{"id":5759,"date":"2017-06-27T13:20:27","date_gmt":"2017-06-27T11:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5759"},"modified":"2017-06-29T09:06:51","modified_gmt":"2017-06-29T07:06:51","slug":"baum-stadt-merkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/06\/27\/baum-stadt-merkel\/","title":{"rendered":"Unser Freund, der Baum"},"content":{"rendered":"<p><strong>B\u00e4ume vor dem Balkonfenster gaukeln immerhin ein wenig Idylle vor. Aber was, wenn die Stadt sie abholzen will? Dann bangen wir nicht nur um das lauschige Gr\u00fcn.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5771\" aria-describedby=\"caption-attachment-5771\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-5771\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/06\/freitext-baum-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/06\/freitext-baum-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/06\/freitext-baum-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/06\/freitext-baum-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5771\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Mad House\/Unsplash.com<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Erst war uns noch nicht klar, was das bedeutete: Der Baum war gar nicht tot. (Unser Baum, von dem wir annahmen, er w\u00fcrde zu den vom Gr\u00fcnfl\u00e4chenamt ausgew\u00e4hlten Kandidaten geh\u00f6ren und gef\u00e4llt werden m\u00fcssen.) Es ist gut, einen Baum vor dem Haus zu haben. Wir haben es auch L. zu erkl\u00e4ren versucht, der allerdings behauptete, B\u00e4ume vor dem Haus zu haben, empf\u00e4nde er als irgendwie &#8222;unsauber&#8220;. B\u00e4ume im Libanon, zum Beispiel in Beirut, woher L. stammt, erscheinen dort zunehmend als irrealer Luxus, der die Stadt daran hindert, sich aller R\u00e4ume zu bem\u00e4chtigen, die Geld einbringen und f\u00fcr h\u00f6here Mieteinnahmen sorgen. Entwicklungen, unter denen L. jetzt in M\u00fcnchen so furchtbar leidet. Er wohnt in einer Wohnung, die so klein ist, dass wir ihn leider nicht besuchen k\u00f6nnen, da er eigentlich nur \u00fcber einen einzigen Schlafplatz verf\u00fcgt. Trotzdem sind wir nat\u00fcrlich erleichtert und gl\u00fccklich: Der Baum hat \u00fcberlebt.<!--more--><\/p>\n<p>Es ist noch gar nicht so lange her, da hat das Gr\u00fcnfl\u00e4chenamt, Fachbereich Gr\u00fcnfl\u00e4chen, Pflege, Unterhaltung und Entwicklung angek\u00fcndigt, dass &#8222;eine Eberesche, f\u00fcnf Eschen und elf Scheinakazien im Rahmen der Verkehrssicherheit&#8220; gef\u00e4llt werden m\u00fcssen, da sie &#8222;ihre Standfestigkeit&#8220; verloren haben. W\u00e4hrend dieser Tage rechneten wir st\u00fcndlich damit, dass der Baum verschwindet. Es waren ohnehin d\u00fcstere Tage, es waren die Tage der Trump-Depression, aus denen dann sp\u00e4ter die Trump-Kom\u00f6die wurde, bis schlie\u00dflich gar kein Genre mehr dazu passte, was Trump sich alles so ausdachte. Obwohl es ja gerade solche Leute wie Trump sind, die Einrichtungen wie das Gr\u00fcnfl\u00e4chenamt oder \u00fcberhaupt gleich das Bezirksamt Mitte, Abteilung Weiterbildung, Kultur, Umwelt, Natur, Stra\u00dfen und Gr\u00fcnfl\u00e4chen am liebsten vom Erdboden verschwinden lassen m\u00f6chten. F\u00fcr einen Augenblick spielten wir sogar mit dem Gedanken, mal beim Gr\u00fcnfl\u00e4chenamt anzurufen und uns zu erkundigen. Wir h\u00e4tten die vielen Tippfehler und die vielen fehlenden Kommata in dem Rundschreiben der Beh\u00f6rde als Anlass nehmen k\u00f6nnen, nach &#8222;unserem Baum&#8220; zu fragen. Aber wie furchtbar, wie unglaublich spie\u00dfb\u00fcrgerlich w\u00e4re das denn gewesen?<\/p>\n<p>Wir haben L. schon davon erz\u00e4hlt: &#8222;Es ist nicht so wie in der Sonnenallee. Bei uns in der Stra\u00dfe legen die Leute um die B\u00e4ume, die vor ihren H\u00e4usern stehen, kleine Minig\u00e4rten an.&#8220; Manche von ihnen mit Drahtkonstruktionen oder kleinen Miniaturholzz\u00e4unen. So sind sie gegen \u00dcbergriffe besser gesch\u00fctzt. (Es l\u00f6ste in uns kein Triumphgef\u00fchl aus, dass es gerade diese B\u00e4ume erwischte, sodass die Miniaturg\u00e4rten mit ihren Ostergl\u00f6ckchen schon bald ihr kl\u00e4gliches Dasein in der N\u00e4he eines Stumpfes fristen mussten, den das Gr\u00fcnfl\u00e4chenamt wie zur Abschreckung auf dem B\u00fcrgersteig zur\u00fcckgelassen hatte.) &#8222;Seid ihr verr\u00fcckt?&#8220;, fragte L. in seiner Antwort. Er meinte nicht uns, er meinte die Deutschen allgemein, obwohl er nichts anderes versucht, als sich in einen von ihnen zu verlieben, um endlich Wurzeln in diesem Land zu schlagen. Er will aber nicht einsehen, dass es auch hier Kr\u00e4fte gibt, die alles zu zerst\u00f6ren versuchen, so wie es auch schon Lenin probiert hat, vor dessen Name sich die Mittelklasse schon immer f\u00fcrchtete, der aber jetzt in der Gestalt von Trump-Berater Stephen Bannon die &#8222;Demontage des administrativen Staates&#8220;, seine endg\u00fcltige &#8222;Dekonstruktion&#8220; und Zerst\u00f6rung betreiben will. &#8222;Na und&#8220;, sagte L. &#8222;Dann ist es wenigstens vor eurem Haus sauber und ihr habt nicht den ganzen Dreck in eurer Wohnung herumfliegen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Zerst\u00f6rung des Staates ist vorl\u00e4ufig noch mal aufgehalten worden. Denn f\u00fcr einige von uns f\u00e4ngt der Staat mit Europa an oder h\u00f6rt mit Europa auf. Wir sind schon l\u00e4ngst so weit, dass wir uns unseren Staat ohne Europa gar nicht mehr vorstellen k\u00f6nnen oder wollen. Jeder Handschlag wird jetzt argw\u00f6hnisch beobachtet, jeder Tweet analysiert und wir schwanken zwischen vager Zuversicht, Realit\u00e4tsverdr\u00e4ngung und absoluter Verzweiflung. Noch eben war Katar ein Land, dem man kaum Sympathien entgegenzubringen brauchte, jetzt erscheint es auf einmal schutzbed\u00fcrftig und geopolitisch von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. Die Untersuchungen des Gr\u00fcnfl\u00e4chenamtes kamen zu dem Ergebnis, &#8222;dass der Holzabbau in den Wurzelbereichen und Teilen des Stammes so stark fortgeschritten ist, dass die B\u00e4ume im belaubten Zustand umst\u00fcrzen werden&#8220;. Wie schlimm ist das denn? K\u00f6nnte auch Europa, das Europa des Neoliberalismus, das Europa von Angela Merkel und Sch\u00e4uble einfach ganz von allein umfallen? Davor m\u00fcsste es doch selbst L. nur grausen. Also dann lieber die Ebereschen und Scheinakazien f\u00e4llen und Platz f\u00fcr Neues schaffen. L. w\u00fcrde dann sicherlich auch endlich die Einladung zum Abendessen annehmen, die er sonst bei seinen seltenen Besuchen in Berlin immer ausschl\u00e4gt, um bei gemeinsamen Freunden abzusteigen, die keine B\u00e4ume vor der Haust\u00fcr stehen haben.<\/p>\n<p>Aber vielleicht stehen die B\u00e4ume ja f\u00fcr etwas ganz anderes. Damals, als man sich in Deutschland noch die Franz\u00f6sische Revolution zum Vorbild nahm, f\u00e4llte man keine B\u00e4ume, sondern pflanzte welche. Es waren die sogenannten Freiheitsb\u00e4ume, die gepflanzt wurden, um die Bev\u00f6lkerung daran zu erinnern, dass sie &#8222;frei&#8220; geworden war. Mitte des 18. Jahrhunderts versuchte man in Deutschland auch frei zu werden, jedenfalls in Ernstweiler, Wolfstein, Ludwigswinkel, Annweiler, Nollenberg, Edenkoben oder in M\u00f6rzheim, M\u00fcnchweiler und Hohenm\u00fchlbach, wo \u00fcberall zwischen dem 28. April und 23. Mai 1832 Freiheitsb\u00e4ume gepflanzt wurden. L. w\u00fcrde sagen: &#8222;Es ist verr\u00fcckt.&#8220; Aber L. schl\u00e4gt unsere Einladungen aus, oder er hat Ausreden. Neulich war das Abendessen schon fest eingeplant, als es auf einmal handstreichartig zu einer \u00c4nderung bei der Planung von L.s Besuchstagen kam und dem Essen der rituelle Besuch einer Filmvorf\u00fchrung von <em>Beauty and the Beast<\/em> vorgezogen wurde.<\/p>\n<p>Unsere letzte Hoffnung war der Fr\u00fchling und dass unser Baum dann in Bl\u00fcte stehen und L. der Sch\u00f6nheit der Natur nicht w\u00fcrde widerstehen k\u00f6nnen. Aber dann bl\u00fchte unser Baum gar nicht richtig. Die St\u00fcmpfe vor den H\u00e4usern mit den Nummern 9, 10 und 12 betrachteten wir eine Weile mit einer gewissen Demut, und wir hatten auch keine Angst mehr vor dem Kr\u00e4hennest, das sich mit unserem kleinen Balkon auf Augenh\u00f6he befindet. Demut ist eine gute Haltung, vor allem wenn man in Berlin lebt. (Als ich neulich den M\u00fcll wegbrachte, Bio-, Plastik- und Papierm\u00fcll in drei verschiedenen handlichen S\u00e4ckchen getrennt, begegneten mir auf dem Weg zu den M\u00fclleimern zwei wei\u00dfe Katzen. Sie geh\u00f6ren dem kroatisch-nepalesischen Paar im Erdgeschoss, das wahrscheinlich froh gewesen w\u00e4re, wenn der Baum gef\u00e4llt worden w\u00e4re und sie dann mehr Licht gehabt h\u00e4tten. Die Katzen starrten mich in ihrer Katzenhaftigkeit so sonderbar an, dass ich beinahe die M\u00fclls\u00e4cke fallen gelassen h\u00e4tte. Die Frage aber ist: Wer hat mehr Angst voreinander? Wir vor ihnen oder die Katzen vor uns? Oder hat \u00fcberhaupt jemand wirklich Angst? Ich ging schlie\u00dflich einfach weiter, und die Katzen jagten davon. Und dann sah ich es: In den Biom\u00fclleimer hatte jemand versehentlich Plastikm\u00fcll hineingeworfen und ich tat etwas wirklich Furchtbares. Es geschah in der Intimsph\u00e4re unseres durch Tannenb\u00e4ume und B\u00fcsche vor den Blicken der eigenen Nachbarn abgesicherten M\u00fcllplatzes. Ich korrigierte den Fehler, holte den Plastikm\u00fcllsack aus der Biom\u00fclltonne und lie\u00df meinen eigenen Biom\u00fcll in die jetzt leere Tonne fallen, schloss den Deckel und lief, als w\u00e4re nichts gewesen, Richtung Bushaltestelle, die sich in unmittelbarer N\u00e4he des Untersuchungsgef\u00e4ngnisses befindet. (Und das darf auch niemand wissen: Dass unsere Stra\u00dfe direkt zum Untersuchungsgef\u00e4ngnis f\u00fchrt, in dem es wahrscheinlich \u00fcberhaupt keine B\u00e4ume gibt.)<\/p>\n<p>Ganz am Ende ihres Rundschreibens bemerkte das Gr\u00fcnfl\u00e4chenamt noch: &#8222;Die B\u00e4ume werden durch Jungb\u00e4ume ersetzt um die entstehenden L\u00fccken in den beiden Stra\u00dfen so schnell wie m\u00f6glich wieder zu schlie\u00dfen. Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen. W. L.&#8220; Die Kommata fehlten und die Unterschrift von W. L. bestand aus einem einzigen nach rechts unten abknickenden Strich. Aber es stimmte: Wenig sp\u00e4ter wurden die \u00fcbrig gebliebenen St\u00fcmpfe der Ebereschen und Scheinakazien ausgegraben und von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen des Gr\u00fcnfl\u00e4chenamts durch neue B\u00e4ume ersetzt. Wir dachten sofort an L. und dass er jetzt sagen w\u00fcrde: &#8222;Wahnsinn \u2026 Diese Deutschen \u2026&#8220; Wir warten jetzt einfach mal ab. Vielleicht bl\u00fcht unser Baum ja am Ende doch noch oder die neuen eingepflanzten Ersatzb\u00e4ume entwickeln einen besonderen Reiz. Jedenfalls haben wir die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich auch geopolitisch alles irgendwie wieder beruhigt. Auch L. wird dann zu uns kommen und unseren Baum und unser ganzes wunderbares Leben hier wertsch\u00e4tzen und lieben lernen. Ganz sicher werden wir ihn bald bei uns begr\u00fc\u00dfen und ihm unseren Baum zeigen k\u00f6nnen. (Wenn es so weit ist, fahren wir vorher allerdings noch schnell in die Sonnenallee, um ein paar libanesische Spezialit\u00e4ten zu besorgen.)<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00e4ume vor dem Balkonfenster gaukeln immerhin ein wenig Idylle vor. Aber was, wenn die Stadt sie abholzen will? 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