{"id":6000,"date":"2017-08-22T11:32:31","date_gmt":"2017-08-22T09:32:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6000"},"modified":"2017-08-22T12:40:13","modified_gmt":"2017-08-22T10:40:13","slug":"sarajevo-krieg-tod-kindheit-sila","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/08\/22\/sarajevo-krieg-tod-kindheit-sila\/","title":{"rendered":"Home is where the Tod is"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nach 23 Jahren besuchte ich zum ersten Mal meine Heimatstadt Sarajevo. Ich fand Geschichten \u00fcber Explosionen, Wunden, Hunger und Tumore. War das sch\u00f6n.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6019\" aria-describedby=\"caption-attachment-6019\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-6019\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/08\/freitext-sarajevo-1024x653.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"408\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-sarajevo-1024x653.jpg 1024w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-sarajevo-620x395.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-sarajevo-768x490.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6019\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Dado Ruvic\/Reuters Pictures<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Mich darf man alles M\u00f6gliche fragen, auch woher ich komme. Ich komme aus Sarajevo, Bosnien-Herzegowina, das Zuhause des <em>FK<\/em> <em>\u017deljezni\u010dar<\/em>! Es gibt Menschen mit Migrationshintergrund, die diese Frage kr\u00e4nkt, meistens sind sie in Deutschland zur Welt gekommen und haben darum keine Antwort au\u00dfer: Hamburg. Oder Rastatt, oder so. <!--more-->Ich bin aber erst seit meinem dreizehnten Lebensjahr hier und habe \u00fcber die Jahre einen regelrechten Aufsatz \u00fcber meine einstige Heimatstadt einstudiert, mit dem ich alle Fragenden f\u00fcr sie zu gewinnen hoffe:<\/p>\n<p>Sarajevo gleicht einer Schichttorte. An den osmanischen Stadtkern schlie\u00dft sich ein Ring aus Geb\u00e4uden \u00f6sterreichisch-ungarischer Zeit an, und nach ihnen erstrecken sich die Weiten sozialistischer Gro\u00dfwohnsiedlungen, Reihen von Hochh\u00e4usern, deren enorme Ausma\u00dfe selbst auf Satellitenaufnahmen der Stadt deutlich werden, wo sie Hunderte von quadratkilometergro\u00dfen, rechteckigen Schatten werfen.<\/p>\n<p>Es gibt kaum \u00dcberg\u00e4nge zwischen den Architekturen dieser drei Epochen, nur einige Streifen, in denen sie \u00fcber wenige Meter ineinander bluten; das sieht aus wie die Achsel eines g\u00fcnstigen Hemds, wo die Schnittkante des \u00c4rmels unter der Naht hinausragt. Im Gegensatz zur ehemaligen DDR, wo nach der Wiedervereinigung eine Massenflucht aus Gro\u00dfraumsiedlungen stattfand, kauft man in Bosnien immer noch Wohnungen in den Platten. Man tut es, um in der N\u00e4he alternder Eltern und der Freunde, mit denen man aufgewachsen ist, bleiben zu k\u00f6nnen. Menschen in Sarajevo bleiben den Vierteln, in denen sie aufgewachsen sind, verpflichtet.<\/p>\n<p>Die Plattenbauten tragen immer noch die Pockennarben der Einsch\u00fcsse von Granaten und Kugeln, von Br\u00e4nden; die Wohnungsinhaber haben in der Regel jene Sch\u00e4den gekittet, die ihre Immobilie unmittelbar betrafen, aber Einigungen zu gesamtheitlichen Instandsetzungen der Fassaden sind selten. Die Spuren der Treffer \u00e4ndern nichts an der Wirkung dieser \u00fcberdimensionierten Monolithe \u2013 sie sind so gro\u00df, dass es oft schwierig ist, sie ganz im Sichtfeld zu haben. Zus\u00e4tzlich sind ihre Silhouetten nicht blo\u00df quadratisch, sondern von der Unruhe einer Vielzahl von Auskragungen bestimmt; es ist regelrechte Arbeit sie anzuschauen. Die gr\u00f6\u00dften von ihnen tragen Spitznamen: der Papagei, der Hundertmeter, der Gepanzerte, die Waffel. Ich bin in einem der kleineren, nur sechsst\u00f6ckigen und darum namenlosen aufgewachsen.<\/p>\n<p>Da komme ich also her.<\/p>\n<p><strong>***<\/strong><\/p>\n<p>Als der Muezzin in der Nacht das Ischa-Gebet ank\u00fcndigte, war ich mit einem Kindheitsfreund zwischen den Platten unseres Viertels unterwegs. Wir hatten uns als Jugendliche verabschiedet, jetzt waren unsere Brust- und Barthaare grau. Wir hatten Kr\u00e4henf\u00fc\u00dfe in den Augenwinkeln, Stirnfalten, eben all die Merkmale verfr\u00fchten Alterns, die zum Dasein von Kriegs\u00fcberlebenden ebenso geh\u00f6ren wie paralysierende Existenz\u00e4ngste. Stress ist Gift, mein Gesicht bezeugt das. Wer ergraut denn bitte mit Mitte drei\u00dfig? Ist es nicht ungerecht?<\/p>\n<p>Mein Freund fragte, wie Deutschland sei; ich sagte, es sei cool, meine Frau sei eine Deutsche, die meisten meiner engen Freunde seien Deutsche \u2013 bis auf einen Luxemburger eigentlich alle, vervollst\u00e4ndigte ich.<\/p>\n<p>Fragen dich die Deutschen nach Bosnien?<\/p>\n<p>Klar, oft.<\/p>\n<p>Was sagst du ihnen dann?<\/p>\n<p>Kommt darauf an, was sie fragen.<\/p>\n<p>Cool-cool, sagte er.<\/p>\n<p>Jawohl, sagte ich, alles gediegen.<\/p>\n<p>Ich verschwieg die Hamburger G20-Krawalle, die zu diesem Zeitpunkt stattfanden, aber sie h\u00e4tten ihn ohnehin nicht beeindruckt: Jedes Stadtderby zwischen dem <em>FK \u017deljezni\u010dar<\/em> (mein Verein) und dem <em>FK Sarajevo<\/em> (nicht mein Verein) richtet zwei Mal j\u00e4hrlich vergleichbares Tohuwabohu an. Ich verschwieg sie auch, weil wir \u00fcber den Krieg sprachen.<\/p>\n<p>Intimit\u00e4t setzt geteilte Erfahrungen voraus, daher fiel es mir nicht schwer, in Sarajevo anzukn\u00fcpfen, obwohl ich seit dreiundzwanzig Jahren in Deutschland lebte und meine Geburtsstadt in dieser Zeit nie besucht hatte. Der Anlass meines Besuchs war ein Literaturfestival, aber die geteilte Erfahrung waren keineswegs Romane, sondern der Krieg. Unser Krieg. Wir tauschten Geschichten \u00fcber Explosionen, Wunden, Hunger und Tumore. War das sch\u00f6n! Im Ernst. Diese Erfahrungen haben in Deutschland niemanden interessiert (was ich von Beginn an begr\u00fc\u00dft habe, ich wollte nicht als gesch\u00e4digt gelten), sodass ich mir nun wie ein M\u00e4rklin-Enthusiast auf der Fachmesse vorkam: Hier befremdete ich niemanden.<\/p>\n<p>Um zwei Uhr morgens sa\u00dfen wir in einer zur Wirtschaft ausgebauten Garage, eine Hochzeitsgesellschaft feierte laut in der N\u00e4he, und der Besitzer \u00fcberlegte, wann jemand aus den Hochh\u00e4usern der Nachbarschaft die Polizei rufen w\u00fcrde. Jugendliche auf frisierten Motocross-Maschinen donnerten \u00fcber den leeren B\u00fcrgersteig. Aus der Finsternis einer zehn Meter entfernten Unterf\u00fchrung wehte der Wind Marihuanageruch und das leise Gurgeln einer Bong zu uns. Es war seltsam, wie wenig sich seit den Achtzigerjahren ver\u00e4ndert hatte.<\/p>\n<p>Wir sprachen \u00fcber zwei Freunde, die im Krieg ums Leben gekommen waren. Wir sprachen \u00fcber zwei Freunde, die nach dem Krieg durch Heroin ums Leben gekommen waren. Wir sprachen \u00fcber zwei Erwachsene, die sich w\u00e4hrend des Kriegs von einem der Hochh\u00e4user des Viertels gest\u00fcrzt hatten. Wir sprachen \u00fcber tote Gro\u00dfeltern. Wir sprachen dar\u00fcber, wessen Eltern noch lebten.<\/p>\n<p><strong>***<\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Kern ist Migration ein Tausch von Privilegien: Besondere Formen der N\u00e4he, die es nur in der alten Heimat gibt, werden gegen die Bequemlichkeit und Sicherheit eines Landes wie Deutschland getauscht. Normal, wenn ihr mich fragt. Dass diese N\u00e4he sich in meinem Fall jedoch nur \u00fcber Themen des Kriegs und des Todes herstellen lie\u00df, verdeutlichte mir, wie lange ich bereits in Deutschland lebte, wo Dialoge \u00fcber den Tod anders verlaufen als in Bosnien. Meine deutschen Freunde kommen dem Tod mit protestantischen Formeln bei. Sie hoffen, dass ein R\u00fcckblick auf ein gut gef\u00fchrtes Leben \u2013 eines, in dem man etwas erreicht hat \u2013 sie mit dem Tod vers\u00f6hnen wird, wenn es soweit ist. Bosnier glauben hingegen, dass der Tod den H\u00f6hepunkt eines fortgesetzten Skandals von Ungerechtigkeiten darstellt. F\u00fcr Deutsche ist der Tod das Ende eines Videospiels, f\u00fcr Bosnier das Ende einer jahrzehntelangen Schlammlawine.<\/p>\n<p>Dies k\u00f6nnte geschichtlich begr\u00fcndet sein, aber ich bin mir nicht sicher. Vielleicht irre ich mich auch insgesamt. Jedenfalls \u2013 wer mich fragt, woher ich komme, bekommt die Antwort, es sei der Ort mit dem interessanten Tod.<\/p>\n<p>_______________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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