{"id":5659,"date":"2017-06-08T13:25:09","date_gmt":"2017-06-08T11:25:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5659"},"modified":"2017-06-08T17:09:52","modified_gmt":"2017-06-08T15:09:52","slug":"uni-reden-usa-teresa-praeauer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/06\/08\/uni-reden-usa-teresa-praeauer\/","title":{"rendered":"&#8222;Have sex with an immigrant&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bevor die Studenten die H\u00fcte werfen: Reden vor amerikanischen Universit\u00e4tsabsolventen haben sich zu einem eigenen Genre entwickelt. Als Lebensratschlag, Ermunterungsbrief, Durchhalteparole.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5664\" aria-describedby=\"caption-attachment-5664\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5664\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/06\/freitext-graduation-620x413.jpeg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/06\/freitext-graduation-620x413.jpeg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/06\/freitext-graduation-768x512.jpeg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/06\/freitext-graduation-1024x682.jpeg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/06\/freitext-graduation.jpeg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5664\" class=\"wp-caption-text\">Copyright: Baim Hanif\/Unsplash.com<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ende Mai geht an den amerikanischen Colleges mit der <em>graduation week<\/em> das Semester zu Ende. H\u00e4tte man diese Tatsache nicht dem Kalender entnommen, sie w\u00e4re dennoch nicht zu \u00fcbersehen: Auf den Stra\u00dfen der Kleinstadt Grinnell im Bundesstaat Iowa in <em>Heartland America<\/em> finden zahlreiche Partys und Konzerte statt und in den R\u00e4umlichkeiten der Universit\u00e4t feierliche Abschlussdinner. In der Burlington Library begegnet man den <em>undergrads<\/em> aus dem vierten Jahrgang, die wahlweise in der Bibliothek ihre Bachelorarbeiten schreiben oder bereits an schlimmer<em> Senioritis<\/em> \u2013 Leistungs- und Motivationslosigkeit im Abschlussjahr hei\u00dft es dazu im Lexikon \u2013 leiden. Eine solche diagnostiziert auch mein Kollege Jay, als ich ihm von Student Keith erz\u00e4hle, der in der letzten Stunde meines Kurses <em>Recent Trends in German Literature<\/em> pl\u00f6tzlich anfing, witzlose Briefe in schlechtem Deutsch an Angela Merkels Ehemann zu formulieren und danach, beim Senior Dinner, das Silberbesteck zu klauen. Wenn schon schlechtes Deutsch, dann wenigstens witzig, sage ich zu Jay.<!--more--><\/p>\n<p>Wir gehen in den Pioneer Bookshop in der Mainstreet, wo ich meine bestellte <em>regalia<\/em> abholen soll, den schwarzen Umhang mit Fledermaus\u00e4rmeln, den eine Gastprofessorin mit Magistertitel leihweise tr\u00e4gt, dazu die schwarze Kappe mit Quaste und eine <em>hood<\/em>, eine separate Kapuze, die in meinem Fall in den Farben Rot und Wei\u00df gehalten ist. <em>Why is that?<\/em> Vielleicht, um einen Hinweis auf <em>beautiful Austria<\/em> und seine Nationalflagge zu geben, nachdem die Paris-Lodron-Universit\u00e4t zu Salzburg selbst \u00fcber keine farblichen Erkennungsmerkmale verf\u00fcgt. Wir haben meine K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe in <em>Inch<\/em> umgerechnet und mein Gewicht in <em>Pound<\/em>, herausgekommen ist ein zu kurzer, zu weiter Umhang, den ich aus touristischen Gr\u00fcnden dennoch gern \u00fcberziehe, um an der diesj\u00e4hrigen Abschlussfeier, dem <em>commencement<\/em>, teilzunehmen. <em>Class of \u201917<\/em>! Dass der Abschluss hier so frankofon als Beginn von etwas tituliert wird, folgt vielleicht derselben Logik wie die der Bezeichnung eines Hauptgangs in den hiesigen Speiselokalen als <em>entree<\/em>?<\/p>\n<p>Bei 90 Grad Fahrenheit, umgerechnet 32 Grad Celsius, begeben wir uns in unseren mal schwarzen, mal kreischend-bunten Polyesterkost\u00fcmen in den Park hinter die Herrick Chapel, wo vor einigen Wochen vom Chor der Studierenden noch Brahms\u2019 <em>Deutsches Requiem<\/em> aufgef\u00fchrt worden ist, auch hinter die Alumni Recitation Hall, wo ich als <em>Writer in Residence<\/em> meinen <em>Short Course<\/em> unterrichtet habe im <em>German Department<\/em>, einer Abteilung, der im Vergleich zu den Naturwissenschaften auch hier, mitten in Amerika, das Geld und die Studierenden langsam abhandenzukommen drohen. Wohl als Ergebnis der globalen Entwicklungen der letzten Jahre, die den <em>Humanities<\/em>, den Geisteswissenschaften, die Existenzberechtigung innerhalb eines auf unmittelbare Verwertbarkeit getrimmten Bildungssystems absprechen. Ach was, nachzudenken (\u00fcbers Menschsein?), Sprachen zu sprechen, Texte zu lesen \u2013 wer braucht den Dreck? Keine Sau, seit Jahren nicht mehr, am wenigsten jetzt, unter dem neuen Twitterpr\u00e4sidenten, auf dessen Vorschlag hin bekannterma\u00dfen das Geld f\u00fcr das <em>National Endowment for the Arts<\/em> und das <em>National Endowment for the Humanities<\/em> gestrichen werden soll, die bisher vor allem kleinere Projekte, Galerien, Institutionen abseits der gro\u00dfen Hauptst\u00e4dte unterst\u00fctzt haben.<\/p>\n<p>Mein Kollege Jay tr\u00e4gt ein schwarzes Samtbarett mit goldener Quaste und die rote Robe der Universit\u00e4t Wisconsin-Madison, drei schwarze Streifen an den \u00c4rmeln weisen ihn als Doktor aus, auf seiner Brust blinken wei\u00df-blau wie zwei neugierige Glubschaugen die Initialen der Universit\u00e4t. Wir schnappen uns je eine Flasche Wasser, um die etwa dreist\u00fcndige Zeremonie unter der prallen Sonne der Pr\u00e4rie durchzuhalten, und gehen in Zweierreihe mit den anderen Professorinnen und Professoren des Colleges durch den Park, stellen uns dann auf im Spalier und klatschen f\u00fcr die jungen Bachelors, die jetzt in Zweierreihe zwischen unseren Reihen durchmarschieren und betreten grinsen, erfreut lachen und ihren Eltern winken. Manche haben ihre quadratischen H\u00fcte mit Spr\u00fcchen und Bildern bemalt, andere, wenige, verweigern den Einheitslook ganz und tragen Hippie-Kappen mit Ethnomuster oder einen japanischen Kimono statt des schwarzen Umhangs, eine Studentin entrollt auf ihrem R\u00fccken eine riesige rosa Fahne, die in schwarzen Lettern ihren gesellschaftspolitischen Protest ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Bald sitzen wir auf unseren Klappst\u00fchlen im Park und der Redner der diesj\u00e4hrigen <em>commencement address<\/em> oder <em>commencement speech<\/em> kommt auf die B\u00fchne. Letztes Jahr war Zadie Smith da, fl\u00fcstert Jay, <em>just so-so<\/em>, da beginnt schon Kumail Nanjiani, Grinnell-Absolvent 2001 und amerikanischer Stand-up-Comedian mit pakistanischen Wurzeln mit einer Rede, die wirklich witzig und dabei in astreinem amerikanischen Englisch gehalten ist. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=x1-bzoWM8QM&amp;feature=youtu.be&amp;list=PLkmKqcJuZirNYMea6ssYKlXUCOMEbprIA\">Nachzuh\u00f6ren an dieser Stelle<\/a>.<\/p>\n<p>Diese Reden von mehr oder weniger ber\u00fchmten G\u00e4sten vor Absolventinnen und Absolventen einer Universit\u00e4t haben sich in den letzten Jahrzehnten in Amerika beinah zu einem eigenen Genre entwickelt. Es gibt bekannt gewordene Texte, als kleine B\u00fcchlein publiziert, von Neil Gaiman, Joseph Brodsky, Judith Butler, Greil Marcus, David Foster Wallace oder Oprah Winfrey. Weder scheuen sie das Pathos des <em>advice to the young<\/em> noch den Entwurf einer gro\u00dfen Vision \u2013 dein Leben, deine Familie, deine Nation \u2013, stets jedoch unterwandert vom Humor der Bescheidenheit, dem\u00fctig angesichts der gro\u00dfen Aufgaben, die auf uns alle warten. Es ist der Ton der TED-Talks, der auch in diesen Texten oft anklingt, bisweilen einen uneigentlichen Satz auf den Lippen als Zwischensnack, der das aufmerksamkeitsschwache Publikum \u201eabzuholen\u201c stark gewillt ist. Lebensratschlag, Ermunterungsbrief, Durchhalteparole.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig in diesem Jahr scheint, wie politisch sich der Rektor des Colleges am Ende der Zeremonie \u00e4u\u00dfert, nachdem Hunderte Namen vorgelesen worden sind, die sich ab nun zus\u00e4tzlich Bachelor of Arts nennen d\u00fcrfen: von Fang Tang aus Peking \u00fcber Harry Boateng Asante aus Ghana bis hin zu Jesus Villalobos aus Santa Ynez, Kalifornien. Dein Leben, deine Familie, deine Nation: geht vielleicht durch eine gro\u00dfe Krise, sagt er da in etwa. Und gemeint ist die aktuelle politische Administration, deren Auftreten die Bestrebungen eines Colleges of Liberal Arts konterkariert, das sein Augenmerk auf soziale, \u00f6konomische, ethnische und sexuelle Diversit\u00e4t der Studierenden legt. Am lautesten, wenn die Namen ihrer Kinder aufgerufen werden, klatschen, springen und tanzen hier die <em>black people<\/em> und die <em>hispanics<\/em>. \u201e<em>Populate your life with people different from you<\/em>\u201c, r\u00e4t denn auch Kumail Nanjiani in seiner Rede. \u201e<em>Once you leave school, you get to choose the kinds of people you\u2019re going to be around rather than just being forced to be around them. So I encourage you to seek out people, thoughts, and opinions different from yours. It keeps you empathetic, and it gets you out of your own echo chamber. Don\u2019t disregard opposing viewpoints. Listen to them, absorb them, oppose them if you feel that they are wrong, but allow them to affect you.<\/em>\u201c Nanjiani erz\u00e4hlt von seinem Weg als pakistanischer Studienanf\u00e4nger in Amerika, zuerst befremdet und eingesch\u00fcchtert, sp\u00e4ter ein erfolgreicher Schauspieler und Komiker, verheiratet mit einer Amerikanerin. Also, sagt er mit lachendem Ernst, \u201e<em>(h)ave sex with an immigrant. We\u2019re going through a tough time right now, and it\u2019s really great for morale<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Die Reden sind vorbei, die Sonne knallt uns ins Gesicht. Eine Blasmusikkapelle spielt ein letztes St\u00e4ndchen, die Bachelors werfen jetzt ihre H\u00fcte in die Luft. Der Moment, tausendfach so im Fernsehen gesehen, r\u00fchrt die Touristin in ihrer <em>fake regalia<\/em>. Die Menge verteilt sich, und man trifft sich wieder an den Ausgabestellen f\u00fcr Sandwiches zum anschlie\u00dfenden Picknicken im Park. Sheila kommt noch extra vorbei und dr\u00fcckt mir eine Ausgabe von <em>The Nation<\/em> und von <em>Harper\u2019s Magazine<\/em> in die Hand. Damit ich etwas zu lesen habe im Flugzeug zur\u00fcck nach Europa nach diesen Monaten hier \u2013 in einem Land voller Widerspr\u00fcche, voll sch\u00f6ner und voll schrecklicher. Amerika, du inspirierst mich, Amerika, du ersch\u00f6pfst mich. <em>See you again! Bye, Sheila, bye, Vance and Xavi, bye, Kathleen and Marc, bye, Hodna and Paul, bye, dear students.<\/em><\/p>\n<p><em>Teresa Pr\u00e4auer verbringt ein knappes Semester als Visiting Professor und Writer in Residence in den USA. In vier Episoden schreibt sie hier \u00fcber Beobachtungen aus dem Inneren des Landes: aus dem Bundesstaat Iowa im tiefsten Midwest, wo kleine Campusst\u00e4dte gedeihen inmitten von Rinderzucht und Maisfeldern.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor die Studenten die H\u00fcte werfen: Reden vor amerikanischen Universit\u00e4tsabsolventen haben sich zu einem eigenen Genre entwickelt. Als Lebensratschlag, Ermunterungsbrief, Durchhalteparole. 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