{"id":6061,"date":"2017-08-24T11:39:16","date_gmt":"2017-08-24T09:39:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6061"},"modified":"2017-08-29T09:10:15","modified_gmt":"2017-08-29T07:10:15","slug":"berlin-neukoelln-deutsche-sprache-jens-spahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/08\/24\/berlin-neukoelln-deutsche-sprache-jens-spahn\/","title":{"rendered":"Berlin, Babylondon"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Verschwinden der deutschen Sprache in der Berliner Gastronomie geh\u00f6rt zu den luxuri\u00f6seren Problemen der Stadt. Vielleicht liegt es auch an der gro\u00dfen Ehrfurcht vor unserer komplexen und unergr\u00fcndlich funkelnden Muttersprache.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6063\" aria-describedby=\"caption-attachment-6063\" style=\"width: 620px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-6063\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/08\/berlin-bild-620x349.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/berlin-bild-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/berlin-bild-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/berlin-bild-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6063\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Tim Wright\/unsplash.com<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Wenn man dich anderswo auf der Welt fragt, ob du Deutsch sprichst, sagst du: ja. Als du hierherkamst, hat dich niemand gefragt, was du sonst noch so sprichst. Man schien begeistert, ja buchst\u00e4blich besessen davon zu sein, Englisch mit dir zu reden. Du warst auf Partys und Abendessen, bei denen sich alle nach dir, der englischen Muttersprachlerin richteten, das hat dich anfangs ger\u00fchrt, weil du dich als ziemlich weltgewandt einstufen w\u00fcrdest, aber niemals und nirgendwo davon geh\u00f6rt hattest, dass die Deutschen als ausnehmend gastfreundlich gelten. Nun, in deinem Fall waren sie es. Bis hin zur Selbstaufgabe. Oder gibt es sonst ein Land, in dem alle ihre Gespr\u00e4che vereinfachen und verlangsamen, indem sie f\u00fcr einen Gast auf ihre Muttersprache verzichten? Dir f\u00e4llt keins ein. Frankreich ganz bestimmt nicht, hahaha. Aus Frankreich kommt deine derzeitige Mitbewohnerin in deiner abwechslungsreichen AirBnB-WG in Berlin. Auch sie spricht Englisch. Sichtlich ungern, aber lieber als Deutsch.<!--more--><\/p>\n<p>Dein Deutschwortschatz ist in etwa so gro\u00df wie der deiner t\u00fcrkischen Nachbarin, auch wenn eure Vokabeln sicher aus unterschiedlichen Themenkreisen kommen. Denn w\u00e4hrend die alte Dame sich vorrangig auf ihre Familie konzentriert, st\u00fcrzt du dich enthusiastisch in dein Leben als Neu-Neuk\u00f6llnerin. Der Job im Restaurant sollte nur vor\u00fcbergehend sein. Eigentlich spekulierst du auf einen Job im Team von \u00d3lafur El\u00edasson. Der kann garantiert Deutsch, weil Skandinavier irgendwie immer alles k\u00f6nnen, aber seine Arbeitssprache wird Englisch sein. Leider braucht \u00d3lafur dich im Moment nicht, weshalb du in der Zwischenzeit an einem Bildungsroman schreibst. Den Titel hast du schon: G\u00f6tterschaden. Ein deutsches Wort, das du aus G\u00f6tterd\u00e4mmerung und Schadenfreude zusammenmontiert hast, deinen beiden Lieblingsw\u00f6rtern.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist der Vorwurf, du w\u00fcrdest dich nicht f\u00fcr Deutsch interessieren, total unfair. Du magst Deutsch. Du liebst es, deutsche W\u00f6rter in deine S\u00e4tze einzuflechten. Das sollte die eigentliche Bestimmung dieser Sprache sein: Dekoration.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcnf achtzisch!<\/strong><\/p>\n<p>So angewendet kommt sie fast so gelehrt und elit\u00e4r daher wie Latein oder Sanskrit. Im Alltag ist sie leider so gut wie unbrauchbar, schon aufgrund ihrer unzumutbaren Grammatik und ihres nicht allzu anziehenden Klangs. Deine Freunde aus aller Welt sind in diesem Punkt einhellig deiner Meinung. Deine Deutschquellen waren Nietzsche, Wagner, ein Kurs am Goethe-Institut und die DVD-Sammelboxen deines Vaters \u00fcber den Blitzkrieg. Ebenfalls ein sensationelles Wort, das die Deutschen jedoch so gut wie nie verwenden. Genauso wenig wie die anderen gro\u00dfartigen Begriffe, mit denen du hier fest gerechnet hast. Wanderlust zum Beispiel, oder Fahrvergn\u00fcgen. Aber nein. Stattdessen sagen die Leute dauernd Ach so! und Tschuldigung. Mal ehrlich: Sind derart dumpfe Laute exportf\u00e4hig? Eher nicht. Und auch der st\u00e4ndige Hinweis der Deutschen, ihnen falle Englisch so leicht und demzufolge dir auch Deutsch, weil unsere Sprachen ja verwandt miteinander seien, hilft dir nicht wirklich weiter.<\/p>\n<p>Die einzigen Leute hier, die Deutsch mit dir sprechen, sind der Inhaber deines Lieblingssp\u00e4tkaufs, der dir praktisch im Alleingang die Zahlen beigebracht hat \u2013 f\u00fcnf achtzisch, drei siebzisch, sechs neunzisch \u2013 danke, Herr Yildiz. Und dann w\u00e4re da noch dein Hausmeister, der statt Englisch einfach laut mit dir redet. &#8222;Montach nach acht?&#8220;, br\u00fcllte er letztens mehrmals ins Telefon, als dein Bad unter Wasser stand \u2013 und wieder einmal konntest du keinerlei Verwandtschaft mit dem Englischen erkennen. H\u00e4tte man dich gefragt, welcher Sprachfamilie du dieses Geschrei zuordnen w\u00fcrdest, du h\u00e4ttest auf Arabisch getippt.<\/p>\n<p>Und dennoch bist du ernsthaft bereit, endlich Deutsch zu lernen. Die Barrieren, die sich dir bisher in den Weg stellten, trafen dich genauso unerwartet wie die unverhoffte Gastfreundschaft der Deutschen.<\/p>\n<p><strong>Du h\u00e4ttest einfach Gastrosprech lernen m\u00fcssen<\/strong><\/p>\n<p>Deine Bem\u00fchungen, deine Kenntnisse mithilfe eines Muttersprachlers auszubauen, scheiterten am Muttersprachler, der, wie alle M\u00e4nner deines Alters, immer wieder ins Englische verfiel, und mit dem du schlie\u00dflich im Bett landetest, was erst zum Erlahmen eures Sprachkurses und schlie\u00dflich zum Abbruch eures Kontakts f\u00fchrte. Deine Bem\u00fchungen, deutsches Fernsehen zu schauen, scheiterten am deutschen Fernsehen. Deine Bem\u00fchungen, deutsche Zeitungen zu lesen, scheiterten an deiner Aufmerksamkeitsspanne, die nicht einmal f\u00fcr englische Zeitungen ausreicht. Stichwort Zeitungen: Schon letztes Jahr stand ein Artikel \u00fcber Leute wie dich in der <em>Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung<\/em>, hast du geh\u00f6rt, denn selbstredend liest du diese Zeitung nicht, deren Name jedoch dein Problem ganz gut illustriert: sperriges, sperriges Deutsch.<\/p>\n<p>Und dieses Jahr schrieb sogar der <em>Guardian<\/em> \u00fcber die deutschfreien Zonen in Berlin. Cool, dachtest du, und hattest das Gef\u00fchl, Teil einer Bewegung zu sein. Vergleichbar mit Grunge oder Ghosting oder so. Doch dann \u00e4u\u00dferte <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2017-08\/cdu-jens-spahn-hipster-parallelgesellschaft\">sich ein deutscher Politiker zu dieser Entwicklung<\/a>, und zwar, so hast du dir sagen lassen, eher \u00e4rgerlich, und schlie\u00dflich griff das Ph\u00e4nomen direkt in dein Leben ein \u2013 leider auf unerfreuliche Weise. Dein Boss im Restaurant, ein Australier, dessen Deutsch auch nicht wirklich Thomas-Mann-like ist, hat dich gefeuert. Sein Personal sollte nach M\u00f6glichkeit international sein, sagte der Aussie, und stellte eine polyglotte Belgierin ein. Das war das Unfairste, was dir bisher in Berlin passiert ist.<\/p>\n<p>Doch dein Beschluss, dich umgehend auf der anderen Seite des Kanals, in Kreuzberg, nach einem neuen Job umzuschauen und dich nebenher gnadenlos zu betrinken, brachte die sofortige L\u00f6sung. Den ganzen Abend hingst du an diversen Tresen herum und beobachtetest deine Kollegen bei der Arbeit. Vitello Tonnato, Sashimi Moriawase, Moules Frittes, Moscow Mule, die Achtzehn und die Hundertsiebenundrei\u00dfig bitte, wo sind die Toiletten, nehmt ihr Mastercard? Ja, ja, nein, ja, danke, ciao.<\/p>\n<p>Du f\u00fchltest dich, als h\u00e4tte dir endlich jemand deinen zu langen Pony aus dem Gesicht geblasen. Vergiss Nietzsche. Spar dir sch\u00f6ne deutsche Worte wie Allumwandlung. Fuck you Goethe-Institut. Die L\u00f6sung lag die ganze Zeit vor deinen Augen. Du h\u00e4ttest einfach Gastrosprech lernen m\u00fcssen. Man muss es nicht einmal sprechen, man muss es nur verstehen und zu neunundneunzig Prozent steht es sogar in der Karte!<\/p>\n<p>Doch du bist geheilt von der Gastronomie. Siehe: Kunstkarriere. Siehe: Bildungsroman. Stattdessen hast du, du blitzgescheites britisches Fr\u00e4uleinwunder, eine neue Gesch\u00e4ftsidee: Du entwickelst eine \u00dcbersetzungs-App f\u00fcr nichtdeutschsprachige Kellner in Deutschland. Kaffee, Tee, Cappuccino, Bier, Campari Soda? Nie wieder muss eine junge Frau diese Fragen mit einem hysterischen English, please! beantworten m\u00fcssen, so wie du noch bis vor Kurzem. Deine App wird jede Sprachbarriere einrei\u00dfen, wie damals die Berliner Mauer. Du bist praktisch Million\u00e4rin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Verschwinden der deutschen Sprache in der Berliner Gastronomie geh\u00f6rt zu den luxuri\u00f6seren Problemen der Stadt. 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