bei euch ist. Ich habe meine Schwester einmal in Holland besucht. Es geht ihr gut. Und ich bin hier geblieben. Mich k\u00f6nnen die bunten Papierchen nicht beeindrucken. Ich bin eine andere Generation. Ich habe an die Idee geglaubt. Wenn auch nicht mit ganzer Seele. Kann man an etwas mit ganzer Seele glauben? Geht das? Vielleicht an das Wasser. Das geht. Das beruhigt die Seele. Gleich steigen wir aus. Wohin fahrt ihr?&#8220;<br \/>\n&#8222;Wir bringen diese Flasche heiliges Wasser meiner Gro\u00dfmutter in Berlin. Und vorher fahren wir noch nach Ulan-Ude.&#8220;<\/p>\n<p>Gestern ist meine Gro\u00dfmutter vierundneunzig Jahre alt geworden, und sie erfreut sich bester Gesundheit. Ein wenig von dem Wasser habe ich f\u00fcr alle F\u00e4lle f\u00fcr mich behalten. Auf meinem Schreibtisch ist das Fl\u00e4schchen Teil der Unordnung. Ich bin gerettet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den vergangenen Monaten wurde der Sinn f\u00fcr apokalyptische Szenarien gesch\u00e4rft. Ist Auswandern die L\u00f6sung? Wenn ja, nach Hintersibirien oder lieber in die Schweiz? 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