{"id":6076,"date":"2017-08-31T12:47:54","date_gmt":"2017-08-31T10:47:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6076"},"modified":"2017-08-31T13:31:28","modified_gmt":"2017-08-31T11:31:28","slug":"sommer-land-natur-fuerstenberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/08\/31\/sommer-land-natur-fuerstenberg\/","title":{"rendered":"Kein Internet, nirgends"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wolkenformationen deuten. Tiere z\u00e4hlen. Schwimmen im Fluss. Viel zu oft in den Himmel schauen. Jeder Sommertag auf dem Land ist ein Tag zum Festhalten.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6083\" aria-describedby=\"caption-attachment-6083\" style=\"width: 640px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6083\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/08\/freitext-sommer.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"360\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-sommer.jpg 2500w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-sommer-620x349.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-sommer-768x432.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/08\/freitext-sommer-1024x576.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6083\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 David Aler \/ unsplash.com (https:\/\/unsplash.com\/)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ein Kunsthaus im Havelland, zwei Augustwochen, zehn Literaturschaffende in wechselnder Besetzung. Notizen aus dem Lichtschutzgebiet<!--more--><\/p>\n<p>Tag 1<\/p>\n<p>Anreise im Lada. Ich fahre das epische Geradeaus, vom Brandenburger Tor bis Friesack, ohne abzubiegen. Freude dar\u00fcber, dass wir l\u00e4ngst eigene Strodehne-Vokabeln haben. An den Versprachlichungen merke ich, dass ich mir diesen Ort zu einem eigenen gemacht habe, der die Erinnerungen an Kindheit und Jugend noch enth\u00e4lt, aber eine davon unabh\u00e4ngige Gegenwart hat. Als ich Strodehne durchquere und auf den Feldweg fahre, gilt mein erster Blick der alten Knutsch-Eiche am Rand der Sp\u00fclfelder, einstiges Ziel der Nachtwanderungen mit besten Freundinnen und ersten Lieben. Letztes Jahr war sie derart vom Eichenprozessionsspinner befallen, dass man durch ihr sp\u00e4rliches Laub viel Himmel sehen konnte. Diesen Baum sterben zu sehen, w\u00fcrde f\u00fcr immer eine schmerzhafte Leerstelle in den Ausblick fressen, den man vom Kunsthaus auf die Felder und den G\u00fclper See hat. Gro\u00dfe Erleichterung, sie nicht kahl vorzufinden; ihr Blattwerk hat sich verdoppelt.<\/p>\n<p>Die erste Flasche Wein, wir bringen uns auf den neusten Stand in Sachen Textarbeit; Figurenentwicklung, Rechercheergebnisse, Seitenzahlen. C sitzt am Roman, N an einer Kurzgeschichte; ich wei\u00df nicht, woran ich sitze. C und ich fahren nach Rhinow und kaufen f\u00fcr 180 Euro ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 2<\/p>\n<p>Das Havelwasser klar und str\u00f6mungsst\u00e4rker als sonst, die Ufer sind \u00fcberschwemmt, es hat deutlich zu viel geregnet im Juli. Geschwommen, gefr\u00fchst\u00fcckt, jetzt Schreibtisch. N und C arbeiten oben in ihren Zimmern, ich unten im Raum gegen\u00fcber der K\u00fcche. Blick auf den Hof, das Feld (dieses Jahr Weizen), den Deich und die B\u00f6schung des Sees. Das Ger\u00e4usch des Traktors, der den Deich m\u00e4ht. Der Geschmack lauwarmen Kaffees im Mund. Die schon septemberige K\u00fchle der Luft. Hinter dem Traktor, mit einem Sicherheitsabstand von etwa 20 Metern, stakst der Storch \u00fcber den Deich und schnabelt die aufgescheuchten Fr\u00f6sche und W\u00fcrmer auf. Es gibt d\u00fcmmere Tiere als St\u00f6rche.<\/p>\n<p>Strodehnetage sind Tage zum Festhalten, jedes gesichtete Tier und jeder gesprochene Satz erscheinen mir aufschreibenswert. Als k\u00f6nnte ich die Stunden hier auf Papier konservieren und in schlechteren Zeiten hervorholen. Sogar so etwas L\u00e4stiges wie Liebeskummer wird hier ertr\u00e4glich, als Teil eines Ganzen, das seine Richtigkeit hat. Als Trump letzten Herbst US-Pr\u00e4sident wurde und mein Facebook-Feed \u00fcberlegte, wohin im Kriegsfall auszuwandern w\u00e4re, dachte ich: Strodehne. Hier ist der Krieg nicht vorstellbar, in Berlin ist er es immer. Erholsame Dummheit der Kindheitsbilder.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Darf der K\u00f6rper mitschreiben? Welche K\u00f6rperteile, welche nicht?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 3<\/p>\n<p>Das Grundst\u00fcck ist umwuchert von einer Brombeerhecke, die Fr\u00fcchte sind reif. C und N sprechen konsequent von Blaubeeren, nach dem dritten Mal gebe ich es auf, sie zu korrigieren. Ich ergebe mich der Landschaft und der Eigendynamik der Menschen innerhalb der Landschaft. Seit wir hier sind, gibt es keine naturunabh\u00e4ngigen Entscheidungen mehr. Essen \/ schreiben \/ lesen wir drinnen oder drau\u00dfen? Schwimmen wir vor dem Schreiben oder danach oder beides? Was hilft am besten gegen die M\u00fccken? Ich bin so sehr im sogenannten Hier und Jetzt wie lange nicht. Natur als Gegenwartstraining.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter auf dem Dach, Sonnenuntergang. C, W und ich sitzen auf dem Laufrost des Schornsteinfegers, N steht unten und fotografiert uns. Sie ist der einzige Mensch, den ich kenne, der hier nicht innerhalb der ersten 48 Stunden das Handy auf lautlos stellt und in eine Ecke legt, an der man m\u00f6glichst selten vorbeikommt. Das Wolkengebilde gibt minutenlangen Anlass zu Vergleichen, bis C sagt, es sehe am ehesten aus wie Ingwer. Obwohl oder weil wir einsehen, dass jedes Wolkengebilde wie Ingwer aussieht, weil Ingwer alle Formen haben kann, finden wir den Vergleich am treffendsten.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Wer soll auf welche Weise mitreden bei der Sexismusdebatte und was k\u00f6nnte das f\u00fcr unsere Texte bedeuten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 4<\/p>\n<p>Wir z\u00e4hlen die Tiere, die wir sehen: soundso viele Kormorane, St\u00f6rche, Hasen, Rehe, Waschb\u00e4ren. Solange wir Tiere z\u00e4hlen, bleiben wir St\u00e4dter auf dem Land.<\/p>\n<p>Nachts, ich setze mich zu W auf die Terrasse. Wir reden \u00fcber den Mond, dessen Lichtaura in meinen Augen sehr gleichm\u00e4\u00dfig verl\u00e4uft und blau gekr\u00e4nzt ist, w\u00e4hrend sie in seinen Augen nur den halben Mond umgibt und einen roten Rand hat. Den Hof, der meines Erachtens mehrfarbig schimmert, sieht er \u00fcberhaupt nicht. Ein Gef\u00fchl von Unheimlichkeit, begr\u00fcndet in dem Irrtum, sehen sei faktisch. Es kommt mir wie ein gro\u00dfes Vers\u00e4umnis vor, dass man sich sonst nie die Zeit nimmt, gemeinsam einen Gegenstand m\u00f6glichst pr\u00e4zise zu beschreiben, um zu \u00fcberpr\u00fcfen, ob man eigentlich dasselbe sieht. Wer wei\u00df, in was f\u00fcr optischen Parallelwelten die anderen so leben.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Haben wir genug Hartz IV im Blut, um unsere Leben dem Schreiben zu verschreiben?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 5<\/p>\n<p>J radelt nach Rhinow und kauft im Edeka eine <em>Bravo<\/em>. Wir verbringen den Rest des Abends damit, die Foto Love Story mit verteilten Rollen zu lesen und Vokabeln wie BFF und Bae zu entschl\u00fcsseln. Wir f\u00fchlen uns alt und sind gleichzeitig sehr froh, nicht mehr 15 zu sein. Wir erinnern uns einstimmig, dass es fr\u00fcher noch keine Politik-Doppelseite gab, die Ratschl\u00e4ge f\u00fcr ein perfektes Erstes Mal aber dieselben waren: Lasst euch Zeit, verh\u00fctet ordentlich, macht nichts, was ihr nicht wirklich wollt. Man geh\u00f6rt ab genau dem Zeitpunkt nicht mehr zur Zielgruppe der <em>Bravo<\/em>, wenn man das erste Mal solchen Sex hatte.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Warum lesen wir manchmal gerne B\u00fccher, \u00fcber die wir uns aufregen, wie Rolf Dobellis <em>Die Kunst des klaren Denkens<\/em>, dessen widerlich marktwirtschaftliche, auf nichts als den eigenen Vorteil bedachte Weltsicht schon im Untertitel <em>52 Denkfehler, die Sie lieber anderen \u00fcberlassen<\/em> zu erahnen ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 6<\/p>\n<p>Verschiedene Sonntagspolitik: W\u00e4hrend J, S und ich da nie arbeiten, ist der Sonntag bei C optional und bei N ein Arbeitstag wie jeder andere. Sie sitzt schon seit zwei Stunden am Schreibtisch, als wir aufstehen. Mich fasziniert, wie sie in jeder ihrer kurzen Pausen problemlos in das Gespr\u00e4ch, das wir gerade f\u00fchren, hinein- und wieder hinausfindet. Wenn ich vom Schreibtisch komme, brauche ich 15 bis 30 Minuten, bis ich wieder voll ansprechbar bin, und umgekehrt brauche ich ebenso lange, bis meine Aufmerksamkeit wieder ganz beim Text ist.<\/p>\n<p>Wir Sonntagsgetreue sprechen den ganzen Vormittag dar\u00fcber, wie wir uns am besten die Havel hinunter treiben lassen, wo wir unsere Handt\u00fccher lagern und welche Einstiegsstelle geeignet ist, ob wir nur bis zum Schwarzen Wehr oder weiter havelaufw\u00e4rts laufen, damit der Spa\u00df nicht nach f\u00fcnf Minuten schon vorbei ist, und wir finden, dass wir Gummireifen brauchen, auf denen wir im Wasser sitzen k\u00f6nnen, also suchen wir das Haus samt Dachboden und Keller und das Grundst\u00fcck samt Scheune und Bauwagen nach Gummireifen ab, wir finden genau einen und sagen, da m\u00fcsse man sich dann eben abwechseln, damit alle mal was vom Gummireifen haben, und dann entscheiden wir uns f\u00fcr die kleine Strecke, vorerst, sagen wir, die gro\u00dfe k\u00f6nne man ja sp\u00e4ter noch schwimmen, und nach etwa dreist\u00fcndiger Vorbereitung brechen wir auf.<\/p>\n<p>Wir lassen die Handt\u00fccher am Ufer, gehen zum Schwarzen Wehr, springen ins Wasser. Nach wenigen Metern merkt S an, dass die Havel ja doch recht kalt sei, es habe ja auch viel geregnet, und dass man vielleicht etwas ausk\u00fchlen k\u00f6nne. Als nach der ersten Flussbiegung das Ziel noch nicht zu sehen ist, sagt C, die Strecke sei vielleicht doch gar nicht so kurz wie gedacht. Den Gummireifen will bald niemand mehr haben, denn erstens ist er zu klein, um sich hineinzusetzen, und zweitens ist es bei drohender Ausk\u00fchlung viel schlauer, ordentlich zu schwimmen statt sich treiben zu lassen. Auf den letzten 200 Metern sagt dann niemand mehr irgendwas, nur J fragt einmal ein ernstes: Alles klar bei euch?, was wir ebenso ernsthaft bejahen, und als wir endlich zu unseren Handt\u00fcchern ans Ufer krabbeln, sind wir sehr froh, nur die kleine Strecke genommen zu haben, und geben zu, dass wir zwischendurch einen kurzen Moment lang f\u00fcrchteten, die Aktion k\u00f6nne unsere Kr\u00e4fte \u00fcbersteigen, und dass wir dann doch noch froh \u00fcber den Gummireifen waren, an dem man sich im Falle eines Krampfes oder einer kleinen Ersch\u00f6pfung h\u00e4tte festhalten k\u00f6nnen. Aber eine sehr lustige Aktion sei es gewesen, da sind wir uns einig, nochmal machen m\u00fcsse man es hingegen nicht unbedingt. Ich gebe zu, dass Rolf Dobelli nicht ganz Unrecht h\u00e4tte, wenn er jetzt sagen w\u00fcrde, wir seien bei der Planung dem Overconfidence-Effekt erlegen und bei der Auswertung der kognitiven Dissonanz.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Sollen und k\u00f6nnen wir anders schreiben als an den R\u00e4ndern der eigenen Psyche?<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Tag 7<\/p>\n<p>Schweigsame Arbeitsstunden. So still wie unter Schreibenden ist es im Kunsthaus selten. W sitzt rechts in meinem Blickfeld auf der Terrasse und schreibt in sein Notizbuch. Diese Tauben, unterbricht er irgendwann die stundenlange Stille, h\u00f6ren beim Gurren immer mitten in ihrer Melodie auf. Ich muss lachen, als ich es auch h\u00f6re.<\/p>\n<p>Nachmittag. Ich versuche es mit umgekehrter Psychologie und rufe laut durchs Haus: Es gibt Blaubeerkuchen. Aber niemand korrigiert mich, alle loben den Blaubeerkuchen, in dem nur Brombeeren sind.<\/p>\n<p>Abends partielle Mondfinsternis. Zu einem Drittel bedeckt der Erdschatten den Mond, der glutrot \u00fcber dem G\u00fclper See aufgeht. W und ich stehen auf den Europaletten und reihen Variationen desselben Satzes aneinander, der nichts als unsere Faszination beinhaltet, und einen kurzen Moment lang kann ich mir gut vorstellen, eine romantische Naturdichterin zu sein. Die unheimliche Ahnung der Gr\u00f6\u00dfe von Raum und Zeit, dann Nudeln mit Ratatouille.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Wie stellt man die richtigen Fragen und ist <em>Was will ich machen?<\/em> eine bessere Frage als <em>Was will ich werden?<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 8<\/p>\n<p>Erinnerung an letztes Jahr: Wie wir internetlos pl\u00f6tzlich ganz viele Fragen an das Internet hatten, beispielsweise, wie eigentlich das Internet funktioniere. C, der fr\u00fcher abreiste, schickte uns das <em>Was ist Was<\/em>-Buch \u00fcber das Internet, aus dem wir uns abends vorlasen. Dieses Jahr die <em>Bravo<\/em>, mediale R\u00fcckkehr in unsere Kindheit und Jugend. Ich frage mich, wieso das, was wir unpr\u00e4zise <em>das Land<\/em> nennen, diese R\u00fcckkehr veranlasst, denn wir sind Stadtkinder. Vermutung: Wir erinnern uns an die Stadt systematisch und an das Land episodisch. Systematische Erinnerungen sind weniger pr\u00e4sent, weil sie schlechter erz\u00e4hlbar sind, und sie sind schlechter erz\u00e4hlbar, weil sie keinen Plot haben. So ein Tagebuch hat auch keinen Plot, es sei denn, man m\u00f6chte die Chronologie von 14 aufeinander folgenden Tagen als Plot bezeichnen, und wenn ich jetzt Internet h\u00e4tte, w\u00fcrde ich mal kurz <em>Definition Plot<\/em> googeln.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Ist der Blick von M\u00e4nnern auf Frauen umkehrbar, k\u00f6nnen also Frauen auf dieselbe Weise auf M\u00e4nner schauen, solange der dominante Mann sexuelle Normalvorstellung ist, die dominante Frau hingegen ein Fetisch?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 9<\/p>\n<p>Morgens, Kaffee, Schreibtisch. Bin abgelenkt von den Tauben: Ihre Melodie besteht aus f\u00fcnf T\u00f6nen und sie endet wirklich immer mit dem ersten Ton, allerdings beginnt sie auch immer mit dem zweiten. In ihrer Logik vollendet die Taube ihren Zyklus also durchaus. Nur entspricht dieser Ablauf nicht unserem musikalischen Empfinden. Wir w\u00fcrden daraus gerne schlie\u00dfen, dass die Taube kein \u00e4sthetisches Empfinden hat. Aber wir k\u00f6nnen daraus nur schlie\u00dfen, dass die Taube, wenn sie ein \u00e4sthetisches Empfinden hat, es ein vom Menschen verschiedenes ist. Das erscheint mir insofern bemerkenswert, als gemeinhin davon ausgegangen wird, das menschliche \u00e4sthetische Empfinden sei ein von der Natur gepr\u00e4gtes. Wer lehrt die Taube ihren 5-Ton-Zyklus?<\/p>\n<p>Mittag. C erkl\u00e4rt uns, was ein Youtube-Star und wer Bibi ist: Bibi verdient mit einem Tweet so viel, wie wir verdienen w\u00fcrden, wenn wir Arbeit h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die M\u00fccken scheinen eine Autan-Resistenz entwickelt zu haben, und nur weil man kann, muss man ja nun nicht jeden Abend auf der Terrasse sitzen, man kann auch einfach mal drinnen sitzen, sein Bier in der K\u00fcche trinken, warum denn nicht, schlie\u00dflich ist das Drau\u00dfensein eine M\u00f6glichkeit, wenn man auf dem Land ist, keine Pflicht, das w\u00e4re ja noch sch\u00f6ner, wenn wir verkrampft drau\u00dfen sitzen bleiben w\u00fcrden, nur weil man sich das immer so sch\u00f6n vorstellt, solange man in der Stadt ist, den Sternenhimmel und die Wolkenformationen und die Graugansschw\u00e4rme stellt man sich sch\u00f6n vor, und das sind sie ja auch, keine Frage, aber wegen der M\u00fccken sind sie halt ein bisschen weniger sch\u00f6n, deswegen kann man auch einfach mal drinnen sitzen, oder besteht jemand darauf, drau\u00dfen zu bleiben?<\/p>\n<p>Frage des Tages: Gehen die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse an uns vorbei, weil sie nicht erz\u00e4hlbar sind, weil auch wissenschaftliche Studien gute oder schlechte Narrationen sind?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 10<\/p>\n<p>Textbesprechung auf der Terrasse. J liest uns aus den Erz\u00e4hlungen vor, die er gerade \u00fcbersetzt. Wir sprechen lange \u00fcber einen Satz, in dem aus der Perspektive eines Blogbetreibers die Bedeutungsebenen <em>sprachlicher Angriff \/ Zugang sperren \/ Mund verbieten<\/em> und <em>Zunge herausrei<\/em><em>\u00df<\/em><em>en<\/em> in einem Verb vereint werden m\u00fcssen. Wir reden, bis wir das Problem vorl\u00e4ufig durch die Erfindung des Wortes <em>vokalamputieren<\/em> l\u00f6sen. Eine andere Erz\u00e4hlung spielt in einem Comic und wir \u00fcberlegen, wie die der Comicsprache entlehnten phonetisch-idiomatischen Besonderheiten ins Deutsche zu \u00fcbertragen w\u00e4ren. Sind einhellig zufrieden, als uns der Erikativ einf\u00e4llt, der nach Erika Fuchs, der \u00dcbersetzerin von Donald Duck, benannt ist. Schulterklopf, Kaffeekoch, Weiterschreib.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Hat jemand eine Ahnung, welcher Wochentag heute ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 11<\/p>\n<p>C muss wegen eines Termins zur\u00fcck nach Berlin. J und ich fahren ihn zum Bahnhof nach Neustadt Dosse und setzen uns ins Bistro im Wasserturm, wo au\u00dfer uns etliche Bauarbeiter Mittag essen, es gibt M\u00f6hreneintopf mit W\u00fcrstchen und einen kostenfreien W-Lan-Zugang. Wir verschwinden f\u00fcr eine schweigsame Stunde in unseren Handys und kehren entt\u00e4uscht zur\u00fcck. Die M\u00f6glichkeit, dass es eine gro\u00dfe aufregende Neuigkeit geben k\u00f6nnte, ist viel sch\u00f6ner als die Tats\u00e4chlichkeit einer gro\u00dfen aufregenden Neuigkeit.<\/p>\n<p>Als wir C am Abend vom Bahnhof abholen wollen, springt der Lada nicht an; ich hatte das Licht angelassen. Nachbar S kommt mit seinem Wagen, um Starthilfe zu geben, aber es klappt nicht. Er holt eine Ladebatterie, es klappt nicht. Ich hole S ein Bier und er schl\u00e4gt vor, Nachbar B zu holen, damit er sich das mal anschaut. Bei B sei allerdings Essenszeit, sagt S mit einem Blick auf die Uhr und setzt sich mit dem Bier auf unsere Bank. Wir setzen uns dazu, und S erz\u00e4hlt, von seinem Hof, seinem Boot und den St\u00e4dtern auf dem Land, die immer sehr viel Strom f\u00fcr ihre technischen Ger\u00e4te brauchen und es eilig haben. Ich rutsche unruhig auf meinem Platz umher, C wartet seit einer Stunde auf uns und hat kaum noch Handyakku. Aber wenn S erz\u00e4hlt, erz\u00e4hlt S, und wenn B Abendbrot isst, isst B Abendbrot, da k\u00f6nnen 100 Cs in Neustadt Dosse am Bahnhof warten. Irgendwann ist das Bier leer und wir fahren zu B, und dann bekommen die M\u00e4nner den Lada wieder hin und wir holen C ab, der vollkommen fertig ist, allerdings nicht vom Warten in Neustadt Dosse, sondern von Berlin. Er sagt: Kulturschock, er sagt: zu viele Menschen, und geht sofort ins Bett.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Wie tradiert sich Vergangenheit zwischen den verschiedenen Generationen und wie gro\u00df ist unser eigenes Gef\u00e4lle zwischen historischem und biographischem Erinnern?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 12<\/p>\n<p>Als J die Kettens\u00e4ge anschlie\u00dft, unterdr\u00fccke ich den Impuls <em>Sei vorsichtig<\/em> zu sagen, und bin froh, als C das \u00fcbernimmt und von der Terrasse her\u00fcberruft, J m\u00f6ge auf sich aufpassen. C erkl\u00e4rt, er habe Angst vor drei Dingen: S\u00e4gen, Propangasflaschen und Wildschweinen, ansonsten f\u00fcrchte er sich vor nichts, aber vor diesen dreien daf\u00fcr sehr. Weil er nicht mit ansehen kann, wie J den Baumstamm in 20 Zentimeter lange St\u00fccke zerteilt, zieht er sich schnell um und geht joggen. Ich bleibe. Schon um im Zweifelsfall einen Krankenwagen zu rufen.<\/p>\n<p>Nachts bauen wir die Liegest\u00fchle im Garten auf und schauen in den gro\u00dfen Ausschnitt Himmel \u00fcber uns. Die Perseiden fallen etwa alle drei Minuten, jede einzelne wird bejubelt.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Wie viel Spa\u00df darf es machen, einen Text zu schreiben? Muss es einen beim Schreiben etwas kosten, damit ein guter Text entsteht? L findet das eine sehr evangelische Frage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 13<\/p>\n<p>L und T haben wie immer den Vogelf\u00fchrer dabei, den wir <em>Den gro<\/em><em>\u00df<\/em><em>en Svensson<\/em> nennen. Ich lese das Kapitel \u00fcber Tauben und finde bei der Stimmbeschreibung der Ringeltaube, wonach ich suche:<\/p>\n<p>&#8222;Zur Brutzeit oft dumpf, heiser, ged\u00e4mpft, knurrend &#8218;huh-hruu\u2026&#8216;. Gesang f\u00fcnfsilbige, dumpf gurrende, rhythmische Strophe (gewisse individuelle Variation, fast immer erste Silbe betont und etwas l\u00e4ngere Pause vor der kurzen f\u00fcnften) &#8218;DUH-duu, doo-doo\u2026du&#8216;, ohne Pause 3-5-mal wiederholt (daher wirkt f\u00fcnfte Silbe wie Einleitungssilbe zur n\u00e4chsten Strophe).&#8220; *<\/p>\n<p>Svensson z\u00e4hlt wie die Taube. Leider kein Hinweis auf den Forschungsstand zum \u00e4sthetischen Empfinden der Taube, aber die Gewissheit, richtig geh\u00f6rt zu haben. Sp\u00e4testens seit der Sache mit dem Mond habe ich das verst\u00e4rkte Bed\u00fcrfnis nach \u00dcberpr\u00fcfung meiner Wahrnehmung.<\/p>\n<p>Abends, Lagerfeuer, T findet das eine merkw\u00fcrdige Kulturpraxis. Wir bemerken, wie anders Gespr\u00e4che verlaufen, wenn man ins Feuer anstatt einander in die Augen schaut. Fragen uns, was in den letzten 200 Jahren an dieser Feuerstelle gesprochen wurde. W\u00fcnschen uns ein paar O-T\u00f6ne. Wir sprechen am liebsten \u00fcber Literatur und Tiere.<\/p>\n<p>Frage des Tages: Gibt es einen Unterschied zwischen Hoffnung und Erwartung und lassen sich Vladimir Nabokovs Romane nacherz\u00e4hlen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Tag 14<\/p>\n<p>Morgens, Schreibtisch. Die anderen fr\u00fchst\u00fccken und diskutieren deutschsprachige Popsongtexte. Ab und zu h\u00f6re ich jemanden lachen, ich kann die Stimmfrequenzen ihren Sprechern zuordnen. Akustische Vertrautheit durch zwei geschlossene T\u00fcren.<\/p>\n<p>Zeige C den Entwurf dieses Tagebuchs. Er sagt, es seien zu viele Situationen drin, in denen wir in den Himmel schauen und pl\u00e4diert daf\u00fcr, mindestens einen Mond zu streichen. Ich finde, dass er recht hat, kann mich aber von keinem Mond trennen und streiche nichts. Cs Angewohnheit, sehr oft den Namen seines Gespr\u00e4chspartners zu nennen: Wie siehst du das, Paula, lass mal kochen, Paula, willst du Wei\u00dfwein, Paula. F\u00fchle mich sehr gemeint. Wiederholtes Staunen dar\u00fcber, dass es nichts an der Wirkung \u00e4ndert, wenn man einen Effekt durchschaut. Wir stellen fest, dass wir seit zwei Tagen keinen der sieben St\u00f6rche gesehen haben, die dr\u00fcben beim Fischer ihr Nest haben. Wir gehen nachschauen, die St\u00f6rche sind abgeflogen. C sagt: Paula, jetzt kommt der Herbst.<\/p>\n<p>* Lars Svensson: <em>Der Kosmos Vogelf\u00fchrer<\/em>, S. 214<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? Es gibt einen Newsletter. <a href=\"http:\/\/bit.ly\/1xjyvzZ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Hier k\u00f6nnen Sie ihn abonnieren.<\/a><\/em><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolkenformationen deuten. Tiere z\u00e4hlen. Schwimmen im Fluss. Viel zu oft in den Himmel schauen. Jeder Sommertag auf dem Land ist ein Tag zum Festhalten. 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