{"id":5541,"date":"2017-05-19T15:06:29","date_gmt":"2017-05-19T13:06:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5541"},"modified":"2017-05-24T09:23:10","modified_gmt":"2017-05-24T07:23:10","slug":"weiter-schreiben-schriftsteller-flucht-varatharajah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/05\/19\/weiter-schreiben-schriftsteller-flucht-varatharajah\/","title":{"rendered":"Ich wurde zum Meer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Flucht bedeutet auch den Verlust der Sprache. In dem Projekt &#8222;Weiter Schreiben&#8220; treffen sich gefl\u00fcchtete und deutsche Autoren. Text wird \u00fcbersetzt, Horizont ge\u00f6ffnet. <\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5545\" aria-describedby=\"caption-attachment-5545\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5545\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/05\/freitext-weiterschreiben-1.jpg\" alt=\"&quot;Weiter Schreiben&quot;: Ich wurde zum Meer\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext-weiterschreiben-1.jpg 1000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext-weiterschreiben-1-620x348.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/freitext-weiterschreiben-1-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5545\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sandra Weller<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Goldene Fl\u00e4chen, in einer Reihe, abends. Die Fenster neben den Kr\u00e4nen werfen Sonnenlicht zur\u00fcck. Es ist 19 Uhr. Hier oben endet Berlin am Horizont. Vor den Menschen, die sich an der Br\u00fcstung dieser Dachterrasse im 16. Stock eines Hochhauses an der Grenze von Kreuzberg zu Mitte anlehnen, liegt die Stadt ausgebreitet wie eine zuf\u00e4llige Sammlung Stahl, Beton und Asphalt unter einem von Kondensstreifen durchkreuzten Himmel. Es ist fast Sommer, Mai, 28 Grad. <em>Ich sitze jetzt einsam \/ am runden Tisch \/ ich sitze rund \/ um mich selbst herum \/ gleiche jetzt einem Tisch, an dem niemand sitzt \/ sitze jetzt \/ irgendwie \/ rieche nach Tabak \/ und Verlust. <\/em>Das Geb\u00e4ude ist ein Asylbewerberheim. Die Terrasse geh\u00f6rt zur Bibliothek Baynetna.<!--more--><\/p>\n<p>In dieser arabischen Bibliothek stellt die Schriftstellerin Annika Reich zusammen mit Ines Kappert, Leiterin des Gunda-Werner-Instituts, <em>Weiter Schreiben<\/em> vor; es ist die Auftaktveranstaltung dieser Initiative, die Autorinnen und Autoren, die ein Land verlassen mussten, in ein Gespr\u00e4ch mit deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern bringt, um gemeinsam an Texten und deren \u00dcbersetzung zu arbeiten, aber auch, um sie vertraut zu machen mit dem, was <em>Literaturbetrieb <\/em>genannt wird, dessen Strukturen und Besonderheiten.<\/p>\n<p>Der Raum ist dicht bestuhlt; durch die Fingerabdr\u00fccke auf dem Glas ist der Atrium Tower auf einem langsam dunkler werdenden Hintergrund zu sehen, als der jemenitische Lyriker Galal Al-Ahmadi, 1987 in Saudi-Arabien geboren, auf einem roten Sofa <em>Vom Krieg<\/em> zu erz\u00e4hlen beginnt, ruhig, mit gleichbleibender Stimme. Diese Sprache der Ersch\u00f6pfung \u2013 wie in der deutschen \u00dcbersetzung, von der Schriftstellerin Svenja Leiber vorgelesen, f\u00fcr jemanden, der nicht Arabisch spricht, verst\u00e4ndlich wird \u2013 folgt dem Verlauf einer Kugel, fast teilnahmslos, als k\u00f6nnte diese Sprache nur noch feststellen; das Mindeste sagen: <em>Die Kugel dringt ein \/ durch \/ den Ansatz der Seele \/ den Blick \/ ein Fenster, geschaffen zu diesem Zweck \/ dringt ein \/ durch \/ das Buch eines anonymen Schriftstellers \/ dilettantisches Erz\u00e4hlen \/ Fantasielosigkeit. \/ Die Kugel dringt \/ in den R\u00fccken \/ den Wirbel \/ da, wo sie halbseitig l\u00e4hmt. <\/em><\/p>\n<p>In dieser stillen Deskriptivit\u00e4t ist auch das andere Gedicht, das Al-Ahmadi liest, geschrieben worden. <em>Zu Hause \u2013 <\/em>die Titel, die er beiden Texten gab, m\u00fcssen zusammengelesen werden, in dieser Reihenfolge: <em>Vom Krieg<\/em> <em>Zu Hause<\/em> \u2013 zu Hause, dort, wo jemand an einem Tisch sitzt, <em>einsam \/ am runden Tisch<\/em>, abwesend und ohne Bewegung, bis der K\u00f6rper von diesem kaum mehr unterschieden werden kann, dieses zu Hause gibt es nicht: <em>Ein abgetrennter Kopf in meinem K\u00fchlschrank. \/ Ich wei\u00df nicht, was er an so einem kalten Ort macht. \/ Das hei\u00dft, jemand hatte gestern \/ im Schlaf keine Albtr\u00e4ume. \/ Ich kann mit dem Ding auf der Schulter \/ durch die Stra\u00dfen gehen \/ und mit allen sprechen \/ ohne dass jemand etwas bemerkt. \/ Bemerkt, dass die W\u00f6rter nicht an der richtigen Stelle herauskommen. <\/em><\/p>\n<p>Aber sie kamen, aus einer Stelle, aus einer Entfernung: f\u00fcnftausend Kilometer weit, bis an diesen Ort und bis in diese Sprache. Es ist noch hell, hell genug, um die Wolkenformation zu erkennen, die aus dem 106 Meter hohen Turm des Atrium Towers zu steigen scheint. Die ersten Lichter wurden in den H\u00e4usern um das Asylbewerberheim in der Stresemannstra\u00dfe angeschaltet, und auch in den U-Bahnen, die vom Gleisdreieck zur M\u00f6ckernbr\u00fccke und in die entgegengesetzte Richtung fahren, brennt Licht, helle Fl\u00e4chen, in einer Reihe; Bewegung.<\/p>\n<p>Die Lyrikerin Lina Atfah, 1989 in Syrien geboren, kam \u00fcber den Libanon nach Deutschland. Mit siebzehn wurde sie der Gottesl\u00e4sterung und Staatsbeleidigung beschuldigt und von der Teilnahme an allen kulturellen Veranstaltungen ausgeschlossen. Atfah steht. In der linken Hand h\u00e4lt sie das Papier, das zweifach gefaltet war, wie die Spuren auf der R\u00fcckseite erkennen lassen, der Zeigefinger ihrer rechten Hand zeigt nach oben. Die Bilder der Trauer, die sie im Gedicht <em>Nach der Asche<\/em>, das die Schriftstellerin Ulla Lenze auf Deutsch liest, verwendet, l\u00f6sen sich in schneller Folge gegenseitig ab, und trotz dieser ger\u00e4uschlosen Geschwindigkeit bleiben sie, jedes f\u00fcr sich, bestehen und allein. Es gibt keine \u00dcberlappungen. Sie erhalten ihre Bedeutung von der Imagination des Todes \u2013 vom Tod als Objekt der Imagination, als der Imaginierte, aber auch als ihr Subjekt: als der Imaginierende. Aus ihm leiten sie sich ab: <em>Die Lieder sind dort der Tod. \/ Sie sind die Zugv\u00f6gel, \/ die von Geburt an das Ziel ihrer Wanderung kennen, \/ die vertraut sind mit Orten, an denen sie nie waren. \/ Du h\u00f6rst ein Lied \/ und du hast Sehnsucht nach deiner Kindheit, \/ nach dem Leben der Menschen, die du geliebt hast. \/ Die Jahre vergehen wie im Tiefschlaf. \/ Du siehst die ertrunkenen Saatfelder.<\/em> Ein Glas zerbricht. Der Vers ist noch nicht zu Ende. Atfah liest weiter, ohne vom Papier aufzusehen, als w\u00e4re nichts geschehen. Es ist auch nichts geschehen.<\/p>\n<p>&#8222;Weiter Schreiben&#8220; \u2013 das sei die Antwort gewesen, die Annika Reich von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die vor einem Krieg nach Deutschland geflohen waren, auf die Frage, was sie sich w\u00fcnschen w\u00fcrden, erhalten habe. Der Name dieses Projekts besitzt mindestens einen doppelten Sinn: das Adjektiv <em>weiter<\/em> kann als Positiv, aber auch als Komparativ verstanden werden \u2013 als Fortsetzung oder Fortdauer <em>des<\/em> Schreibens und als Erweiterung oder Ausdehnung <em>durch<\/em> das Schreiben. Der Verlust, der Flucht bedeutet und immer bedeuten wird, wiederholt sich auch in der Sprache; er sieht anders aus f\u00fcr Menschen, die mit, also: in der Sprache, d.h. gegen und \u00fcber sie, arbeiten: er zeigt sich auch in Form des Verlusts von Leserinnen und Lesern oder \u2013 nach der \u00dcbersetzung \u2013 von Bedeutung. Die Unm\u00f6glichkeit der \u00dcbersetzung aber ist ihre M\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>Die Lyrikerin Monika Rinck, die zusammen mit dem syrisch-pal\u00e4stinensischen Lyriker Ramy Al-Asheq das Gedicht <em>Fatma tr\u00e4gt zwei Wunden in der Hand<\/em> ins Deutsche \u00fcbersetzte, erinnert auf <a href=\"http:\/\/weiterschreiben.jetzt\/\">weiterschreiben.jetzt<\/a>, der Homepage des Projekts, daran, dass ein &#8222;besprechbarer Verlust an Bedeutungsnuancen bei der \u00dcbertragung von einer in die andere Sprache (&#8230;) gleichzeitig einen Zuwachs an Verst\u00e4ndnis&#8220; bringt: &#8222;\u00fcber die Erfahrungen, die in der Sprache sedimentiert sind und die Grammatik des Denkens, in der sie sich mitteilen.&#8220;<\/p>\n<p>Ramy Al-Asheq, 1989 in den Vereinigten Arabischen Emiraten geboren und in Syrien aufgewachsen, schrieb <em>Fatma tr\u00e4gt zwei Wunden in der Hand<\/em>, als seine Mutter allein \u00fcber das Mittelmeer nach Deutschland fliehen wollte, vor ihrer Ankunft; die Schriftstellerin Annett Gr\u00f6schner liest die deutsche \u00dcbersetzung. In den H\u00e4usern aus dieser Entfernung sind Bewegungen zu sehen; kein Mensch ist von hier oben zu erkennen. Al-Asheqs Text ist, im Grunde genommen, ein Dokument des Wartens; er ist auf einen unbestimmten, ungewissen Ort ausgerichtet; er kommt langsam voran, bewegt sich in Wellen, formal: Strophen, die Titel tragen und deren Anordnung die Bewegung des Meers zu imitieren scheint, dieses Wiegen, Schaukeln. Die leere Zeile zwischen den Abs\u00e4tzen k\u00f6nnte die Spur sein, die das Schlauchboot im Wasser hinterl\u00e4sst und die es wieder nimmt. Es liegt auf der Hand: Dieses Gedicht soll das Meer beruhigen. Der Sohn ist es geworden: <em>Von Angesicht zu Angesicht \/ sehe ich sie nicht, und sie sieht mich nicht. \/ Ich wurde zum Meer. \/ Mein Leib blieb ohne Salz. (&#8230;) \/\/ Und jetzt Fatma, meine Wunde. \/ Und jetzt Mutter, mein Salz. \/ In der versperrten Reichweite ist eine Hauptstadt zu verkaufen. <\/em>Al-Asheq ist in Damaskus aufgewachsen. Zwischen Damaskus und Berlin liegen 3673, 22 km. Das Wort <em>\u00dcbersetzung<\/em> erinnert an das \u00dcbersetzen von einem Ufer ans andere. <em>Weiter Schreiben <\/em>bietet durch \u00dcbersetzungen, durch Gespr\u00e4che mit deutschsprachigen Kolleginnen und Kollegen sowie durch die Ver\u00f6ffentlichung von Texten online auf der Projektseite und in einer Anthologie, die n\u00e4chstes Jahr im Blumenbar-Verlag erscheinen wird, das, was diese Initiative bereits im Namen tr\u00e4gt: Fortsetzung. Fortdauer. Erweiterung. Ausdehnung. <em>Weiter Schreiben<\/em>, und auch das ist ein weiterer Sinn dieses Namens, kann nicht nur im Indikativ stehen: es kann auch als ein selbstformulierter Imperativ verstanden werden.<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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