{"id":5412,"date":"2017-05-02T15:44:36","date_gmt":"2017-05-02T13:44:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5412"},"modified":"2017-05-03T08:51:05","modified_gmt":"2017-05-03T06:51:05","slug":"usa-iowa-nagelstudio-praeauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/05\/02\/usa-iowa-nagelstudio-praeauer\/","title":{"rendered":"Es riecht ziemlich toxisch hier"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die eine Kundin m\u00f6chte die N\u00e4gel pink, wie immer, bitte. Die andere badet ihre H\u00e4nde in Aceton. Beobachtungen aus einem Nagelstudio in Iowa und aus dem Innern der USA.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5420\" aria-describedby=\"caption-attachment-5420\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5420\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/05\/freitext-nagelstudio-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext-nagelstudio-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext-nagelstudio-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext-nagelstudio-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5420\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Clem Onojeghuo\/Unsplash.com (https:\/\/unsplash.com\/@clemono2)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>&#8222;Du hast starke N\u00e4gel&#8220;, sagt die \u00e4ltere Dame zu mir, die mir die k\u00fcnstlich verl\u00e4ngerten Gel-N\u00e4gel, bemalt mit Acryllack und beklebt mit Glitzersteinen, nun abschleift, bis die blassen Originale aus Horn endlich wieder zum Vorschein kommen. Sie spricht dabei ein Englisch, das nach einer Mischung aus Midwestern American und Vietnamesisch klingt, und in dieser bunten Sprache fragt sie mich auch, wo ich mir meine N\u00e4gel denn h\u00e4tte machen lassen. Ich m\u00f6chte Leipzig, Hauptbahnhof, antworten, aber ich sage: &#8222;<em>Europe<\/em>.&#8220; Es riecht ziemlich toxisch hier bei Fashion Nails in der West Street, Ecke 6th Avenue.<!--more--><\/p>\n<p>Die beiden vietnamesischen Kosmetikerinnen und ihr junger Kollege bei Fashion Nails in Grinnell, einer kleinen Campusstadt im Bundesstaat Iowa, wo ich mich f\u00fcr ein knappes Semester im Fr\u00fchjahr 2017 aufhalte, sitzen in ihrem winzigen Nagelstudio, und sie husten vor sich hin. Sp\u00e4ter werde ich deshalb noch sagen: <em>&#8222;You should turn on some air circulation. It\u2019s not because of me, you are the ones who work here every day.&#8220;<\/em> Zwei bis vier Kundinnen werden hier jeweils gleichzeitig bearbeitet: Alte Schellack-N\u00e4gel werden abgeschliffen, neue Nagel-Extensions angeklebt und mit Airbrush-Pistolen farbig bespr\u00fcht. Diesmal sollen es bei meiner Sitznachbarin offenbar wei\u00dfe Nagelspitzen in Dreiecksform werden, eine dritte Kundin will ihre N\u00e4gel pink, so wie immer, hei\u00dft es, <em>&#8222;I sometimes think of leaving my comfort zone, but then again&#8220;<\/em>: Es bleibt bei Pink. Man h\u00f6rt ihnen zu, man h\u00e4lt einander an den H\u00e4nden. Ich tauche meine Fingerspitzen in zwei Sch\u00fcsselchen, gef\u00fcllt mit Aceton, und schrecke, da es brennt auf der Haut, kurz zur\u00fcck. Werden mir hier meine Finger abfallen? Meine zehn wei\u00dfen, zarten, privilegierten Schreibfinger? Bin ich Julia Roberts als Erin Brockovich? Soll ich es noch einmal sagen: Ladies, ihr erstickt hier noch in diesem Dunst aus Aceton, Lack, Alkohol, Schleifstaub und Nagelbett?<\/p>\n<p>Ich habe mir ein einziges Mal in meinem Leben meine N\u00e4gel verl\u00e4ngern und sie dann mit UV-Gel aufbauen und neon-orange streichen lassen, dar\u00fcber wurde teilweise goldener Flitter gestreut. Den Mittelfinger schwarz lackiert, statt &#8222;<em>Fuck you!<\/em>&#8220; zu lettern, wurde darauf mit Acrylfarbe und einem feinen Pinselchen eine Bl\u00fcte gemalt, am Ende wurde just ins Bl\u00fcteninnere noch ein Glitzersteinchen geklebt. Das ist vor genau einem Monat gewesen. Ich war auf der Buchmesse in Leipzig, denn ich hatte <a href=\"http:\/\/www.swr.de\/swr2\/programm\/sendungen\/literatur\/swr2-erzaehlung-17\/-\/id=659892\/did=19239990\/nid=659892\/ly82kv\/index.html\">eine Erz\u00e4hlung f\u00fcr den Rundfunk<\/a> geschrieben, in der es darum ging, dass sich eine eher lustlose Schriftstellerin von ihrer Friseurin Mandy nur Haare und N\u00e4gel machen lassen will, w\u00e4hrend Mandy lieber durch proaktive Einmischung beim Schreiben des Textes hilft. Mandy wei\u00df selbstverst\u00e4ndlich alles besser als die unverbesserliche Schriftstellerin, die weder Ahnung hat von Texten, die die Menschen <em>wirklich<\/em> lesen oder h\u00f6ren wollen, noch von der richtigen Nagelpflege, zumindest laut Mandy &amp; Literaturkritik. Das B\u00fchnen-Outfit f\u00fcr die Lesung dieser Erz\u00e4hlung in der &#8222;Kleinen Tr\u00e4umerei&#8220; vor Live-Publikum mussten demnach die Gel-N\u00e4gel sein, die im Text erw\u00e4hnt werden. Die schrillsten, die sie zu bieten hatten am Leipziger Hauptbahnhof, wo man sich f\u00fcr die gesamte Prozedur eine Stunde Zeit nehmen und in etwa 50 Euro berappen muss.<\/p>\n<p>Nagelpflegerin Rubi, damals vor vier Wochen, kommt urspr\u00fcnglich auch aus Vietnam, ist aber in Tschechien aufgewachsen. Wenn ich noch f\u00fcnf Mal zu ihr ins Nagelstudio L.A. Nails<em> \u00ae<\/em> kommen w\u00fcrde, bek\u00e4me ich beim sechsten Mal f\u00fcnf Euro Rabatt. Das steht so auf der pinkfarbenen Visitenkarte, die sie mir mitgegeben hat, obwohl ich ihr gesagt habe, dass ich vorh\u00e4tte, diese e<em>xperience<\/em> nur einmal im Leben gemacht zu haben. Rubi hat das nicht glauben k\u00f6nnen. Und ich habe es dann sp\u00e4ter auch nicht mehr glauben k\u00f6nnen, denn irgendwie habe ich w\u00e4hrend der Wochen Gefallen gefunden an der schreienden K\u00fcnstlichkeit meiner Fingerspitzen, die den Texten, die ich lettere, gar nicht so schlecht stehen. Und erst einmal angekommen in Amerika hat mir Brenda aus dem Office of International Student Affairs gleich ein zweifelhaftes Kompliment gemacht: <em>&#8222;I love your nail polish!&#8220;<\/em> Da ist es nat\u00fcrlich l\u00e4ngst zu sp\u00e4t gewesen, um anzufangen, \u00fcber Ironie zu sprechen.<\/p>\n<p>Rubis pinkfarbene Karte steckt noch in meiner Geldb\u00f6rse, in der sich nun Euros mit Dollars mischen, und die hellblaue Karte von Fashion Nails aus Grinnell, IA 50112, ist nun hinzugekommen. Ich lege sie in der Bibliothek auf den beigefarben beschichteten Schreibtisch vor mir und vergleiche ihre Gestaltung: Auf beiden K\u00e4rtchen abgebildet, und das vereint jetzt die Kontinente, ist eine Hand, man reicht einander die H\u00e4nde zwischen dem Leipziger Hauptbahnhof und der West Street in Grinnell, gleich gegen\u00fcber von Subway und dem Supermarkt McNally\u2019s. Und auch hier eine wei\u00dfe, zarte, privilegierte Hand mit gepflegten French Nails, und auch dort: pinkfarbene Bl\u00fcten, die von jener sch\u00f6nen Hand gehalten werden. Die Burling Library in Grinnell bietet zur weiterf\u00fchrenden Lekt\u00fcre beispielsweise folgende Studie: <em>The Managed Hand. Race, Gender, and the Body in Beauty Service Work<\/em> (2010) von Miliann Kang. Sie berichtet dar\u00fcber, wie intime T\u00e4tigkeiten des privaten Raumes immer mehr zu \u00f6ffentlichen Dienstleistungen werden und wie gerade die Arbeit im Beauty- und Pflegebereich vielfach weibliche Arbeit ist, die allerdings den Migrantinnen aus bestimmten Herkunftsl\u00e4ndern \u2013 in den US-amerikanischen Nagelstudios sind es die Vietnamesinnen und Koreanerinnen \u2013 auch erm\u00f6glicht, innerhalb eines sehr engen Segments ihr eigenes Business zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das Abschleifen der vier Wochen alten und herausgewachsenen deutsch-vietnamesischen Handarbeit kostet nun 15 Dollar in Grinnell, die bar zu zahlen sind. Rubi aus Leipzig hat mir damals \u00fcbrigens mit ihrem kleinen summenden Schleifger\u00e4t das Nagelbett an einer Stelle blutig gerissen. Sie hat sich daraufhin mehr M\u00fche gegeben, angeblich sei meine Haut empfindlich. Pah! Daf\u00fcr ja die N\u00e4gel stark! <em>&#8222;You feel light again?&#8220;<\/em>, fragt mich die amerikanische Vietnamesin noch beim Hinausgehen mit Blick auf meine farblosen abgeschliffenen Fingern\u00e4gel. &#8222;Ich wei\u00df nicht&#8220;, sage ich und stapfe hinaus in einen kalten Fr\u00fchlingstag Ende April, schon 100 Tage ist der neue Pr\u00e4sident im Amt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Teresa Pr\u00e4auer verbringt ein knappes Semester als Visiting Professor und Writer in Residence in den USA. In vier Episoden schreibt sie hier \u00fcber Beobachtungen aus dem Inneren des Landes: aus dem Bundesstaat Iowa im tiefsten Midwest, wo kleine Campusst\u00e4dte gedeihen inmitten von Rinderzucht und Maisfeldern.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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