{"id":5484,"date":"2017-05-17T11:49:04","date_gmt":"2017-05-17T09:49:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5484"},"modified":"2017-05-19T08:46:20","modified_gmt":"2017-05-19T06:46:20","slug":"usa-t-shirt-slogan-trump-praeauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/05\/17\/usa-t-shirt-slogan-trump-praeauer\/","title":{"rendered":"Amerika als T-Shirt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ist es immer nur rechts gegen links? Wer verstehen will, wie Amerikaner denken, sollte sich ihre T-Shirt-Slogans ansehen. In Iowa findet man besonders sch\u00f6ne Exemplare.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5489\" aria-describedby=\"caption-attachment-5489\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5489\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/05\/freitext_trump-1024x576.jpeg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext_trump-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext_trump-620x349.jpeg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext_trump-768x432.jpeg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5489\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Jason Reed\/REUTERS<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>SORRY ABOUT BETSY DEVOS, AMERICA NEEDS LESBIAN FARMERS, JUST ANOTHER SLUT ON BIRTH CONTROL. Betsy DeVos ist bekannterma\u00dfen die frischgebackene Bildungsministerin der Vereinigten Staaten, und eines ihrer proklamierten Ziele ist es, die F\u00f6rderung staatlicher Schulen abzuschaffen. Dass Amerika mehr lesbische Landwirtinnen br\u00e4uchte, ist als Replik auf eine abwertende Aussage des konservativen Radiomoderators Rush Limbaugh zu lesen. Und eine <em>slut<\/em>, die sich f\u00fcr <em>birth control<\/em> einsetzt: <em>is definitely reclaiming some four-letter-word<\/em>. Ich befinde mich im T-Shirt-Laden Raygun im East Village von Des Moines, dem hippen, gentrifizierten Viertel der Hauptstadt des Bundesstaates Iowa.<!--more--> Die T-Shirts mit aufgedruckten Spr\u00fcchen in allen Farben, die zeitnah auf die politischen Ereignisse in Amerika reagieren, sind ein Produkt des Mittleren Westens, das humorvoll den Patriotismus der Rednecks mit den Slogans der linken Protestkultur mixt. MAKE AMERICA GREAT AGAIN ist als Parole auch hier ein Verkaufsschlager, allerdings illustriert mit den Portr\u00e4ts von Michelle und Barack Obama. <em>Y<\/em>ES WE CAN, hie\u00df bekanntlich dessen Wahlspruch im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf 2008, und r\u00fcckblickend liest sich dies wie der hoffnungsfrohe Beginn eines Halbsatzes, der nun weitergelesen werden muss: YES WE CAN MAKE AMERICA GREAT AGAIN. \u2013 Um sich ein vollst\u00e4ndiges Bild von Amerika zu machen, ist es wohl n\u00f6tig, den gesamten Satz zu lesen.<\/p>\n<p>Ich frage mich, was hat sich ver\u00e4ndert, seit ich im Herbst 2015 das letzte Mal hier gewesen bin f\u00fcr einige Monate? Es ist dieselbe Landschaft mit ihren gr\u00fcnen H\u00fcgeln und den gelben Maisfeldern, die Grant Wood in den 1920er und 1930er Jahren so naiv-sachlich und pr\u00e4gnant gemalt hat. Im Des Moines Art Center, einem gro\u00dfartigen dreiteiligen Museumsbau von den Architekten Eliel Saarinen,\u00a0I. M. Pei\u00a0und\u00a0Richard Meier zwischen den 1940er und 1980er Jahren gebaut und erweitert, h\u00e4ngt noch, wie beim letzten Besuch, Grant Woods \u00d6lgem\u00e4lde <em>The Birthplace of Herbert Hoover<\/em>. Es zeigt ein Grundst\u00fcck, auf dessen Rasen zwischen Haus und Hecke ein schlankes M\u00e4nnlein steht, das mit der rechten Hand auf seinen Besitz zu deuten scheint. Seht, das geh\u00f6rt mir. Vielleicht ist es Herbert Hoover selbst, der bis eben noch angeblich unbeliebteste Pr\u00e4sident der amerikanischen Geschichte, der hier steht, nun deutet und einen Schatten wirft.<\/p>\n<p>Noch immer fahren \u00fcber solchen Rasen die gelb-gr\u00fcn-lackierten M\u00e4hfahrzeuge von John Deere, der hier ein Monopol zu haben scheint auf alles, was L\u00e4rm macht. Der Autor und Reiseschriftsteller Bill Bryson, selbst in Des Moines geboren, schrieb Ende der 1980er Jahre dar\u00fcber so liebevoll-sp\u00f6ttelnd in <em>The Lost Continent<\/em>, zu Deutsch: &#8222;Stra\u00dfen der Erinnerung&#8220;. Und immer noch kutschieren die schwarz gewandeten Amish mit ihren Pferdew\u00e4gen auf der rechten Spur der Landstra\u00dfe zu ihren Feldern, w\u00e4hrend nebenan der Monsanto-Konzern sein gentechnisch ver\u00e4ndertes Saatgut produziert.<\/p>\n<p>Studentin Sheila hat mich zu einem kurzen Roadtrip nach Kalona eingeladen, wir sitzen hoch auf dem dunkelroten Pick-up mit <em>four wheel drive<\/em>, den hier fast alle fahren, meist eben in den Farben Rot, Schwarz oder Silbergrau, und biegen bei zwei Hinweisschildern ab, wovon das eine etwas \u00fcber unsere S\u00fcnden sagt, die uns im Himmel vergeben werden oder f\u00fcr die wir zur Rechenschaft gezogen werden, und das andere auf Erden: FRESH EGGS, $ 1,25. Wir steigen aus, klopfen an die T\u00fcr eines der typischen wei\u00df get\u00fcnchten, holzverkleideten Farmh\u00e4user, und eine \u00e4ltere B\u00e4uerin in blasslilafarben-mennonitischer Kleidung samt H\u00e4ubchen \u00fcber dem grauen Haar \u00f6ffnet uns. Wir kaufen je zw\u00f6lf St\u00fcck Eier, z\u00e4hlen umst\u00e4ndlich die Pennys und Quarter zusammen, und Sheila nutzt die vors\u00e4tzlich verstreichenden Minuten, um zu erz\u00e4hlen, dass ihre Reisebegleiterin aus \u00d6sterreich sei. Keine Reaktion in den Augen unseres Gegen\u00fcbers. &#8222;<em>She speaks German&#8220;<\/em>, versucht Sheila es weiter. &#8222;<em>Ah, German!&#8220;<\/em>, pl\u00f6tzlich l\u00e4chelt die B\u00e4uerin und sagt einen Satz, der hier, zwischen Himmel und Eierkartons stehend, beinah mystisch klingt: &#8222;<em>So you must have come a long, long way.<\/em>&#8220; Die Mennoniten in Kalona sprechen in der Familie Deutsch miteinander, und wir schaffen es noch, ihr ein paar S\u00e4tze zu entlocken, die in meinen diesbez\u00fcglich unerfahrenen Ohren schw\u00e4bisch klingen. Plautdietsch w\u00e4re die korrekte Bezeichnung, lese ich sp\u00e4ter. Ihre Vorfahren k\u00e4men aus der Schweiz, sagt die Frau, und ihr Beispielsatz lautet in etwa: &#8222;Buben und M\u00e4dchen, drau\u00dfen im Garten ist es <em>chilly<\/em>.&#8220; Ich sage darauf etwas in meinem Deutsch, doch sie versteht mich nicht.<\/p>\n<p>Was hat sich in eurem t\u00e4glichen Leben, im Alltag, ver\u00e4ndert, seit der neue Pr\u00e4sident im Amt ist, frage ich in Iowa und Chicago immer wieder die Leute, denen ich begegne. Es war doch angeblich immer schon so, die Farmer auf dem Land, die republikanisch w\u00e4hlen, die College-Studenten in der Stadt, die demokratisch w\u00e4hlen? Die progressiveren St\u00e4dte an der Ost- und Westk\u00fcste, das konservativere Landesinnere? Ist das Land denn wirklich gespalten zwischen den politischen Lagern? Und was beschreiben die Statistiken \u00fcber das Wahlverhalten der verschiedenen Bev\u00f6lkerungsgruppen? Wie antworten die Menschen, wenn man individuell nachfragt?<\/p>\n<p>Betsy, die Verk\u00e4uferin im Western-Boots-Laden in Grinnell, w\u00e4hlte Hillary Clinton, der Partner eines Kollegen vom College, an dem ich momentan arbeite, wiederum Trump. Vor mir auf dem Interstate Highway f\u00e4hrt ein dunkelblauer Ford mit dem alten Aufkleber BERNIE 2016, direkt daneben prangt ein christliches Fischsymbol, in der Parkgarage in Des Moines parkt ein beigefarbener Mercedes mit GUN OWNERS FOR TRUMP und HILLARY FOR PRISON 2016. Ist es wirklich immer rechts versus links?<\/p>\n<p>Oder sind die Bruchlinien woanders zu suchen? Dort, wo vormals ein Konsens vorhanden schien, die demokratischen Rituale nicht grunds\u00e4tzlich infrage zu stellen? Was passiert, wenn einer, der macht, spricht und entscheidet, sich nicht mehr an die gewohnten Formen des Umgangs h\u00e4lt?<\/p>\n<p>LOVE TRUMPS HATE ist einer der beliebtesten T-Shirt-Spr\u00fcche seit der Wahl zum 45. Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Liebe Trumps Hass! Oder: Liebe \u00fcbertrumpft Hass. Oder: Liebe, Trumpf, Hass: ein Satz wie ein Blatt Spielkarten. Welche Farbe ziehen wir aus dem Stapel? &#8222;Es ist einfach auch die Atmosph\u00e4re, die vorherrscht&#8220;, sagt meine amerikanische Freundin Kay. &#8222;Samt der immer gleichen Antwort auf die Frage, wie es einem gehe: den Umst\u00e4nden entsprechend.&#8220; Wie war das, frage ich sie, als sie beim Women&#8217;s March war in D.C., am ersten Tag nach der Amtseinf\u00fchrung des Pr\u00e4sidenten? Was sagt sie zum <em>Op-Ed<\/em>, dem Gastkommentar eines Journalisten in der <em>New York Times<\/em> nach dem Marsch, der die pinkfarbenen M\u00fctzen und H\u00e4ubchen der Teilnehmerinnen, die <em>pussyhats<\/em>, als niedlich und demokultur-nostalgisch bel\u00e4chelt? Zu den anderen Stimmen, die dem Marsch Mangel an Intersektionalit\u00e4t vorwarfen? &#8222;Es war definitiv gut, dort zu sein&#8220;, sagt Kay. &#8222;Es war einfach notwendig, nach der Wahl dieses starke Zeichen zu setzen. Es war eine halbe Million Menschen in Washington, 700.000 in Los Angeles. Die Stra\u00dfen waren voll, die Bed-and-Breakfast-Zimmer ausgebucht, in der Metro gab es diese Mut machenden Durchsagen eines Mitarbeiters: &#8222;Ey, Ladys, am Tag zuvor sind definitiv nicht so viele Menschen zur Angelobung gekommen, <em>that\u2019s fake news, ladies<\/em>, ich wei\u00df es, ich war gestern auch schon da.&#8220; Kay zeigt mir auf ihrem Smartphone Fotos von einem Polizisten mit <em>pussyhat<\/em>, von einer Organisatorin mit Kopftuch, die gerade das Mikrofon in H\u00e4nden h\u00e4lt, von einem jungen Mann mit Transparent, auf dem steht: &#8222;<em>I\u2019m too clumsy for your fragile masculinity&#8220;<\/em>. Die meisten der Sprecherinnen und auftretenden K\u00fcnstlerinnen, die Kay gesehen hat, seien schwarz gewesen, Angela Davis sprach, die ganze Veranstaltung habe sich angef\u00fchlt wie der Anfang von etwas noch Gr\u00f6\u00dferem. Kay hat ein T-Shirt davon: &#8222;<em>Women\u2019s March 2017<\/em>&#8220; steht darauf geschrieben, dazu Datum und Ort.<\/p>\n<p>Bei Walmart, dem 24-Hours-Superstore f\u00fcr Kinderspielzeug, Schusswaffen und Vitamintabletten, sieht die Welt der bunten Spr\u00fcche ein wenig anders aus. Neben Muttertagskarten, die in kleinen Gedichten der Frau im Hause noch immer (Noch immer! I CAN\u2019T BELIEVE I STILL HAVE TO PROTEST THIS FUCKING SHIT!) die Rolle der herzensguten Arbeitsbiene zuweisen, finden sich T-Shirts in den Gr\u00f6\u00dfen Small bis XXXL mit Spr\u00fcchen wie: I\u2019M NOT RUDE, I\u2019M HONEST, I DON\u2019T USE MACHINES BECAUSE I AM ONE, I\u2019M SURROUNDED BY IDIOTS, MY SHIRT IS BRIGHTER THAN YOUR FUTURE, BECAUSE AMERICA. Es gibt zur Auswahl aber auch heulende W\u00f6lfe vor amerikanischer Flagge, die Minions und die Simpsons, es gibt tanzende W\u00fcrstchen mit Gesichtern darauf, und es gibt alle m\u00f6glichen Katzen, die durch den Weltraum fliegen, nachdem sie vermutlich LSD zu sich genommen haben.<\/p>\n<p>&#8222;Die Welt als T-Shirt&#8220;, denke ich mit einem Titel von Beat Wyss aus den sp\u00e4ten 1990er Jahren. Amerika l\u00e4sst sich auch anhand seiner Slogans auf T-Shirts und Werbetafeln lesen, anhand seiner Aufkleber und Klospr\u00fcche, anhand der gebastelten Pappkartontafeln und Transparente, die jetzt zahlreich in den G\u00e4ngen der Colleges, vor Wohnungst\u00fcren und in Stiegenh\u00e4usern zwischengeparkt sind, bis sie wieder, bald, hervorgeholt werden und zum Einsatz kommen.<\/p>\n<p>Noch ein paar S\u00e4tze, die ich im Vorbeigehen aufgesammelt habe: BLACK LIVES MATTER im Vorgarten eines H\u00e4uschens in Madison, Wisconsin. I STAND WITH MY MUSLIM NEIGHBOR im Buchladen Prairie Lights in Iowa City auf einem hellblauen T-Shirt. Und soeben in Chicago, von einem Obdachlosen, der um Geld bittet, auf Pappkarton gekrakelt: MAKE AMERICA NICE AGAIN. Weiter daneben steht ein \u00fcberdimensionaler betonierter Blumentopf, auf dessen Vorsprung die Menschen sitzen, es ist ein schw\u00fcler Tag im Mai, und Eis essen. Auch der Blumentopf h\u00e4lt ein Schild f\u00fcr uns bereit: &#8222;<em>Please do not sit on Planters&#8220;<\/em>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Teresa Pr\u00e4auer verbringt ein knappes Semester als Visiting Professor und Writer in Residence in den USA. In vier Episoden schreibt sie hier \u00fcber Beobachtungen aus dem Inneren des Landes: aus dem Bundesstaat Iowa im tiefsten Midwest, wo kleine Campusst\u00e4dte gedeihen inmitten von Rinderzucht und Maisfeldern.<\/em><\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist es immer nur rechts gegen links? Wer verstehen will, wie Amerikaner denken, sollte sich ihre T-Shirt-Slogans ansehen. 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