{"id":5131,"date":"2017-03-07T14:29:23","date_gmt":"2017-03-07T13:29:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5131"},"modified":"2017-03-07T15:02:18","modified_gmt":"2017-03-07T14:02:18","slug":"belarus-osteuropa-feigheit-protest-martinowitsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/03\/07\/belarus-osteuropa-feigheit-protest-martinowitsch\/","title":{"rendered":"Du sollst nicht duckm\u00e4usern"},"content":{"rendered":"<p><strong>Osteuropa war ein Imperium der Feigheit. Der Schriftsteller Michail Bulgakow hat das Aufbegehren dagegen gelehrt. Nun erlebt man in Belarus das Aufbl\u00fchen des Mutes.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5139\" aria-describedby=\"caption-attachment-5139\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5139\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/03\/freitext-belarus-feigheit-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/03\/freitext-belarus-feigheit-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/03\/freitext-belarus-feigheit-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/03\/freitext-belarus-feigheit-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5139\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Maxim Malinovsky\/AFP\/Getty Images<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Meine erste Begegnung mit <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1994\/18\/trauriger-meister\/komplettansicht\">Michail Bulgakows<\/a> Roman <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1999\/31\/199931.jh-karahasan_bul.xml\"><em>Der Meister und Margarita<\/em><\/a> hatte ich Anfang der Neunziger, als mein Vater einen Samisdat-Matrizenabzug mit blassen Buchstaben und improvisiertem Wachstucheinband mit nach Hause brachte. Schon auf den ersten Seiten, auf denen zwei sowjetische Schriftsteller, die an Patriarchenteichen Aprikosenlimonade trinken, dem als Ausl\u00e4nder verkleideten Satan einreden wollen, er existiere in Wirklichkeit gar nicht, war mir klar, dass dieser Text mit gro\u00dfer Vorsicht zu genie\u00dfen ist.<!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr die sowjetischen Sch\u00fcler, Lehrer, Ingenieure, Doktoren und sonstigen Atheisten, denen Bulgakow die Geschichte Christi erz\u00e4hlen wollte, waren das Bildnis des Jeschua Ha-Nozri, wie er bei Bulgakow hei\u00dft, und seine Lehre komplett identisch mit dem Wirken Jesu. Wir dachten, wir l\u00e4sen eine literarisierte Nacherz\u00e4hlung des Evangeliums, und verstanden nicht, dass der Messias nicht in Gamala geboren sein konnte, dass man ihn nicht mit dem Fuhrwerk zur Kreuzigung gefahren haben konnte, dass er schlie\u00dflich au\u00dfer Levi Matth\u00e4us noch andere Anh\u00e4nger hatte. Erst sp\u00e4ter erfuhr ich aus den B\u00fcchern von Irina Belobrowzewa und Wladimir Lakschin, dass Bulgakow Leben, Sprache und Topografie Jud\u00e4as im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung sorgsam rekonstruiert hatte und dass &#8222;Jerschalaim&#8220; dem galil\u00e4ischen Dialekt des Aram\u00e4ischen, den der Messias gesprochen haben k\u00f6nnte, wesentlich n\u00e4her kommt als das moderne &#8222;Jerusalem&#8220;. Aber damals, Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre, war Voland der Teufel, Pilatus Pilatus und Ha-Nozri der, nach dem zu fragen in der Schule verboten war.<\/p>\n<p>Vor allem deshalb, weil ihre Lehren sich so \u00e4hnlich sind. Beide, Jeschua wie Jesus, predigen das Gute. Die ganzen Nuancen, die sich erst nach und nach zu erkennen gaben, hatten eher etwas von einem intertextuellen Spiel des vielseitig beschlagenen Erz\u00e4hlers\u00a0\u2013 etwa die komische Szene, in der Jeschua beim Verh\u00f6r gefragt wird, ob er auf einem Esel reitend in Jerschalaim eingezogen sei (wie es beim Propheten Sacharja geschrieben steht). Und er antwortet: &#8222;Ich habe ja gar keinen Esel, Hegemon&#8220;.<\/p>\n<p>Das zus\u00e4tzliche Gebot in <em>Der Meister und Margarita<\/em>, das in keinem der Evangelien enthalten ist, habe ich erst viel sp\u00e4ter entdeckt, und seither l\u00e4sst es mir keine Ruhe.<\/p>\n<p>Das Wort &#8222;Feigheit&#8220; taucht in seiner unwirtlichen Direktheit im Text erstmals auf, als sich der von Gewissensbissen geplagte Pilatus nach den Umst\u00e4nden der Hinrichtung Ha-Nozris erkundigt. Pilatus hatte kurz zuvor den einzigen Menschen kleinm\u00fctig zu Tode verurteilt, der ihn von der peinigenden Hemikranie, einem Kopfschmerzleiden, h\u00e4tte erl\u00f6sen k\u00f6nnen. Und das nur, weil Jeschua auf seine Fragen gef\u00e4hrliche Antworten gegeben und der Sekret\u00e4r mitgeh\u00f6rt hatte. Pilatus fragt matt, ob Ha-Nozri nicht versucht habe, in Gegenwart der Soldaten, die ihn gekreuzigt haben, zu predigen. Und bekommt als Antwort sein Urteil: &#8222;Das Einzige, was er sagte, war, dass er f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte aller menschlichen Laster die Feigheit h\u00e4lt.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Angst in jeder Faser des K\u00f6rpers<\/strong><\/p>\n<p>Auf den folgenden Seiten h\u00e4lt sich das Wort &#8222;Feigheit&#8220; in den qu\u00e4lenden \u00dcberlegungen des Pilatus verborgen: &#8222;Ich widerspreche dir: Es ist die schrecklichste S\u00fcnde!&#8220; Die schrecklichste S\u00fcnde, weil sie allen weiteren zugrunde liegt. Und noch einmal springt die &#8222;Feigheit&#8220; Pilatus und uns ganz am Ende dieser Geschichte an, als er die Handschrift des Levi Matth\u00e4us studiert und in den letzten Zeilen des Pergaments die W\u00f6rter &#8222;\u2026\u00a0kein gr\u00f6\u00dferes Laster \u2026\u00a0Feigheit&#8220; entziffert. Aus den Auslassungspunkten spricht der S\u00fcndensuperlativ der Feigheit, den Pilatus im Nachdenken \u00fcber seine Tat zum Imperativ erhoben hat.<\/p>\n<p>Mit der Zeit ging mir auf, dass <em>Der Meister und Margarita<\/em> mitnichten ein Roman \u00fcber das D\u00e4monische ist. Er ist ein Roman \u00fcber die Feigheit. Das zentrale Drama des modernen Teils besteht darin, dass der Meister in der Psychiatrischen Klinik sitzt und Margarita, seine Geliebte, durch die Stadt eilt und an Gift denkt. Nun k\u00f6nnte man mutma\u00dfen, der Schriftsteller, der es riskiert hat, mit einem Pilatus-Roman auf den Atheismus zu pfeifen, w\u00e4re auf Betreiben des im Text omnipr\u00e4senten NKWD eingewiesen worden. Von wegen! Der Meister ist von sich aus ins Irrenhaus gegangen! Und das nach dem ersten Verh\u00f6r und der ersten Verhaftung.<\/p>\n<p>Im Text wird das so direkt ausgesprochen, wie es Ende der 1930er Jahre nur m\u00f6glich war: Margarita verl\u00e4sst den Meister in der Nacht, um sich von ihrem Mann zu trennen und bittet den Meister, bis zum Morgen auf sie zu warten, &#8222;eine Viertelstunde, nachdem sie mich verlassen hatte, klopfte es bei mir&#8220;, sp\u00e4ter, der Meister steht nachts drau\u00dfen vor seinem Fenster, im Mantel &#8222;mit abgerissenen Kn\u00f6pfen&#8220;, die Wohnung ist schon weitervermietet. Die eilige Neuvermietung und der Mantel mit den abgerissenen Kn\u00f6pfen sind f\u00fcr jeden, der seinen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/32\/nachruf-solschenizyn\">Solschenizyn<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/literatur\/2016-07\/warlam-schalamow-wischera-antiroman\">Schalamow<\/a> aufmerksam gelesen hat, Erkl\u00e4rung genug. Statt nun Margarita ausfindig zu machen und mit ihr aus Moskau zu fliehen, will sich der Meister zuerst vor die Bahn werfen, beschlie\u00dft dann aber, in die psychiatrische Klinik zu gehen. Seine Motive erl\u00e4utert er dem Zimmernachbarn etwas verworren: &#8222;Die Sache war die, dass die Angst jede Faser meines K\u00f6rpers beherrschte.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Getrampel der Springerstiefel<\/strong><\/p>\n<p>Pilatus, der Jeschua zum Tode verurteilt, der Meister, der seine Geliebte aus Angst um sie und sich selbst uns\u00e4glichen Qualen aussetzt, die Verleger und Kritiker, die Vari\u00e9t\u00e9besucher und die kleinen Gauner, alle Bewohner des Bulgakowschen Universums handeln die ganze Zeit aus Angst. Furchtlos sind allein Voland und seine Mannen. Was uns ahnen l\u00e4sst, welche Partei in Bulgakows Augen hinter der Angst stand.<\/p>\n<p>Ohne jeden Zweifel war die UdSSR nicht das Imperium der Angst.<\/p>\n<p>Die UdSSR war das Imperium der Feigheit.<\/p>\n<p>Alle Sowjetgeborenen, mich eingeschlossen, lehrte sie, sich st\u00e4ndig nach den Zenturionen umzusehen, die sich schemenhaft hinter den Hohepriestern abzeichneten. Nun, da das Evangelium des Ha-Nozri im postsowjetischen Raum massiv von der Orthodoxie mit ihrer Angst vor dem J\u00fcngsten Gericht abgel\u00f6st wird, muss ich an die Staaten denken, die die geheime Moral der UdSSR erfolgreich hinter sich gelassen haben. An Polen mit der Solidarno\u015b\u0107, an Litauen mit seinem Januar 1991, an die Ukraine mit ihren beiden Maidans. In jedem konkreten Fall stand f\u00fcr das Ende der Epoche ein symbolisches, fast rituelles Aufbegehren der B\u00fcrger gegen die eigene Feigheit.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberall schrille Schreie<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ihr w\u00fcsstet, wie \u00e4ngstlich man wird, wenn sich rechts und links die Riegel mit <a href=\"https:\/\/www.zeitschrift-osteuropa.de\/hefte\/2010\/12\/\">Schlagstockgetrommel<\/a> auf Metallschilden schlie\u00dfen, wenn die fliehende Menge eingesackt und auf die Transporter verteilt wird, die Stra\u00dfenbeleuchtung ausgeschaltet f\u00fcr die Operation, \u00fcberall schrille Schreie und das Getrampel der Springerstiefel auf blutverschmiertem Eis.<\/p>\n<p>In meinem Land k\u00e4mpfen sie wieder gegen die Feigheit: Tausende gehen in Minsk und anderen St\u00e4dten auf die Stra\u00dfe, um zu zeigen, dass sie gegen den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-02\/belarus-arbeitslosigkeit-demonstrationen-proteste-alexander-lukaschenko\">Schmarotzer-Erlass<\/a> sind. Offenbar wurde eine neue Runde eingel\u00e4utet im Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, des Mutes gegen jene, deren Arbeit es ist, Angst und Schrecken zu verbreiten.<\/p>\n<p>Es gibt kein christliches Gebot: &#8222;Du sollst nicht duckm\u00e4usern.&#8220; Und ich w\u00fcsste zu gern, was ein gewisser Galil\u00e4er gesagt h\u00e4tte, h\u00e4tte er von diesem Michail Bulgakow erfahren, der den Mut aufbrachte, im von n\u00e4chtlichen Verhaftungen ersch\u00fctterten Moskau die Lehren des Galil\u00e4ers eigens f\u00fcr die Bewohner eines gewissen Landes fort- und weiterzuschreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Aus dem Russischen von Thomas Weiler<\/em><\/p>\n<p><em>Die Zitate aus Der Meister und Margarita wurden angef\u00fchrt nach der 1975 im Verlag Volk und Welt erschienenen \u00dcbersetzung von Thomas Reschke<\/em>.<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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