{"id":5399,"date":"2017-04-27T15:52:03","date_gmt":"2017-04-27T13:52:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5399"},"modified":"2017-04-27T16:48:54","modified_gmt":"2017-04-27T14:48:54","slug":"paris-gegensaetze-sehnsucht-merkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/04\/27\/paris-gegensaetze-sehnsucht-merkel\/","title":{"rendered":"Sehnsucht nach Paris, trotz alledem"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nachmittags Idylle im Jardin du Luxembourg. Abends zeigt der Kellner ein Handy-Video von einem Anschlag. Wie viele Gegens\u00e4tze kann eine Stadt aushalten?<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5403\" aria-describedby=\"caption-attachment-5403\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5403\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/04\/freitext-paris-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/04\/freitext-paris-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/04\/freitext-paris-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/04\/freitext-paris-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/04\/freitext-paris.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5403\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Pedro Lastra\/Unsplash<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>L. denkt, wir k\u00f6nnten diesen Sommer wieder nach Paris fahren. Irgendwann im August, wenn sich die Stadt leert, um sich vor\u00fcbergehend ganz den Blicken und Phantasmen seiner Besucher auszuliefern. &#8222;Wir wissen gar nicht, ob Paris im Sommer \u00fcberhaupt noch existiert&#8220;, entgegnen wir, &#8222;und ob Europa dann \u00fcberhaupt noch da ist.&#8220; Mit L. \u00fcber Europa zu diskutieren hat keinen Sinn. Obwohl L. behauptet, Paris sei die Stadt, in die sich das Beirut seiner Jugend transformiert hat. Paris als Tagtraum. Beirut, das sich immerfort nach Paris sehnt, obwohl Paris gar nichts mehr mit Beirut zu tun haben will. <!--more--><\/p>\n<p>Letztes Jahr im Sommer hatten wir gleich mehrere Auftr\u00e4ge. Zum Beispiel: &#8222;Bringt mir Lippenstift von Guerlain mit. Die beste Filiale ist auf den Champs-\u00c9lys\u00e9es.&#8220; Aber versteht L. denn nicht, welcher Gefahr wir ausgesetzt sind? Gerade jetzt w\u00fcrden wir nat\u00fcrlich auf keinen Fall auf die Champs-\u00c9lys\u00e9es fahren. Schon mal gar nicht, um Lippenstift zu besorgen. L. wollte schon immer in Paris sein, dort leben und Karriere machen. Schlie\u00dflich haben wir ihn solange bearbeitet, bis er seine Meinung ge\u00e4ndert hat. K. hat ihm einen Job in M\u00fcnchen besorgt und von dort fliegt er jetzt mit Eurowings nach Paris. Im Sommer letzten Jahres aber hatte er keine Zeit und es war klar, dass wir die Sache f\u00fcr ihn \u00fcbernehmen w\u00fcrden. &#8222;Aber warum soll Paris denn untergehen?&#8220;, fragt L. lachend. &#8222;Paris <em>kann<\/em> doch gar nicht untergehen.&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich werden wir im Sommer nicht noch mal nach Paris fahren. Unabh\u00e4ngig davon, wie die Wahlen ausgehen. Man kann nicht jedes Jahr nach Paris fahren. Man kann nicht so tun, als sei jetzt alles ein gro\u00dfer, zusammenh\u00e4ngender, sch\u00f6n eingerichteter urbaner Raum, in dem alles m\u00f6glich ist. Im Jardin du Luxembourg kann man die St\u00fchle verschieben. Das ist das Tollste an Paris. Man kann in einen Park gehen und sich einen Stuhl suchen und mit diesem Stuhl theoretisch unendlich oft den Platz wechseln. Mal im Schatten sitzen, mal wieder in der Sonne, mal an dem kleinen Wasserbecken, nicht weit von dem Pavillon de la Fontaine.<\/p>\n<p>Nach unserer kleinen Shopping-Tour haben wir uns erstmal ausgeruht. Wir haben zugeschaut wie ein kleines Schiff zu Wasser gelassen wird. Im Nachhinein haben wir es (aber wir haben L. nichts davon erz\u00e4hlt) &#8222;MS Europa&#8220; getauft. Das Schiff, ausgestattet mit allem m\u00f6glichen Klunker, Playmobilfiguren, kleinen Volieren, Plastikperlen und einem unendlichen Gewirr von Kabeln und Schn\u00fcren, wird auf einem mehrfach reparierten und ausgemusterten Kinderwagen antransportiert. (Kurzes Interview mit dem Besitzer des Kinderwagens: &#8222;Was soll ich machen? Meine Kinder sind aus dem Haus. Meine Frau hat sich von mir scheiden lassen. Das ist jetzt mein Leben.&#8220;) Er hat einen Assistenten. Gemeinsam heben sie das Gef\u00e4hrt aus dem Kinderbett und lassen es zu Wasser. Die Aufgabe des Schiffes steht von vornherein fest und ist klar umgrenzt. Von einer Seite zur anderen Seite des Teichs. Das sind vielleicht zehn Meter. Die MS Europa, in der Sonne kryptisch, mysteri\u00f6s mit der Aura eines mond\u00e4nen Piratenschiffs, sieht aus der N\u00e4he betrachtet wie eine Bastelarbeit aus, die auf charmante Weise schief gegangen ist.<\/p>\n<p>Ich habe Byung-Chul Hans Buch <em>Psychopolitik<\/em> dabei, das man auch als Tourist ohne Weiteres mitnehmen kann, weil es so klein und handlich ist. Ich lese darin, w\u00e4hrend wir die Parkatmosph\u00e4re und die Sonne genie\u00dfen. &#8222;Du brauchst aber nicht zu denken, dass man nur als Intellektueller in Paris gl\u00fccklich sein kann&#8220;, erkl\u00e4ren wir L. &#8222;Du kannst auch so gl\u00fccklich sein.&#8220; Wir schauen uns das Schiff an, das vor aller Augen bei leichtem Wind \u00fcber den Teich treibt. Der Mann, der von seiner Frau verlassen worden ist, und sein Assistent haben einen wei\u00dfen Stock dabei, der wie ein Blindenstock aussieht. Damit steuern sie das Schiff. Und das m\u00fcssen sie auch. Es kommt zwar auf der anderen Seite an, will dann aber partout nicht zur\u00fccksegeln. Dorthin, wo der ausgemusterte Kinderwagen wartet. Nat\u00fcrlich ist das Schiff eine Parodie. Auch wenn die beiden M\u00e4nner es sp\u00e4ter, nachdem sie es aus dem Wasser gehoben haben, mit Wet-Wipe-T\u00fcchern abreiben. Ein kleiner Junge mit mutma\u00dflich algerischen Wurzeln hilft ihnen. Er hat seine batteriebetriebene Yacht aufgegeben, um eine Weile den &#8222;Blindenstock&#8220; benutzen zu d\u00fcrfen und die MS Europa wieder in Fahrt zu bringen. Es ist eigentlich weniger ein Piratenschiff als ein Geisterschiff. Geisterschiff schon allein deswegen, weil es unbemannt ist, nicht mehr von der Stelle kommt und unter unser aller Augen wie in einer unendlichen Flaute erstarrt. Der Junge, h\u00f6chst elegant gekleidet mit einer Art Tropenhut, legt die Fernbedienung seiner schnittigen Yacht zur Seite und \u00fcbernimmt jetzt das Kommando. Er stolziert etwas, wirft sich in eine kolonialen Pose, hebt den Stock, tippt das Geisterschiff an, setzt es in Bewegung. Ich versuche mehrere Fotos von dem Schiff zu machen, aber seine morbide Sch\u00f6nheit, die Ekstase seiner Regression (die Playmobil-Figuren h\u00e4ngen kopf\u00fcber an spinnenartig gespannten Netzen, das Schiff hat Schlagseite) kann man nicht in Szene setzen. Alle Bilder gehen schief und man erkennt eigentlich \u00fcberhaupt gar nichts mehr.<\/p>\n<p>Der Junge tippt das Schiff nochmal an. Er versucht es ein bisschen in Schwung zu bringen. Die beiden M\u00e4nner eskortieren ihn. Alle die auf der Steinmauer sitzen, die den Teich umfasst, m\u00fcssen ihren Platz verlassen, damit das Schiff zu seinem Ausgangspunkt zur\u00fcck gebracht werden kann. Von dort soll es noch mal &#8222;in See&#8220; stechen. Das Schiff erhebt einen gewissen Anspruch. Schwerf\u00e4llig, aber um Grandiosit\u00e4t bem\u00fcht, die Erinnerungen an eine gescheiterte Ehe in seinem Schiffsbauch verborgen, verweigert es sich. Es widersteht dem Wind und ignoriert die Natur. &#8222;Die prim\u00e4re intrinsische \u00dcberwachung ist noch problematischer als die sekund\u00e4re extrinsische \u00dcberwachung&#8220;, hei\u00dft es bei Byung-Chul Han. Es ist ein wunderbarer Nachmittag. Das Geisterschiff, die gn\u00e4dige Sonne, die aufgescheuchten Franzosen, die f\u00fcr die MS Europa Platz machen m\u00fcssen, die chinesischen Touristen, die sp\u00e4ter orientierungslos um den Teich herumlaufen, der Junge mit den mutma\u00dflich algerischen Wurzeln, der seine Yacht im Stich l\u00e4\u00dft und der verwaiste Kinderwagen. Ich r\u00fccke mit dem Stuhl etwas vor, um besser sehen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dieser kleine absurde Mikrokosmos \u00fcberstrahlt alles andere an diesem Tag. Auch die Geschichte eines fernen Verwandten von L., den wir sp\u00e4ter im Pavillon de la Fontaine treffen und der sagt: &#8222;Manche meiner Kollegen haben jetzt ein Messer im Rucksack.&#8220; Oder: &#8222;Viele trauen sich nicht mehr in die Innenstadt.&#8220; Er ist Elektriker und arbeitet f\u00fcr eine gro\u00dfe Firma, kommt viel in der Stadt herum, aber auch er h\u00e4lt sich nicht mehr so gerne in der Innenstadt auf. Seine Frau macht so etwas \u00e4hnliches wie <em>Change Managemen<\/em>t, spricht aber so gut wie kein Wort Englisch.<\/p>\n<p>&#8222;Wie geht es L.?&#8220;, fragt der Cousin.<\/p>\n<p>&#8222;Gro\u00dfartig&#8220;, sagen wir. Wir erz\u00e4hlen nicht, dass wir Lippenstift f\u00fcr ihn gekauft haben, da wir nicht wissen, was der eine Libanese in der Diaspora so \u00fcber den anderen Libanesen denkt.<\/p>\n<p>&#8222;Marine Le Pen ist selbst ein Opfer&#8220;, erkl\u00e4rt die Frau des Cousins. &#8222;Ihre Mutter hat als Putzfrau im Playboy posiert.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Wirklich?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, weil der alte Le Pen der Mutter von Marine keinen Unterhalt mehr zahlen wollte und ihr gesagt hat, sie soll doch putzen gehen.&#8220;<\/p>\n<p>Wir unterhalten uns \u00fcber die Sicherheitslage und was sich in der Stadt alles so ver\u00e4ndert hat. In diesem Sommer waren die Terroranschl\u00e4ge noch nicht ganz so allt\u00e4glich wie jetzt und unser Umgang damit ist noch etwas unbeholfen. Der Cousin zeigt uns auf der Karte wo das Bataclan liegt, das Casa Nostra, das Le Carillon.<\/p>\n<p>&#8222;Wir wollen nur mal kurz schauen&#8220;, erkl\u00e4ren wir ihm. &#8222;Liegt ja alles ganz eng beinander.&#8220; Das zu Wasser gelassene Gespensterschiff kann ja nicht alles gewesen sein an diesem Tag. Der Anschlag an der Ged\u00e4chtniskirche in Berlin liegt noch in weiter Ferne, obwohl es gerade zu diesem Zeitpunkt sogar noch wahrscheinlicher erscheint, dass in Deutschland irgendwann auch mal die AfD an der Regierung beteiligt sein wird.<\/p>\n<p>&#8222;Es ist sehr kl\u00e4glich&#8220;, sagt der Cousin noch. Seine Frau erz\u00e4hlt noch ein bisschen mehr von Marine Le Pen, die eine furchtbare Jugend gehabt haben muss. (Nat\u00fcrlich sind alle Rechten auch traumatisiert.) Der Pfarrer verweigert ihr den Handschlag. In der Schule wird sie gezwungen, das Gerichtsurteil, das gegen ihren Vater verh\u00e4ngt worden ist, zu studieren. Und ihre Mutter zieht sich f\u00fcr den Playboy aus.<\/p>\n<p>&#8222;Aber es gibt wirklich Schlimmeres&#8220;, sagt K.<\/p>\n<p>Wir stellen die St\u00fchle wieder zur\u00fcck. Wir wissen allerdings nicht genau, wo wir sie hinstellen sollen. Nur, dass wir etwas zu nahe am Teich gesessen hatten und das Gef\u00fchl haben, wir m\u00fcssten sie zur\u00fcckstellen. Obwohl das doch das Tolle ist: Man stellt sie <em>nirgendwo<\/em> hin, geht dann einfach und verl\u00e4sst den Park. Die Sonne ist untergegangen. Wir fahren in das 10. Arrondissement. Im Casa Nostra zeigt mir der Kellner ein Video auf seinem Telefon. Es zeigt die schattenhafte Gestalt eines der Terroristen wie er einen der G\u00e4ste des Restaurants zu erschie\u00dfen versucht, aber seine Waffe nicht funktioniert. Vorher sieht man noch wie die Fensterscheibe der Bar unter den Sch\u00fcssen zersplittert. Im winzigen Bildschirm, im Zwielicht des vollkommen leeren Restaurants, erscheint der Glassplitter-Regen wie ein sanftes Lichtgeflimmer, ein Glockenspiel. Das Zittern der Hand des Kellners l\u00e4sst das Bild pulsieren, als habe er selbst mit dem Telefon auf die Fensterscheibe gezielt. Phantasmagorien. Psychopolitik. Traumatisierungen. Es ist ein warmer, sch\u00f6ner Abend. Wir spazieren noch ein bisschen weiter. Halten uns aber mit der Besichtigung der Schaupl\u00e4tze zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Der Lippenstift hei\u00dft Yves Saint Laurent Lipgloss &#8222;<em>with a transparent shine, so as not to be too flagrant&#8220;<\/em>, wie L. in seiner Nachricht schreibt. Per Whatsapp stimmen wir uns mit ihm ab, ob der Preis OK ist. Ob man das in M\u00fcnchen nicht billiger bekommt. Wir fragen uns au\u00dferdem: Geht L. jetzt in seinem Exhibitionismus, der sympathisch ist und den wir durchaus unterst\u00fctzen, so weit, dass er geschminkt zur Arbeit f\u00e4hrt? Mit Lippenstift am U-Bahnhof Sendlinger Tor? Oder ist das nur eine private Inszenierung? Ein paar Monate sp\u00e4ter, es ist schon mitten im Winter, bekommen wir ein Bild von L. geschickt, auf dem er in einem dampfenden Outdoor-Pool eines Wellness-Hotels in Oberbayern zu sehen ist. Er taucht aus dem Wasser auf und schafft es irgendwie ein Selfie zu machen. &#8222;Seht ihr&#8220;, schreibt L. &#8222;Wie ein Ph\u00f6nix aus der Asche&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Die MS Europa wird derweil wieder zu Wasser gelassen. Jetzt wo es wieder etwas w\u00e4rmer wird. T\u00e4glich, w\u00f6chentlich, einmal im Monat, jeden zweiten Sonntag. Wer wei\u00df das schon? Sie segelt in die immer gleiche Richtung. Vielleicht ist es ja auch gar kein Ritual, sondern irgendetwas Masochistisches. Etwas, was man tut, um seine Erinnerungen in Schach zu halten. Ein Akt der Verdr\u00e4ngung, so wie der Lippenstift von L., den man auf seinen Lippen aber gar nicht erkennen kann. Lippgloss eben, &#8222;<em>with a transparent shine<\/em>&#8222;.<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachmittags Idylle im Jardin du Luxembourg. Abends zeigt der Kellner ein Handy-Video von einem Anschlag. Wie viele Gegens\u00e4tze kann eine Stadt aushalten? 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