{"id":5971,"date":"2017-08-10T10:22:13","date_gmt":"2017-08-10T08:22:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=5971"},"modified":"2017-08-10T15:07:55","modified_gmt":"2017-08-10T13:07:55","slug":"sommerferien-zeitphaenomen-kirsten-fuchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/08\/10\/sommerferien-zeitphaenomen-kirsten-fuchs\/","title":{"rendered":"Vier Thesen zum Zeitph\u00e4nomen &#8222;Gro\u00dfe Ferien&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Sommerferien waren immer zu lang und zu kurz. Am Lagerfeuer dehnten sie sich ins Unendliche, w\u00e4hrend sie im Freibad zusammenschnurrten auf einen rasanten Augenblick.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5978\" aria-describedby=\"caption-attachment-5978\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-5978\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/08\/freitext-ferien.jpg\" alt=\"\" width=\"700\" height=\"466\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-ferien.jpg 2000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-ferien-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-ferien-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-ferien-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-5978\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Tegan Mierle\/Unsplash<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Was ist nicht schon alles gro\u00df genannt worden? Der Gro\u00dfe Vaterl\u00e4ndische Krieg. Die gro\u00dfe Hilde Knef. Der gro\u00dfe Gatsby. Die m\u00f6gen alle gro\u00df sein, aber die gro\u00dfen Ferien sind gr\u00f6\u00dfer. Weder ausreichend noch seri\u00f6s ist bisher untersucht worden, warum sich die feste physikalische Gr\u00f6\u00dfe Zeit im Zusammenhang mit den gro\u00dfen Ferien als unfest herausstellt.<\/p>\n<p>Schmilzt die Zeit bei der Hitze? Dehnt sie sich aus wegen der W\u00e4rme? W\u00e4chst sie, so wie man selbst im Verlaufe der gro\u00dfen Ferien w\u00e4chst? W\u00e4chst also die Zeit, aus der die gro\u00dfen Ferien bestehen, mit einem zusammen, so wie sehr dehnbare Kleidung?<!--more--><\/p>\n<p>Hierzu muss ich vier Thesen anlegen (mir ausdenken) und beweisen (es sollte zumindest einleuchtend klingen, wie am ersten Ferientag morgens die Sonne durch eine Jalousie leuchtet und die Schatten als Streifen auf den Boden fallen. Und wenn man wach wird, denkt man erst, man m\u00fcsse aufstehen und sich anziehen und so, aber man kann liegen bleiben, bis die Schattenstreifen bis zur Wand gewandert sind).<\/p>\n<p>Bei meiner wissenschaftlichen Untersuchung der Zeitph\u00e4nomene ist die gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeit, mich nicht in Erinnerungen zu verlieren und gef\u00fchlstaumelig zu werden, wie Fliegen, die an endlos langen Nachmittagen in der warmen Laube eines Verwandten um die nicht eingeschaltete Deckenlampe fliegen, in Dreiecken, Vierecken, F\u00fcnfecken, Sechsecken und das alles, obwohl die Laubent\u00fcr offensteht.<\/p>\n<p>Nun aber die Thesen:<\/p>\n<ol>\n<li>Die gro\u00dfen Ferien sind wie eine Hundenase.<\/li>\n<li>Die gro\u00dfen Ferien sind eine Wasserrutsche.<\/li>\n<li>Die gro\u00dfen Ferien sind zwei \u00c4ste und eine Sehne.<\/li>\n<li>Die gro\u00dfen Ferien sind gr\u00f6\u00dfer als Chuck Norris.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Stellen wir uns die gro\u00dfen Ferien einmal als Hundenase vor. Die Hundenase eines Sch\u00e4ferhundmischlings, denn so einen habe ich zuf\u00e4llig zu Hause, um ihn als Versuchstier zwar wissenschaftlich aber eher allegorisch zu verwenden, ohne dass er zu Schaden kommen wird.<\/p>\n<p>Nun vermesse ich die Nase meines Hundes. Sie ist 4 Zentimeter breit. F\u00fcr seine Mitarbeit bekommt der Hund die anerkannte Auszeichnung &#8222;fein, fein&#8220; und ein St\u00fcck getrockneten Bl\u00e4ttermagen, welcher als Metapher f\u00fcr die gro\u00dfen Ferien auch brauchbar gewesen w\u00e4re, aber wie klingt das denn? Die gro\u00dfen Ferien sind wie Bl\u00e4ttermagen?<\/p>\n<p><strong><br \/>\nDie Zeit rennt und steht gleichzeitig still<\/strong><\/p>\n<p>Nun aber zum Inneren der Hundenase. Sie ist gefaltet und gedellt, gekn\u00fcllt und zu Riffeln geschoben. W\u00fcrde man die Hundenase b\u00fcgeln und auslegen, erg\u00e4be sich eine Fl\u00e4che von zwei mal zwei Metern Riechschleimhaut.<\/p>\n<p>Und da kn\u00fcpft nun meine These an. Die gro\u00dfen Ferien sind so gro\u00df, weil sie ebenso vielf\u00e4ltig, labyrinthartig, gekniffelt und gefaltet sind. Diese sechs Ferienwochen (zu DDR-Zeiten acht Wochen) bestehen aus verschiedenen Orten, Personen, L\u00e4ndern, Langeweile und Spannung, Neuem und Altem. Das wohl bekannteste Gegensatzbeispiel in dieser Phase des Jahres besteht aus dem Wunder, dass die gro\u00dfen Ferien sehr lang und gleichzeitig zu kurz sind, da die Zeit gleichzeitig rennt und stillsteht.<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr zu kurz: Tag am Badesee, kichern mit den Cousinen, Ferienlager.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu ein Beispiel f\u00fcr zu lang: Tag bei Tante im Garten. Der langweiligste Garten aller Zeiten, nur Rasen, keine Tischtennisplatte, keine Nachbarkinder, ein fetter, knurrender Dackel. Laberlaber machen die Erwachsenen, nein, jetzt nicht, wir fahren sp\u00e4ter, besch\u00e4ftige dich selbst, h\u00f6r sofort auf, die Bl\u00e4tter von den B\u00fcschen zu rupfen, blablabla. Man f\u00e4ngt Fliegen und wirft sie in die Regentonne, rettet sie wieder und wirft sie wieder rein. Dann rettet man eine Hummel und sieht ihr beim Trocknen und Putzen zu. Dreihundert Jahre bei der Tante im Garten. Viel zu lang wie die Beschreibung davon, als h\u00e4tte sich auch hier die Zeit dick gemacht. Ferienzeit, die wie s\u00fc\u00dfer Brei \u00fcberkocht und durch die leeren Stra\u00dfen wabert, die flirrende Hitze, das Zirpen der Grillen, die warmen Kaugummis unter dem Turnschuh, die Leerstellen an der Bushaltestelle, wo sonst Menschen warten, der Ferienfahrplan &#8230;<\/p>\n<p>Die Zeit dehnt sich und schrumpft, weshalb es zu Dellen in den gro\u00dfen Ferien kommt, die eine viel gr\u00f6\u00dfere Fl\u00e4che ergeben als die eigentliche Fl\u00e4che. Ergo Hundenase.<\/p>\n<p>Kommen wir zu These Nummer zwei: Die gro\u00dfen Ferien sind eine Wasserrutsche.<\/p>\n<p>Beginne ich, mich an die gro\u00dfen Ferien zu erinnern, dann sitze ich oben auf einer Wasserrutsche und nur einen Zentimeter weiter rausche ich auch schon runter, zur\u00fccklehnen, Arme hoch, Nase zuhalten, schreien, der Hall der Stimme in dem Rohr, ein Kinderstimmenjauchzer, ins Becken klatschen, untertauchen, wieder auftauchen, nochmal. Es riecht nach Pommes. Nasses Handtuch, im Liegen einen Grash\u00fcpfer auf einem Halm schaukeln sehen, versuchen, ihn zu fangen, nur um ihn wieder freizulassen. Das Ger\u00e4usch &#8222;Tischtennisball auf Stein&#8220;, Cola, Wassermelone, winzige Nacktschnecken, wenn man Steine herumdreht, kleine Kr\u00f6ten von A nach B unterwegs &#8230;<\/p>\n<p><strong><br \/>\nFerien-Urlaub-Grenze<\/strong><\/p>\n<p>Schon das Aussprechen der Worte &#8222;die gro\u00dfen Ferien&#8220; kann diesen Rutsch ausl\u00f6sen. Und dann bin ich auf der anderen Seite, eben noch trocken, jetzt nass, eben noch angezogen, auf einmal halbnackt, fast keine Haare an der Muh, Wachstum \u00fcberall. Pl\u00f6tzlich bin ich auf der anderen Seite der Grenze. Die Grenze hei\u00dft Ferien-Urlaub-Grenze. Wenn ich diese Grenze \u00fcberschreite, bin ich erwachsen oder noch nicht erwachsen, kommt darauf an, in welche Richtung ich reise. F\u00fcr Urlaub muss ich arbeiten, ich muss ihn mir verdienen, und dann muss der Wert dieses Urlaubs ab-erholt werden, ich muss mich entspannen, was erleben, nichts erleben. Ein Urlaub muss einen zu definierenden Wert x erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Aber die gro\u00dfen Ferien m\u00fcssen gar nichts. Es ist Zeit f\u00fcr Zeithaben, f\u00fcr pures Zeithaben. Es ist so viel Zeit, dass man sie totschlagen muss, wie M\u00fccken, die abends angreifen, bevor man das Feuer in Gang bekommen hat, erst Papier, dann Sp\u00e4ne, wedeln oder pusten, nachlegen, das kleine Feuer f\u00fcttern, bis es ein gro\u00dfes ist, Zunder reinschmei\u00dfen, nur um zuzusehen wie vergeht, was in den letzten Jahren gewachsen ist. Holz um Holz, zischende Tannennadeln, nasse \u00c4ste, aus deren Bruchstellen es sch\u00e4umt vor Feuchtigkeit. Dann sind die M\u00fccken weg, und der Tag verschwindet und die Zeit, aber wie das Holz w\u00e4chst sie nach, w\u00e4hrend du w\u00e4chst. Das sagen alle Verwandten, die du in diesen Ferien siehst. Gewachsen bist du und hast es wieder nicht bemerkt.<\/p>\n<p>&#8222;Die gro\u00dfen Ferien&#8220; sagen und denken ist ein pawlowscher Reflex. Unser Sehnsuchtshahn tropft. War das sch\u00f6n! Und \u00f6de. Aber vor allem sch\u00f6n. Und \u00f6de. Und da sind sie wieder, die Dellen und Kn\u00fcllungen aus Widerspruch und Gegensatz, die Hundenase, die Pommes riecht.<\/p>\n<p>These Nummer drei: Die gro\u00dfen Ferien sind zwei \u00c4ste und eine Sehne.<\/p>\n<p>Aus zwei \u00c4sten und einer Sehne kann man einen Flitzebogen bauen. Aber wenn man aus den zwei \u00c4sten und der Sehne keinen Flitzebogen baut, sind es nur zwei \u00c4ste und eine Sehne. Es k\u00f6nnten auch zwei Angeln werden. Dann ist die Frage, ob man etwas f\u00e4ngt. Es k\u00f6nnte auch ein Katapult sein und die Frage ist, ob du jemanden triffst. Die aufregendste Frage in den gro\u00dfen Ferien ist: Wird etwas Aufregendes passieren? Das Abenteuer ist, ob es eins sein wird. Wird die Sehne nicht gespannt, gibt es keine Spannung.<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl abenteuerlicher Langeweile im Garten der Gro\u00dfeltern.<\/p>\n<p>Hubschrauberger\u00e4usch.<\/p>\n<p>Wird der Enkel der Nachbarn wieder da sein? Wird er so bl\u00f6d sein wie im letzten Jahr?<\/p>\n<p>Eine Fliege fliegt gegen ein Fenster. Hubschrauber. Fliege. Hubschrauber. Fliege.<\/p>\n<p>Diese Spannung existiert allgemein in der Realit\u00e4t, denn es werden deine Gef\u00fchle sein und deine Konsequenzen. Das ist v\u00f6llig anders als in einem Buch oder einem Film. Da kann man sich einigerma\u00dfen darauf verlassen, dass etwas passiert, sonst w\u00fcrde diese Geschichte nicht erz\u00e4hlt werden. Aber richtig spannend ist das auch nicht, denn es ist nicht dein Kuss, dein Tod.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nStromern, sowas wie surfen im Internet, aber mit anfassen<\/strong><\/p>\n<p>Im Alltag ist es \u00fcberschaubar, was passiert, aber in den gro\u00dfen Ferien, da kann alles passieren. Aber es muss eben nicht. Wie ein Flummi springen diese beiden M\u00f6glichkeiten zwischen Hausw\u00e4nden einer schmalen Gasse hin und her und schlagen ein Fenster ein. Oder schlagen kein Fenster ein. Du musst wegrennen. Der Schwei\u00df l\u00e4uft an dir runter, als du am Bach ankommst. Oder keiner erwischt dich. Du musst nicht wegrennen. Nichts passiert. Die Hundenase wackelt, riecht es schon wieder nach Pommes?<\/p>\n<p>Nun die letzte These: Die gro\u00dfen Ferien sind gr\u00f6\u00dfer als Chuck Norris. (Da er selbst als Kind Sommerferien hatte. Klaro. Allerdings ist Chuck Norris gr\u00f6\u00dfer als eine Hundenase. Aber so einseitig logisch kann man das nicht betrachten.)<\/p>\n<p>Vielleicht sind die gro\u00dfen Ferien so gro\u00df, weil die Gef\u00fchle so gro\u00df waren. Nichts gew\u00e4nne einen Kampf gegen die gro\u00dfen Ferien, weil sie erst mal gar nicht k\u00e4mpfen w\u00fcrden. Die w\u00fcrden sich auf eine Decke legen und Limo trinken, in den Wolken Penisse entdecken und kichern. Und schon wieder riecht es nach Pommes. Und dann ist eigentlich alles vergessen. War was vorher? Kommt was danach? Ist die Zeit stehen geblieben? Was ist Zeit? Die Zeit, bis das Eis schmilzt? Die existiert nicht. Die Zeit, bis die Ferien vorbei sind? Wenn sie vorbei sind, kommen neue. Die gro\u00dfen Ferien sind nie vorbei. Sie sind unterbrochen von Schule und Herbst, Winter und Fr\u00fchling, aber dann sind sie wieder da. Und man kann stromern gehen, durch die T\u00e4tigkeiten, Filme und B\u00fccher, G\u00e4rten und leere St\u00e4dte. Stromern, sowas wie surfen im Internet, aber mit anfassen.<\/p>\n<p>Oder sind die Sommerferien nur so gro\u00df, weil man so klein war und weil man selbst so gro\u00df wurde w\u00e4hrenddessen und sich jede Relation verlor?<\/p>\n<p>Wenn man die Freunde im September in der Schule wiedersah, waren das andere Menschen. Manche waren in fremden L\u00e4ndern und wussten die verr\u00fccktesten Dinge zu berichten.<\/p>\n<p>Kriege und Dramen lagen zwischen Schuljahresende und Schuljahresanfang. Jungs hatten auf dem Campingplatz Steine geworfen und meiner Cousine und mir &#8222;na, ihr Trinen&#8220; nachgerufen. Wir haben auf ihre Fahrradsitze gepinkelt. Dann waren sie aber doch ganz s\u00fc\u00df und meine Cousine hatte beide gek\u00fcsst, ich gar keinen.<\/p>\n<p>Schon bin ich wieder die Wasserrutsche runtergerutscht, Platsch, Planschbecken, Ostsee, Badewanne, nass, trocken, verschwitzt, Sand klebt, M\u00fcckenstiche, dreckig, Duft, Bademantel und auf dem Sofa bei Oma Chips essen und <em>Asterix<\/em> ansehen. Danach Bud Spencer.<\/p>\n<p>Ich gehe jetzt zwei St\u00f6cke und eine Sehne suchen. Taschenlampe nicht vergessen, denn nach der Wasserrutsche kommt die Hundenasenh\u00f6hle. Dort sitzt Chuck Norris bei einem Feuer und schnitzt aus Kieferrinde ein Boot.<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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Im Jahr 2003 gewann sie den renommierten Literaturwettbewerb Open Mike, 2005 erschien ihr vielgelobter Deb\u00fctroman \"Die Titanic und Herr Berg\", 2008 der Roman \"Heile, heile\". Zuletzt erschien der Roman \"M\u00e4dchenmeute\" im Rowohlt Verlag. 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