{"id":5849,"date":"2017-07-18T11:15:46","date_gmt":"2017-07-18T09:15:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5849"},"modified":"2017-07-24T08:23:24","modified_gmt":"2017-07-24T06:23:24","slug":"sexualitaet-dating-demisexuell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/07\/18\/sexualitaet-dating-demisexuell\/","title":{"rendered":"Zum Am\u00fcsieren fehlt mir die Lust"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt viel sch\u00f6nere Dinge, als mit irgendwelchen M\u00e4nnern die Laken zu zerw\u00fchlen. Verschont mich also mit Dating-Quatsch. Und: Danke, es geht mir gut.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5891\" aria-describedby=\"caption-attachment-5891\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-5891\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/07\/freitext-fricke-neu-620x413.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"413\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/07\/freitext-fricke-neu-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/07\/freitext-fricke-neu-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/07\/freitext-fricke-neu-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/07\/freitext-fricke-neu.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5891\" class=\"wp-caption-text\">Copyright: Matt Glm\/unsplash.com<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es gibt so viele Worte f\u00fcr sexuelle Orientierungen, dass nichts mehr normal scheint. Die Freiheit, alles sein zu k\u00f6nnen, f\u00fchrt zum Zwang, etwas sein zu m\u00fcssen. Als ich zum ersten Mal den Begriff &#8222;sapiosexuell&#8220; las, lachte ich noch laut. Sexuelles Begehren, das eher durch den Intellekt des anderen als durch \u00e4u\u00dferliche Attraktivit\u00e4t ausgel\u00f6st wird. Ach was. F\u00fcr wen etwas anderes gilt, betreibt im \u00dcbrigen Downdating. Mit Menschen ins Bett gehen, die sozial und intellektuell unter einem stehen (aber geil aussehen!). <!--more--><\/p>\n<p>Es gibt kaum ein Wort, das mehr Verachtung ausdr\u00fcckt. Jetzt scheint sich allerdings langsam ein Begriff zu verbreiten, der mich schwer irritiert, mit dem auf eine Weise umgegangen wird, die mich fassungslos macht: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2017-06\/sexuelle-identitaet-demisexualitaet-sex-berlin-10nach8\">demisexuell.<\/a> \u00dcber diese Einordnung stolperte ich nicht, ich st\u00fcrzte mit ihr hinab in die Gemeinschaft der klassifizierten Asexuellen.<\/p>\n<p>Wer demisexuell ist, f\u00fchlt sich nur zu Menschen sexuell hingezogen, zu denen er eine starke emotionale Bindung aufgebaut hat. In Videos bieten Menschen ihre Hilfe an, sollte man ebenfalls von Demisexualit\u00e4t betroffen sein, in Foren kann man sich dar\u00fcber austauschen. \u201eDemis\u201c haben eine eigene Flagge, die Artikel dazu werden hingegen meist anonym verfasst. In einem Blog schreibt einer, dass er dar\u00fcber mit niemandem sprechen wird, erst recht nicht mit seinen Eltern. Ja, sind denn alle verr\u00fcckt geworden? Gestern noch eine Romantikerin, heute schon demisexuell. Bei mir fehlt nur noch der Griff zum Wegwerfen. Eine sapiosexuelle Demisexuelle, heterosexuell noch dazu, die einsam in ihrer K\u00fcche verwelken wird. W\u00e4hrenddessen erfahre ich noch, dass prim\u00e4re sexuelle Anziehung auf sofort erkennbaren Merkmalen wie Aussehen, Stimme, Bewegungsabl\u00e4ufen beruht. Sekund\u00e4re sexuelle Anziehung auf Attributen, die man erst kennenlernen muss, wie Charakter und Humor. Es hei\u00dft, dass Demisexuelle nur sekund\u00e4re sexuelle Anziehung kennen. Das muss man sich mal vorstellen! Es gibt Menschen, die nur mit anderen Menschen ins Bett gehen wollen, die sie wirklich m\u00f6gen. Menschen, die sie klug und witzig finden, denen sie sich nah f\u00fchlen, denen sie vertrauen, in die sie wom\u00f6glich sogar verliebt sind. Nein, dar\u00fcber kann man nicht mit seinen Eltern reden, das sollte man \u00f6ffentlich auch besser nie zugeben.<\/p>\n<p>Vor ein paar Wochen sa\u00df ich mit einer Bekannten in einem Kreuzberger Caf\u00e9, sie a\u00df eine vegane Suppe, trank gr\u00fcnen Smoothie und erz\u00e4hlte von ihrem aktuellen Tinder-Abenteuer. Ph\u00e4nomenaler Sex, nat\u00fcrlich, aber reden w\u00fcrden sie nicht viel, das sei auch besser so. Ich rauchte, trank Rotwein und tr\u00e4umte von der Liebe. Zwei Frauen Anfang Vierzig, die sich wie Klischees gegen\u00fcbersa\u00dfen, nur erschien sie mir zeitgem\u00e4\u00df, w\u00e4hrend ich mich steinalt f\u00fchlte, vollkommen aus der Zeit gefallen. Falscher Ort, falsche Zeit. Berlin, 2017. Hier wartet die Liebe nicht an jeder Ecke. Hier rennt man immer nur irgendwas oder irgendwem hinterher.<\/p>\n<p><strong>Da gehe ich doch lieber mit Freunden ein Bier trinken<\/strong><\/p>\n<p>Es war nicht das erste Mal, dass ich dieses Gef\u00fchl hatte. Seit ich nicht mehr in einer Beziehung lebe, interessiert sich das Umfeld brennend f\u00fcr mein Sexleben. Mir werden M\u00e4nner vorgestellt und Dating-Apps empfohlen, mir wird st\u00e4ndig gesagt, ich solle mich doch mal am\u00fcsieren. Allein sein mag ja noch angehen, sich dabei aber nicht zu am\u00fcsieren, ist ein Verbrechen, eine Lebensverweigerung, die nicht zu akzeptieren ist. Ich am\u00fcsiere mich durchaus, nur eben nicht auf die gemeinte Weise.<\/p>\n<p>Weder bin ich verklemmt noch frigide oder katholisch, ich bin nicht mal besonders moralisch. Ich interessiere mich nur nicht so sehr f\u00fcrs Ficken. Manchmal passiert es aus Versehen, im Rausch. Ich kann mir Lust antrinken, allerdings nur f\u00fcr den ersten Moment. Im Schlafzimmer angekommen, werde ich schlagartig n\u00fcchtern. Die Nacktheit ist mir pl\u00f6tzlich unangenehm, den Sex empfinde ich als albern, be\u00e4ngstigend oder absto\u00dfend. In den meisten F\u00e4llen sp\u00fcre ich allerdings \u00fcberhaupt nichts. Ich tue, was man tut, ich bewege mich, wie ich mich zu bewegen habe, und vielleicht mache ich, f\u00fcr ein paar Sekunden zumindest, jemanden gl\u00fccklich. Es ist, als h\u00e4tte ich meine Schuldigkeit getan. So viel zum Am\u00fcsieren. Nicht jede Freiheit, die ich habe, will ich nutzen.<\/p>\n<p>Zig Dinge kann ich mir vorstellen, die mehr Spa\u00df machen, als mit irgendwelchen Herren die Laken zu zerw\u00fchlen. Also verschont mich mit diesem Dating-Quatsch. All die Fotos, die ganzen Nachrichten, die man sich hin und her schicken muss, und am Ende soll man sich auch noch treffen, mit einem Fremden. Da gehe ich doch lieber mit Freunden ein Bier trinken. Das schaffe ich ja eh viel zu selten.<\/p>\n<p>Sex und Liebe nicht trennen zu k\u00f6nnen, ist keine Schande und kein Defekt. Einziger Haken: Man macht sich verletzbar. Liebe kann halt wehtun. Mit Leuten zu v\u00f6geln, die einen knackigen Hintern haben, aber einen missratenen Charakter, geh\u00f6rt trotzdem nicht zu den Dingen, die ich machen muss. Ist auch okay, wenn mich weder die Muskeln noch der Gang eines Mannes erregen. Ist mir vollkommen egal, wie einer geht, der kann meinetwegen humpeln oder gar nicht gehen. Ist mir auch egal, ob einer Haare hat oder keine, und zwar egal wo. Ich fand jeden Mann, den ich liebte, sch\u00f6n, und mit jedem Satz, mit jedem guten Witz wurde er sch\u00f6ner.<\/p>\n<p>Ob ich denn Ber\u00fchrungen nicht vermissen w\u00fcrde, ob ich wom\u00f6glich gar keinen Trieb h\u00e4tte, ob ich denn nicht st\u00e4ndig an Sex denken w\u00fcrde, werde ich gefragt. Die Antwort auf alles lautet: Nein. Eine Einschr\u00e4nkung mache ich bei den Ber\u00fchrungen, aber daf\u00fcr gibt es Umarmungen. Vielleicht umarme ich deswegen alle so gern. Immer muss ich alle umarmen, das ist mir manchmal schon peinlich. Aber sonst, danke. Danke, es geht mir gut. Sehr sogar.<\/p>\n<p>Ich denke dar\u00fcber nach, ein Fest zu machen. Ich m\u00f6chte all diese Freaks einladen, denen Sex noch etwas bedeutet. All diese Verr\u00fcckten, die noch an die Liebe glauben, all die Verlorenen, die nicht bei Tinder &amp; Co. sind. Die ganzen Irren, die sich N\u00e4he w\u00fcnschen, die Tr\u00e4umer, die denken, der Sex k\u00f6nnte so sch\u00f6n sein, wenn wir uns wirklich m\u00f6gen w\u00fcrden, alle sollen kommen. Ich glaube, es k\u00f6nnte voll werden, seid besser rechtzeitig da.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt viel sch\u00f6nere Dinge, als mit irgendwelchen M\u00e4nnern die Laken zu zerw\u00fchlen. Verschont mich also mit Dating-Quatsch. Und: Danke, es geht mir gut. 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