{"id":5382,"date":"2017-04-25T12:49:48","date_gmt":"2017-04-25T10:49:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5382"},"modified":"2017-04-25T13:37:44","modified_gmt":"2017-04-25T11:37:44","slug":"zugfahren-begegnung-alter-gomringer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/04\/25\/zugfahren-begegnung-alter-gomringer\/","title":{"rendered":"Einmal quer durchs Leben"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Zug kann man \u00fcber die gro\u00dfe Liebe stolpern. Unsere Autorin traf stattdessen eine 92-j\u00e4hrige Dame. Das Protokoll einer nicht ganz allt\u00e4glichen Begegnung.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5391\" aria-describedby=\"caption-attachment-5391\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5391\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/04\/freitext-zug-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/04\/freitext-zug-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/04\/freitext-zug-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/04\/freitext-zug-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5391\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Ales Krivec\/Unsplash<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Wenn ich es einrichten kann, unternehme ich die etwa 60-min\u00fctige Zugfahrt von Bamberg nach N\u00fcrnberg, um dort am Abend noch eine Ausstellungser\u00f6ffnung oder \u00e4hnlich Dienstbezogenes &#8222;mitzunehmen&#8220;. Diesmal entschied ich mich aus Dekadenz und Eigenliebe f\u00fcr den ICE auf der kurzen Strecke, was im Wesentlichen bedeutet: 40 Minuten Fahrtzeit, 1. Klasse, Steckdose, Wifi, Kn\u00f6pfe im Ohr, Beschallung, Beschleunigung. Easy. An diesem Abend bin ich zum Gespr\u00e4ch aufgelegt, habe die Kopfh\u00f6rer vergessen. Alles kann passieren, ich bin seltsam hoch gestimmt, stelle mir vor, das sei so ein Abend, von dem man sp\u00e4ter den drei angenommenen oder gar adoptierten Kindern erz\u00e4hlt: An genau diesem Abend traf ich euren Vater! Tats\u00e4chlich traf ich dort, direkt an der Spitze des Zuges, auf diesen Pl\u00e4tzen in diesem kleinen Abteil, das direkt hinter der nebligen Scheibe des Schnellzugcockpits liegt: Inge Schmitt.<!--more--><\/p>\n<p><em>Im Folgenden gebe ich von unserem Gespr\u00e4ch wieder, was mir im Ged\u00e4chtnis geblieben ist. Frau Schmitt: erste Zeile(n), ich: zweite Zeile(n). <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hallo! Ich kenne Sie! Ich kenne Ihr Gesicht! Sind Sie im Fernsehen?<\/p>\n<p>Hahaha, das f\u00e4ngt ja hier gut an. Guten Abend. Ja, ich bin im Fernsehen. Manchmal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann kenne ich Sie! Ich kenne Sie! Wusste ich es doch, dass ich Sie kenne! Was tun Sie?<\/p>\n<p>Ich moderiere manchmal und werde manchmal im Fernsehen was gefragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Na, sehen Sie! Ich liebe Fernsehen! Ich habe Autogramme gesammelt! Immer!<\/p>\n<p>Aha?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis mir dann meine Autogrammb\u00fccher \u2013 ich hatte richtige B\u00fccher voll mit Autogrammen! \u2013 Marika R\u00f6kk! Ich habe noch eines von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1993\/51\/marika-roekk-und-die-hosentraeger-des-kanzlers\">Marika R\u00f6kk<\/a>! Ich bin immer ins Kino gegangen!<\/p>\n<p>Och, das ist ja sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis ich 1945 meine Heimat verlassen musste. Ich hatte so viele, dicke Autogrammb\u00fccher.<\/p>\n<p>Oh, Ihre Heimat?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, ich bin in Katowice geboren. Katowice sagen sie heute.<\/p>\n<p>\u00c4h, das ist nicht Czernowitz, nein? Oder doch?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein, nein, DAS ist da ja in Russland! Ich bin in Polen geboren. In Katowice.<\/p>\n<p>Wie meine Mutter! Sie ist in Krakau geboren. <em>Murmel:<\/em> Czernowitz ist in der Ukraine.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Krakau, ja, da war ich viele Male. Das war eine wundersch\u00f6ne Stadt.<\/p>\n<p>Das IST eine wundersch\u00f6ne Stadt. Ich war just vor einer kleinen Weile da.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich m\u00fcsste l\u00fcgen, wenn ich sagen m\u00fcsste, wann ich das letzte Mal da war.<\/p>\n<p>Nein, nein, besser nicht l\u00fcgen! Haha.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Also wie hei\u00dfen Sie denn?<\/p>\n<p>Nora Gomringer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gormiger. Grummiger. <em>Grummel. <\/em>Gerstner, Gerstner! Sie moderieren <em>Mona Lisa<\/em>, die Hausfrauensendung!<\/p>\n<p>Nein. Ohje. Nein, nein. Gom-ringer. G-o-m und Ringer wie Boxer. Sagt meine Mutter immer so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was?<\/p>\n<p>Meine Mutter sagt das immer so: G-o-m und Ringer wie Boxer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gom-ringer. Also nicht Gerster?<\/p>\n<p>Nein. Au\u00dferdem interessant, dass sie &#8222;Hausfrauensendung&#8220; sagen. Das ist doch eine Sendung f\u00fcr alle Frauen. Und M\u00e4nner. M\u00f6gen Sie keine Hausfrauen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Na ja. Ich mag nicht Kochen.<\/p>\n<p>M\u00fcssen Sie das denn oft?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein. Ich mache nichts mehr, was mich nervt.<\/p>\n<p>Das ist gut. Das ist Freiheit!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kann ich Ihr Autogramm haben? Ich MUSS Ihr Autogramm haben.<\/p>\n<p>\u00c4h, wenn Sie m\u00f6chten. Klar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich suche \u2013 <em>kramt<\/em> \u2013 nach einem Stift.<\/p>\n<p>Warten Sie. Ich hab Stift und Postkarte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Postkarte! Sie haben sogar Autogrammpostkarten! Ich wusste es gleich.<\/p>\n<p>Nein, ist eher so eine Promokarte f\u00fcr mein Buch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr Buch!<\/p>\n<p>Ja, Gedichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich liebe Gedichte. Sie haben was von Marika R\u00f6kk.<\/p>\n<p>Oh, das gef\u00e4llt mir. <em>W\u00e4hrend ich meinen Namen auf die Karte krakle, frage ich: <\/em><\/p>\n<p>Haben Sie auch ein Autogramm von Theo Lingen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja! Nat\u00fcrlich! Von Theo Lingen, Hans Moser, Schneider, Magda, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/23\/D-DVD-Romy-Schneider\">Romy<\/a>. Und &#8230; <em>Grummel<\/em><\/p>\n<p>Oh wie sch\u00f6n. Ich liebe Magda Schneider. Und Romy.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ach, so viele Unterschriften! Danke f\u00fcr Ihre Karte. Ist ja toll!<\/p>\n<p>Gerne. Das macht mich ganz verlegen. Wie lustig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin Inge Schmitt. Das sagt Ihnen nichts. Mein Name sagt Ihnen nichts. Aber so hei\u00dfe ich: Inge Schmitt. Ich bin niemand, aber ich bin auch wer. Ich habe keine Angst.<\/p>\n<p>Guten Abend, Frau Schmitt. Das kann doch keiner bezweifeln, dass Sie wer sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich bin 92 Jahre alt! Und habe keine Angst!<\/p>\n<p>Wow. Wie mein Vater, der ist auch in Ihrem Alter. Ist ein guter Jahrgang!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jaha! Ach, Sie haben einen Vater in meinem Alter?<\/p>\n<p>Ja.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal vergesse ich Sachen. Mein Ged\u00e4chtnis verl\u00e4sst mich dann, l\u00e4sst mich im Stich &#8230;<\/p>\n<p>Och, wir haben uns bisher doch sehr nett unterhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Ich koche nicht gerne. Ich habe Polyneuropathie. Kein Gef\u00fchl in den H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Oh. Ich kenne jemand, der das auch hat. Der ist aber DJ. Das ist schlimm. Ich hab Angst um den.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich kriege jede Woche eine Spritze, dann geht es. Aber eben kein Gef\u00fchl mehr.<\/p>\n<p>Und dann haben Sie keine Schmerzen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein. Die haben aufgeh\u00f6rt. Auch in den F\u00fc\u00dfen. Weg.<\/p>\n<p>Hm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hatte zwei Schlaganf\u00e4lle!<\/p>\n<p>Wow. Sie sind ja aber total fit. Da hat man sich gut um Sie gek\u00fcmmert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Und schnell. Das ist ja wichtig. Ich kann alles wieder alleine. Den Fernseher an, aus.<\/p>\n<p>Ich bewundere das. Toll, dass Sie dann auch reisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Und Gerne! <em>Sieht raus<\/em>. Ich wollte ja eigentlich was sehen!<\/p>\n<p>So von der Welt, meinen Sie?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein. Von Erlangen bis N\u00fcrnberg.<\/p>\n<p>Ach so. Hahaha, ich so ganz nostalgisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dann haben sie hier so Z\u00e4une, sieht man gar nichts. <em>Starrt hinaus.<\/em><\/p>\n<p>Na ja, die sind f\u00fcr den L\u00e4rmschutz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>L\u00e4rmschutz!? Ist doch ganz still.<\/p>\n<p>Ja, HIER drin schon. Aber der ICE &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hab mir nicht viel aus M\u00e4nnern gemacht.<\/p>\n<p>So? Wie kommt denn das Thema &#8230;?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Na, Sie sehen so aus, als w\u00fcrden Sie heute ausgehen.<\/p>\n<p>\u00c4h, ja. Ich sehe mir eine Ausstellung an. In N\u00fcrnberg. Und treffe vielleicht einen Freund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich fahre schon seit Berlin im Zug.<\/p>\n<p>Lange Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ihr Vater ist auch 92?<\/p>\n<p>Ja. Frau Schmitt, sch\u00e4tzen Sie mal, wie alt ich bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Mustert mich und sagt dann:<\/em> 36.<\/p>\n<p>Wow! Right on! Ich bin 37. Ist ja toll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, Sie sind jung. Und ich habe Modezeichnen gemacht. Nie gen\u00e4ht, au\u00dfer Puppenkleider.<\/p>\n<p>Ah, Sie k\u00f6nnen sehr gut beobachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, Ihre Silhouette. Ich h\u00e4tte Ihnen was Sch\u00f6nes gezeichnet. Sie k\u00f6nnen viel anziehen.<\/p>\n<p>Oh, das ist aber nett, dass Sie das sagen. Ich bin ja eher eine mit vollerer Figur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, das ist gut f\u00fcr die Stoffindustrie.<\/p>\n<p>Hahah, ja, glaub ich auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Mutter \u2013 die haben mich damals weggeschickt. Ich wurde verschickt und in einem Heim musste ich Puppenkleider n\u00e4hen.<\/p>\n<p>Das klingt wie <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/06\/L-B-Dickens\"><em>Oliver Twist<\/em><\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was? Ich musste Kleider f\u00fcr Puppen n\u00e4hen, weil meine Mutter mir das gezeigt hatte.<\/p>\n<p>Im Krieg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Verschickt. Und die liebten meine Puppenkleider in dem Heim.<\/p>\n<p>Das kann ich mir vorstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meine Mutter war eine tolle Schneiderin. Meine Mutter ist schon so lange tot.<\/p>\n<p><em>Murmel:<\/em> Das tut mir leid.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe erlebt, wie ganz viele Firmen, die heute Fabriken hinstellen, anfingen mit einem Tisch auf dem Jahrmarkt. Knoblauch eingelegt, Meerrettich.<\/p>\n<p>Ach, Sie meinen die ganzen Firmen hier so.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Ich war ein ganz kleines M\u00e4dle. M\u00e4nner haben mich nie interessiert. Ich hab mich eher auf die Arbeit konzentriert. Und auf mich.<\/p>\n<p>Das versuche ich irgendwie auch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ach, Sie sind jung!<\/p>\n<p>Hm. Das f\u00fchlt sich manchmal gar nicht so an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, f\u00fcr Kinder sind Sie zu alt. Aber so f\u00fcr sich. Da sind Sie doch gerade mal in Ihre Haut gewachsen.<\/p>\n<p>Das ist gut! Ja. Und es stimmt. Endlich friedlich mit sich. Also ich mit mir. Das bin ich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Das h\u00e4tte ich zeichnen k\u00f6nnen. Jetzt geht das nicht mehr. Polyneuropathie.<\/p>\n<p>Aber Sie k\u00f6nnen noch so viel. Ist toll. Beeindruckt mich sehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jaha! Ich komme herum. War schon viermal in diesem Jahr in Berlin.<\/p>\n<p>Was ist in Berlin?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Familie! Ich reise und gebe all mein Geld aus. Macht ja keinen Sinn. Nix hohe Kante, keine Zinsen!<\/p>\n<p>Ja, stimmt. Find ich toll, dass Sie dann so 1. Klasse fahren und es sich gut gehen lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. Und ich fahr auch immer ganz vorne beim Lokf\u00fchrer. Woanders kann man ja gar nicht sitzen. <em>Sie macht die lustigste verschw\u00f6rerische H\u00e4h\u00e4-Grimasse, die je gesehen habe. <\/em><\/p>\n<p>Hihi, sicher haben Sie recht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssten doch gleich in N\u00fcrnberg sein? Die Ansage nuschelt so.<\/p>\n<p>Ja, gleich sind wir da. Soll ich was helfen? Raustragen? Den Rollator?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nein. Ich habe Polyneuropathie. Es kommt eine Hilfe an den Bahnsteig.<\/p>\n<p><em>Junge Bahnbegleiterin kommt mit einer Schale Gummib\u00e4rchen und bietet uns welche an. Frau Schmitt nimmt eine Packung.<\/em><\/p>\n<p>Das ist gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ha! Lachgummi! Hat man was zu lachen. Mit 92. Ich bin 92. Nur manchmal vergesse ich &#8230;<\/p>\n<p>Vielleicht ziehen Sie schon mal Ihre Jacke an &#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lachgummi, Lachgummi. Haha. Da sind so Gesichter. Was es gibt. Ich habe alles schon erlebt.<\/p>\n<p>Wir sind da. Soll ich helfen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja. <em>Die Bahnbegleitern schnappt alle Taschen und st\u00fctzt Frau Schmitts Arm. Die Hilfe steht schon vor der T\u00fcr am Bahnsteig. Ich heb den Rollator raus. Frau Schmitt fl\u00f6tet: <\/em>Danke!<\/p>\n<p><em>Ich umfasse ihr Handgelenk zum Abschied und sage:<\/em> Frau Schmitt, das war sch\u00f6n, Sie zu treffen heute Abend. Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder. Ich sitze immer an der Spitze des Zuges, wenn ich von Berlin nach N\u00fcrnberg reise.<\/p>\n<p>Gut, das merk ich mir. Man sieht sich ja immer zweimal im Leben. Ich halte Ausschau nach Ihnen, Frau Schmitt! Kommen Sie gut heim.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch lie\u00df mich dankbar und von Herzen froh zur typisch verlegen-stiffen Ausstellungser\u00f6ffnung gehen. Ich grinste den ganzen Weg durch den Bahnhof zu den Taxen. Eine 92-j\u00e4hrige, so lebendige Reisende, die &#8222;alles schon erlebt&#8220; hatte. Ich erinnerte mich an den Satz von Dietrich Bonhoeffer: &#8222;Der Mensch lebt notwendig in einer Begegnung mit anderen Menschen, und ihm wird mit dieser Begegnung in einer je verschiedenen Form eine Verantwortung f\u00fcr den anderen Menschen auferlegt.&#8220;<\/p>\n<p>Und Frau Schmitt und ich hatten kein Gespr\u00e4ch \u00fcber Weltbewegendes geteilt und doch Liebe, Verlust, Sehnsucht, Heimat, Erinnerung, Jugend und auch indirekt den Tod angesprochen. Ein Gespr\u00e4ch anno 2017 in Deutschland, zwei Frauen, 55 Jahre Altersunterschied, kein Interview, einfach nur lose Enden, manchmal \u00dcbereinstimmungen, Ton- und Themenvorgabe durch die Furchtlose, die \u00c4ltere. Doch will es mir scheinen: <em>Same struggle, same gain<\/em>.<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zug kann man \u00fcber die gro\u00dfe Liebe stolpern. Unsere Autorin traf stattdessen eine 92-j\u00e4hrige Dame. Das Protokoll einer nicht ganz allt\u00e4glichen Begegnung. 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Sie lebt in Bamberg, wo sie das Internationale K\u00fcnstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet. Sie ist Lyrikerin, Librettistin, Kolumnistin und macht auf der B\u00fchne PENG mit dem Schlagzeuger Philipp Scholz und der Jazzlegende Baby Sommer in Sachen G\u00fcnter Grass. Auch dreht sie kleine Filme mit Judith Kinitz und f\u00fcr 3Sat mit Maren Adler. Kino, Medizin und Bildende Kunst sind \"ihr Ding\". 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