{"id":6111,"date":"2017-09-12T15:07:03","date_gmt":"2017-09-12T13:07:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.zeit.de\/freitext\/?p=6111"},"modified":"2017-09-12T16:19:29","modified_gmt":"2017-09-12T14:19:29","slug":"bambi-mononoke-manga-jakob-nolte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/2017\/09\/12\/bambi-mononoke-manga-jakob-nolte\/","title":{"rendered":"Wenn B\u00e4ume Manga-Augen h\u00e4tten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Leben der einen bedroht das Leben der anderen. Die Welt w\u00e4re eine bessere, wenn wir mehr von &#8222;Bambi&#8220; und &#8222;Prinzessin Mononoke&#8220; lernen w\u00fcrden.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6116\" aria-describedby=\"caption-attachment-6116\" style=\"width: 700px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-6116\" src=\"http:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/freitext\/wp-content\/blogs.dir\/84\/files\/2017\/09\/freitext-bambi.jpg\" alt=\"Animes: Wenn B\u00e4ume Manga-Augen h\u00e4tten\" width=\"700\" height=\"466\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-bambi.jpg 2000w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-bambi-620x413.jpg 620w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-bambi-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.zeit.de\/freitext\/files\/2017\/09\/freitext-bambi-1024x682.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6116\" class=\"wp-caption-text\">Eine Szene aus &#8222;Bambi&#8220; von 1942 (\u00a9 Wikimedia Commons)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Im April 2001 ging ich mit meinen Eltern ins Kino. Ich war zw\u00f6lf und ein gro\u00dfer Manga- und Anime-Fan. An der Volkshochschule nahm ich damals Japanisch-Unterricht und mit den anderen dort Japanisch lernenden Manga- und Anime-Fans schickte ich mir Zeichnungen unserer Lieblingscharaktere via Fax hin und her. Der Zusammenhalt, der zwischen den Schutzsuchenden von Comics am Raschplatz oder Orten wie dem Fantasy-In herrschte, \u00fcberwand interessanterweise diverse soziale und \u00f6konomische Gr\u00e4ben zwischen jungen Menschen. Zumindest war das in meiner Erfahrung so. Also auch beim <em>Magic-<\/em>Kartenspielen oder in <em>Warhammer<\/em>-Zusammenh\u00e4ngen. Ein Hoch also \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 auf alle Freaks und Geeks. Dieser Text handelt aber vorwiegend von zwei Hirschen.<!--more--><\/p>\n<p>Auch mein Bruder kam mit ins Kino, doch er und meine Eltern wollten, soweit ich mich erinnern kann, <em>Gladiator<\/em> von Ridley Scott schauen, w\u00e4hrend ich einer Vorstellung des von mir lang ersehnten Hayao-Miyazaki-Streifens <em>Prinzessin Mononoke<\/em> entgegenfieberte. Dass dieser Film im Cinemaxx lief, war f\u00fcr mich eine Sensation. Denn normalerweise musste ich entweder teure VHS-Kassetten kaufen oder sp\u00e4tn\u00e4chtliche Sendungen auf Vox aufnehmen, um \u00fcberhaupt an Animes zu gelangen. Nur wenn alle zusammenhielten, war es m\u00f6glich, s\u00e4mtliche Folgen von <em>Record of Lodoss War <\/em>oder <em>Neon Genesis Evangelion<\/em> zu schauen.<\/p>\n<p>Nach dem Film war ich komplett aus dem H\u00e4uschen. Es war einer der tollsten Kinomomente \u00fcberhaupt. Mit solch einer Freude und solch einem Vergn\u00fcgen habe ich das Geschehen verfolgt, dass ich meinen Eltern und meinem Bruder auf der Heimfahrt von Hannover nach Barsinghausen die 133 Minuten Paradies, derer ich gerade beigewohnt hatte, en d\u00e9tail nacherz\u00e4hlte: <em>Es gibt also diesen Prinzen Ashitaka, und der wird von einem Waldgott, der zu einem D\u00e4mon geworden ist, mit so einer Seuche infiziert, und dann macht er sich mit seinem Reittier Yakul auf die Suche nach dem Obergott des Waldes, der so eine Art Hirsch mit menschlichem Gesicht ist, denn der kann ihn heilen, aber dann trifft er auf diese Frau, der ein Eisenwerk geh\u00f6rt, denn genau, dieser Waldgott, also der erste, der wurde zu einem D\u00e4mon, weil eine Gewehrkugel in seiner Flanke steckte, aber diese Frau mit dem Eisenwerk ist eigentlich voll lieb und Ashitaka versteht sich gut mit allen dort, doch dann trifft er San, also Prinzessin Mononoke, die wurde von so Wolfswaldg\u00f6ttern mit drei Schw\u00e4nzen aufgezogen und will die Frau mit dem Eisenwerk t\u00f6ten, und dann stirbt Ashitaka fast und dann trifft er den Obergott des Waldes, doch der heilt nur seine Wunden und nicht den Fluch, also er wurde auch von nem Gewehr getroffen, und dann sind da all diese Wildschweine, die wie so eine Armee sind, und die greifen die Frau mit dem Eisenwerk an, und au\u00dferdem macht der Shogun Jagd auf den Obergott des Waldes, denn er will die Unsterblichkeit und au\u00dferdem will er das Eisenwerk \u00fcbernehmen und dann gibt es einen kolossalen Kampf und Pfeile und Ashitakas Arm zittert, als w\u00e4re er voller W\u00fcrmer, und dann schie\u00dft er diesem Typen die Arme ab und Mononoke schaut ihn an und spuckt das Blut ihrer Mutter in den Fluss und es macht KLING, weil so machen ihre Ohrringe <\/em>&#8230; Ehrlich gesagt hat meine Begeisterung bis heute nicht nachgelassen. 2001 von 2001 Sternen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen im Jahr 1942: In Europa und an seinen R\u00e4ndern w\u00fctet der Weltkrieg und in die US-amerikanischen Kinos kommt David Hands Meisterwerk <em>Bambi<\/em>. Diese Buchadaption war und ist \u2013 trotz seiner diffus s\u00fc\u00dflichen Rezeption \u2013 sowohl \u00e4sthetisch wie erz\u00e4hlerisch absolut krass. Im Zentrum steht ein tollpatschiger Wei\u00dfwedelhirsch, dem wir 62 Minuten lang beim Erwachsenwerden zuschauen (und der \u00fcbrigens kein Reh ist \u2013 mit Gr\u00fc\u00dfen an die Deutsche Wildtier Stiftung). Er ist der eigent\u00fcmlichste mir bekannte Disney-Held. Den Gro\u00dfteil des Films ist er unsicher, schwach, mutterfixiert und ein tapsiger Mitl\u00e4ufer \u2013 jedoch absolut sympathisch. Dann stirbt seine Ma und sein Vater nimmt sich seiner an. Die m\u00fctterliche Welt kippt in die v\u00e4terliche Welt. Verantwortung, Balz und Kampf beginnen. Bambi wachsen H\u00f6rner. Menschen machen alles kaputt, Menschen verschwinden wieder. Er wie alle seine Freunde von fr\u00fcher verliebt sich und bekommt Kinder. Doch er wie alle V\u00e4ter all seiner Freunde k\u00fcmmert sich nicht um den Nachwuchs, sondern um anderen \u00dcberlebenskram. Es ist Fr\u00fchling, der ewige Kreislauf der (sogenannten) Natur (schwieriger Begriff) beginnt von vorne.<\/p>\n<p><strong>Ein m\u00e4rchenhafter Monokausalforst<\/strong><\/p>\n<p><em>Bambi <\/em>ist weniger eine Geschichte als eine Meditation \u00fcber das Leben im Freien, die Gezeiten und ersten Konfrontationen mit den Beschaffenheiten der Welt. Der Mensch fungiert hier als Faktor, den es zu \u00fcberwinden gilt, lediglich als Ursache von Schrecken. Er ist der nie gezeigte Antagonist aller Bewohner des Waldes. &#8222;<em>It is men<\/em>&#8222;, sagt Bambis Vater an einer Stelle (wobei die spezifische Gefahr von J\u00e4gern ausgeht). Auf der Suche nach so etwas wie einer Moral oder einer Botschaft findet man in diesem m\u00e4rchenhaften Monokausalforst eher blanke Antimenschenpropaganda als seichte Besch\u00fctzt-die-W\u00e4lder-Romantik. Denn als Zuschauender will man ja, dass Bambi und seine Freunde weiter ihre z\u00e4rtlichen Leben fortf\u00fchren k\u00f6nnen, und man will nicht, dass ihre M\u00fctter erschossen werden, und man will nicht, dass alles in Flammen steht. Aber so ist es halt, wenn im Zeltlager der J\u00e4ger die Feuerstelle vergessen wird. So ist das Leben mit der verfluchten Menschheit halt. Wie entsetzlich beispielsweise die Angst des Fasans vor den Sch\u00fcssen ist, die \u00fcber die Weide hallen, hat Otto-Dix&#8217;sche Ausma\u00dfe. Und die anderen Fasane flehen ihn an, dass er um Gottes willen nicht fliegen soll, doch die Panik \u00fcbermannt ihn v\u00f6llig und er fliegt los und wird erschossen. Doch woher die Sch\u00fcsse stammen, wissen wir nicht, es ist kein grober J\u00e4ger Elmer Fudd wie bei Bugs Bunny (oder zumindest wird er oder sie nicht gezeigt). Es gibt keine Erl\u00f6sung durch Abscheu. Wer da mordet, k\u00f6nnte jeder sein.<\/p>\n<p>Der stumme, aber herzige, bambi-gro\u00dfe-Augen-treue Begleiter des Prinzen Ashitaka ist ein Rothirsch und es ist bekannt, dass David Hands Film einen nennbaren Einfluss auf die japanische Manga-Kunst hatte. Nur ist die Welt, in der sich das Tier beweisen muss, ungleich komplizierter. In der ersten Szene lernen wir Yakul kennen, wie er im Anblick des zum wabbeligen D\u00e4mon gewordenen Waldgotts vor Angst erstarrt. &#8222;Yakul, lauf!&#8220;, ruft Ashitaka seinem Begleiter zu, doch erst nachdem er ihm einen Warnpfeil vor den Muffel jagt, kann der sich aus dem Schock l\u00f6sen. Der Feind des Tieres ist hier nicht der Mensch, sondern das, was aus ihm wird, wenn er mit dem Menschen in Kontakt kommt, sagen wir: eine radikalisierte Wildnis.<\/p>\n<p>Ashitaka wird der Tod prophezeit. &#8222;Mit ungetr\u00fcbten Blick&#8220;, gibt man ihm mit auf den Weg, soll er herausbekommen, was diesen Gott in ein Monster verwandelte. Und genau diese Weisung ist es, die den Film besonders macht, denn mit der Zeit weist sich, dass wir uns in keiner gem\u00fctlich aufzul\u00f6senden Erz\u00e4hlung aus Protagonismen und Antagonismen befinden, sondern in einer hochkomplexen Struktur aus Interessen und Stolz. Die Kugel des Gewehrs, die den Waldgott radikalisierte, stammte aus einem utopisch feministischen, Ausgeschlossene inkludierenden Eisenwerk, deren Bewohner versuchen, sich gegen die Herrschaft der Shogune zu behaupten. Alle Figuren haben nachvollziehbare, sich widersprechende und nicht miteinander vereinbare Probleme. Man w\u00fcnscht sich bisweilen die alles verstehenden Stimmen von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/thema\/alexander-kluge#\">Alexander Kluge<\/a>, Adam Curtis oder Werner Herzog, um die verschiedenen Positionen zu erl\u00e4utern.<\/p>\n<p><strong>Es ist heilsam, naiv zu sein<\/strong><\/p>\n<p>Doch der Film bietet etwas vielleicht viel Sch\u00f6neres als grauhaarige Schlaumeisterei, denn wer uns hilft, das Geschehen zu entschl\u00fcsseln, ist der grenzenlos empathische (wenn auch ab und an mordende) Ashitaka. Jemand, der versucht, f\u00fcr jeden Verst\u00e4ndnis aufzubringen und seine eigenen Gel\u00fcste (eine Liebesbeziehung zur Wolfsprinzessin Mononoke aufzubauen) und Probleme (der nahende Tod) daf\u00fcr zur\u00fcckstellt. Sein Blick soll ungetr\u00fcbt sein und diese Weisung versagt ihm jegliche Form der Agenda oder Voreingenommenheit. Seine naive Frage, ob die Bewohner des Eisenwerks und des Waldes nicht in Frieden zusammenleben k\u00f6nnen, wird regelrecht ignoriert, denn allen Beteiligten ist klar, dass dem nicht der Fall ist. Industrie, Monarchie und Natur k\u00e4mpfen gegeneinander und ohne Gnade. &#8222;Die Welt ist verflucht und trotzdem will man leben&#8220;, sagt ihm einer der Entstellten, der im Eisenwerk arbeitet. An diesem Widerspruch verzweifeln die Figuren. Denn das Leben der einen bedroht das Leben der anderen. Und Empathie macht Entscheidungen unm\u00f6glich. Den Hasenj\u00e4ger Elmer Fudd zu verachten, ist einfach, und selbst bei <em>Bambi <\/em>k\u00f6nnen wir unseren Widerwillen noch auf einen unbestimmten Feind projizieren. Doch konfrontiert uns <em>Prinzessin Mononoke<\/em> mit einer viel schlimmeren Realit\u00e4t: Was, wenn alle irgendwie recht haben? Es ist heilsam, naiv zu sein, aber es geh\u00f6rt auch einiges Gl\u00fcck dazu. Und Gl\u00fcck ist ungleich verteilt.<\/p>\n<p>In der frustrierendsten Szene des Films sehen wir Ashitaka und Yakul irgendwo im finalen Kampfgeschehen und dann folgt eine Einstellung, die einen Soldaten des Shoguns zeigt, der einen Pfeil in die Luft schie\u00dft. Und \u2013 Tschechow-ick-h\u00f6r-dir-trapsen \u2013 was passiert mit einem Pfeil, der die gesamte Aufmerksamkeit einer Szene genie\u00dft und in die Luft geschossen wird? Er trifft. Und es ist ganz egal, wie sehr Yakul und Ashitaka sich drehen und wenden und wie weit sie reiten, ja, es ist beinahe zynisch, denn kaum eine Minute sp\u00e4ter saust der Pfeil vom Himmel gen Erde und bohrt sich in Yakuls H\u00fcfte. Hier endet das Gl\u00fcck des Gef\u00e4hrten, denn neben allem anderen ist er auch Teil einer Erz\u00e4hlung, die auf ein dramatisches Ende zul\u00e4uft, und dieser gr\u00f6\u00dften aller Gefahren ist er schutzlos ausgesetzt. Was Tiere immer sind.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re zwar sch\u00f6n, wenn es ein paar Filme oder Kurzgeschichten nicht \u00fcber, sondern von Hirschen g\u00e4be, die versuchen, das Leben der Menschen zu beschreiben, aber leider gibt es sie nicht. Vielleicht w\u00e4re das eine Art von Kunst, auf die sich die gesamte Menschheit einigen k\u00f6nnte, und dann w\u00fcrden die Vertreter der Vereinten Nationen auf der Weltklimakonferenz oder im Comics am Raschplatz abh\u00e4ngen und sich \u00fcber das neue Album von dieser Band aus Birken und Erlen unterhalten, die gerade Popmusik neu erfindet. Da w\u00e4re es pl\u00f6tzlich undenkbar, die B\u00e4ume halbherzig zu zerflexen. Der Schutz der Umwelt als Hobby (nicht als Pflicht) aller in ihr Lebenden, das w\u00e4re doch eine Idee.<\/p>\n<p>________________<\/p>\n<p><strong><em>Sie m\u00f6chten keinen Freitext verpassen? 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