{"id":5582,"date":"2017-05-31T12:52:53","date_gmt":"2017-05-31T10:52:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5582"},"modified":"2017-05-31T16:26:20","modified_gmt":"2017-05-31T14:26:20","slug":"heimat-gefuehl-gorelik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/05\/31\/heimat-gefuehl-gorelik\/","title":{"rendered":"Heimat ist ein Gef\u00fchl"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ist Heimat ein Haus, ein Ort, ein Land? Muss das Zuhause in der Heimat liegen? Darf die Heimat einem fremd sein? Auf jeden Fall gilt: Heimat braucht keine Definition. <\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5605\" aria-describedby=\"caption-attachment-5605\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5605 size-large\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/05\/heimat_freitext-1024x576.jpeg\" alt=\"Heimat ist ein Gef\u00fchl\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/heimat_freitext-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/heimat_freitext-620x349.jpeg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/heimat_freitext-768x432.jpeg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/05\/heimat_freitext.jpeg 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5605\" class=\"wp-caption-text\">Nikita Velikanin\/Unsplash (https:\/\/unsplash.com\/photos\/wTCVpReyPBU)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Heimat ist schwarz-wei\u00df, und sie ist grau, aber sie ist nicht dieses Grau, das aus der Mischung von Schwarz und Wei\u00df entsteht. Sie ist subjektiv, sie ist die meine, und sie braucht keine Definition, weil sie kein Begriff ist; sie ist ein Gef\u00fchl. Das Schwarz-Wei\u00df ist die Birkenrinde, ein schlechtes Klischee, das die russische Seele zu erz\u00e4hlen versucht. Das Grau ist das der Beton-Hochh\u00e4user, ein Symbolbild der inhumanen St\u00e4dteplanung im Osten. Um die Bedeutung dieser Bilder wei\u00df ich, aber ich f\u00fchle sie nicht. <!--more-->&#8222;Ich f\u00fchle Heimat&#8220; ist ein gro\u00dfer Satz, den lasse ich also beinahe weg. Heimat ist Gef\u00fchl, das darf man sagen, das Gef\u00fchl ist subjektiv, es ist privat wie intim, individuell ist es auch. Es hat eine Farbe, einen Geruch, es hat Bilder, die keines Retro-Filters bed\u00fcrfen, und einen Streitwert hat es aufgrund des Pers\u00f6nlichen nicht.<\/p>\n<p>Heimat \u2013 auch wenn der Begriff in der deutschen Sprache den etymologischen Hintergrund hat \u2013 muss mit Heim nichts zu tun haben, mehr noch, Heimat und Heim k\u00f6nnen und d\u00fcrfen geradezu Antonyme sein. In meiner Heimat waren graue Hochh\u00e4user Geborgenheit, Gemeinschaft und Gef\u00fchl, und da, wo ich zu Hause bin, werden ihnen sozialer Abstieg, Kriminalit\u00e4t und Trostlosigkeit angedichtet. Dass Heimat und Heim buchst\u00e4blich wie im \u00fcbertragenen Sinne einander fern wie fremd sein k\u00f6nnen, ist eine ebenso pers\u00f6nliche These wie es jede Definition dieses Begriffs \u2013 auf eine konnte man sich im \u00dcbrigen bisher nicht einigen \u2013 seit jeher war.<\/p>\n<p><strong>Wurzeln verpflanzen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Definition verfasse wie f\u00fchle ich gleicherma\u00dfen in der deutschen Sprache, einer Sprache, die nicht die meine Muttersprache, aber mein Zuhause ist. Die Sprache geh\u00f6rt mir: Die Worte geben sich mir hin. Wenn sie es nicht tun, so zwinge ich sie. Sie verzweifeln an mir, wie ich auch an ihnen verzweifle. Man k\u00f6nnte sagen, wir stehen miteinander in einer Beziehung, in einer, in der ich fliegen und fallen kann, und man k\u00f6nnte fragen: Ist Sprache nicht deine Heimat? Und ich w\u00fcrde innehalten, bestimmt. Ich w\u00fcrde innehalten und den Kopf schlie\u00dfen als Erkenntnis: Zu Hause ist, wo ich mich frei und nackt und mit allem, was ich bin, bewege. Aber zu Hause muss nicht zwingend in der Heimat liegen, und Heimat kann manchmal ganz fremd sein. Wenn ich nach Russland fahre, so fahre ich mit den Fingern \u00fcber schwarz-wei\u00dfe Rinde, und ich sp\u00fcre Geborgenheit, wenn ich gen Himmel schaue und graue Hochh\u00e4user mir den Blick verdecken, aber ich beschreibe beides in einer fremden Sprache, und die Art, wie ich denke, verstehen die Menschen dort nicht. Diese Ambivalenz ist, was Menschen auf Reisen schickt, denen man nachsagt, jemand begebe sich zu seinen Wurzeln. Ich wei\u00df nicht, ob man das kann, Wurzeln verpflanzen.<\/p>\n<p>Wenn etwas schwer zu fassen ist, versucht man, das Ganze gemeinhin in Einzelteile zu zerlegen. Heimat hat, wenn man diesen Versuch unternimmt, eine r\u00e4umliche, eine zeitliche, eine soziale, eine emotionale und eine kulturelle Dimension. Das wirft Fragen auf: Ist Heimat ein Haus, ein Ort, ein Land? Hat Heimat somit auch Grenzen, die wer? jemand anders? gezogen hat? Ist Heimat da, wo alle die humorvollen Feinheiten meiner Sprache verstehen, ist Heimat da, wo ein Lied das Herz zur R\u00fchrung bringt? Ist Heimat, wenn Erinnerungen das Jetzt \u00fcberlagern, oder ist es da, wo die wichtigen Menschen sind? Ist all diesen Dimensionen die Geborgenheit \u2013 die der Familie, der Freunde, der Sprache, der Ger\u00fcche, der Niederschlagsst\u00e4rke, der Bl\u00e4tterfarbe an den B\u00e4umen, der Witze, der H\u00f6flichkeitsfloskeln \u2013 immanent? L\u00e4sst sich diese Geborgenheit \u2013 wenn sie denn das verbindende Element sein sollte \u2013 regional begrenzen, einordnen oder definieren?<\/p>\n<p>Europa ist \u2013 \u00e4hnlich wie Heimat \u2013 ein lautes Wort. In meiner Kindheit war Europa ein Ort, ein Kontinent, um genau zu sein, ein Begriff, den ich auswendig lernte zwischen Australien und Nordamerika, einer, der \u00fcbrigens nach weniger Einheit klang als die beiden anderen genannten, weil er so viele L\u00e4nder unter seinem Namen versammelte. Zu den L\u00e4ndern geh\u00f6rten meines, in dem ich das Schwarz-Wei\u00df der Birkenrinde und das Grau meines Zuhauses hinnahm und nicht als Heimat definieren musste, und all die anderen L\u00e4nder, die unerreichbar schienen, und die ich mit Reichtum und \u2013 unerkl\u00e4rlicherweise \u2013 mit Erdbeben verband. Ich hatte offensichtlich ein sehr vages und sehr falsches Wissen \u00fcber Seismologie, aber eine deutlich schmerzende Ahnung, wie sich politisch gezogene Grenzen anf\u00fchlen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die geografischen Grenzen Europas haben sich seit meiner Kindheit nicht ein bisschen verschoben, aber umso mehr das, was der Begriff zu einen oder zu trennen meint. Wenn man von Europa spricht, so meint man eine weltweit agierende politische Kraft, eine, die zum Beispiel wahlweise als Partner oder Gegenakteur den USA an die Seite oder entgegen gesetzt wird. Man spricht von Europa als Macht und als Kraft, meint aber nur einen Teil des geografischen Konstrukts: Den, der der politischen wie wirtschaftlichen Interessengemeinschaft der EU zugerechnet werden darf. Der Graben, der meine Kindheit \u2013 und somit meinen Heimatbegriff pr\u00e4gte \u2013 wurde vielleicht um einige hundert Kilometer \u00f6stlich verschoben, ist nach wie vor existent und trennt auch nach wie vor das geografische Europa.<\/p>\n<p><strong>Reale und eingebildete Grenzen<\/strong><\/p>\n<p>Wenn jemand von der anderen Seite Europas, man k\u00f6nnte beinahe sagen und meinen &#8222;vom anderen Ufer&#8220;, &#8222;Europa&#8220; sagt, der prominenteste Vertreter dieser anderen Seite ein gewisser Wladimir Putin, dann hat er aber etwas anderes im Sinn: Europa, das kann auch klingen nach Feind. Wenn Politiker, aus der Gemeinschaft der Europ\u00e4ischen Union heraus agierend, Europa sagen, dann hat das oft auch einen normativen Klang: Als habe die Union ein Gef\u00fchl zu sein. Wir sind jetzt alle Europ\u00e4er, und diejenigen, die sich lieber als Deutsche, Ungarn, Italiener bezeichnen, sp\u00fcren, sie m\u00fcssten, aber ersp\u00fcren nicht dieses Gef\u00fchl: das Europ\u00e4ische. Sie m\u00fcssten Europ\u00e4er sein. Ersp\u00fcren es nicht, weil die Verbindung zwischen Kroatien und Frankreich eine wirtschaftliche, eine politische, eine rationale, eine geschichtsbewusste und zukunftsorientierte ist, aber keine emotionale. Europa als Heimat ist, seien wir mal ehrlich, f\u00fcr die meisten Europ\u00e4er ein Gedanke, bis sie diese Heimat verlassen. Bis sie sich tats\u00e4chlich auf einem anderen Kontinent befinden und die Heimat, die wie-auch-immer-riechende-schmeckende-geartete so weit weg erscheint, dass sie in den eigenen Augen w\u00e4chst. &#8222;Ich bin Europ\u00e4er&#8220; sagt man eher in Afrika oder S\u00fcdamerika, als wenn man sich hier befindet.<\/p>\n<p>Die Erwartungshaltung, die in der Begriffsbezeichnung mitunter steckt, kann auch als emotional-erpresserischer Anspruch, \u00fcbergriffige Fremddefinition und erzwungene Vergemeinschaftung aufgefasst werden. Wie Pubertierende, die gegen alles k\u00e4mpfen m\u00fcssen, was das Elternhaus ihnen vorlebt, um sich selbst zu sp\u00fcren, halten gro\u00dfe Teile aller Europ\u00e4er \u2013 be\u00e4ngstigenderweise in zunehmenden Zahlen \u2013 an dem fest, das dem Gef\u00fchl der europ\u00e4ischen Heimat widerspricht: an regionalen Traditionen, nationalen Identit\u00e4ten und jeder einzelnen noch real oder im Kopf existierenden Grenze. Europ\u00e4ische Einigkeit wird immer mehr zum Schimpfwort, lange bevor sie zur Farce verkommen kann. Man sucht nach Erkl\u00e4rungen f\u00fcr diese Entwicklung, sammelt sie mit Strichlisten und in klugen Essays und findet sich in der Verzweiflung wieder.<\/p>\n<p>In diesen Zeiten wird die Heimat f\u00fcr so viele zu einer, die gegen andere Heimaten k\u00e4mpft, eine, die nicht betreten werden darf von Fremden. Meins, schreien die Menschen, als w\u00fcrden sie im Sandkasten sitzen. Und sie w\u00fcnschen sich eine Mauer um diesen. Heimat wird zum Kampfbegriff, zu einer dunklen Stimmung, zu einer gegen andere gerichteten Kraft. Sie hat alles Kindliche, das Gef\u00fchl der Unschuld, ihre Farben verloren. Schwarz-Wei\u00df. Grau.<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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