{"id":5235,"date":"2017-03-25T11:43:10","date_gmt":"2017-03-25T10:43:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5235"},"modified":"2017-05-05T14:27:41","modified_gmt":"2017-05-05T12:27:41","slug":"weissrussland-proteste-verhaftungen-schriftsteller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/03\/25\/weissrussland-proteste-verhaftungen-schriftsteller\/","title":{"rendered":"Mitnichten, Genosse Ermittler, mitnichten!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Um Proteste zu verhindern, sind in Belarus Verleger, Journalisten und Aktivisten &#8222;pr\u00e4ventiv&#8220; festgenommen worden. So schlimm war es seit den drei\u00dfiger Jahren nicht mehr.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5244\" aria-describedby=\"caption-attachment-5244\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5244\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/03\/belarus-1024x706.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/03\/belarus-1024x706.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/03\/belarus-620x428.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/03\/belarus-768x530.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5244\" class=\"wp-caption-text\">Polizisten vor der Demonstration in Minsk am 24. M\u00e4rz (\u00a9 Vasily Fedosenko\/Reuters)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-03\/belarus-martinovich-arrests-russian\">\u0427\u0438\u0442\u0430\u0439\u0442\u0435 \u044d\u0442\u043e\u0442 \u0442\u0435\u043a\u0441\u0442 \u043d\u0430 \u0440\u0443\u0441\u0441\u043a\u043e\u043c \u044f\u0437\u044b\u043a\u0435.<\/a><\/p>\n<p>Die in Belarus per Pr\u00e4sidialdekret Nr. 3 eingef\u00fchrte <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2017-02\/belarus-arbeitslosigkeit-demonstrationen-proteste-alexander-lukaschenko\">Arbeitslosensteuer<\/a> hat seit Mitte Februar in Minsk und anderen Gro\u00dfst\u00e4dten in Belarus viele Menschen auf die Stra\u00dfe getrieben. Zun\u00e4chst forderten sie die R\u00fccknahme der Strafen f\u00fcr &#8222;<a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/02\/07\/belarus-parasitensteuer-martinowitsch\">Parasiten&#8220;<\/a> (als &#8222;Parasit&#8220; gilt, wer nicht bereit ist, f\u00fcr den Monatslohn von 100\u00a0Dollar zu arbeiten, der vom Arbeitsamt f\u00fcr freie Stellen in Aussicht gestellt wird). Nikalai Statkewitsch, Ex-Pr\u00e4sidentschaftskandidat, hat die Regierung aufgefordert, das Dekret bis zum 25. M\u00e4rz zur\u00fcckzunehmen. F\u00fcr den 25. M\u00e4rz, den Unabh\u00e4ngigkeitstag, wurde eine Gro\u00dfdemonstration angek\u00fcndigt.<!--more--><\/p>\n<p>Nur konnte Alexander Lukaschenko, wie wir ihn kennen, die Steuer nicht mehr zur\u00fccknehmen. Damit h\u00e4tte er eingestanden, dass seine Entscheidungen revidierbar sind, dass er R\u00fccksicht auf den Willen anderer nimmt. Aber Lukaschenko ist unf\u00e4hig, Schw\u00e4che zu zeigen, seien die Umst\u00e4nde daf\u00fcr noch so g\u00fcnstig. Deshalb wurde die Regelung nicht zur\u00fcckgezogen, sondern lediglich die Erhebung der Steuer f\u00fcr ein Jahr ausgesetzt. Die Antwort von der Stra\u00dfe lautete: &#8222;Nein zum Dekret Nr.\u00a03\u00a0\u2013 Lukaschenko pack ein!&#8220;<\/p>\n<p>Das Regime begann mit Verhaftungen.<\/p>\n<p>Als die Jagd auf Netz- und andere Aktivisten begann, als auch Leute, die sich bei Demonstrationen an ihrem Megafon festgehalten oder \u00fcber ihre schwierigen Lebensumst\u00e4nde gesprochen hatten f\u00fcr 24\u00a0Stunden festgehalten wurden, war niemand ernsthaft erstaunt. Das kannten wir schon aus den Jahren 2001 und 2006 als &#8222;Pr\u00e4ventivhaft&#8220;. Die Absicht dahinter: potenzielle R\u00e4delsf\u00fchrer isolieren, damit die Menge der Demonstranten nicht weiter wei\u00df. So waren am Ende praktisch alle bekannten Oppositionsspitzen inhaftiert: Anatol Ljabedska, Wital Rymasche\u016dski und Pawel Sewjarynez.<\/p>\n<p>Doch am Samstag den 18. M\u00e4rz spitzte sich die Operation zur Neutralisierung m\u00f6glicher Risiken zu. Was sich da ereignete, ist, so weit ich mich erinnern kann, beispiellos. Es begann damit, dass das Facebookkonto meines Verlegers Mirasla\u016d Laso\u016dski vom Verlag Knihazbor gehackt wurde.<\/p>\n<p>An dieser Stelle wechsle ich in den Verh\u00f6rprotokoll-Modus, um den belarussischen Ermittlern, die diesen Text sicherlich aufmerksam lesen werden, die Arbeit zu erleichtern. Ich lernte Mirasla\u016d Laso\u016dski irgendwann 2013 kennen, als ich mit meinem dritten Roman <em>Sphagnum<\/em> bei ihm anklopfte. Was ich \u00fcber Mirasla\u016d sagen kann? Er war fr\u00fcher Survival-Coach, ist k\u00f6rperlich topfit und gut beschlagen in Milit\u00e4r- und Waffengeschichte. Er trieb Sport und interessierte sich f\u00fcr Reenactment-Darstellungen. Und er arbeitete mit belarussischsprachiger Literatur.<\/p>\n<p>Eine wichtige Detailfrage f\u00fcr alle, die schon die Version kennen, die das staatliche Fernsehen in Belarus verbreitet: War Mirasla\u016d rechtsextrem? Mitnichten, Genosse Ermittler, mitnichten!<\/p>\n<p><strong>Das Recht, das Wei\u00dfe schwarz zu nennen<\/strong><\/p>\n<p>Sicher, mir ist schon klar, dass belarussische Diplomaten und Trolle jetzt bem\u00fcht sind, das Ganze als Kampf gegen Rechtsextremisten darzustellen und die Repressionen in Chiffren umzuprogrammieren, die den Europ\u00e4ern nahe und verst\u00e4ndlich sind. Wie ich bereits in meinem <a href=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2016\/09\/21\/belarus-wahlen-sprache-demokratie-martinowitsch\">Crashkurs in totalit\u00e4rer Linguistik<\/a> bemerkt habe: Macht ist das Recht, das Wei\u00dfe schwarz zu nennen und alle zu bestrafen, die damit nicht einverstanden sind.<\/p>\n<p>Man braucht die Propaganda-Klischees gar nicht zu kopieren. Wer nicht den Westen f\u00fcrchtet, sondern Russland, ist keineswegs ein &#8222;Rechtsnationalist&#8220; wie &#8222;in der Ukraine&#8220;. Unter Ber\u00fccksichtigung von Abchasien, Ossetien, Donezk und Donbass w\u00fcrde ich Mirasla\u016d eher als Realisten bezeichnen. In der Mitte des Spektrums.<\/p>\n<p>Soweit ich wei\u00df, hatte Mirasla\u016d fr\u00fcher Verbindungen zur Wei\u00dfen Legion, einer Organisation, die es sich in den neunziger Jahren zur Aufgabe gemacht hatte, in Belarus unabh\u00e4ngige, entsowjetisierte Streitkr\u00e4fte aufzubauen. Streitkr\u00e4fte, die nicht nur eine Aggression von Norden oder Westen abwehren w\u00fcrden (wo sich EU-L\u00e4nder befinden), sondern auch von Osten (wo Russland liegt). Aber die Wei\u00dfe Legion wurde zu Beginn des neuen Jahrtausends aufgel\u00f6st. Aus Gespr\u00e4chen mit Mirasla\u016d wei\u00df ich, dass er sich inzwischen ganz auf die Kultur konzentriert und im gedruckten Wort das geeignete Mittel zu einer allm\u00e4hlichen Ver\u00e4nderung der Lage in Belarus sieht.<\/p>\n<p>Vor drei Jahren inspirierte mich dieser Mann, der vom milit\u00e4rischen Engagement zur Pflege und F\u00f6rderung der Literatur gefunden hatte, zu meinem Roman <a href=\"https:\/\/www.voland-quist.de\/buch\/?246\/Mova--Viktor+Martinowitsch\"><em>Mova<\/em><\/a>, der vom Verschwinden einer Sprache handelt.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass Mirasla\u016d sich irgendwie auf den 25.\u00a0M\u00e4rz vorbereitet hat, er hatte im Verlag viel um die Ohren und wusste nur zu gut, dass eine Destabilisierung der Lage in Belarus eine Invasion wie auf der Krim nach sich ziehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber, wie ich Ihnen schon gesagt habe, Genosse Ermittler, am 18.\u00a0M\u00e4rz wurde Mirasla\u016ds Facebookkonto gehackt. Anschlie\u00dfend wurden von dort aus im Namen einer nicht mehr existierenden Organisation Aufrufe zum bewaffneten Widerstand verschickt. Das T\u00e4uschungsman\u00f6ver flog schnell auf und wurde gl\u00fccklicherweise auch von gro\u00dfen Medien aufgegriffen. In <em>Mova<\/em> ist der K\u00e4mpfer, der f\u00fcr die verschwindenden W\u00f6rter streitet, am Ende verschollen. Im Leben ist es so gekommen, als planten die Leser unserer B\u00fccher unsere Schicksale.<\/p>\n<p><strong>Ich kann dar\u00fcber nicht lachen<\/strong><\/p>\n<p>Mirasla\u016d verschwand am 21.\u00a0M\u00e4rz gegen 19\u00a0Uhr. Etwa zur selben Zeit wurde Ales Ja\u016ddacha, Buchh\u00e4ndler und Betreiber des Onlineportals <a href=\"http:\/\/knihi.by\/\">knihi.by<\/a> von Maskierten \u00fcberfallen. Unmittelbar nach der Verleihung eines Literaturpreises f\u00fcr das gelungenste Deb\u00fct des Jahres. Verleger und Buchh\u00e4ndler hatten gesch\u00e4ftlich h\u00e4ufiger miteinander telefoniert, das war offenbar Grund genug, auch letzteren den &#8222;Rechtsextremisten&#8220; zuzurechnen.<\/p>\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter, um 20\u00a0Uhr, tauchte Mirasla\u016d wieder auf. Maskierte brachten ihn nach Hause, um sogleich die Wohnung zu durchsuchen. Sie hatten ihn zusammengeschlagen, er hatte eine blutende Wunde am Kopf, musste das Gesicht zur Wand drehen und durfte nicht mit seiner Freundin sprechen. Sie konnte ihm lediglich ein Glas Wasser bringen. Am Abend darauf wurde im Fernsehen gezeigt, was man bei den &#8222;Radikalen&#8220; gefunden hatte: eine Kalaschnikow, Jagdwaffen (f\u00fcr die nach Angaben seiner Familie ein Waffenschein vorliegt), Granatenattrappen. Dummerweise haben sie vergessen, das Magazin auf die kameraabgewandte Seite zu drehen, sodass jeder die \u00d6ffnung f\u00fcr die Paintballkugeln sehen konnte.<\/p>\n<p>Tags darauf gingen die Verhaftungen weiter: Smizer Daschkewitsch, Aktivist einer Jugendorganisation, restaurierte gerade M\u00f6bel in der Wohnung des bekannten belarussischen Schriftstellers <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2002\/08\/Uladsimir_Arlou_Verurteilte\/komplettansicht\">Uladsimir Arlo\u016d<\/a>. Smizer wartete auf den Pizzaservice, stattdessen kamen Soldaten einer Sondereinheit. Arlo\u016ds Wohnungst\u00fcr ist hin\u00fcber, Smizer Daschkewitsch hat also wieder zu tun, wenn (falls!) er aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen wird. Daschkewischs Frau Nasta, eine ehemalige Studentin von mir, ist zur Polizei gefahren, um herauszufinden, wo sie ihren Mann hingebracht haben. Weil sie um das Verhaftungschaos wusste, nahm sie zwei Journalistinnen mit. Im Polizeirevier wurden ihr und den Journalistinnen erkl\u00e4rt, sie seien festgenommen, weil sie in einem Objekt mit besonderen Sicherheitsbestimmungen gefilmt h\u00e4tten. Sie wurden durchsucht und anschlie\u00dfend zu Nastas Erleichterung wieder freigelassen (sie hat zwei kleine Kinder zu Hause). W\u00e4hrend sie bei der Polizei war, hatte man ihre Wohnung durchsucht. Das gesamte Bargeld ist verschwunden. Und: die Katze. F\u00fcr die verschwundene Katze wurde aus Solidarit\u00e4t inzwischen ein Konto bei Instagram angelegt, in ihrem Namen werden Selfies aus belarussischen Gef\u00e4ngnissen gepostet. Ich kann dar\u00fcber nicht lachen.<\/p>\n<p>Das alles \u00fcberrollte mich auf dem Weg von <a href=\"http:\/\/www.writers-in-residence.ch\/de\/author\/viktor_martinowitsch\">Z\u00fcrich<\/a> nach Leipzig. In der ersten Nacht nach der Verhaftung von Laso\u016dski und Ja\u016ddacha kam ich mir vor wie eine Figur aus <a href=\"http:\/\/www.deutschlandradiokultur.de\/roman-im-visier-des-allmaechtigen-geheimdienstes.1270.de.html?dram:article_id=303184\"><em>Paranoia<\/em><\/a>. Am n\u00e4chsten Tag hatte ich einen Auftritt bei der Buchmesse, erz\u00e4hlte von den Verhaftungen Laso\u016dskis und Ja\u016ddachas, fuhr zur\u00fcck ins Hotel und musste lesen, dass sie in der Zwischenzeit den Politikwissenschaftler Ales Lahwinez festgenommen hatten, mit dem ich gemeinsam an der <a href=\"http:\/\/www.ies.uni-bremen.de\/de\/international\/auslandssemester\/partneruniversitaeten\/72-litauen-european-humanities-university-vilnius.html\">European Humanities University<\/a> in Vilnius unterrichtet habe. Ales&#8216; Sohn haben sie gleich mitverhaftet, den Vater vor seinen Augen zusammengeschlagen und den Sohn anschlie\u00dfend wieder laufen lassen.<\/p>\n<p>Das KGB vermeldet unterdessen die Inhaftierung &#8222;professioneller K\u00e4mpfer&#8220; der Wei\u00dfen Legion. Der Buchh\u00e4ndler Ja\u016ddacha wird (noch inoffiziell) der Ausbildung von Kadern f\u00fcr Massenunruhen bezichtigt. Smizer Daschkewitsch wird vorgeworfen, die Wei\u00dfe Legion h\u00e4tte ihn &#8222;mit K\u00e4mpfern aus der Ukraine&#8220; f\u00fcr &#8222;Stra\u00dfenaktionen am 25.\u00a0M\u00e4rz&#8220; einziehen wollen. Was man Smizer Daschkewitschs Katze zur Last legt und ob ihr \u00fcberhaupt etwas zur Last gelegt wird, ist mir nicht bekannt. M\u00f6glicherweise wird auch der Aufenthalt auf dem Scho\u00df von \u201eExtremisten\u201c und ein Schnurren zur gezielten Destabilisierung der Lage mit Arrest geahndet.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt scheint mir, dass die angeblichen &#8222;Unruhekader&#8220; zuallererst ein Produkt derer sind, die das idiotische Schmarotzer-Dekret ersonnen haben.<\/p>\n<p><strong>&#8222;Wir sind Zinnsoldaten&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Die Website von Radio Swaboda meldet 300 Festnahmen. Auch eine st\u00e4ndig aktualisierte <a href=\"http:\/\/www.svaboda.org\/a\/28379781.html\">Liste<\/a> der momentan Inhaftierten wurde ins Netz gestellt: Name, Stadt, Inhaftierungsdatum, Haftdauer (sofern bekannt). Die Liste liest sich wie ein Verzeichnis von Katastrophenopfern. Ich kann kaum in Worte fassen, wie es sich anf\u00fchlt, dort st\u00e4ndig neue Namen meiner Facebookfreunde zu entdecken. Und ich kann kaum beschreiben, was mit Facebook selbst gerade passiert: Manche Profile sind tot, andere Nutzer sind zu Tode erschrocken und trauen sich nicht mehr, Beitr\u00e4ge auch nur zu liken oder zu teilen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich diesen Text schreibe, sind Mirasla\u016d Laso\u016dski, Ales Ja\u016ddacha und Dutzenden weiterer Inhaftierter noch keine offiziellen Begr\u00fcndungen f\u00fcr ihre Verhaftungen genannt worden. Vielleicht m\u00fcssen sie ein paar Tage im Gef\u00e4ngnis verbringen (Weshalb? Wegen Kugelschreiberhaltern aus Granatenattrappen? Wegen Paintballmarkierern?), vielleicht auch die n\u00e4chsten Jahre. W\u00e4hrend ich diesen Text schreibe, kann niemand vorhersagen, ob die Leute am 25.\u00a0M\u00e4rz auf die Stra\u00dfe gehen. Zugleich kann niemand mit Sicherheit sagen, was besser f\u00fcr die Gefangenen w\u00e4re: Wenn viele gehen und die Verhaftungen andauern, oder wenn niemand geht und das Regime erkennt, dass die Einsch\u00fcchterungstaktik aufgegangen ist.<\/p>\n<p>Momentan sind mehr Menschen inhaftiert als bei den Repressionen im Jahr 2010. Das geht schon \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.sz-online.de\/nachrichten\/naechtlicher-sturm-auf-das-minsker-zeltlager-1387239.html\">R\u00e4umung des Zeltlagers<\/a> in der Innenstadt von Minsk im Jahr 2006 hinaus. Mehr noch, ich habe keinen anderen Fall erlebt, der \u00e4hnlich extrem und \u00e4hnlich absurd w\u00e4re. Etwas Vergleichbares ist 1930\/31 passiert: Die Geheimpolizei OGPU erfand damals eine nationalistische antisowjetische Organisation, die Union zur Befreiung Wei\u00dfrutheniens, und verurteilte 86\u00a0Personen als ihr zugeh\u00f6rig, haupts\u00e4chlich Kulturschaffende\u00a0\u2013 Schriftsteller, Verleger, Buchh\u00e4ndler. Damals umfasste die Liste 86\u00a0Namen, am Freitagabend waren es 142 (und es werden immer mehr).<\/p>\n<p>Was mich in den vergangenen drei Tagen am st\u00e4rksten beeindruckt hat? Jedenfalls nicht die Erkenntnis, wie schnell und einfach sich Paranoia breitmacht, das wusste ich schon vorher. Wenn du oft genug von den abgedunkelten Kleinbussen gelesen hast, aus denen die Maskierten springen, jagen dir auch im heimeligen Berlin und in Leipzig Autos mit get\u00f6nten Scheiben einen Schauer \u00fcber den R\u00fccken.<\/p>\n<p>Den st\u00e4rksten Eindruck haben die Reaktionen meiner europ\u00e4ischen Gespr\u00e4chspartner hinterlassen, denen ich von den Ereignissen erz\u00e4hlt habe. Da gab es lebhafte Anteilnahme und einen raschen Themenwechsel oder betretenes Schweigen. Was hatte ich auch erwartet? Belarus ist nicht die T\u00fcrkei, sondern weit weg und nicht zu verstehen.<\/p>\n<p>Schrecklich ist nicht, wenn das Wei\u00dfe schwarz genannt wird, sondern wenn dein Umfeld langsam daran glaubt oder dir vermittelt, dass es ihm im Grunde herzlich egal ist.<\/p>\n<p>Schlie\u00dfen m\u00f6chte ich, Genosse Ermittler, mit dem Fazit von Nasta Daschkewitsch, der Ehefrau des inhaftierten Aktivisten und Besitzerin der bei der n\u00e4chtlichen Durchsuchung verschwundenen Katze. Ich w\u00fcnsche mir, dass Sie dieses Fazit lesen. Vielleicht r\u00fchrt sich ja etwas in Ihnen. Die Mutter zweier Kinder, aus deren Wohnung alles Bargeld verschwunden ist, schreibt:<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind Zinnsoldaten. Wir k\u00f6nnen uns lange standhaft halten. Aber wenn deine Freunde dir ohne Vorwarnung per Lieferservice ein Essen schicken lassen, weil du den dritten Tag in Folge nichts zu dir genommen hast, einfach so, ohne Kommentar, dann kannst du dich nur noch hinsetzen und heulen.&#8220;<\/p>\n<p><em>Aus dem Russischen \u00fcbersetzt von Thomas Weiler<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um Proteste zu verhindern, sind in Belarus Verleger, Journalisten und Aktivisten &#8222;pr\u00e4ventiv&#8220; festgenommen worden. So schlimm war es seit den drei\u00dfiger Jahren nicht mehr. 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