{"id":4840,"date":"2017-01-13T06:00:59","date_gmt":"2017-01-13T05:00:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=4840"},"modified":"2017-01-12T14:13:12","modified_gmt":"2017-01-12T13:13:12","slug":"sibirien-demokratie-populismus-nawrat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/01\/13\/sibirien-demokratie-populismus-nawrat\/","title":{"rendered":"Wovon tr\u00e4umen die Menschen in Sibirien?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Immer mehr Menschen verlieren den Glauben an die Demokratie. Wie kann das sein? Auf einer Reise an die R\u00e4nder Europas, nach Nowosibirsk, beginnt man zu verstehen.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4846\" aria-describedby=\"caption-attachment-4846\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-4846\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/01\/freitext-sibirien-1024x576.jpg\" alt=\"\u00a9 Valery Titievsky\/AFP\/Getty Images\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/01\/freitext-sibirien-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/01\/freitext-sibirien-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/01\/freitext-sibirien-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4846\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Valery Titievsky\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>In den letzten Monaten habe ich beinahe ununterbrochen dunkle Gedanken. Eines der wichtigsten Ereignisse im Leben meiner Eltern war unsere Auswanderung von Polen in die BRD. Meine Eltern hatten ihre Jugend und die ersten Jahre ihres Familienlebens unter einer kommunistischen Diktatur verbracht, weshalb unsere Ankunft im demokratischen Westen f\u00fcr sie wirtschaftliche Selbstbestimmung, die Freiheit, zu denken und zu \u00e4u\u00dfern, was sie wollten, und ein Ende der staatlichen Willk\u00fcr bedeutete. <!--more-->Wie kann es sein, so frage ich mich, dass es heute in Europa, rund 25 Jahre nach dem Mauerfall, Menschen gibt, die nicht mehr an die demokratischen Institutionen glauben und populistische Parteien w\u00e4hlen? Parteien, die, wie man es am Beispiel der<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2016-10\/polen-pis-regierung-kaczynski\"> polnischen PiS<\/a> sieht, die Unabh\u00e4ngigkeit der Gerichte und der Medien einschr\u00e4nken, sobald sie an der Macht sind, und Fremdenhass sch\u00fcren. Ich liege manchmal nachts wach, weil ich es nicht begreifen kann.<\/p>\n<p>Den September des letzten Jahres verbrachte ich auf Einladung des Goethe-Instituts in Nowosibirsk, und ich meine, dort viel verstanden zu haben, vielleicht durch die Entfernung von zu Hause. Allm\u00e4hlich wird mir immer klarer, dass Russland einen Schl\u00fcssel darstellen k\u00f6nnte zum Verst\u00e4ndnis der politischen und gesellschaftlichen Vorg\u00e4nge auch hier bei uns. Ich denke oft \u00fcber diesen meinen Monat in Sibirien nach, hinter dem Ural.<\/p>\n<p>Am Tag meiner Ankunft \u2013 es war mein Geburtstag \u2013 lernte ich die Gastfreundschaft der in Nowosibirsk lebenden Leute kennen. Aber ich begann auch bereits den Abgrund zu sp\u00fcren, der mich von ihnen trennt. Elena und Natascha vom Goethe-Institut luden mich in eine Bar ein. Bei einem Bier sprachen wir \u00fcber ihre Lieblingskneipen in Berlin, \u00fcber Serien und \u00fcber B\u00fccher. Wir sprachen \u00fcber den Druck seitens ihrer Eltern und Freunde, so schnell wie m\u00f6glich zu heiraten und Kinder zu bekommen. Ich empfand eine gro\u00dfe Sympathie f\u00fcr sie als Menschen in meinem Alter, die ihr Leben mit allen dazugeh\u00f6renden konkreten menschlichen Problemen f\u00fchrten.<\/p>\n<p><strong>Pelz und High Heels<\/strong><\/p>\n<p>Dann kam das Gespr\u00e4ch auf die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2016-06\/ukraine-krise-russland-eu-krim-sanktionen-verlaengerung\">Krim<\/a>. Neunzig Prozent der Krimbewohner h\u00e4tten in einem inoffiziellen Referendum daf\u00fcr gestimmt, an Russland angeschlossen zu werden, sagte Natascha. Sie verstehe nicht, warum die Europ\u00e4er die Annexion als Problem ans\u00e4hen. Au\u00dferdem sei die Krim <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2014-03\/russland-ukraine-geschichte\">ein Geschenk Chruschtschows <\/a>an die Ukraine gewesen, sie geh\u00f6re also eigentlich noch immer Russland. Diese Logik traf mich ganz unvorbereitet. Es schien pl\u00f6tzlich aus Natascha etwas zu sprechen, angesichts dessen mir mein Argument von der Verletzung des V\u00f6lkerrechts ganz schw\u00e4chlich vorkam. Als Argument f\u00fcr die Verbindlichkeit von internationalen Absprachen schien es mir zu einer anderen, von Nataschas Argumenten ganz unabh\u00e4ngigen Sph\u00e4re zu geh\u00f6ren. Ich f\u00fchrte es trotzdem aus, worauf Natascha antwortete, dass die Krim russisch sei, schlie\u00dflich habe Katharina die Gro\u00dfe sie vor 250 Jahren von den Tataren erobert. F\u00fcr einen Augenblick kam mir meine europ\u00e4ische Position, die doch auf Kants universalem moralischen Vernunftgedanken, der Erfahrung des Grauens im letzten Weltkrieg und auf dem Wissen um die Realit\u00e4t der Gaskammern basierte, erschreckend relativ vor.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen sah ich in der Stadt Matrosen, Polizisten und Korporale. Menschen mit chinesischen Gesichtsz\u00fcgen. Tataren. Eine Frau in Pelz und High Heels, geschminkt wie ein Model. Eine junge Frau in schwarzem Mantel, mit schwarz gef\u00e4rbten Haaren und bleich geschminktem Gesicht ging an mir vorbei, ich tauchte durch die Vanilleduftwolke ihrer elektronischen Zigarette. Auf einem Platz vor einem Park spielte eine Punkband, der Bassist und der Schlagzeuger trugen Sonnenbrillen. Ich sah Usbeken, Kasachen, Mongolen. Ich wurde auf einen Empfang im Rahmen eines Dokumentarfilmfestivals eingeladen und sprach dort mit der Festivaldirektorin, die aus dem Ural stammte und 1986 Kamerateams nach Tschernobyl geschickt hatte. Ich unterhielt mich mit einem italienischen Dokumentarfilmer, einer amerikanischen Dichterin und \u00dcbersetzerin und einem schwedischen Diplomaten aus Moskau, der mit mir fehler- und akzentfrei Polnisch sprach.<\/p>\n<p>An einem Samstagvormittag ging ich zu einer Friseurin, die Englisch sprach. Als sie mich kurz zu warten bat und im hinteren Bereich des Ladens verschwand, stand ich alleine etwas herum. Eine andere Angestellte tauchte auf und stellte mir Fragen auf Russisch, die ich nicht verstand, sodass sich alle Angestellten im Laden aufgeregt auf die Suche nach der Verschwundenen machten.<\/p>\n<p><strong>Stalins Konterfei<\/strong><\/p>\n<p>Ich begriff allm\u00e4hlich, dass der K\u00f6rper dieses Landes, hier hinter dem Ural, ganz in sich ruht, seit Jahrhunderten. Nowosibirsk ist dreieinhalb Tage mit dem Zug von Moskau entfernt. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Gro\u00dfteil der russischen Kriegsindustrie nach Sibirien verlegt. Im Kalten Krieg war das St\u00e4dtchen Akademgorodok in der N\u00e4he von Nowosibirsk eines der Zentren der Sowjetischen Forschung in den Bereichen Teilchenphysik, Genetik und Milit\u00e4rtechnik. Hier ist Russland, sp\u00fcrte ich, vor jeder europ\u00e4ischen Armee sicher, vor jedem Europa. Natascha hat polnische Vorfahren, die vom letzten Zaren in eine sibirische Kolonie deportiert worden waren. Andere haben usbekische, kasachische oder mongolische Vorfahren, weil Stalin ganze Volksgruppen aus einem Landstrich in einen anderen verschoben hat, um sie zu Sowjetmenschen ohne eigene Geschichte zu machen. Das, was f\u00fcr uns Europ\u00e4er Englisch ist, ist hier Russisch.<\/p>\n<p>Von Tag zu Tag sp\u00fcrte ich deutlicher etwas, das mir bekannt vorkam.<\/p>\n<p>In der Stadt sprach man zu der Zeit von einem Ereignis, das alle den <em>Tannh\u00e4user<\/em>-Fall nannten. Ein Regisseur hatte ein paar Monate zuvor <em>Tannh\u00e4user<\/em> inszeniert und darin eine nackte Frau an einem Kreuz gezeigt. Die orthodoxe Kirchengemeinde von Nowosibirsk war emp\u00f6rt gewesen, Menschen hatten vor dem Operngeb\u00e4ude auf dem Lenin-Platz gegen die Auff\u00fchrung des St\u00fccks demonstriert. Der Intendant der Oper wurde entlassen. Der neue Intendant setzte das St\u00fcck ab, trotz der Proteste anderer Stadtbewohner.<\/p>\n<p>Putin stilisiere sich gerne als Verteidiger der christlichen Werte, sagte Konstantin, der in Nowosibirsk geboren und aufgewachsen ist und mir an einem Nachmittag eine historische Stadtf\u00fchrung gab. In den staatstreuen russischen Medien lasse er Europa als dekadent und islamfreundlich und als Gefahr f\u00fcr das christliche Abendland darstellen.<\/p>\n<p>In jedem Metro-Durchgang der Stadt, in jedem Park kamen wir an Stellw\u00e4nden mit Fotografien von jungen M\u00e4nnern in Uniform vorbei, die im Kampf gegen Nazi-Deutschland gefallen waren. Die Erinnerungen an den Vaterl\u00e4ndischen Krieg und die Millionen von Menschen, die ihr Leben lie\u00dfen, auch f\u00fcr Europa, sind in der ganzen Stadt pr\u00e4sent. Tats\u00e4chlich sollte man das anerkennen; Russland hat im Zweiten Weltkrieg ohne Zweifel unvorstellbar gelitten. An einem Tag im Jahr fahren in ganz Russland Busse, auf deren Seitenw\u00e4nde die Besitzer das Konterfei Stalins aufgemalt haben. Es gibt Menschen in der Bev\u00f6lkerung, die dagegen protestieren und daran zu erinnern versuchen, dass Stalin ein Massenm\u00f6rder war. Aber immer mehr Leute haben die Sowjetzeit nicht selbst erlebt, sie sind stolz auf ihren gro\u00dfen Staatsmann. Die Regierung unterst\u00fctzt diesen nationalen Stolz, kontextualisiert ihn nicht.<\/p>\n<p><strong>Moderner Gro\u00dfinquisitor<\/strong><\/p>\n<p>Wovon tr\u00e4umen die Menschen in Sibirien, fragte ich mich immer wieder. Mitte des Monats fuhr ich mit der Sibirischen Eisenbahn in die Nachbarstadt Krasnojarsk. Auf der R\u00fcckfahrt traf ich im Zug Pawel. Er wollte sein Englisch \u00fcben, schaute vor jedem dritten Wort zur Decke des Abteils, rang mit den H\u00e4nden, lachte und sagte dann doch ein russisches, das ich mit meinem Polnisch verstand. Seine Firma verkaufe Elektrobauteile, erz\u00e4hlte er mir. Er habe eine Freundin, sie seien aber nicht verheiratet, er wohne noch immer bei seinen Eltern. Ich w\u00fcrde mir gern eine eigene Wohnung leisten k\u00f6nnen, sagte er. Ich w\u00fcrde au\u00dferdem gern nach Europa reisen. Matthias, wohin w\u00fcrdest du gerne reisen? Ich w\u00fcrde gerne einmal mit dem Auto durch die USA fahren, sagte ich. Ja, das w\u00e4re interessant, rief er und lachte wieder. Dann wurde sein Gesicht ernst. Russland exportiere nichts au\u00dfer \u00d6l und Holz. Der \u00d6lpreis falle, und sofort sei der Rubel nur noch die H\u00e4lfte wert. Ich wei\u00df nicht, wovon wir in Zukunft leben sollen, sagte er. Dann fragte er, wie es mit den Fl\u00fcchtlingen in Deutschland eigentlich wirklich sei, denn er wisse, dass er vom Fernsehen und den anderen Medien angelogen werde.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in Nowosibirsk sah ich junge M\u00e4dchen, die sich im Park gegenseitig mit ihren iPhones fotografierten. Vor jedem Plattenbau waren die Parkpl\u00e4tze \u00fcberf\u00fcllt mit den neusten asiatischen Autos. In den Randbezirken der Stadt, zwischen den Plattensiedlungen, sah ich Holzbaracken, in denen Menschen wohnten \u2013 hinter Z\u00e4unen aus Holzt\u00fcren und Plastikplanen.<\/p>\n<p>Ich musste jetzt immer h\u00e4ufiger an die Legende vom Gro\u00dfinquisitor aus <em>Die Br\u00fcder Karamasow<\/em> von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/literatur\/buchspezial\/frankfurt2003\/dostojewskij\">Dostojewski<\/a> denken. Ivan Karamasow, der an den Gr\u00e4ueln der Kriege seiner Zeit und der Verrohung der Menschheit verzweifelt, erz\u00e4hlt sie seinem Bruder Aljoscha, dem M\u00f6nch, der scheinbar unverw\u00fcstlich an das Gute im Menschen glaubt. Ivans Erz\u00e4hlung beginnt mit einer Bibelszene, in der Jesus auf seiner Wanderung durch die W\u00fcste vom Teufel versucht wird. Der Teufel bietet ihm ein echtes Wunder an, auf Basis dessen die Menschen ohne jeden Zweifel an ihn zu glauben beginnen w\u00fcrden. Aber Jesus lehnt ab, er will, dass die Menschen sich aus freien St\u00fccken f\u00fcr ihn entscheiden, auch wenn sie nicht sicher sein k\u00f6nnen, ob sie nach dem Tod wirklich etwas erwartet. Ivan Karamasow f\u00fcgt in seiner Erz\u00e4hlung einen neuen Teil hinzu: Zur Zeit der spanischen Inquisition kommt Jesus zur\u00fcck auf die Erde, wo ihn ein Priester gefangen nimmt. Der spanische Gro\u00dfinquisitor sagt zu Jesus, dass die Menschen ihn nicht mehr brauchen. \u201eDas Ende wird sein, dass sie ihre Freiheit uns zu F\u00fc\u00dfen legen und uns sagen: &#8218;Macht uns zu euren Knechten, aber macht uns satt!&#8216; Sie werden endlich einsehen, dass Freiheit und irdisches Brot, ausreichend f\u00fcr alle, unvereinbar sind, denn niemals, niemals werden sie lernen, miteinander zu teilen.\u201c<\/p>\n<p>Ich fragte mich, ob Putin ein moderner Gro\u00dfinquisitor ist, der sich zum Retter der wirtschaftlichen Stabilit\u00e4t und der christlichen Werte in einer neuen unsicheren Zeit emporschwingt.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang lasse ich mir oft eines meiner letzten Erlebnisse in Nowosibirsk durch den Kopf gehen. Bei einem Treffen mit in der Stadt lebenden russischen Schriftstellern erz\u00e4hlte mir einer von ihnen, Witalij, die folgende Geschichte: Er habe als junger Mann, f\u00fcnf Jahre nach dem Ende der Sowjetunion, ein M\u00e4dchen vor dem Selbstmord gerettet. Er habe damals im achten Stock eines Plattenbaus gewohnt und sei sehr verliebt gewesen in eine Frau, aber als armer Schriftsteller und Redakteur habe er bei ihr, obwohl sie ihn ebenfalls geliebt habe, keine Chance gehabt. Eines Tages sei er nach Hause gekommen und habe das Fenster ge\u00f6ffnet, und genau in diesem Moment sei die Tochter seiner Nachbarn aus dem Fenster \u00fcber ihm gesprungen. Und er habe sie, so unglaublich das klinge, aufgefangen. Kurz darauf habe sich herausgestellt, dass der Vater des M\u00e4dchens beim SB arbeitete, der Nachfolgerorganisation des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Wenn ich dir irgendwann helfen kann, habe der Vater mit Tr\u00e4nen in den Augen zu Witalij gesagt, wenn du meine Kontakte brauchst, ich werde alles f\u00fcr dich tun, sogar jemanden ermorden lassen. Es gebe da eine Sache, habe Witalij gesagt. Er habe den Vater gebeten, daf\u00fcr zu sorgen, dass die Frau, die er liebe, keinen seiner Konkurrenten heiratete, sondern ihn. Heute, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, sagte Witalij, seien sie immer noch verheiratet. Sie h\u00e4tten wenig Geld und wohnten noch immer in der Wohnung im achten Stock des Plattenbaus, aber sie liebten sich und seien gl\u00fccklich. Als Witalij die Geschichte beendet hatte, war in seinem Gesicht eine herzzerrei\u00dfende Z\u00e4rtlichkeit zu sehen, er schien die zwanzig Jahre mit seiner Frau noch einmal vor sich ablaufen zu sehen. Ich fragte mich, ob die Geschichte wahr sein konnte. Aber als ich diesen seinen entr\u00fcckten Gesichtsausdruck sah, glaubte ich Witalij. Ich hatte Sympathie f\u00fcr ihn; gleichzeitig wurde mir bewusst, wie bedeutungslos die Idee der Demokratie und der Rechtstaatlichkeit f\u00fcr die Menschen letztlich ist.<\/p>\n<p><strong>Metaphysische Ungewissheit<\/strong><\/p>\n<p>Heute, zwei Monate nach meiner R\u00fcckkehr aus Nowosibirsk, muss ich oft an die Leute denken, die ich dort traf und mit denen ich sprach. Mir dr\u00e4ngt sich auch die Legende vom Gro\u00dfinquisitor immer wieder auf, denn sie handelt, wie ich glaube, von den Menschen ganz im Allgemeinen, nicht nur von denen in Russland.<\/p>\n<p>Im Sommer, noch vor meiner Reise nach Sibirien, lernte ich in der Schweiz mehrere Leute in meinem Alter aus Polen kennen, die auf den Feldern im Seeland in der N\u00e4he von Biel, wo ich studiert habe, zehn bis zw\u00f6lf Stunden am Tag Erdbeeren, Salat oder Spargel ernteten, oft auch an Sonntagen, den gesamten Sommer \u00fcber. Sie sagten, dass man in Polen nicht genug verdiene. Einer von ihnen, Andrzej, war schon seit zehn Jahren in Italien, S\u00fcddeutschland, England oder in der Schweiz zum Arbeiten unterwegs, f\u00fcr jeweils sieben Monate im Jahr. Er erz\u00e4hlte, dass er das Geld f\u00fcr die Bauarbeiten an seinem Haus brauche, in dem sein vierj\u00e4hriger Sohn und seine Frau wohnten.<\/p>\n<p>Warum, frage ich mich, haben so viele Menschen in Polen die PiS-Partei gew\u00e4hlt, die, seit einem Jahr an der Regierung, systematisch die demokratischen Institutionen demontiert und einen neuen Nationalismus zu etablieren versucht? Wie kann es sein, dass in ganz Europa fremdenfeindliche und EU-kritische Parteien Zulauf bekommen? Vor kurzem hatte ich eine Lesung in Dresden. Ich sprach dort mit einer Frau, die sagte, dass Investoren sie nach der Wende aus ihrem Viertel vertrieben h\u00e4tten und dass die demokratische Regierung solche Vorg\u00e4nge unterst\u00fctzt habe und noch heute unterst\u00fctze. In der DDR h\u00e4tten die Menschen zusammengehalten, der soziale Gedanke sei sehr wichtig gewesen.<\/p>\n<p>Wenn ich \u00fcber all das nachdenke, verstehe ich, dass die Menschen sich Sicherheit gegen\u00fcber der Zukunft w\u00fcnschen, und dass sie \u00c4ngste haben in einer un\u00fcbersichtlich gewordenen Welt mit wirtschaftlichen Krisen und n\u00e4her r\u00fcckenden Kriegen (w\u00e4hrend ich dies hier schreibe, hat in Berlin, wo ich lebe, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2017-01\/anis-amri-ralf-jeager-berlin-anschlag\">ein Terrorist einen Anschlag<\/a> auf einen Weihnachtsmarkt ver\u00fcbt und zw\u00f6lf Menschen get\u00f6tet). Ich verstehe, dass jeder Mensch sich fragt: Bin ich besonders, sodass mich irgendetwas sch\u00fctzt? \u2013, oder ist die Welt der \u00d6konomie und der internationalen Konflikte eine Todesmaschine, in der ich ohne weiteres vernichtet werden kann? Dass aus der fehlenden Antwort auf diese Fragen sich Wut geb\u00e4ren kann, und aus dieser die Lust auf Rache, kann ich, auch wenn ich eine solche Reaktion kategorisch von mir weise, leider auch nachvollziehen \u2013 im Grunde ist das ja nichts anderes als die Angst vor dem Tod und die Wut \u00fcber die Unm\u00f6glichkeit, diesem zu entkommen. Die Geschichte geht pl\u00f6tzlich weiter und enth\u00fcllt den Abgrund der metaphysischen Ungewissheit, in dem das Grauen aufscheint.<\/p>\n<p>Aber sehen die Menschen nicht, dass die Vernunft das Einzige ist, das wir angesichts dieser metaphysischen Ungewissheit haben? In meiner Furcht vor dem, was der Mensch in seiner Verlorenheit anrichten wird, suche ich Zuflucht in der Lekt\u00fcre von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/49\/philosophie-immanuel-kant-vermaechtnis-philosophen\">Kant<\/a>, der angesichts der Freiheit des Menschen in dieser seiner Ungewissheit eine Verantwortung zum guten Handeln geschlussfolgert hat. Es tr\u00f6stet mich, mit jemandem \u00fcber die Jahrhunderte hinweg in Verbindung zu stehen, der an den Menschen glaubt. Ich hoffe, dass nicht immer mehr Menschen sich aus der Ungewissheit in die Scheinsicherheit der L\u00fcge fl\u00fcchten werden.<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer mehr Menschen verlieren den Glauben an die Demokratie. Wie kann das sein? 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